Die Ballonauten kommen: Von der Steinernen Brücke irgendwann nach Brüssel

Am Ball geblieben

Nach monatelanger Arbeit und jahrelanger Vorbereitung hatte der Riesenball nun endlich seinen ersten großen Auftritt: Am Samstag rollte er erstmals durch Regensburg. Damit wird der Traum von Jakob Schmid, dem ersten „Ballonauten“ vollendet: Regensburg erfährt von seiner unglaublichen Reise durch Deutschland. Bald soll nicht nur Regensburg von der irren Deutschlandtour wissen. Hubertus Wiendl, Wiederentdecker des Reisetagebuchs und Kurator des Ballonauten-Projekts, möchte ganz Deutschland, ja eigentlich ganz Europa darüber ins Ballonauten-Fieber versetzen.
Hubertus Wiendl (Mitte) und die Söhne der "Ballonauten" präsentieren den Ball auf der Steinernden Brücke. (Foto: hb)

Hubertus Wiendl (Mitte) und die Söhne der „Ballonauten“ präsentieren den Ball auf der Steinernden Brücke. (Foto: hb)

Träumer, Spinner, Fantast: Seit Hubertus Wiendl an seinem Ballonauten-Projekt arbeitete, musste er immer wieder seinen Realitätssinn in Frage stellen lassen. Anfangs hütete er das Reisetagebuch aus den Jahren 1932/1933 wie einen Goldschatz. Dann weihte er langsam Freunde ein, fing an, ein Konzept zu entwerfen, baute die Homepage, gründete einen Verein und ging schließlich damit an die Presse. Die hatte er schnell auf seiner Seite; die Geschichte von den Deutschlandreisenden Jakob Schmid, Franz Berzel und Georg Grau erzählt sich einfach zu schön, um sie liegen zu lassen.

Der Anfang einer großen Idee

Von Beginn an hatte Wiendl Großes im Sinn: Eine einfache Ausstellung mit ein paar erklärenden Täfelchen wäre ihm nie genug gewesen. Er wollte hinaus in die Welt, wollte es den Ballonauten von damals gleichtun, sie sogar übertreffen. Er wollte einen Ball durch Deutschland rollen, vielleicht sogar durch Europa; eine interaktive Website ins Leben rufen; einen Kinofilm drehen; ein Musical inszenieren; Schüler, Lehrer, Künstler, Politiker, Sportvereine dazu bringen, sich für seine Idee zu engagieren. „Niemals!“, riefen die Zweifler. Ein Hirngespinst hätte er da geboren, hieß es. Dass der Ball eines nicht allzu fernen Tages tatsächlich rollen würde, glaubten viele nicht. Nun hat er den Beweis angetreten und den Nachbau des Balles zumindest schon einmal durch Regensburg gerollt. Am Samstag, 6. Juli, stand das Ungetüm um 14 Uhr auf der Mitte der Steinernen Brücke und Wiendl stolz davor.
Wiendl zeigt den Besuchern das Original-Reisetagebuch. (Foto: hb)

Wiendl zeigt den Besuchern das Original-Reisetagebuch. (Foto: hb)

Keine Frage, der Ball ist eine Attraktion. Die Touristen, die sich an sonnigen Tagen ohnehin auf der Steinernen Brücke drängen, umzingelten das Kuriosum mit ihren Fotoapparaten. Wiendl wuselte durch die Massen Schaulustiger und vertickte Postkarten, wie es Schmid und Berzel, später Grau, damals auch gemacht hatten. Das war ihr Finanzierungsmodell, so hielten sie sich während ihrer 3.500 Kilometer langen Reise über Wasser. Schließlich kam der Ball ins Rollen. Einem Hochzeitsmarsch gleich zog die Karawane los: von der Steinernen Brücke über die Brückstraße, die Goliathstraße, den Kohlenmarkt, die Neue Waag und den Haidplatz bis in die Ludwigstraße kurz vorm Arnulfplatz, begleitet von der Musik des Original Oberpfalz Duos.

Ballonauten-Nachfahren auf den Spuren ihrer Väter

In den Gurten zum Ziehen des Balls steckten zwei Männer, die das „Ball-Fahren“ im Blut haben: Die Söhne von Jakob Schmid und Georg Grau spielten die Zugpferde für den rollenden Riesen. Sie haben zusammen gearbeitet, wohnen nicht weit voneinander entfernt, aber von dieser einzigartigen Verbindung ihrer Väter zueinander haben sie erst über Hubertus Wiendl erfahren. Jetzt sind sie selbst begeisterte „Ballonauten“ und begleiten Wiendl bei seinen Fahrten mit dem Ball. Die nächste Station soll die Bayerische Staatskanzlei in München sein, auch das Familienministerium in Berlin und das Europäische Parlament in Brüssel sollen angesteuert werden. Wiendl will dort Förderanträge abgeben, denn die Zeiten, in denen sich so eine Deutschlandfahrt über den Verkauf von Postkarten finanzieren lässt, sind wohl endgültig vorbei.
Innenansicht des neuen Balls. (Foto: hb)

Innenansicht des neuen Balls. (Foto: hb)

Und dann? Ja, dann soll es richtig losgehen. Wiendl arbeitet daran, seine anfangs unmöglich scheinende Vision Stück für Stück umzusetzen. Ein Kinofilm ist noch nicht in Aussicht, aber zusammen mit Joseph Berlinger arbeitet er gerade an einem 30-minütigen Film über die unglaubliche Geschichte der Ballonauten. Mit Eginhard König bastelt er an einem Buch zur Reise, das die Geschichten aus dem Tagebuch den historischen Ereignissen in Deutschland zuordnet. Die Komponistin Martina Eisenreich kümmert sich um die musikalische Umsetzung. Parallel dazu soll ein zweiter Ball entstehen. Kein Holz-Monstrum, sondern fast schon flockig leicht aus Polyester. Die Bälle sollen irgendwann gleichzeitig durch die Lande rollen, der Holzball durch Deutschland, der Kunststoffball durch Europa. Per Internet sollen sie miteinander verbunden sein, so dass die Begleiter und Gäste der Zwillingsbälle immer miteinander in Kontakt stehen können.

Vollendung eines Traums

Und warum das alles? Das Ballonauten-Projekt ist nicht nur die Vollendung von Schmids Traum, den Regensburgern von seiner unglaublichen Reise zu erzählen. Mit dem Ballonauten-Projekt sollen die Menschen ergründen, was sich damals zugetragen hat, während Deutschland von einer Demokratie in die finsterste Diktatur rutschte. Jeder kann anhand des Tagebuchs beobachten, wie sich die Nazis damals in die Leben der Menschen schlichen – beispielsweise durch Suppenküchen der SA, die sich so als Wohltäter einen Namen machen wollten, später die von ihnen Gefütterten aber gnadenlos ermordeten.  Man sieht anhand kurzer Sätze und kleiner Bilder, dass Massenarbeitslosigkeit zu Krawallen führte wie im Juni 1932 in Chemnitz und wie außergewöhnliche Leistungen von einer gleichgeschalteten Gesellschaft ignoriert werden und in der Versenkung verschwinden.
Keep rollin', rollin', rollin'.... (Foto: hb)

Keep rollin‘, rollin‘, rollin’…. (Foto: hb)

Über die Anknüpfungspunkte zur heutigen Zeit und über die Identifikation der Menschen mit ihrem Heimatort, den sie auf den Tagebuchbildern wiedererkennen, möchte Wiendl die Menschen sensibilisieren und ihnen klar machen, dass wir aus der Geschichte lernen müssen, um ihre Wiederholung zu vermeiden. Wiendls „Vision“ ist es nicht nur, auf die bemerkenswerte Leistung von Schmid, Berzel und Grau aufmerksam zu machen. Er tritt ein für eine vorurteilsfreie Gesellschaft, die einen gesunden Ausgleich aus Individualismus und Gemeinschaftssinn findet, die rücksichtsvoll und solidarisch ist. Er tritt ein für ein friedliches, vereintes Europa, in dem die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen ein Leben in Freiheit ermöglichen.
Am Samstag noch vorm Alten Rathaus, bald schon vor der Staatskanzlei? (Foto: hb)

Am Samstag noch vorm Alten Rathaus, bald schon vor der Staatskanzlei? (Foto: hb)

Vor allem dafür soll der Ball ein Vehikel sein. Er soll durch Europa rollen, um vor einer Rolle rückwärts in die Diktatur zu warnen.

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Kommentare (5)

  • mexiclicka

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    So ein Schwachsinn!!!!!

  • Twix Raider

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    Einerseits hätte der Oberballonaut ständig die Werbetrommel rühren müssen (ein Scheitern des Projekts wäre ja kein echter Gesichtsverlust gewesen), andererseits sind „Überraschungsbesuche“ vielleicht sogar besser, dann können sich Städte und Gemeinden nicht „rausputzen“. Huch, ein brauner Fleck, schnell ein Teppich drüber!

  • Alles, was schwarz ist

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    @ Schriftleiterin Bianca Haslbeck

    „Suppenküchen der Waffen-SS“ geschildert im „Reisetagebuch aus den Jahren 1932/1933“, da sollten Sie Ihre Betroffenheitsprosa doch mal an Hand des hier schon teilweise veröffentlichten Reisetagebuches und/oder des sachkundigen Rates Ihres Autors Robert Werner überprüfen, oder, wie Ihr NS-unverdächtiger Kollege Karl Kraus meinte, „Journalisten sind Menschen, die Unsinn schreiben und ihn glauben, sobald sie ihn gedruckt sehen“

  • maria glaubinet

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    Verrückte Idee.

    Gibt es schon Merchandisingartikel, würde zum Weltkulturerbe passen.
    http://www.regensburg.de/tourismus/shop/19250

    Vielleicht interessiert sich unser OB Schaidinger für einen Posten im Aufsichts/Verwaltungsrat der Europäischen-Ballonauten-Merchandising-Artikel-Vertriebs-Gesellschaft mbH.

  • oldschool70

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    „Man sieht anhand kurzer Sätze und kleiner Bilder, dass Massenarbeitslosigkeit zu Krawallen führte wie im Juni 1932 in Chemnitz und wie außergewöhnliche Leistungen von einer gleichgeschalteten Gesellschaft ignoriert werden und in der Versenkung verschwinden.“

    Ich sehe anhand der kurzen Sätze und der kleinen Bilder, dass die beiden Ballonauten durchaus dem Sympathiesantenkreis der NSDAP zuzurechnen waren und wohl keineswegs mit der ´Betroffenheitideologie´ der heutigen Nachahmer konform gehen würden.
    Während die Intention der damaligen Ballonauten die blosse Existenzsicherung während der Weltwirtschaftskrise -verursacht durch den globalen Liberalismus- war, kochen die Nachahmer ihr zweifelhaftes, missionarisches Süppchen – natürlich wieder im Namen des Liberalismus und der Völkerverständigung.
    Vermutlich würden Schmid, Berzel und Grau heute wegen Wiendls Beweggründen nur die Nasen rümpfen…

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