Jahresthema 2019: „500 Jahre Vertreibung der Juden“

Zwischen Ignoranz und politischer Vereinnahmung

„500 Jahre Vertreibung der Juden“, lautet das Jahresthema des Kulturreferats für 2019. Geprägt ist die Arbeit jenes Referats allerdings von einer katholisch-klerikalen Perspektive, fragwürdigen Veröffentlichungen, offener Ignoranz und Desinteresse.

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Im Februar 2019 jährt sich die Vertreibung der Regensburger Juden zum 500. Mal. Wie zuletzt beim „350jährigen Jubiläum des Immerwährenden Reichstages“ (2013) oder zu „800 Jahre Dominikanerorden“ (2016) bereitet das Kulturreferat auch hierfür ein Jahresthema vor: „500 Jahre Vertreibung der Juden“. Laut den Planungen müsse der Leitfaden hierfür sein: „mahnendes Erinnern, besonnenes Aufbereiten, professionelle wissenschaftliche Forschung und konstruktive Perspektiven für die Zukunft für ein friedliches Miteinander der Kulturen und Religionen“.

Untersucht man, wie die Stadt das Thema christlich-jüdische Stadtgeschichte auf Tagungen, Ausstellungen oder in Publikationen präsentiert, zeigen sich neben einer alles überdeckenden katholischen und oft beschönigenden Perspektive des Kulturreferats auch fragwürdige Arbeiten des ehemaligen Stadtarchivars Heinrich Wanderwitz. Doch zunächst zu einer Tagung, die auch von der christlich-jüdischen Stadtgeschichte handelte.

Forschung zu christlich-jüdischen Lebenswirklichkeiten

„Die intensive Erforschung der jüdischen Geschichte unserer Stadt ist mir ein großes Anliegen.“ So begrüßte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs die etwa 40köpfige Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Mitte September im Thon-Dittmer-Palais die christlich-jüdischen Beziehungsgeflechte für den Zeitraum von 1349 bis 1648 untersuchten. Auf der dreitägigen internationalen Konferenz „Juden und Christen in Bayern, Böhmen und Österreich (1349-1648)“ wurden diverse Forschungsarbeiten über das „besondere Eigene und Gemeinsame, das Trennende und gleichzeitig Verbindende der jüdischen Lebenswirklichkeiten in Bayern, Böhmen und Österreich“ vorgestellt.

Eva Haverkamp bei ihrem Vortrag in Regensburg. Foto: rw

Eva Haverkamp bei ihrem Vortrag in Regensburg. Foto: rw

Jüdisches Leben sei seinerzeit nicht völlig abgetrennt von, sondern eng verbunden mit der Lebenswirklichkeit der christlichen Bevölkerung gewesen, so Professorin Dr. Eva Haverkamp. Dies gelte, „nicht nur für das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit“, sondern sei „ein Kontinuum seit den Anfängen des Christentums“. Eva Haverkamp organisierte zusammen mit Dr. Hubertus Seibert, beide LMU München, die Konferenz. 

Ein Viertel der in drei Sektionen unterteilten 16 Vorträge hatten einen unmittelbaren Bezug zu Regensburg (Zum Programm der Tagung). Dennoch wählten die Organisatoren Regensburg nicht zufällig als Veranstaltungsort: Dr. Eva Haverkamp leitet derzeit das Forschungsprojekt „Juden im mittelalterlichen Regensburg“ und betreut drei Dissertationen, die sich der jüdisch-christlichen Stadtgeschichte widmen. Zunächst zu einer Skizze der historischen Ereignisse.

Vertreibung der Juden aus Regensburg 1519

In den Verfolgungen während der Pestzeit Mitte des 14. Jahrhunderts, die in Bayern überaus grausam wüteten und ganze Gemeinden ausrotteten, blieben die Regensburger Juden verschont. Auch als Mitte des 15. Jahrhunderts die bayerischen Herzöge alle jüdischen Gemeinden aus ihren Territorien vertrieben, konnten sich die Juden in der Reichsstadt Regensburg noch behaupten. Doch die wirtschaftlich, politisch und religiös motivierten Vertreibungsbemühungen des Rates bzw. der Geistlichkeit Regensburgs wurden immer schärfer und vom Bayerischen Herzog unterstützt. Nur der Kaiser gewährte den Juden noch Schutz.

Mitte der 1470er Jahre wurde ein Regensburger Jude hingerichtet, weil er angeblich gestand, „dass er etlich person in der Stadt Regensburg böse gift zu machen gelert“ (Urkunden, R. Straus) habe. Einen anderen verurteilte ein Regensburger Standgericht wegen angeblicher „Gotteslästerung“ zum Tode. Die ebenfalls erhobenen Ritualmordbeschuldigungen – wonach Juden aus rituellen Gründen Christenknaben töten, um an ihr Blut zu gelangen – zielten zunächst auf einen prominenten Rabbiner und später auf die ganze Gemeinde. Der daraus resultierende, von der Stadt von 1476 bis 1480 betriebene sogenannte Ritualmordprozess gilt als gescheiterter Versuch im 15. Jahrhundert, die jüdische Gemeinde auszulöschen und siebzehn führende Gemeindemitglieder wegen der angeblichen rituellen Tötung von sechs christlichen Knaben hinzurichten.

Wegweisende Untersuchungen von Raphael Straus

Wie in der wissenschaftlichen Forschung spätestens seit den wegweisenden Untersuchungen des Historikers Raphael Straus aus den 1930er Jahren bekannt ist, arbeitete der Rat der Stadt hierbei mit unter Folter erzwungenen „Geständnissen“, frisierten Rechtsgutachten und als „Beweise“ untergeschobenen Kindergebeinen. Nach vier Jahren wurde der Prozess 1480 ohne Urteil eingestellt und die Gefangenen in eine mittlerweile wirtschaftlich ruinierte Gemeinde entlassen. Der renommierte Mittelalterhistoriker und Fachmann für christlich-jüdische Geschichte Regensburgs Peter Herde sprach von einer „Ritualmordpsychose“ um 1500 seitens der Christen.

Die Ritualmordbeschuldigungen kamen nach 1480 aber immer wieder auf. Mit Judenhass und Farbe geschmückte Flugblätter wurden verteilt. Nach Hetzpredigten im Dom, antijüdischer Entrechtungspolitik der Stadt und kollektiven Protesten der Handwerkerzünfte fiel der Vertreibungsbeschluss für die etwa 500 bis 600 Juden und Jüdinnen am 21.2.1519 (wenige Wochen nachdem der Schutz gewährende Kaiser Maximilian I. im Januar 1519 gestorben war). Sie mussten die Stadt innerhalb von wenigen Tagen verlassen.

Auf dem Platz des eingeebneten jüdischen Viertels mit der rasch zerstörten Synagoge entstand in den folgenden Wochen eine von Judenhass angefeuerte Wallfahrt mit einer Kapelle, der die Vertreibungsstrategen den Kultnamen „Zur Schönen Maria“ gaben. Der jüdische Friedhof wurde wenige Wochen später verwüstet, Grabsteine geraubt und Leichname geschändet. Der Regensburger Chronist Theodor Gemeiner (1824) berichtet davon, dass auf dem in Besitz genommenen Friedhofsareal „das christliche Siegeszeichen, das Bildniß des Gekreuzigten“ errichtet worden sei. Laut Gemeiner habe die Stadt auch noch zu seinen Zeiten die den Juden untergeschobenen Kindergebeine wie Reliquien im Rathaus aufbewahrt.

Die Wunderlegende von der Errettung eines beim Abbruch der Synagoge abgestürzten Steinmetzes schob man später nach. Sie kursiert bis heute. Wundergeschichten, die möglichst viele Wallfahrer nach Regensburg locken sollten. Ebenso später ersannen Nutznießer des Kultes ein sogenanntes „Gnadenbild“ der Wallfahrt „Zur Schönen Maria“, das weiland von Regensburger Juden geschändet worden sei. Im 18. Jahrhundert reanimierte ein Pfarrer der Kassianskirche die Wallfahrt wieder und ließ mit den Einnahmen daraus seine Kirche mit Deckenfresken verzieren. Eines davon zeigt eine Ritualmordszenerie, in der als jüdisch markierte Figuren eben mehrere Christenknaben abgeschlachtet haben.

Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts

Zwei Doktorandinnen des eingangs erwähnten Forschungsprojektes stellten auf der Tagung die Zwischenergebnisse ihrer Arbeiten vor. Veronika Nickel referierte über „Die Vertreibung der Regensburger Juden (1519)“ und die Reaktionen aus Bayern und Österreich. Nickel berichtete detailliert wie der Rat der Stadt einen Tag nach dem Vertreibungsbeschluss vom 21. Februar 1519 versuchte, diesen gegenüber Dritten zu begründen. In vier gleichlautenden Briefen habe er erklärte, angesichts der Klagen des gemeinen Volkes und des „gemurmel von gaistlichen und weltlichen der Judischait halb“ habe man die Juden zum Schutz der Stadt und des Reichs „ausgeschafft“. Auch aus Angst vor Unruhen und zum Schutz der Juden selbst sei der Vertreibungsbeschluss gefasst worden.

Nickel wies darauf hin, dass sich die Stadtführung darüber im Klaren war, mit der Vertreibung einen Rechtsbruch begangen zu haben. Mit ihren vier gleichlautenden Briefen an bayerische Herzöge, den Reichvikar und das so genannte Kaiserliche Regiment in Innsbruck, die jeweils Rechte und Schutzpflichten an den Regensburger Juden innehatten, habe man die Folgen des Rechtsbruchs eindämmen wollen. Die von Juden nach der Vertreibung angestrengten rechtlichen Auseinandersetzungen vor dem Kaiserlichen Regiment Innsbruck habe die Stadt zwar zwei Jahre später verloren, und das Vorgehen des Rates sei folglich als rechtswidrig erkannt worden.

Doch trotz der Rechtswidrigkeit konnten die Vertriebenen nicht nach Regensburg zurückkehren, da der zwischenzeitlich zum Kaiser erwählte Karl V. im Jahr 1521 die rechtsbrüchige Vertreibung akzeptiert und der Stadt das Privileg der „Judenfreiheit“ („Privileg de non tolerandis Judaeis“) zugestanden hatte. Freilich nur unter der Auflage, dass anstelle der vertriebenen jüdischen Gemeinde zukünftig der Rat der Stadt Regensburg neben Strafzahlungen die üblichen Steuern selbst an den Kaiser zu leisten habe. So Veronika Nickel, deren Arbeit (als einzige) vom hiesigen Kulturreferat mit einem Promotionsstipendium unterstützt wird.

Einen weiteren Vortrag zu jüdisch-christlicher Geschichte Regensburgs hielt ihre Kollegin Sophia Schmitt. Sie untersucht in ihrer laufenden Dissertation die Auswirkungen des Ritualmordvorwurfs, der im Jahre 1474/ 76 gegen führende Mitglieder der jüdischen Gemeinde Regensburgs erhoben wurde und in einen vierjährigen Schauprozess mündete. In ihrem Tagungsvortrag skizzierte Sophia Schmitt die vielfachen Interventionen von böhmischen Adeligen, an die sich mehrere Mitglieder der jüdischen Gemeinde zur Wahrung ihrer persönlichen und wirtschaftlichen Rechte mit Schutzbriefen gewandt hatten. Aus jüdischer Sicht war die Schutzsuche im benachbarten Königreich unerlässlich, weil der schützende Kaiser weit weg war, der Rat der Stadt die Ritualmordbeschuldigungen mit enormem Verfolgungseifer vorantrieb.

Archivalische Vorarbeiten und archäologischen Auswertung

Obgleich mit dem Abschluss der von Prof. Haverkamp betreuten Dissertationen keine grundsätzliche Revision der bisherigen Forschungslage zu erwarten sein dürfte, sind die laufenden Forschungsarbeiten sicherlich begrüßenswert. Nicht zuletzt, weil alle diesbezüglichen archivalischen Quellen – lateinische, frühneuhochdeutsche, hebräische und jiddische – ediert, digitalisiert und somit weltweit zugänglich gemacht werden sollen. Ohne die äußerst umfangreiche Quellenarbeit von Raphael Straus aus den 1930er Jahren, aus der seither Generationen von Forschenden schöpfen konnten, wäre das Forschungsprojekt in dieser Form allerdings nicht möglich gewesen.

In dem laufenden LMU-Forschungsprojekt werden auch die vielfältigen Ergebnisse der archäologischen Grabungen im mittelalterlichen Judenviertel ausgewertet. Diese fanden von 1995 bis 1998 auf dem heutigen Neupfarrplatz statt und ihre Befunde werden nun von Prof. Dr. Bernd Päffgen (ebenfalls LMU) erstmals aufgearbeitet. Eva Haverkamp erwartet aus dieser „einmaligen Verbindung der Untersuchungen in Archiv und Archäologie“ neue Erkenntnisse für die christlich-jüdische Stadtgeschichte.

Auf den Weg gebracht hat das Forschungsprojekt noch der ehemalige Stadtarchivar Dr. Heinrich Wanderwitz. Dieser hatte sich in den letzten Jahren nicht nur mit seinem antinapoleonischen Eifer, seiner fragwürdigen Archivführung und der Verstrickung in der sogenannten Bürger-Legende einen zweifelhaften Ruf erworben, sondern auch mit seiner Kolportage der Ritualmordlegende.

Wie das folgende Beispiel zeigt, mangelt es seiner diesbezüglichen Arbeit an der unerlässlichen Unterscheidung zwischen den tatsächlichen judenfeindlichen Ritualmordbeschuldigungen und dem Fehlen eines historischen Belegs für eine solche rituelle Ermordung.

Ritualmordkolportage und Wanderwitz

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Ein plagiatorischer und unseriöser Aufsatz von Heinrich Wanderwitz erschien 2010 im Katalog zur Furtmeyr-Ausstellung.

Am Ausstellungskatalog Berthold Furtmeyr (2010), mitherausgegeben vom Regensburger Kulturreferenten Klemens Unger, beteiligte Wanderwitz sich mit zwei Aufsätzen. Im ersten, „Regensburg zur Zeit Berthold Furtmeyrs“, kolportiert er die Ritualmordgerüchte um 1500, anstatt sie als wahnhafte Anschuldigung und religiös motiviert abzuhandeln. Wanderwitz suggeriert mit dem Konstrukt, Aussagen von gefolterten Juden und preisgegebenes Täterwissen hätten am „bezeichneten Platz“ zu einem „tatsächlichen“ Fund von Kindergebeinen geführt, dass die rituelle Ermordung von „verschiedenen Kindern“ durch die damals Angeklagten eine historisch belegbare Tatsache sei.

Obwohl die Kritik an Wanderwitz, die auch plagiierende Arbeitsweise beinhaltete, seinerzeit über Regensburg hinaus Kreise zog,
hier und hier und hier, äußerte sich er nie öffentlich zu den Vorwürfen, an denen auch der RD-Autor dieser Zeilen beteiligt war
Dieses Wegducken konnte Wanderwitz sich leisten, da der damalige Oberbürgermeister Hans Schaidinger seinen Archivleiter stets in Schutz nahm und ihn 2011 sogar auf die Stufe mit dem angeblich auch missverstanden Papst Benedikt XVI stellte
Mit welchen Aussagen Wanderwitz missverstanden worden sein soll, wurde indes nie klar gestellt. Für eine aktuelle Stellungnahme war Wanderwitz nicht erreichbar.

Interessengeleitetes Vorgehen

Anders als Kulturreferent Unger nahm Heinrich Wanderwitz persönlich an der besagten Tagung „Juden und Christen“ teil. Nachdem Sophia Schmitt ihre bereits erwähnten Ausführungen zum Streit zwischen Stadt und böhmischen Adeligen um 1480 vortrug, blieb er bei der nachfolgenden Diskussion stumm. 

Dies verwundert etwas, da Wanderwitz genau zu diesen Fragen selber Recherchen angestellt hatte und diese in seinem zweiten Aufsatz im Furtmeyr-Katalog veröffentlichte (Siehe: Berthold Furtmeyr – sein Leben im sozialhistorischen Kontext, S. 311 – 325). Vielleicht schwieg Wanderwitz deshalb, weil er in seinen Recherchen die jüdische Seite der christlich-jüdischen Stadtgeschichte so gut wie gar nicht dargestellt und den so genannten Ritualmordprozess offenbar absichtlich vollständig ignoriert hatte.

Eine höchst bizarre und irreführende Vorgehensweise, zumal Wanderwitz nebenbei auch auf die Quellenedition des bereits erwähnten Historikers Raphael Straus verweist und dem Leser seines Aufsatzes die judenfeindliche Politik der Stadt, die prozessgewordenen Ritualmordbeschuldigungen um 1480 und die Schutzsuche der Regensburger Juden bei Böhmischen Adeligen Seite für Seite ins Auge springen, Wanderwitz sich aber einfach nicht herablässt, die essentiellen Zusammenhängen zwischen Ritualmordbeschuldigungen und böhmischer Intervention irgendwie anzusprechen.

Bei der Tagung bleibt Wanderwitz stumm. Foto: rw

Bei der Tagung bleibt Wanderwitz stumm. Foto: rw

Dass man mit dieser höchst tendenziösen Vorgehensweise auf keinen grünen Zweig kommt, muss freilich auch Wanderwitz anerkennen, wenn er rätselt: „Es scheint zu dieser Zeit noch andere Streitpunkte“ zwischen der Stadt und den böhmischen Adeligen gegeben zu haben. Hängt das dubiose Vorgehen von Wanderwitz damit zusammen, dass der Buchmaler Furtmeyr womöglich in der Folge der Entrechtung und Verfolgung von Regensburger Juden im Zuge der Ritualmordbeschuldigungen um 1500 zu jenem Reichtum gekommen ist, den Wanderwitz abschließend betont?

Forschungsprojekt zur persönlichen Imagepflege

Dass Wanderwitz die christlich-jüdische Stadtgeschichte in seinen 31 Dienstjahren als Archivleiter mit besonderer Aufmerksamkeit oder mit eigenen Werken bedacht hätte, kann man mit Blick auf seine Publikationen nicht behaupten. Dennoch kokettierte er in einem Amtszimmergespräch gegenüber regensburg-digital damit, dass alle wesentlichen Regensburger Arbeiten zur jüdischen Geschichte auf seine Amtszeit zurückzuführen seien. Anlässlich seiner Pensionierung im April 2015 gab er in einem Zeitungsbericht an, er wolle im neuen Lebensabschnitt weitere historische Untersuchungen anstellen, unter anderem über die „neuen faszinierenden Erkenntnissen über die Rolle der jüdischen Gemeinde in Regensburg“.

Es scheint, als habe Heinrich Wanderwitz das Forschungsprojekt „Juden im mittelalterlichen Regensburg“ primär zur eigenen Imagepflege auf den Weg gebracht. Ein Rückblick auf die Affäre „Hochfinanz“ von 2006 macht diesen Anschein plausibel.

Wissenschaftliches Symposium als Ablenkungsmanöver?

In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom Juni 2004 wurde angeprangert, dass das städtische Archiv eine historische Studie herausgegeben habe, die den nationalsozialistischen „Rasseantisemiten“ Wilhelm Grau nobilitiere. Gemeint ist das von Wanderwitz als Archivleiter protegierte und von ihm (ohne ersichtlichen Grund erneut) herausgegebenen Buch „Regensburger Hochfinanz“ von Klaus Fischer (2003). Fischer sprach in seinem wirtschaftsgeschichtlichen Werk zum mittelalterlichen Regensburg völlig unverblümt von der Judenfrage und bezog sich in seiner Arbeit auch auf Grau, der einst das nationalsozialistische Institut zur Erforschung der Judenfrage leitete.

Im Zuge der langjährigen Auseinandersetzung um die „Hochfinanz“ sah sich das Kulturreferat dann 2006 zum Handeln gezwungen. Da sich Archiv und Kulturreferat weder mit dem Inhalt von „Hochfinanz“ noch mit dem darin vorgenommen Versuch, den Nazi-Historiker Wilhelm Grau zu rehabilitieren, auseinandersetzen wollten, griff man eine Initiative des Frankfurter Fritz Bauer Instituts auf. Dem ging es ebenso wenig um die „Hochfinanz“ und ihre antisemitischen Stereotype, sondern um die feierliche Ehrung des für Regensburg eminent wichtigen jüdischen Historikers Raphael Straus, der 1933 ins Exil ging und 1947 in New York im Alter von 60 Jahren starb.

Die Enkelin Andrea Straus mit einem Porträt von Raphael Straus um 1909. Foto: fs

Die Enkelin Andrea Straus mit einem Porträt von Raphael Straus um 1909. Foto: fs

So entstand im Januar 2006 das Symposium mit dem Titel „Raphael Staus – eine späte Würdigung“. Damals wurde auch sein außergewöhnliches Exilwerk „Apokatastasis. Eine friedvolle Betrachtung über Judentum und Christentum“ vorgestellt, das bislang unveröffentlicht blieb (Das Programm des Symposiums als PDF).

Versprochene Korrekturen verschludert

Ein Beitrag des Symposiums ging ausführlich auf den Nazi-Historikers Wilhelm Grau ein. Dieser gilt laut Patricia v. Papen-Bodek als „Spiritus rector der Nazifizierung der jüdischen Geschichte“ und hat die bereits erwähnte Quellensammlung von Straus zu der antisemitischen Hetzschrift namens Antisemitismus im späten Mittelalter (1934) umgedeutet. In der Regensburger Literatur zur christlich-jüdischen Stadtgeschichte ist Graus Werk weitverbreitet. Es stand in seiner zweiten Ausgabe von 1939 sogar jahrelang in der Präsenzbibliothek des Stadtarchivs unter Wanderwitz, dargeboten als eines der Standardwerke des Archivs. 

Als ein Ergebnis des Straus-Symposiums teilte Kulturreferent Unger seinerzeit mit, dass die vom Stadtarchiv herausgegebene „Hochfinanz“ mit einem Korrekturblatt versehen werde. Da das Kulturreferat dies jedoch versäumte, nahm der Verlag die „Regensburger Hochfinanz“ Jahre später, nach einer Recherche von regensburg-digital von 2010, aus dem Programm und die Restauflage wurde makuliert.

Was dem Kulturreferat „nicht bekannt“ ist

Die feierliche Veranstaltung zu Straus von Januar 2006 eröffnete seinerzeit der Kulturreferent Klemens Unger. Der ihm untergeordnete, aber nicht immer gewogene Archivleiter Wanderwitz zeigte sich nur kurz, versprach aber generös, die Tagungsbeiträge des Symposiums zu veröffentlichen. Auf die Umsetzung dieses Versprechens warten Redner und Besucher des Symposiums noch heute – offenbar wollte Wanderwitz sich nur als großzügiger „Gönner“ der jüdischen Stadtgeschichte präsentieren. Eine diesbezügliche aktuelle Nachfrage beim Kulturreferat ergab, dass „nicht bekannt“ sei, warum die Publikation des Symposiums (2006) nicht weiter verfolgt worden sei.

Die öffentliche Ehrung von Raphael Straus 2006 war mehr als spät und überfällig. Doch ist eine städtische Würdigung überhaupt irgendetwas wert, wenn man die davon zeugende Publikation versanden lässt und nicht einmal die Gründe dafür zu nennen vermag? Hier scheint absolute Gleichgültigkeit, wenn nicht Verachtung gegenüber dem Geehrten zutage zu kommen.

Kulturpolitik mit katholisch-klerikalem Einschlag

Kulturreferent Klemens Unger, gelernter Handelsfachwirt und Reiseverkehrskaufmann, betont in seiner Selbstdarstellung, dass er „an den Universitäten Regensburg und München Kunstgeschichte, Geschichte und Erziehungswissenschaften“ studiert habe. Wenn die Stadt Regensburg eine historische Tagung veranstaltet oder das Stadtarchiv Bücher publiziert, gehen diese über seinen Tisch. Wie die Ausstellung zu Furtmeyr (2010) und dem Dominikanerorden (2016) zeigen, betreibt das Kulturreferat dabei eine eigene Agenda, eine Vergangenheits- und Kulturpolitik mit katholisch-klerikalem Einschlag. Dies zeigt sich etwa daran, wie mit den bereits erwähnten Legenden und den „Gnadenbildern“ der Wallfahrt „Zur Schönen Maria“ umgegangen wird.

Kulturpolitik mit klerikalem Einschlag: Klemens Unger. Foto: Archiv/ Staudinger

Kulturpolitik mit klerikalem Einschlag: Klemens Unger. Foto: Archiv/ Staudinger

Aufgrund von neiderfüllter innerkatholischer Konkurrenz entstanden im Laufe der Jahrhunderte nämlich mehrere „Gnadenbilder“, deren Eigentümer bis heute beanspruchen, die einzig wahre „Schöne Maria“ von 1519 zu besitzen. Eines davon befindet sich in der Dauerausstellung des Diözesanmuseums und wurde etwa für die Furtmeyr-Ausstellung (2010) ins Historische Museum transloziert und dort als originales „Gnadenbild“ präsentiert.

Bei solchen Gelegenheiten legt die Präsentation Wert auf eine legendengerechte Deutung der Wallfahrt, kritische Erklärungsansätze hingegen werden ignoriert. Eindrücklich vorgeführt wird dies etwa vom Kurator Wolfgang Neiser, der als katholischer Theologe und Kunsthistoriker Ungers Agenda fachgerecht umsetzten kann. Für die Schau „Regensburg im 16. Jahrhundert“ bezeichnet Kurator Neiser, offenbar nach Worten ringend, die Vertreibung der jüdischen Gemeinde als „das tragischste Ereignis des 16. Jahrhunderts in Regensburg“.

Im Furtmeyr-Katalog (S. 467) spricht Neiser, ein Freund der sogenannten Volksfrömmigkeit, die Wallfahrt „zur Schönen Maria“ als einen „Höhepunkt christlichen Lebens“ um 1500 an. So gesehen reproduziert das Kulturreferat bis heute Teile der Kultpropaganda der judenfeindlichen Wallfahrten.

„Konservativ, rückwärtsgewandt und klerikal“

Stadtratsmehrheiten aller Couleur ließen Klemens Unger seit seinem Amtsantritt 1999 frei gewähren. Das Dreieck aus Altar, Wittelsbacher Herrschaft und katholischer Domstadt gibt ihm hierbei offensichtlich Orientierung. In gewissen Kreisen gilt er als fleißiger Referent, gewiefter Finanzjongleur (etwa fürs Haus der Musik) und gut vernetzter Kulturmanager, der auch beachtliche Kunstausstellungen, wie etwa zu Berthold Furtmeyr, Michael Ostendorfer und Albrecht Altdorfer, auf den Weg brachte. Kritiker haben ihm „manischen Franzosenhass“ oder Beschädigung des denkmalgeschützten Pylonen-Tores attestiert und sich dabei die Zähne ausgebissen. Seine Veranstaltungen seien „konservativ, rückwärtsgewandt und klerikal orientiert“, meinte auch Jürgen Huber, als er 2010 noch einfacher Stadtrat war. 

Dem Bischof gern zu Diensten

Den Wünschen des Diözesanbischofs ist der Kulturreferent gern zu Diensten. Wie Unger selber unverblümt und geradezu entblößend bekannte, als er Werbung für die angeblich hochpreisige aber mäßig besuchte Ausstellung zum diesjährigen Dominikanerjubiläum betrieb. Als die Diözese auf die Stadt zugekommen sei, habe er gerne die Gastgeberfunktion für die zentrale Veranstaltung in Deutschland übernommen. Der sich europaweit ausbreitende Predigerorden, der zunächst vor allem mit der Inquisition und später der Hexenverfolgung betraut war, „fasziniert mich so“, bekennt Unger mit funkelnden Augen. Für ihn sind die Dominikaner „das Paradebeispiel von Seelsorger … in der Suche nach Wahrheit“. Unger wollte mit diesem Thema „ein Stück Regensburger Kulturgeschichte profilieren“. 

In der Dominikaner-Ausstellung kamen auch die judenfeindlichen Zwangspredigten des Mönchs Petrus Nigri in Regensburg gegenüber Juden um 1480 zu Sprache, die geschichtlichen Hintergründe und das Vorgehen Nigris werden im Ausstellungstext, wie zu erwarten war, geschönt. (Ein eigener Artikel hierzu folgt.)

Die Agenda des Kulturreferenten deckt sich offenbar nicht (immer) mit der der politischen Stadtführung. Wenn Oberbürger Wolbergs etwa „die intensive Erforschung der jüdischen Geschichte unserer Stadt“ zu seinem großen Anliegen erklärt, bedeutet dies noch lange nicht, dass das Kulturreferat dies (ersichtlich) umsetzt.

Idealisierung der Stadtgesellschaft

OLYMPUS DIGITAL CAMERABei der Begrüßung der Teilnehmer der eingangs erwähnten Tagung Juden und Christen in Bayern, Böhmen und Österreich (1349-1648) bekannte sich Oberbürgermeister Joachim Wolbergs ausdrücklich zum Neubau einer Synagoge, der unter anderem von der Stadt und einem Verein gefördert wird und 2019 abgeschlossen sein soll.

Die schändliche Beteiligung der Stadt an der Zerstörung der Synagoge von 1938 sei seit 1945 der Ausgangspunkt „für alle, die in Regensburg politische Verantwortung tragen, dafür, dass wir die heutige jüdische Gemeinde nach Kräften unterstützen und für ein gesellschaftliches Klima einsetzen, das geprägt ist von Akzeptanz, von Respekt, Vielfalt und Kommunikation.“ Wolbergs weiter: „Die Regensburgerinnen und Regensburger“ seien froh über diesen Neubau. Alle Regensburger? Von den wiederholten Schändungen des jüdischen Friedhofs, von Hassbriefen oder Drohanrufen gegenüber der Gemeinde nach 1945 bis heutzutage scheint Wolbergs nichts zu wissen.

Unter dem von Oberbürgermeister Wolbergs lange verteidigten ehemaligen BVP-NSDAP-CSU Bürgermeister Hans Herrmann etwa, der sich nach seiner Wahl zum OB 1952 besonders für ehemalige führende Nationalsozialisten einsetzte, lehnte die Stadtverwaltung sogar einen Bauantrag der Jüdischen Gemeinde für ein Mahnmal zur Erinnerung an die NS-Opfer ab, da dies „in keiner Weise den künstlerischen und städtebaulichen Erfordernissen“ entspreche. Erst über 30 Jahre später wurde 1986 das jetzige Mahnmal am jüdischen Gemeindehaus errichtet.

Die zweite Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) sprach am ersten Abend der besagten Tagung die offiziellen Begrüßungsworte zum festlichen Abendvortrags, den der renommierte Forscher Dr. Israel Yuval von der Hebräischen Universität Jerusalem zum Thema „Wer ist Jude? Religion oder Nation“ hielt. Maltz-Schwarzfischer, studierte Historikerin, profilierte sich hierbei und beklagte die Ermordung und Vertreibung der Regensburger Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus in außergewöhnlicher Weise: „Mit ihnen wurde uns ein bedeutender Teil unserer Stadtgeschichte und unserer Identität genommen“.

In der Idealisierung der Stadtgesellschaft steht sie Oberbürgermeister Wolbergs allerdings kaum nach: „Die Menschen in unserer Stadt haben daraus gelernt“. In Regensburg hätten „Neonazis mit ihrem antisemitischen Geschrei keine Chance, ebenso wenig die Hetzer gegen jene Menschen, die vor Not, Krieg, Elend zu uns geflohen sind und immer noch zu uns fliehen.“

Was haben Regensburger gelernt?

Warum diese Idealisierung, fernab alltäglicher Erfahrungen? Korrespondiert das antisemitische Geschrei nicht mit der Zustimmung Vieler durch Schweigen? Warum störte sich in Regensburg (fast) niemand daran, als im März 2007 ein Stiftsprälat in der Mittelbayerischen Zeitung das bereits erwähnte Deckenfresko der Kassianskirche in abstruser Weise als eine Verurteilung der Vertreibung Juden von 1519 einstufen wollte, statt sie als das bezeichnen, was sind: die Rechtfertigung der Vertreibung und die künstlerische Darstellung der judenfeindlichen Entstehungslegende der im 18. Jahrhundert wieder aktivierten Wallfahrt „Zur Schönen Maria“?

Ritualmordbeschuldigung in einem Fresko der Kassianskirche (2015). Foto: rw

Ritualmordbeschuldigung in einem Fresko der Kassianskirche (2015). Foto: rw

Wie kann es sein, dass die Kassianskirche mit öffentlichen Fördermitteln restauriert wurde, ohne dass ein Geistlicher die im Fresko dargestellten antisemitischen Ritualmordbeschuldigungen beim Namen genannt hätte? Auch kein Bischof Voderholzer, der nach der Renovierung 2015 ihren Altar weihte und sogar einen Vortrag namens „Zum marianischen Programm der Stiftspfarrkirche St. Kassian“ hielt? 

Klerikaler Zuckerguss

Was hat ein Kulturreferent gelernt, der die christlich-jüdische Stadtgeschichte stets mit dem katholisch-klerikalen Zuckerguss eines Tourismusmanagers übergießt und was ein Stadtarchivar, der dem jüdischen Historiker Raphael Straus und seinem für die Stadtgeschichte Regensburgs überaus bedeutsamen Standardwerk offenkundig mit Ignoranz gegenübertritt?

Laut Oberbürgermeister Wolbergs will die Stadt Regensburg im Jahr 2019 des „damaligen Pogroms in besonderer Weise gedenken“. Das dafür erwählte Jahresthema, „500 Jahre Vertreibung der Juden“, klingt wie „500 Jahre Reinheitsgebot“ (was aber wohl so nicht gedacht war). In der Vorlage des Kulturreferats heißt es: „2019 wird es moralische Verpflichtung sein, ein dunkles Kapitel Regensburger Geschichte aufzuarbeiten: Die 500. Wiederkehr der Vertreibung der Juden.“

Ob Klemens Unger Anfang 2017 nochmals als Kulturreferent wiedergewählt und 2019 noch im Amt sein wird, ist ungewiss. Vielleicht wird erst nach Referent Unger der Weg frei für einen wahrhaften und selbstkritischen Umgang mit dem fraglichen Jubiläum „500 Jahre Vertreibung der Juden“.

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Kommentare (7)

  • Ronald McDonald

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    Ausweislich des nicht vollständig abgebildeten Deckenfreskos ist die sich bildprogammatisch ergebende Frage „Wer schmiß damals die Regensburger Juden aus Regensburg hinaus?“ nicht eindeutig zu beantworten.
    Im rechten Teil sind ohne Zweifel Regensburger judäophobe Synagogenhacker-Buam bei ihrer unsäglichen Zerstörungsarbeit zu sehen.
    Links oben wird ein zwischenmenschliches Schubsen und Knuffen auf einem Brückenjoch der Steinernen (noch-nicht-Weltkulturerbe-) Brücke dargestellt; angesichts der mangelnden Detaillierung ist die volksgruppenmäßige Zuordnung der Akteure nicht erkennbar.
    Aber in der Bildmitte da wird’s deutlich: eine barfüßige Frau in wallenden blau-weiß-roten Gewandteilen wirft große und kleine Menschen eine Treppe hinunter und tritt einem ein Messer haltenden Mann, der gute Kleidung trägt und dem ein Geldsäcklein aus der Hand gefallen ist, auf die Regio femoris anterior etwa dort, wo das Trigonum femorale sein dürfte, das tut weh, das ist nicht fein.
    Wer mag nun diese böse Frau gewesen sein? Die Frau des damaligen Regensburger Oberbürgermeisters wohl? Nein, die ging sicher nicht barfuß.
    Frau Menschenrechtserfinderin Madame Marianne in bleu-blanc-rouge war’s auch nicht, noch nicht.
    Sollte es etwa die jüdische Jungfrau aller Jungfrauen gewesen sein, die Jüdin Maria die Himmelskönigin, die da schubst und tritt die damaligen jüdischen Mitbürger der Regensburger? Kann dem abgeschnitten fotografierten Deckenbild nicht entnommen werden. Aber wenn’s so gewesen wäre, wären dann die damaligen nichtjüdischen Regensburger nicht etwa einem damaligen Ratschlag damaliger höherer Gewalt(vorstellung) gefolgt … ?
    Man weiß es heute nicht mehr; aber dank Nostra Aetate wissen wir dafür im Heute: „Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen … die brüderliche Haltung verweigern. So wird also jeder Theorie oder Praxis das Fundament entzogen, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk, bezüglich der Menschenwürde und der daraus fließenden Rechte einen Unterschied macht. Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht“.
    Betrachtet man dieses Deckenbild mit diesem Wissen, dann könnte sich die Frage ergeben: wie hätte der Künstler sich damals an der Decke ausgemalt, hätte er den nostra-aetatischen Text an seine Palette gepinnt gehabt …

  • joey

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    „Die 500. Wiederkehr der Vertreibung der Juden.“
    Wiederkehr? Werden hier jedes Jahr Juden vertrieben?

    Selbstverständlich will die katholische Kirche mit den damaligen Verbrechen nichts mehr zu tun haben, ebenso wenig wie die anderen heutigen Regensburger. Sie sind es auch nicht gewesen, Schuld ist immer persönlich und nicht vererbbar.

    Die historischen Tatsachen sind auch nicht mehr grundsätzlich interpretierbar. Ritualmorde kann man für unwahrscheinlich halten, ein rechtlich einwandfreier Prozeß wurde damals sicher auch nicht gemacht. Selbst wenn ein Jude ein Kind in konventionellem Verbrechen getötet hätte, ist die Vertreibung per se Unrecht.

    Schuld ist nicht vererbbar, Erinnerung schon. Die Ausrufung von Jubiläen ist meisten fragwürdig, hier aber besonders. Das Gedenken sollte beständig sein. Da sind die document Anlagen sehr gut und richtig – kleinlich der Eintrittspreis 2,50. Kann sich Regensburg keine kostenfreie Erinnerungsstätte leisten?

    Ebenso schlau wäre, wenn die neuen Arbeiten per download zugänglich frei publiziert werden, soll die Stadt den Autoren ein Honorar geben (besser als gar keines, wenn die Büchlein in der Bib verstauben).
    Besser angelegt wie das Buffet, das den Allerwichtigsten bei den entsprechenden Festakten gegeben wird, wo sich alle gegenseitig der moralischen Höhe versichern.

  • Moartl 2

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    Mein Namenskollege (da Moartl) hats anderwo schon gesagt:
    „Dass Dr. Wolfgang Neiser, ehemaliger katholischer Priester der Diözese, sich wunderbar und nahtlos in das Geflecht von provinzieller Stadtpolitik und römisch-katholischem Filz einfügen würde, das pfeifen inzwischen schon die Spatzen von den Dächern. Die Besetzungspolitik der Kunstgeschichte an der Universität ergänzt das Gesamtbild hervorragend. Von einer über den provinziellen „Kelten-Römer-Katholiken“- Horizont hinaus reichenden, vielleicht gar zeitkritischen Geschichtsforschung und deren musealer Aufbereitung darf man deshalb in Regensburg auch künftig allenfals ein wenig träumen.“

    Hinzu kommt, wie H. Werner in seinem Text dargelegt, dass dieser Herr Neiser ein Freund der volksfrömmig-judenfeindlichen Wallfahrer zu sein scheint.

    Passt doch alles zum Unger! Armes Regensburg.

  • Triumph und Schande

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    Wertvoller Artikel wenn auch manchmal etwas brennend und ausufernd. Danke für die Verdeutlichungen. So ist die Wallfahrt „zur Schönen Maria“ für die einen ein „Höhepunkt christlichen Lebens“ für die anderen eine üble Re-Inszenierung eines von Paranoia und Rachsucht getriebenen Siegeszugs. Das muß man sich vor Augen halten, dasselbe Ereignis – des einen Untergang, des anderen Triumph.
    Wäre es nicht besser diese Neupfarrkirche endlich zurückzubauen und diesen Ort des schändlichen Triumphs endlich zu befrieden? 2019 wäre dafür ein gutes Jahr.

  • Mathilde Vietze

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    Vielleicht denken jetzt so manche darüber nach,
    daß ein Kulturreferent vom Profil eines Dr. Bernd
    Meyer doch nicht so ganz verkehrt wäre.

  • Vom Regensburger Umgang mit der Judenfeindschaft » Regensburg Digital

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    […] Christophorus Hoffmann gilt als früher Humanist, als solcher gab er sich den lateinischen Namen „Ostrofrancus“. Nicht nur der Regensburger Chronist Carl Theodor Gemeiner auch ihm nachfolgende beziehen sich grundlegend und unkritisch auf seinen einflussreichen lateinischen Bericht De Ratisbona Metropoli Boioariae et subita ibidem judaeorum procriptione (Die hier benutzte Übersetzung ins Deutsche stammt von Michael Eichhammer und wurde für meinen Aufsatz Die Regensburger Ritualmordbeschuldigungen, erschienen in den Verhandlungen des Historischen Vereins Bd. 150, vorgenommen.). Über Ostrofrancus/ Gemeiner wurden somit die Ritualmordbeschuldigungen tradiert. […]

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