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Die Causa Georg Zimmermann

Über 50 Jahre Vertuschungsgeschichte

Die Diözese Regensburg ist meilenweit von einer transparenten Aufklärung sexueller Missbrauchsfälle entfernt. Beispielhaft zeigt das die über 50 Jahre andauernde Vertuschungsgeschichte des ehemaligen Domspatzen-Direktors Georg Friedrich Zimmermann.

Missbrauchstäter über Jahrzehnte: Der ehemalige Domspatzen-Direktor Georg Zimmermann.

Missbrauchstäter über Jahrzehnte: Der ehemalige Domspatzen-Direktor Georg Zimmermann.

Mitte April 2013 hat sich der neue Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer erstmals zu den Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen seiner Diözese geäußert. Auf die Frage, ob er nach der Durchsicht der entsprechenden Akten weiteren Handlungsbedarf sehe, antwortete er gefällig, aber unkonkret. Es beschäme ihn, mache ihn betroffen, „was alles ans Tageslicht gekommen ist.“ Alles müsse aufgeklärt werden.

Doch wer ist Adressat dieses Appells? Sein eigenes Ordinariat, das sich bislang weniger an der Aufklärung denn an der Verschleierung der Zusammenhänge beteiligte? Sein Vorgänger Gerhard Ludwig Müller, der zwischenzeitlich zum Präfekten der Glaubenskongregation aufgestiegen ist und daher seine eigene Unzulänglichkeit als vormaliger Regensburger Bischof aufklären müsste? Oder die Zunft der Journalisten, die Bischof Müller 2010 pauschal in die Nazi-Ecke neben Joseph Goebbels rücken wollte?

Wer die bisherigen Ankündigungen des Regensburger Ordinariats in Sachen Aufklärung der Missbrauchsfälle rekapituliert, muss bald feststellen, dass das schöne Reden nicht mit dem tatsächlichen Handeln übereinstimmt. Dies ist eine der Hauptquellen für den andauernden Glaubwürdigkeitsverlust der römisch-katholischen Kirche.

Wie weit man in der Diözese Regensburg von einer im März 2010 über alle Medien verkündeten transparenten Aufklärung der Missbrauchsvorfälle tatsächlich entfernt ist, lässt sich vorzüglich an einer über 50 Jahre andauernden Vertuschungsgeschichte zeigen: An der Geschichte des ehemaligen Diözesanmusik- und Domspatzen-Direktors Georg Zimmermann, der wiederholt wegen „Unzucht mit Abhängigen“ aufgefallen ist.

Georg Zimmermann: ein Zögling am Knabenseminar St. Wolfgang

Der 1916 in Pfrentsch bei Eslarn geborene Georg Zimmermann hatte keinen leichten Start ins Leben. Nachdem er als Dreijähriger seinen Vater verlor, wollte der zweite Ehemann seiner Mutter nichts mit ihm zu tun haben. Schon während des Besuchs der Volksschule bekannte der musikalisch begabte Georg, dass er Priester werden wolle.

Der Weg dahin lief in der damaligen Zeit für Knaben aus ärmlichen Verhältnissen über das bischöfliche Knabenseminar St. Wolfgang. Dessen Hauptzweck bestand seit 1883 in der schulischen Ausbildung von allerorten fehlendem Priesternachwuchs. Finanziert wird dieses bis heute unter anderem von der bischöflichen Stiftungsbrauerei „Bischofshof“. Die Zöglinge wurden in den Gebäuden des Obermünsterstifts untergebracht, tagsüber besuchten sie das „Alte Gymnasium“ am Ägidienplatz.

Nach dem Erwerb des Reifezeugnisses 1937 trat Zimmermann ins Priesterseminar ein und studierte an der Hochschule in Regensburg Theologie. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die staatlichen philosophisch-theologischen Hochschulen in Bayern geschlossen.

Zimmermann wurde, wie die meisten anderen Priesterseminaristen auch, zum Kriegsdienst eingezogen – keiner verweigerte sich. Über 30 von 167 Seminaristen der Diözese Regensburg starben „den Heldentod fürs Vaterland“, wie es in einer Aufstellung heißt. Vermutlich war ihr Tod jedoch nicht süß, wie es die Gedenktafel für die „Helden des Ersten Weltkrieges“ am „Alten Gymnasium“ beschwört: „Dulce et decorum est pro patria mori”(zu Deutsch: Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben). Zimmermann überlebte , verlor aber infolge einer schweren Verletzung ein Bein.

Zimmermann wird Priester, Musikpräfekt und Domspatzen-Direktor

Nach seiner Rückkehr aus kurzer Kriegsgefangenschaft beendete Zimmermann das Klerikalseminar, Mitte 1949 wurde er von Bischof Buchberger zum Priester geweiht. Ein Jahr später trat er eine Stelle als Präfekt im Bischöflichen Seminar in Straubing an und stieg dort zum Musikpräfekten auf. Von dieser Verpflichtung wurde er allerdings von Bischof Buchberger, der ihn durchgängig protegierte, für das lang ersehnte Musikstudium freigestellt. Hierfür ging Zimmermann zunächst nach München, dann nach Köln und Wien.

Angeblich gab es konkrete Pläne, dass er den seinerzeit bereits erkrankten Theobald Schrems als Domkapellmeister ablösen sollte. Auch hier hatte Zimmermann die Unterstützung Bischof Buchbergers. Doch die Ereignisse im Domspatzeninternat überschlugen sich und Zimmermann ersetzte nicht den Domkapellmeister, sondern ab Januar 1959 Friedrich Zeitler als Direktor des Domspatzen-Internats. Zugleich wurde er – laut einer Presseerklärung des Ordinariats vom 5. März 2010 – zum Direktor des Musikgymnasiums ernannt. Diese Angaben stehen allerdings in Widerspruch zu den Jahresberichten des Gymnasiums.

Die damals hoch angesehene Domspatzen-Karriere ging jedoch bereits nach acht Monaten wieder zu Ende, da Direktor Zimmermann seine Internatszöglinge missbrauchte – wie schon sein Vorgänger Friedrich Zeitler. Die Geschichte Zeitlers ist eng mit der von Zimmermanns verknüpft .

Zeitlers Weg

Der 1918 geborene Friedrich Zeitler war der einzige Sohn einer Mitterteicher Schmiedemeisterfamilie. Obgleich er den elterlichen Betrieb übernehmen hätte sollen, entschied er sich, Priester zu werden. Vermutlich hat hierbei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt, dass Zeitler, wie es in den Regensburger Gerichtsakten heißt, als achtjähriger Junge von einem Schmiede-Gesellen wiederholt „geschlechtlich mißbraucht“ wurde.

Der Weg Zeitlers zur Erfüllung seines Priesterwunsches lief wiederum über das Bischöfliche Knabenseminar St. Wolfgang. Theobald Schrems, der ebenso aus Mitterteich stammte, dürfte den Knaben Friedrich ins Obermünsterstift vermittelt haben. Schrems besuchte als Knabe übrigens ebenso das Bischöfliche Seminar, er wirkte dort später auch als Präfekt (1920-1924).

Im Knabenseminar traf Zeitler dann auf Georg Zimmermann. Beide absolvierten im selben Jahr die Reifeprüfung und traten gemeinsam ins Priesterseminar ein, wo sie den gleichen Kurs besuchten. Beide wurden im Jahre 1949 von Bischof Buchberger zum Priester geweiht. Zeitler hatte noch als Student mit dem Domspatzen-Internat zu tun, er wohnte bereits 1939 als Präfekt mit Domkapellmeister Theobald Schrems in der Orleanstraße unter einem Dach.

Diese zum Teil lebenslangen sozialen Verwicklungen und die vielfachen Überschneidungen bezüglich der Herkunftsorte bzw. christlicher Seminare scheinen typisch für das gesamte Internats-Milieu zu sein. Der Stallgeruch eines Knabenseminars hilft, um in der Diözese aufsteigen zu können, insbesondere der des Obermünsterstifts.

Zeitlers Flucht

Nach seiner Priesterweihe war Friedrich Zeitler als Kooperator in Deggendorf tätig, wo er als „geistlicher Führer“ auch die dortige Pfadfinderjugend betreute. Als im Jahr 1953 der Neubau des Domspatzen-Internats in der Reichsstraße eröffnet wurde, übertrug man Zeitler dessen Leitung. Die Stelle des Internatsdirektors wurde jedoch im April 1958 vakant, da er sich der Strafverfolgung durch Flucht in die Schweiz entzog.

Wegen Verdachts auf „Unzucht mit Abhängigen“ wurde Zeitler zunächst monatelang international gesucht. Nach seiner Rückkehr aus seinem Schweizer Versteck im St. Johannes-Stift Zizers stellte er sich der Justiz. Im Mai 1959 wurde er schließlich nach einem weitgehenden Geständnis vom Regensburger Landgericht zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Bemerkenswert an Zeitlers Geständnis ist ein folgenloses, also nicht strafverschärfendes, Detail. Demnach habe er bereits 1941 auf der NS-Propagandareise der „Domspatzen“ nach Spanien „Unzuchtshandlungen“ vorgenommen. Er gestand unter anderem, das Geschlechtsteil eines 13jährigen Domschülers „in wollüstiger Absicht“ abgetastet zu haben. Indes: seine Vergewaltigungen von Sängerknaben in der Hauskapelle in der Orleanstraße um 1940, die 2010 von Betroffenen bei der sogenannten „Missbrauchsbeauftragten der Diözese“ Dr. Birgit Böhm angezeigt und im Domspatzen-Umfeld bekannt wurden, hatte Zeitler im damaligen Prozess verschwiegen. Das Ordinariat verschweigt sie heute noch.

Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung ging Zeitler zurück in die Schweiz und fungierte trotz andauernden Berufsverbots ab Oktober 1961 als Spiritual im Constantinaeum, einem Mädcheninternat, in Chur. Dort wurde er nach Auskunft der Diözese Chur nicht mehr übergriffig.

Exkurs: Früher Unzucht heute Missbrauch

Zeitlers sexuelle Beziehungen zu Schülern wurden entsprechend der damaligen Rechtslage als fortgesetzte Verbrechen der „Unzucht mit Abhängigen“ bzw. einem „Kind“ und als „Unzucht zwischen Männern“ eingestuft. Bemerkenswert: Nachdem die betroffenen Schüler das Alter von 14 Jahren überschritten haben, hätten auch sie nach „§175 – Unzucht zwischen Männern“ belangt werden können, was aber nicht geschah.

Der unselige §175 wurde nach mehreren Reformanläufen im Jahr 1994 aus dem Strafrecht gestrichen. Sexuelle Beziehungen mit Schülern oder Zöglingen (bis zum Alter von 16 und in besonderen Fällen 18 Jahren) werden jedoch gemäß § 174, „Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen“, nach wie vor als schwere Straftaten geahndet.

Es ging bei der Verurteilung von Zimmermann und Zeitler trotz der Anwendung des §175 nicht etwa um bedauerlicherweise verfolgte Homosexuelle, sondern um sexuelle Missbrauchstäter. Es geht um unreife Geistliche, die ihre Sexualpräferenz mit abhängigen Schutzbefohlenen asozial auslebten. Diese sexuelle Präferenz zielte offenbar nicht auf Kinder sondern auf Jugendliche – die wissenschaftliche Klassifikation: Ephebophilie – gleichen Geschlechts. Es handelt sich also, soweit erkenntlich, um kein pädophiles, sondern um ein ephebophiles Muster.

Dass sich die Täter dabei wenig um staatliche Gesetze geschert haben, findet seine Ursache unter anderem darin, dass kirchliche Stellen die übergriffigen Priester bis 2010 fast nie von sich aus an die staatlichen Justizbehörden meldeten. Und nicht zuletzt: Es geht um geistliche Täter, die wesentliche Teile ihrer zweifelhaften Sozialisation in elitären katholischen Einrichtungen zur Schaffung von Priesternachwuchs erhalten haben.

Schleier über dem Fall Zimmermann

Seit das Regensburger Ordinariat im März 2010 in der Causa Georg Zimmermann mit einer Pressekonferenz die Flucht nach vorne ergriff, sind viele falsche und unstimmige Informationen in Umlauf.

Flucht nach vorn: Bei der Pressekonferenz im Jahr 2010 präsentierten Diözesanssprecher Clemens Neck und Missbrauchsbeauftragte Birgit Böhm alte Fälle und Falschinformationen. Foto: Archiv

Flucht nach vorn: Bei der Pressekonferenz im Jahr 2010 präsentierten Diözesanssprecher Clemens Neck und Missbrauchsbeauftragte Birgit Böhm alte Fälle und Falschinformationen. Foto: Archiv

Ein Anlass der Pressekonferenz war, dass der ehemalige Domspatz Franz Wittenbrink angekündigt hatte, in einer Talkshow aufzutreten. Wittenbrink berichtete seinerzeit, dass der damalige Internatsdirektor Zimmermann zusammen mit Schülern bei Rotwein onanierte und sexuelle Übergriffe auch unter Schülern stattfanden.Wittenbrinks Einlassungen wurden in der Folge weder offiziell dementiert noch bestätigt.

Die diözesane Informationspolitik in der Causa Zimmermann fällt eher in die Kategorie „Tarnen und Täuschen“. Die offiziellen Angaben zu Prozessdatum und Haftdauer etwa sind schlicht falsch. Des Weiteren gibt das Ordinariat vor, Zimmermann sei im August 1959 ohne Not für ein Musikstudium vom Dienst beurlaubt worden. Dieses Ablenkungsmanöver wird allein schon dadurch Lügen gestraft, weil der Geschasste nach seinem Domspatzen-Intermezzo in seiner Heimatgemeinde im Jahre 1961 die „Sing-und Musikschule Eslarn“ gründete und leitete. Welch ein Abstieg! Vom Domspatzen-Direktor zum privaten Musiklehrer im „Dorf am Todesstreifen“ (so der Titel einer BR-Sendung).

Das ehemalige Gebäude der Grenzland-Musikschule Eslarn: Hier rekrutierte Zimmermann weitere Opfer. Foto: Werner

Das ehemalige Gebäude der Grenzland-Musikschule Eslarn: Hier rekrutierte Zimmermann weitere Opfer. Foto: Werner

Doch blieb das Ordinariat nicht etwa untätig. Nachdem man Georg Zimmermann auf der Pressekonferenz im März 2010 als verurteilten und verstorbenen Straftäter präsentierte, ermittelte der diözesane Stab „sexueller Missbrauch“ vor Ort und nahm alle verfügbaren Informationen über den Musikdirektor a.D. mit nach Regensburg. Im Gegenzug jedoch hat man in Eslarn irreführende Informationen hinterlassen. Nicht nur im dortigen Rathaus wartet man seither auf einen aussagekräftigen Bericht in der Causa Zimmermann.

Schriftliche Anfragen beim Bischöflichen Zentralarchiv und beim Generalvikariat nach den Entlassungsgründen bzw. zur Verifizierung von Zimmermanns biografischen Daten wurden abschlägig beschieden. Falsche Informationen werden somit zementiert. Vom Archiv gab es immerhin den schöngefärbten Nachruf des Bistumsblatts „Wem Gott das Kreuz schenkt – Im Gedenken an Musikdirektor Georg Zimmermann“ anlässlich Zimmermanns Tod vom 17. Januar 1984. Darin wird Zimmermann als leidgeplagte Existenz gezeichnet. Kein Wort zu seinen Übergriffen und „Verfehlungen“.

Zimmermann (k)ein „Bubenschänder“

Aus dem familiären Umfeld Zimmermanns waren hingegen Details zu erfahren, die mit der Schilderung Wittenbrinks in Einklang zu bringen sind. Auf die Frage nach den Gründen der Ablösung Zimmermanns als Domspatzen-Direktor 1959 hieß es, er habe auf besondere Weise „mit Buben zu tun gehabt“. So wie „bei den alten Griechen“. Um sich aber nicht den „Bubenschänder“ nachsagen lassen zu müssen, habe er den Posten bei den Domspatzen freiwillig aufgegeben.

Die näheren Umstände für die Entlassung Zimmermanns bei den „Domspatzen“ sind bislang nicht bekannt. Als gesichert kann jedoch gelten, dass er sich als Direktor, der die „Knabenliebe“ pflegte und sexuellen Missbrauch in seinem Hause nicht unterband bzw. sogar selbst beging, untragbar machte. Insbesondere deshalb, weil sein Vorgänger Zeitler just in dieser Zeit wegen eben diesen Straftaten zunächst floh und später ins Gefängnis ging. Weil die Übergriffe Zeitlers auch öffentlich beklagt wurden, drohte der Ruf des noch jungen Musikgymnasiums unter Zimmermann noch tiefer zu sinken.

Domspatzen-Direktoren als Missbrauchstäter

Doch mit Zimmermanns Ablösung war die Reihe der sexuell übergriffigen Leiter des Domspatzen-Internats nicht beendet. Auch sein Nachfolger Siegfried Lintl, wiederum ein ehemaliger Zögling des Bischöflichen Studienseminars St. Wolfgang und Priester aus dem Regensburger Priesterseminar, steht im Verdacht, Domschüler sexuell missbraucht zu haben.

Es drängen sich Fragen auf: Wie waren die sozialen Verhältnisse im bischöflichen Studienseminar Obermünster, das als Priesterschmiede bekannt ist und bis zu seiner Schließung 1998 höchstes Ansehen genoss? Beruht es auf bloßen Zufälligkeiten, dass die drei ersten Internatsdirektoren, Friedrich Zeitler, Georg Zimmermann und Siegfried Lintl – allesamt ehemalige Geistliche und St. Wolfgang-Seminaristen, die Theobald Schrems anstellte – im Domspatzeninternat sexuell übergriffig wurden? Wohl kaum.

Es dürfte sich vielmehr um strukturelle Missstände handeln, wie sie z.B. auch im bischöflichen Knabenseminar zu Bamberg bekannt wurden. Erzbischof Ludwig Schick hat sich daraufhin bei den Opfern entschuldigt.

Die kurze Episode Zimmermanns bei den „Domspatzen“ wäre wahrscheinlich längst in Vergessenheit geraten, hätten nicht ehemalige Internatsschüler wie Wittenbrink und andere auf die Handlungen des damaligen Direktors hingewiesen. In den Festschriften und Jahrgangsberichten der Domspatzen wird Zimmermann wohlfeil unterschlagen. Diese Vertuschungen erinnern an Mitglieder einer Missbrauchsfamilie, die sich und ihre Umgebung eher belügen, als dass sie die gewalttätigen Realitäten benennen würden.

Doch wie verhielt sich Georg Zimmermann in Eslarn, nachdem er als Direktor bei den Domspatzen abgelöst worden war?

Vom privaten Musiklehrer zum Diözesanmusikdirektor

Offenbar als eine Art Reminiszenz an den zuvor anvisierten Posten des Domkapellmeisters begann Zimmermann in Eslarn zunächst Knaben „für den sakralen Dienst im Chorgesang“ auszubilden. So weiß es die Eslarner Gemeindechronik von 1965 theologisch aufgebauscht zu berichten. Noch 1961 gründete und leitete er die „Sing- und Spielschule Eslarn“, aus der sich die „Knaben-Kapelle Eslarn“ entwickelte und aus der Zimmermann seine nächsten Opfer sozusagen rekrutierte.

Die Knaben-Kapelle Eslarn 1963. Foto: privat

Die Knaben-Kapelle Eslarn 1963. Foto: privat

Ein gewisser Erfolg stellte sich bald ein und die Kapelle erreichte überregionale Wertschätzung. Zimmermann galt bei vielen Zeitgenossen als hochbegabter Musiklehrer. Doch Eslarn war ihm nur eine Notlösung.

Als Zimmermann die Rückkehr in eine leitende Position der Diözese angeboten wurde, nahm er diese sogleich an. So wurde er Mitte 1964 unter Bischof Rudolf Graber zum ersten Diözesanmusikdirektor Regensburgs ernannt. Er leitete somit das neu eingerichtete Diözesanreferat für Kirchenmusik. Zusammen mit dem Domkapellmeister, seit Anfang 1964 Georg Ratzinger, und dem Direktor der Regensburger Kirchenmusik, Ferdinand Haberl, gehörte Diözesanmusikdirektor Zimmermann zu den drei führenden Kirchenmusikern der Diözese. Welch ein famoses Comeback. Der nächste Absturz ließ jedoch nicht allzu lange auf sich warten.

Bereits im Januar 1968 kam das jähe Ende seiner zweiten Direktorenstelle. Dieses Mal lief die Ablösung nicht im Hintergrund, sondern mit einigem öffentlichen Aufsehen ab. Diesmal ging er nach der Anzeige einer Eslarner Mutter per Haftbefehl kurzzeitig sogar in U-Haft. Der Verdacht auf „Unzucht mit Abhängigen“ kam zur Verhandlung. Im Februar 1969 wurde Zimmermann deswegen zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt und im Mai 1969 vom Regensburger Ordinariat erneut entlassen.

Die Spitze des Eisbergs von Eslarn

In einem Zeitungsbericht des NEUEN TAG vom 22. Februar 1969 wird am Tag nach der Verhandlungunter der Überschrift „Durch Trinken auf Abwege“ das Bild eines bemitleidenswerten Mannes gezeichnet, der unglücklicherweise der Unzucht anheimfiel. Demnach habe Zimmermann als Kriegsinvalider sein (nicht näher genanntes) hohes Berufsziel nicht verwirklichen können, trotz der „jahrelangen Versprechungen seitens ihm übergeordneter Stellen“. Daraufhin „geriet er ins Trinken“, nahm Schmerztabletten, wurde von Frauen abgewiesen und sei zu schlechter Letzt „in die Fänge eines verheirateten Homosexuellen“ geraten. So sei er dazu gekommen, „sich an seinen Musikschülern zu verfehlen.“ Die „Verfehlungen“ gingen über einige Jahre. Oft sei er bei „den Jungen auf heftige Gegenwehr“ gestoßen, „wenn er sie unzüchtig berühren wollte.“ Dann ließ er ab, bei mehreren anderen „hatte er Erfolg“.

Da sich der Angeklagte geständig und reuig zeigte, mussten die betroffenen Jungen nicht aussagen. Der Regensburger Obermedizinaldirektor Sebastian Maier billigte Zimmermann verminderte Zurechnungsfähigkeit zu, wodurch von der ganzen Reihe von Straftaten, „nur eine kleine Spitze zur Aburteilung übrigbleibe“, so der im Zeitungsbericht zitierte Staatsanwalt. Von den geforderten drei Jahren blieben 20 Monate Gefängnis übrig.

Was der Zeitungsbericht nicht erwähnt, sind Zimmermanns Priester- und Direktorenschaft bei den „Domspatzen“. Auch dass er bereits dort „mit Jungen zu tun gehabt hatte“, blieb dem Gericht offenbar unbekannt, da die Vorfällen von 1959 diskret abgewickelt worden waren. Vermutlich wollte man all das angesichts der Vielzahl der ohnehin nicht geahndeten Übergriffe gar nicht mehr so genau wissen. Nach seiner Haftentlassung debattierte unter anderem der Eslarner Pfarrgemeinderat die Sachlage und plädierte dafür, Zimmermann noch eine Chance zu geben. Daraufhin durfte er wieder Musikunterricht für Jugendliche geben.

Zimmermanns dritte Chance

Nach etwa eineinhalb Jahren als Musiklehrer in Eslarn durfte Zimmermann Anfang September 1972 ein drittes Mal für das Regensburger Ordinariat tätig werden. Diesmal übertrug man Zimmermann die Stelle eines Musikpräfekten im Bischöflichen Studienseminar in Weiden, dem der Geistliche Heinrich Hiebl als Direktor vorstand. Hiebl, der von 1941 bis 1955 eine Führungsposition im Obermünster-Seminar inne hatte, dürfte von Zimmermanns sexuellen Übergriffen gewussthaben. Jedenfalls gab es die Auflage, dass Zimmermann nicht im Seminar übernachten durfte, sondern jeden Abend – wo die „Versuchung“ bekanntlich am stärksten ist – ins knapp 40 Kilometer entfernte Eslarn zurückfahren musste.

Nach etwa einem Jahr als Präfekt gab es erneut Streit. Zimmermann wurde daraufhin im November 1973 zum dritten Mal entlassen bzw. als 57jähriger in vorzeitigen Ruhestand versetzt. Dies geschah nicht etwa durch Direktor Hiebl, sondern durch dessen Nachfolger. Bemerkenswerterweise wurde bei dieser Gelegenheit auch Heinrich Hiebl als 62jähriger in vorzeitigen Ruhestand versetzt. Was genau vorgefallen war, ist bislang unbekannt.

Wie ist diese erneute Beschäftigung Zimmermanns bzw. die „Vorkehrung“, nicht im Seminar übernachten zu dürfen, zu bewerten? Naiv, fahrlässig oder als immanent für Missbrauchsstrukturen? Aus heutiger Sicht erscheint die Auflage am Kern des Problems vorbei gegangen zu sein. Es wäre für Zimmermann ein leichtes gewesen, sich mit Schutzbefohlenen in der Stadt zu treffen, oder nach Eslarn auszuweichen. Kollege Zeitler tat dergleichen und missbrauchte einen seiner Domspatzen-Zöglinge eine Zeitlang im heimatlichen Mitterteich.

Wer nach den Gründen für Zimmermanns Ablösung fragt, stößt auf ein Schweige-Kartell oder „Unwissende“.

Ein „Obermünsterer“ weiß von nichts

Es gäbe jedoch ehemalige Führungskräfte des Weidener Seminars, die zur Aufklärung beitragen könnten.

Der letzte Weidener Direktor, Joseph König, der das Obermünsterseminar (Abi 1964) besuchte und zunächst als Präfekt bei den Domspatzen und danach im Weidener Seminar wirkte, erinnert sich etwa auf Anfrage sofort an die Causa Zimmermann. Gefragt nach den Gründen der Entlassung Zimmermanns meinte König, er „müsse ja nicht dreckige Wäsche waschen, oder?“ Das müsse man verstehen. Nein, hinsichtlich sexueller Übergriffe sei im Seminar „nichts vorgefallen“, von Vorfällen in Eslarn wisse er nichts. Was konkret geschah, welcher Dreck noch an wessen Wäsche klebt, behielt Joseph König, derzeit „Direktor der Stiftung Pielenhofen der Regensburger Domspatzen“, für sich.

In einem Abschlussbericht über das Bischöfliche Studienseminar Weiden, verfasst zur Auflösung der Einrichtung im Jahr 1989, sucht man vergebens nach irgendwelchen Vorfällen oder einem Musikpräfekten namens Georg Zimmermann. Für Abfassung dieser Schrift war Josef Ammer verantwortlich, seinerzeit Präfekt in Weiden. Seit 2006 ist Ammer Regensburger Domkapitular und Offizial (Gerichtsvikar). Er vertritt den Bischof im Bereich seiner Gerichtsbarkeit und ist Leiter der kirchlichen Gerichtsbehörde, die unter anderem für sogenannte Sittlichkeitsdelikte zuständig ist.

Ammer ist ein typischer, selbstgezogener Diözesannachwuchs, ein „Obermünsterer“ wie er sagt: Als elfjähriger Regensburger kam er 1965 ins Studienseminar St. Wolfgang Obermünster (Abi 1975), wirkte in der Nachfolgeeinrichtung als Subpräfekt, empfing im Jahr 1980 die Priesterweihe, um dann von 1984 bis 1989 im Weidener Knabenseminar als Präfekt zu arbeiten. Auf die Frage nach den Gründen für Zimmermanns Entlassung versichert Ammer sogleich, dass er seinerzeit von einem Musikpräfekten Zimmermann bzw. den Hintergründen überhaupt nichts gewusst, die Nicht-Erwähnung im Bericht also nichts zu bedeuten habe. Von einer kirchen- oder strafrechtlichen Untersuchung gegen Zimmermann wisse er ebenfalls nichts. Angesichts einer Zimmermann-Straße in Eslarn würde er sich darüber allerdings wundern: „Glauben Sie, dass man eine Straße nach einem benennt, gegen den ein weltliches Strafverfahren geführt worden wäre?“ Das, so der erstaunlich schlecht informierte Offizial Ammer, „glaube ich nicht“.

Von Eslarn nach Moosbach

Nachdem Zimmermann das Weidener Studienseminar im Herbst 1973 verlassen musste, ging er als Pensionär abermals nach Eslarn zurück. Da es mittlerweile Vorbehalte gegen ihn gab, durfte er keinen musikalischen Einzel-, sondern nur noch Gruppenunterricht geben. Die damals noch bestehende Sing- und Spielschule nannte man pragmatischerweise in „Grenzlandmusikschule Eslarn e. V.“ um. Eine solche existiert ausweislich des gemeindlichen Vereinsregisters weiterhin in Eslarn.

Was genau in den folgenden Jahren geschah, darüber will oder kann niemand Auskunft geben. Jedenfalls wurde Zimmermann schließlich als untragbar beurteilt und durfte auf Drängen des Ortspfarrers keinen Musikunterricht mehr geben. Daraufhin wich er 1978 in den nahegelegenen Markt Moosbach aus. Dort empfing man ihn mit Handkuss und überließ ihm die Leitung und Ausbildung des neugegründeten „Jugendmusikcorps Moosbach“. Diese Funktion nahm Zimmermann bis zu seiner schweren Erkrankung Mitte 1983 ein.

Zimmermanns Grab in Eslarn. Foto: Werner

Zimmermanns Grab in Eslarn. Foto: Werner

Ein ehemaliger Moosbacher Zimmermann-Schüler (und Obermünster-Seminarist) kann nichts Negatives über seinen damaligen Lehrer sagen: „Zu mir oder anderen war er nicht aufdringlich.“ Sein Musiklehrer, so sein Eindruck, sei aus Eslarn weggemobbt worden. Zimmermann habe Tränen in den Augen gehabt, als er davon sprach, dass er seinen Knabenchor nicht mehr unterrichten dürfe. Zimmermanns abgesessene Straftat sollte allerdings, so der Ex-Schüler in gewisser Täteridentifikation, seine Verdienste und Lebenswerk nicht überlagern. Angeblich kommen in Eslarn, Moosbach und Umgebung nahezu alle aktiven Musiker der in Frage kommenden Generationen aus den Schulen Zimmermanns.

Aggression gegen Betroffene und Ehrung des Täters

Mehrere Moosbacher und Eslarner – zumeist Ex-Schüler des Geistlichen – äußerten rasch ihren Unmut darüber oder sprachen von „Sauerei“, dass die 40 Jahre zurückliegenden Taten nach der Haftstrafe wieder ausgegraben würden. Allerdings ist das Objekt dieser aggressiven Empörung nicht das Regensburger Ordinariat, das im März 2010 die Medien aus taktischen Gründen mit der Causa Zimmermann (bzw. Zeitler) anfütterte, sondern ein Neffe und Missbrauchsopfer von Zimmermann: Gottlieb Hochwart.

Diesem wurde (und wird) fast durchgängig ein finanzielles Motiv unterstellt, da er die ersten Berichte über Missbrauch bei den Domspatzen im März 2010 zum Anlass nahm, von seiner eigenen (wiederholten) Vergewaltigung als Neunjähriger durch seinen Onkel im Jahre 1959 zu berichten. Hochwart konnte das Schweigen aus Scham erst nach 50 Jahren überwinden.

Hochwarts Bericht klingt glaubhaft und typisch für Betroffene, die den sexuellen Übergriff gegen sich verurteilt sehen und Täter als Täter bezeichnet haben wollen. Indes, keiner der Betroffenen aus der ehemaligen Knaben-Kapelle der 1960er hat sich bislang zu Wort gemeldet. Sei es aus Scham, oder Desinteresse.

Andererseits sind die tendenziell aggressiven Reaktionen von Ex-Schülern Zimmermanns gegen Hochwart, nachdem er seinen Onkel des Missbrauchs bezichtigte, nur mit fehlender Opferempathie und/oder Identifikation mit dem Täter zu erklären. Ins gruselige Bild passt, wenn man durch eine ältere Dame aus Eslarn hört, Zimmermann habe in den 1960ern den missbrauchten Buben aus der Knaben-Kapelle regelmäßig Geld zugesteckt, wenn sie nach der Musikprobe nach Hause gingen. Unter vorgehaltener Hand wird auch von „Schweigegeld“ gesprochen.

Nicht zuletzt die Identifikation mit dem Täter führte in Eslarn bereits vor 20 Jahren zu einer Initiative mehrerer Vereine und Musikgruppen, die Zimmermann mit einem Straßennamen ehren wollten. Daraufhin beschloss der Marktgemeinderat Ende 1993 eine „Gg.-Zimmermann-Straße“.

Eslarn ehrte den Missbrauchstäter Zimmermann mit einem Straßennamen. Foto: Werner

Eslarn ehrte den Missbrauchstäter Zimmermann mit einem Straßennamen. Foto: Werner

Nachdem der Neffe Gottlieb Hochwart im Sommer 2010 von diesem Straßennamen gehört hatte, stellte er aufgebracht im Marktgemeinderat Antrag auf Umbenennung in: „Straße der gepeinigten und missbrauchten Kinder“. Dieses Begehren wurde im Februar 2011 im Gemeinderat debattiert, jedoch ohne Beschluss vertagt.

Zimmermanns Wirken als Musiklehrter wird im öffentlichen Raum ungebrochen und durchgängig positiv dargestellt: im Eslarner Rathaus befindet sich seit 1992 eine Tafel „Zum Gedenken an den Gründer der „Grenzland-Musikschule e.V.“ und in deren Vereinsvorstandschaft denkt man unverblümt über ein „Zimmermann-Museum“ nach. Im diesjährigen Kalender der örtlichen CSU präsentiert man sogar ein Bild der „Knaben-Kapelle Eslarn“ von 1963. Freilich ohne ein Wort über das Schicksal der vom sexuellen Missbrauch betroffenen Buben zu verlieren. Offenbar soll die kriminelle Vergangenheit Zimmermanns mit Ehrungen überdeckt werden.

Zimmermann als Priester aus der Mitte der Pfarrgemeinde

Betrachtet man die Bilder von Zimmermanns Primiz von 1949 in Eslarn, zeigt sich ein außergewöhnliches religiöses Volksfest, dessen erhöhter Hauptdarsteller der frisch geweihte Zimmermann ist. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Die Kinder tragen zur Ehre des Jungpriesters religiöse Festkleidung, sie werden für ihn wie Geschenke geschmückt. Dem am Ende gespendeten Erstlingssegen wird eine besonders positive Wirkung zugeschrieben, er darf keinesfalls verpasst werden. Vereine und offizielle Amtsträger empfangen Zimmermann als geweihte Respektsperson, der man sich in sittlichen Dingen unterzuordnen hat und der die eigenen unsittlichen Handlungen zu beichten wären.

Georg Zimmermann bei seiner Primiz in Eslarn. Foto: privat

Georg Zimmermann bei seiner Primiz in Eslarn. Foto: privat

Die Primiz ist ein in hohem Maße und mit vielerlei Bedeutungen aufgeladener Höhepunkt einer Pfarrgemeinde, das selten erreichte Ziel all jener, die an der Reproduktion katholischer Geistlicher aus der eigenen Gemeinschaft heraus arbeiten. Obwohl sich der Segen Zimmermanns für nicht wenige als Fluch entpuppte, hält man in Eslarn seinen Priester in Ehren.

Konkrete Aufklärung statt hohle Worte

Der Bamberger Kirchenrechtler Alfred E. Hierold trug im Jahr 2004 auf einer kirchenrechtlichen Tagung zu dem Thema „Pädophilie und Ephebophilie: Rechtsschutz für Opfer und Beschuldigte“ eine stimmige Bestandsaufnahme vor: „Opfer schweigen, weil sie sich schämen“, Verantwortliche in den Gemeinden, weil „sie negative Auswirkungen auf das Ansehen der Gemeinde fürchten“. Selbst Instanzen der weltlichen Justiz halten das Licht der Öffentlichkeit fern. Ermittlungsergebnisse und Gerichtsurteile werden nicht an die große Glocke gehängt, um „dem Image der Kirche nicht zu schaden“. Haftstrafen werden diskret abgewickelt, Informationen nur unter vorgehaltener Hand erzählt. „Geschwiegen haben auch viele Bischöfe, um die Priester nicht bloß zu stellen“.

All diese Beobachtungen treffen auch auf die Causa Zimmermann zu. In einem täuschte sich Hierold jedoch. Er meinte, dass sich die Zeiten grundlegend geändert haben und die römisch-katholische Kirche sich von der Wagenburgmentalität verabschiedet und „zu einer Kultur der Transparenz und der Selbstkritik bekannt“ habe. Für die Diözese Regensburg gilt dies keinesfalls, dort ist man bislang über hohle Phrasen und die kalte Abweisung von Betroffenen nicht hinausgekommen. Es wäre eine große Überraschung, wenn Bischof Voderholzer mit dem bisherigen Umgang des Regensburger Ordinariats bezüglich sexuellem Missbrauch durch Geistliche konkret brechen würde.

Wie die Diözese selbst "Altfälle" verschleiert

Missbrauch bei den „Domspatzen“ unter Theobald Schrems

Es war der 5. März 2010. Damals wandte sich die Diözese Regensburg erstmals an die Öffentlichkeit, um die Medien über sexuellen Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen zu informieren. Bistumssprecher Clemens Neck präsentiere damals nur Jahrzehnte zurückliegende Fälle. Doch selbst diese wurden irreführend und falsch dargestellt. Versuch einer Aufarbeitung.

Ein NS-Profiteur wird zum selbstlosen Judenschützer

Von Verwüstungen, Verleugnungen und Verklärungen bei Theobald Schrems

Der ehemalige Domkapellmeister Theobald Schrems gilt in Regensburg als sakrosankte Institution. Selbst in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als das Engagement des Chors und seines Leiters für Nazigrößen, Nazipartei und Nazireich durch die Kriegsniederlage eben beendet worden war, blieb Schrems weitgehend unbehelligt. Das Umfeld der Domspatzen, maßgeblich Schüler von ihm, arbeitet seit Jahrzehnten an einem geschönten Image des Chorleiters, insbesondere bezüglich seiner Rolle in der Nazizeit. Auch die im Oktober 1945 erstmals lizensierte Mittelbayerische Zeitung trug nicht zur Klärung dieser Rolle bei. Ende 2012 verstieg sich der Journalist Helmut Wanner in der MZ sogar zu der Spekulation, Schrems habe in der NS-Zeit als aktiver Judenschützer gewirkt.

NS-Rüstungszentrum Regensburg

Regensburg und Gusen – Zwangsarbeit für den Rüstungsgiganten Messerschmitt

Das „offizielle“ Regensburg tut sich schwer im Umgang mit seiner Vergangenheit als Zentrum des Rüstungskonzerns Messerschmitt. Die Verbindungen der Stadt zum KZ-System Mauthausen-Gusen waren in der lange kein Thema. Das, obwohl zwischen 1943 und 1945 mehrere hundert der Regensburger Messerschmitt-Facharbeiter zur Flugzeugproduktion nach Gusen versetzt wurden, um dort Zwangsarbeiter anzuleiten und zu überwachen.

Ausstellung in der Staatlichen Bibliothek

Aquarelle für den Vorarbeiter

Der Grad an Unterstützung und Aufmerksamkeit durch die Stadt könnte unterschiedlicher nicht sein. Während Kulturreferent Klemens Unger am 9. November im Historischen Museum mit überschäumender Begeisterung und einiger Deutschtümelei die Schau „Die Befreiungshalle Kelheim & König Ludwig I.“ eröffnete, besuchten letzte Woche nur OB-Kandidat Joachim Wolbergs und zwei, drei Stadträte die Eröffnung in der Staatlichen Bibliothek. Dort wurde die Ausstellung „Überleben durch Kunst. Zwangsarbeit im Konzentrationslager Gusen für das Regensburger Messerschmittwerk“ gestartet, ein gleichnamiger Begleitband wurde vorgestellt.

Die Regensburger Domspatzen

Hitlers liebster Knabenchor

Die erfolgreiche Propaganda-Tätigkeit des Domspatzen-Chors für das NS-Regime ist bestens belegt. Wahrhaben will man das in der Domspatzen-Gemeinde offenbar nicht. Zuletzt versuchte der ehemalige Regensburger Bischof gar, den Chor in die Reihe der NS-Opfer zustellen. Ein Überblick über das Engagement des Domchors in der Nazizeit und den späteren Umgang mit den eigenen Verstrickungen.

Kriegsende in Regensburg

SS-Brigadeführer Schottenheim als Retter der Stadt

Vor 65 Jahren wurde der Regensburger NS-Oberbürgermeister Otto Schottenheim vor Gericht gestellt. Er selbst, aber auch mancher Nachfolger war darauf bedacht, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren. In unserer Reihe zum Kriegsende in Regensburg zeichnet Robert Werner den Weg des SS-Brigadeführers vom überzeugten Nazi zum angeblich selbstlosen Retter von Regensburg nach.

Kriegsende in Regensburg

Debatte um die Revision einer Legende

Im Rahmen einer dreiteiligen Serie hat unser Autor Robert Werner das kürzlich erschienene Buch „Kriegsende in Regensburg. Die Revision einer Legende“ besprochen. Dabei hat Werner auch die Rolle von Stadtheimatpfleger Dr. Werner Chrobak kritisch beleuchtet. Am Montag haben wir dazu eine Erwiderung von Dr. Chrobak veröffentlicht. Hier folgt nun eine erneute Entgegnung von Robert Werner.

Kriegsende in Regensburg: Teil III

Geschichtsklitterung im wissenschaftlichen Gewand

Mit der Publikation „Kriegsende in Regensburg. Die Revision einer Legende“ (2012), muss die bislang gültige Darstellung der letzten Kriegstage in Regensburg nach Robert Bürger (1983) als widerlegt gelten. Doch wie kam es dazu, dass Bürgers Geschichtsklitterung Eingang in die Wissenschaft fand? Teil III unserer Serie zum Kriegsende in Regensburg.

Kriegsende in Regensburg: Teil II

Legendenbildung und Wunderglaube im Kontext der Kapitulation

Mit der bereits vorgestellten Publikation „Kriegsende in Regensburg. Die Revision einer Legende“ muss die bislang gültige Darstellung der letzten Kriegstage in Regensburg nach Robert Bürger (1983) als widerlegt gelten. Falls es überhaupt Sinn macht von einem „Retter Regensburgs“ zu sprechen, wäre dieser Titel einem anderen zuzusprechen: Major Othmar Matzke. Teil II unserer Serie.

Kriegsende in Regensburg

Widerlegte Geschichtsklitterung

Peter Eiser und Günter Schießl haben Ende April 2012 mit „Kriegsende in Regensburg. Die Revision einer Legende“ das verdienstvolle Ergebnis ihrer langjährigen Recherchen bzw. Forschungen vorgelegt. Die Autoren untersuchen und – um es vorweg zu nehmen – dekonstruieren die bislang gültige Darstellung der letzten Kriegstage in Regensburg. Teil I unserer dreiteiligen Serie.

Bestandsaufnahme

Messerschmitt und Regensburg

Als beispielhaft für wirtschaftlichen „Fortschritt, politisch demokratische Stabilität und kulturelle Identität“ gelten die Messerschmitt-Werke laut der Regensburger Bewerbung für das Museum Bayerische Geschichte (2011). Eine kleine Bestandsaufnahme zu dem Rüstungsindustriellen Willy Messerschmitt und Regensburg.

Museum für Bayerische Geschichte

Agilolfinger meets Messerschmitt

Etwas berauscht vom Weltkulturerbe-Ruhm liest sich die kürzlich veröffentlichte Bewerbungsschrift Regensburgs für das „Museum für Bayerische Geschichte“. Als Symbiose aus wirtschaftlichem Fortschritt und Demokratie finden sich darin die Messerschmitt-Werke.

Das Durchgangs-Ghetto in Izbica. Foto: Edward Victor/ deathcamps.org
Vor 70 Jahren begann in Regensburg die Deportation

Die Ermordung der Regensburger Juden

Vor 70 Jahren, am 2. April 1942, begann die Deportation der Regensburger Juden. An diesem Tag wurde mit 109 Personen die größte Gruppe verschleppt. Vier Tage später trafen sie in der Nähe der ostpolnischen Stadt Lublin, in Piaski, ein. Ermordet wurden diese Regensburger im Laufe der folgenden Monate zumeist in den Vernichtungslagern von Bełżec und Sobibor. Welche Situation fanden die deportierten Juden in Piaski bzw. in den Todeslagern vor? Eine Skizze des Weges in die Vernichtung aufgrund aktueller Fachliteratur.

Aufsatz im Furtmeyr-Katalog: Plagiatorisch und unseriös

In einem Artikel auf regensburg-digital über eine Ausstellung des Regensburger Historischen Museums („Aufbruch in die katholische Tradition“ vom 11.11.2010) wird ohne weitere Begründung angegeben, dass sich Dr. Heinrich Wanderwitz, der Leiter des Regensburger Stadtarchivs, in einem Aufsatz die Position der Folterer des Rtualmordprozesses von 1476 zu eigen gemacht habe. Die kritisierten Ausführungen sind nun auch […]