SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 28. April 2011

14 Tage ist es her, dennoch dürfte es für viele Regensburger eine ziemliche Neuigkeit sein. Knapp die Hälfte der Redaktion bei der Mittelbayerischen Zeitung legte am 14. April die Arbeit nieder und beteiligte sich an den Protesten von insgesamt 13 Tageszeitungen in Nürnberg. Rund 350 Redakteurinnen und Redakteure nahmen nach Gewerkschaftsangaben an der dortigen Kundgebung Teil. Bayernweit traten demnach rund 500 Tageszeitungsjournalisten in den Streik, die Ansage für die Schlagzeile: „Journalismus ist mehr wert“ Doch Streik hin, Protest her: Die MZ-Ausgabe vom 15. April erschien – Volontären, befristet Angestellten und Ressortleitern sei Dank – ungeachtet dessen im gewohnten Umfang. Eine Berichterstattung über die Proteste blieb aus. Eine Meldung der Nachrichtenagentur dapd fand in Regensburg bei keinem Medium irgendeinen Niederschlag. Am Rande: Auch bei den anderen Tageszeitungen, deren Redakteure sich an den Protesten beteiligten, fiel das Echo eher bescheiden aus. Lediglich bei den Nürnberger Nachrichten und in der Nürnberger Zeitung gab es eine etwas üppigere Berichterstattung.

Die erste Pflicht der Presse – ein Gewerbe sein?

Dabei gäbe es einiges zu berichten, was auch für die Konsumenten journalistischer Produkte von Interesse wäre. Seit mittlerweile acht Monaten laufen die Tarifverhandlungen und geht es nach den Verlegern, lautet die Devise für bei ihnen angestellte Journalisten in Zukunft: Mehr arbeiten, weniger verdienen. Die offenkundige Ausbeutung, der schon die freien Journalisten ausgesetzt sind, wird damit zunehmend auch auf festangestellte Redakteurinnen und Redakteure ausgedehnt, eine sinkende Qualität sehenden Auges in Kauf genommen.
Knapp die Hälfte der MZ-Redaktion beteiligte sich an der Kundgebung in Nürnberg.
„Tarifwerk 2“ nennt sich der Wunschzettel, den der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) präsentiert hat. Die „tarifbasierten Kosten“ müssten gesenkt werden, sagt dessen Verhandlungsführer Werner Hundhausen. Anders könne der Flächentarifvertrag nicht erhalten werden, lautet die unverhohlene Drohung. Sieht man sich das verlegerische Wunschkonzert an, darf man sich ernsthaft fragen, wo er eigentlich herkommen soll, der vielbeschworene Qualitätsjournalismus.

Vierte Gewalt zum Dumpingpreis

Die wesentlichen Schlaglichter: Das Einstiegsgehalt für Volontäre soll von 1.800 auf 1.550 Euro gesenkt werden. Urlaubsgeld für alle neu abgeschlossenen Arbeitsverträge soll wegfallen, das Lohnniveau bei Neueinstellungen um knapp 30 Prozent gesenkt werden. Konkret würde das für einen „Normalredakteur“ mindestens 600 Euro weniger im Monat bedeuten. Die Arbeitgeberbeiträge zur Altersversorgung sollen halbiert, der Urlaub bei 30 Tagen gekappt und die Arbeitszeit auf 40 Stunden verlängert werden – ohne Lohnausgleich. Beim immer beliebteren „Outsourcing“, Auslagerung von Redaktionen aus den Verlagshäusern in eigene GmbHs würden all diese Regelungen nicht nur Neueinstellungen und Berufsanfänger, sondern auch Altredakteure treffen. Vor dem Hintergrund dieser Ansage klingt die Forderung der – in seltener Einigkeit auftretenden – Berufsverbände verdi und DJV nach bescheidenen vier Prozent mehr Lohn fast schon größenwahnsinnig.

MZ-Redakteure „erstaunt über Dreistigkeit“

Der Betriebsratsvorsitzender der Mittelbayerischen Zeitung, Gustav Norgall, zeigte sich ob der Forderungen des Verlegerverbands gegenüber der Zeitschrift BJV-Report verärgert. „Während wir in der Zeitung über die verbesserte Wirtschaftslage und die Erhöhung von Gehältern, ja über Sonderzahlungen an die Mitarbeiter in anderen Branchen berichten, drohen den Redakteuren massive Einschnitte“, so Norgall gegenüber der Zeitschrift BJV-Report. „Viele Kolleginnen und Kollegen sind einfach erstaunt über die Dreistigkeit der Verlegerforderungen.“ Etwas drastischer drückt es der Kajo Döhring vom Deutschen Journalisten-Verband in Nürnberg aus. Die Renditevorstellungen der Verleger seien „absurd“, so Döhring. Sie müssten sich daran gewöhnen, dass die Gewinne eben nicht mehr bei bis zu 20 Prozent, sondern zwischen sechs und acht Prozent lägen. Statt mit Lastwägen könne man das Geld eben nun nur noch mit Schubkarren abtransportieren. Mit ihren Forderungen gäben die Verleger den Kampf um die besten Köpfe auf.

MZ-Verleger will „strukturelle Anpassungen“

Seit 2003 wurden in den Redaktionen von Tageszeitungen massiv Personal abgebaut. Die Zahl der festangestellten Redakteurinnen und Redakteure sank um rund zehn Prozent auf bundesweit 14.000, zeitgleich wurde neben dem Print- das Online-Geschäft ausgebaut. Eine Entwicklung, die auch vor der Mittelbayerischen Zeitung nicht halt gemacht hat, die heute verlagsweit – inklusive aller Volontäre – noch etwa 100 Journalisten beschäftigt.

"Bonsai-Berlusconi": MZ-Herausgeber Peter Esser. Karikatur: Jo Weller

Vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Tarifverhandlungen hat Herausgeber Peter Esser gegenüber den Redaktionen bislang lediglich verlauten lassen, dass „strukturelle Anpassungen“ notwendig seien. Das hört sich wenig konkret, aber sehr bedrohlich an.

Ab Mai darf die ganze Belegschaft streiken

Angesichts der hohen Streikbereitschaft in den Redaktionen – die Mittelbayerische Zeitung etwa war in Nürnberg mit knapp 50 Teilnehmern vertreten – dürften die weiteren Tarifverhandlungen spannend werden. Am 4. Mai steht die nächste Verhandlungsrunde an. Drei Tage zuvor läuft bei den ebenfalls derzeit laufenden Tarifverhandlungen der Drucker und Verlagsangestellten die Friedenspflicht aus. Ein gemeinsamer Streik dürfte – Pressemeldung hin, Pressemeldung her – etwas auffälliger auffallen.

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