SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 16. Januar 2014

Streit im KEP-Wiki

Kulturfloh zwickt Maulwurf

Künstler Jakob Friedl beschwert sich über CSU-Stadtrat Erich Tahedl. Am letzten Tag des Wikis zum Kulturentwicklungsplan hat dieser mehrere Passagen aus Friedls Feder einfach gelöscht. „Ein dreister und einmaliger Verstoß gegen den Kodex des Media-Wiki“, schimpft Friedl. „Ein technisches Versehen“, sagt Tahedl.

Musste den Europabrunnendeckel diese Woche endgültig räumen: Jakob Friedl (re.). Formal ist der Ort jetzt eine Bautelle für die Schaidinger-Bodensprinkleranlage. Foto: as

Musste den Europabrunnendeckel diese Woche endgültig räumen: Jakob Friedl (re.). Formal ist der Ort jetzt eine Bautelle für die Schaidinger-Bodensprinkleranlage. Foto: as

Pseudonyme sind im Internet nichts Ungewöhnliches – in Foren, Kommentarspalten und Wikis. Der eine nennt sich „Taxifahrer“, der andere „CSU-Mitglied“. Manche geben sich die Namen von Dichtern und Denkern und wieder andere bevorzugen Bilder aus der Tierwelt. So hielten es auch Jakob Friedl und CSU-Stadtrat Erich Tahedl. Im offenen Wiki, das die Stadt Regensburg bis zum gestrigen Mittwoch zur Verfügung gestellt hat, damit Interessierte dort den Kulturentwicklungsplan diskutieren und umschreiben konnten, agierten sie unter den Namen „Maulwurf“ (Friedl) und „Kulturfloh“ (Tahedl).

Und während der Maulwurf jede Menge Hügel aufwarf und sich ausführlich etwa zu seinem Leib- und Magenthema „Europabrunnendeckel“, aber auch zu mehr Transparenz bei der Kulturförderung äußerte, war der Kulturfloh damit beschäftigt, sie wieder einzuebnen. So weit nichts Ungewöhnliches.

100 Nutzer diskutierten, nur einer löschte

Nach Angaben des Kulturreferats (zur Pressemitteilung) haben sich etwa 100 Nutzer beteiligt. Aufgerufen wurde die Seite während der vergangenen sechs Wochen gut 3.000 Mal. In dem Wiki wurde während der vergangenen Wochen viel geschrieben, kommentiert, durchgestrichen oder farblich unterlegt. Man ist eben nicht überall einer Meinung und die Diskussion ist das Wesen eines solchen Instruments. Passagen gelöscht hat indes nur der Kulturfloh.

Der Maulwurf ist aufgebracht. „Herr Tahedl hat sich am letzten Tag, an dem das Wiki offen war angemeldet und dann meine Anregungen zur Kulturförderung komplett gelöscht.“ Friedl hatte unter anderem gefordert, dass alle Förderanträge – bewilligt und abgelehnt – mit dem entsprechenden Schriftverkehr öffentlich gemacht werden sollten. Juroren, die über Preise in Regensburg entscheiden, sollten sich zudem einmal jährlich in einer öffentlichen Veranstaltung zur Diskussion stellen.

Tahedl: „Das nehm ich auf meine Kappe.“

„Herr Tahedl kann da ja anderer Meinung sein. Durchstreichen, wie er es bei anderen Sachen gemacht hat, wäre auch legitim gewesen. Aber das Löschen verstößt klar gegen den Kodex des Wiki. Man kann meine Beiträge dann nur noch in der Versionsgeschichte nachvollziehen und die liest doch keiner.“

Nachtrag: Das Kulturamt der Stadt Regensburg hat zwischenzeitlich klargestellt, dass auch Löschungen legitim seien.

Sagt "Sorry!": Kulturfloh Erich Tahedl. Foto: Archiv

Sagt „Sorry!“: Kulturfloh Erich Tahedl. Foto: Archiv

Der Kulturfloh ist von der Kritik peinlich berührt. „Das nehme ich voll auf meine Kappe. Ich hab das versehentlich gelöscht und wusste dann nicht mehr, wie ich es rückgängig machen konnte.“ Inhaltlich habe der Maulwurf „ein paar sehr große Hügel aufgeworfen“, die nicht in einen Kulturentwicklungsplan passen, „aber löschen wollte ich das nicht“.

Verloren sind Friedls Beiträge übrigens nicht. In der Versionsgeschichte lassen sich sämtliche Einträge nachvollziehen.

Massive Kritik aus den Arbeitsgruppen

Unabhängig davon dürfte die weitere Diskussion über den Kulturentwicklungsplan alles andere als schiedlich-friedlich ablaufen. Die Beteiligten aus den Arbeitsgruppen, die im Vorfeld zu zwei Konferenz zum Kulturentwicklungsplan zusammengekommen waren, haben sich bereits massiv über das vom Kulturreferat veröffentlichte Dokument beschwert. Noch mehr haben sich von dem Diskussionsprozess frustriert abgewandt. Dass die Sparte Musik, der Liebling von Kulturreferent Klemens Unger, unter dessen aktiver Beteiligung massiv bevorzugt wurde, ist hat Regensburg Digital bereits vor geraumer Zeit öffentlich gemacht.

Nachzulesen ist der KEP mit allen Kommentaren und in allen Versionen übrigens hier.

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