Buchbesprechung

Aufsätze eines Überlebenden

Argyris Sfountouris war am 10. Juni 1944 knapp vier Jahre alt, als sein Heimatdorf von einem Kommando der Waffen-SS fast vollständig vernichtet wurde. Nun sind seine Reden und Aufsätze eines Überlebenden in Buchform erschienen.

Argyris Sfountouris war am 10. Juni 1944 knapp vier Jahre alt, als sein Heimatdorf von einem Kommando der Waffen-SS fast vollständig vernichtet wurde. Foto: privat

Argyris Sfountouris: „Man muss in bitterer Enttäuschung eine Kontinuität der Verhöhnung der Toten feststellen.“ Foto: privat

Als ich Mitte der 1980er eine Reise auf eine Mittelmeerinsel plante, wurde mir von meinem damaligen Nachbarn nachdrücklich davon abgeraten. Der gemeinhin als honorig geltende Herr meinte mich vor den Inselbewohnern warnen zu müssen, die seiner Weltkriegserfahrung nach alle „Banditen und Partisanen“ seien. Gut zehn Jahre später hörte ich zum ersten Mal einen Vortrag von Argyris Sfountouris, in dem er auf seine eindrückliche Art das Massaker an der Zivilbevölkerung von Distomo und sein Überleben thematisierte. Auch hier dieselbe Reaktion: Die Getöteten wären doch alles „Partisanen“ gewesen, meinte ein gewöhnlicher deutscher Zuhörer. Leider waren und blieben der Nachbar und der Zuhörer keine politisch-auffälligen Ausnahmen. Wie Argyris Sfountouris feststellen musste, handelt es sich bei der Rede von „Banditen und Partisanen“ um eine gewisse deutsche Staatsräson. Nun sind seine diesbezüglichen Reden und Aufsätze eines Überlebenden in Buchform erschienen.

„Bandenverdächtige und Bandenangehörige“?

Argyris Sfountouris war am 10. Juni 1944 knapp vier Jahre alt, als sein Heimatdorf von einem Kommando der Waffen-SS fast vollständig vernichtet wurde. Vorgeblich als Sühnemaßnahme für Angriffe von Partisanen. Insgesamt 218 Personen jeden Alters und Geschlechts, darunter Schwangere, Säuglinge und seine Eltern, wurden ermordet. Wenige überlebten, so auch seine Schwestern und er.

Im so genannten Gefechtsbericht des zuständigen SS-Hauptsturmführers und Kompaniechef Lauterbach vom Tag nach dem Distomo-Massaker heißt es:

„Nachdem das Dorf gesäubert war, wurden insgesamt 250 bis 300 tote Bandenverdächtige und Bandenangehörige gezählt; die restlichen Häuser wurden im Anschluss daran niedergebrannt.“  (Dokument 1, S. 65)

Genauer vermeldete der Kompaniechef den Tagesverbrauch an Munition: 3.050 Schuss für die Maschinen-Gewehre, 962 für Gewehre, 1.385 für Pistolen, 33 Stück Handgranaten und 44 Wurfgranaten.

Distomo war kein Einzelfall

Es gibt eine Vielzahl von griechischen Orten mit ähnlicher Geschichte, die bekanntesten sind Kalavryta, Kommeno und Lingiades. Letzteres besuchte Bundespräsident Gauck 2014.

Dennoch ragt Distomo aus dieser Reihe von Gräueltaten heraus, da die damaligen Vorgänge zufällig zu einer erhalten gebliebenen Untersuchung des Generalkommandos Südost der Wehrmacht geführt haben. Der oben genannte Offizier der Waffen-SS Lauterbach hatte nämlich in seinem Bericht behauptet, dass seine Kompanie „noch vor Erreichen von Distomon“ (so der Ortsname im Sprachgebrauch der Nazis) von dem Dorf aus beschossen und es daraufhin „gesäubert“ worden wäre. Genau dies bezeichnet der Untersuchungsbericht eines seinerzeit anwesenden Geheimen Feldpolizisten jedoch als „wissentlich falsch“. Vielmehr sei die Kompanie Lauterbachs nach einem Partisanenangriff weit außerhalb des Dorfes nochmals nach Distomo zurückgekehrt:

„Die Sühnemaßnahmen wurden nach der Rückkehr der Truppe an der in Distomon zurückgebliebenen Zivilbevölkerung vollzogen, wobei auch die 12 mitgeführten Gefangenen […] erschossen wurden. Die Erschießung von Gefangenen verstößt gegen den Befehl des Führers, der alle Kriegsgefangenen zum Arbeitseinsatz nach Deutschland bestimmt.“ (aus: Untersuchungsbericht Geheime Feldpolizei, S. 69)

Bundesregierung teilt Auffassung des SS-Führers


Anhand des folgenlos gebliebenen Untersuchungsberichts des Geheimen Feldpolizisten, dem es freilich nicht um das Leben von Zivilisten, sondern um Führerbefehl und Arbeitskraft ging, konnte Sfountouris den Verlauf des Massakers in seinem Heimatdorf akkurat rekonstruieren.

Verständlicherweise empörte es ihn ungemein, als die Bundesregierung 1995, also 50 Jahre nach der abscheulichen Tat, „die Auffassung von SS-Obersturmführer Lauterbach übernahm, der wissentlich falsch berichtet hatte […] und zum ersten Distomo-Leugner wurde“.

titelAuf seine Anfrage beim deutschen Botschafter in Athen hin bekam er im Jahre 1995 mitgeteilt: Das Massaker Distomo sei keine „NS-Tat“ sondern, eine „Vergeltungsaktion“ nach „Partisanenangriffen“ gewesen: also eine gewöhnliche „Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“, für die keine Entschädigung vorgesehen sei.

Dabei blieb es. Alle späteren Außenminister unterschiedlicher Couleur und ihre hochrangigen Beamten wiederholten diese Kriegsverbrechen normalisierende Formulierung im Wesentlichen. Damit zwangen sie Argyris Sfountouris in juristische Auseinandersetzungen, die bis heute andauern und weitgehend erfolglos blieben. Teils zusammen mit anderen Überlebenden, und teils alleine, zog er vor griechische, deutsche, italienische und europäische Gerichte.

Erwartungsgemäß wurden seine Klagen von deutschen Gerichten abgewiesen, ebenso vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag Mitte Juni 2012. Die Entscheidung des obersten italienischen Gerichtshofs, dem Verfassungsgericht, steht derweil noch aus.

Ins Bild passt, dass staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren zu den Vorgängen in Distomo versandeten oder in den 1960ern ergebnislos eingestellt worden sind. Sfountouris: „Man muss in bitterer Enttäuschung eine Kontinuität der Verhöhnung der Toten feststellen.“ (S. 39)

Bemerkenswerter Auftritt im ZDF

Argyris Sfountouris kam 1949 als Waise in das Kinderdorf Pestalozzi in der Schweiz, wo er die Schule besuchte, später studierte und danach als Lehrer an Gymnasien wirkte. Daran anschließend folgten langjährige Tätigkeiten in der internationalen Entwicklungshilfe. Er arbeitet als Übersetzer von griechischen Autoren, hat eigene Gedichte und Prosawerke veröffentlicht. Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Ein Lied für Argyris“ des Filmemachers Stefan Haupt (2006) hat ihn international bekannt gemacht.

Sein Auftritt in der ZDF-Serie DIE ANSTALT vom 31. März 2015, wo er in der Zeit der alles übertönenden Hetze gegen „die Griechen“ sein Überleben des Massakers von Distomo und die Situation in Griechenland thematisierte, kann man getrost als Sternstunde des politischen Kabaretts bezeichnen.

Nicht nur in Regensburg bekannt

Im Zuge der Ausstellung Vernichtungskrieg Verbrechen der Wehrmacht berichtete der Überlebende Argyris Sfountouris in Berlin 1995 zum ersten Mal in Deutschland vom Gemetzel in Distomo.

Auch in Regensburg hat er seine Zuhörerschaft im Evangelischen Bildungswerk vielfach in den Bann gezogen: Im Dezember 1996 zu Distomo: Falschmeldungen und Vertuschungen 1944 bis 1996 und im März 2002 über Weshalb Versöhnung? Mit wem – wie – wozu?

Die beiden sehr dichten Vortragstexte kann man nun im mit persönlichen Bildern und Dokumenten angereichertem Buch nachlesen. Ebenso wie er über die Jahre seine Argumentation verfeinert und verändert hat, aber auch wie seine Ideen ungehört blieben. So etwa sein Vorschlag, den er in einem Referat vom 7. Juni 2003 anlässlich des Hearings „Gegen die Traditionspflege der Gebirgsjäger“ in Mittenwald vortrug und ein internationales Forschungs- und Begegnungszentrum mit Sitz in Distomo als „Keim einer Friedensforschung und Kriegsprävention“ beinhaltete. „Durch Tagungen und Jugendtreffen würde die Saat des Friedens gelernt und gelehrt, um die Hoffnung und Zuversicht auf diesen Frieden für Generationen immer wieder durch wachsames Erinnern und ethischer Verantwortung ernten und unauslöschlich bewahren zu können.“ (S. 159)

Gauck mit Scham gegen Entschädigung

Im Vorwort bezieht sich Sfountouris auf Bundespräsident Joachim Gauck, der bei seinem Besuch des nordwestgriechischen Ortes Lingiades 2014 mit deutlichen Worten die dort 1943 von Deutschen begangenen brutalen Verbrechen, die ebenso wie in Distomo als Sühnemaßnahme verschleiert wurden, verurteilte. Gauck bat mit „Scham und Schmerz“ und „im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung“.

„Hätte ein Deutscher Regierungsvertreter diese Sätze vor zwanzig Jahren gesprochen, würde dieses Buch ganz anders sein“, konstatiert Sfountouris im Vorwort, bevor er seine Erinnerung an den Tod seiner Eltern mit seiner fesselnden Art in eindringliche Worte fasst.

Joachim Gauck: „Scham und Schmerz“, aber keine Entschädigung. Foto: Archiv/ Haslbeck

Joachim Gauck: „Scham und Schmerz“, aber keine Entschädigung. Foto: Archiv/ Haslbeck

Ob Gauck allerdings ohne die von Argyris Sfountouris und anderen angestrengten gerichtlichen Auseinandersetzungen je zu einer Bitte um Verzeihung und der Verurteilung der deutschen Hybris gefunden hätte, darf bezweifelt werden. Seine Vorgänger taten es jedenfalls nicht. Entschädigungen für die Überlebenden und ihre Angehörigen lehnte Gauck kategorisch ab.

Argyris Sfountouris: Trauer um Deutschland. Reden und Aufsätze eines Überlebenden. Herausgegeben von Gerhard Oberlin ist im Verlag Königshausen & Neumann GmbH erschienen und kostet 24,50 Euro (ISBN: 978-3-8260-5821-9).

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Kommentare (5)

  • Mathilde Vietze

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    Und da meinte der „Heilige Franz-Josef“:
    „Ein Volk, das soviel geleistet hat, hat ein
    Recht darauf, nichts mehr vom Holocaust
    zu hören.“ Menschenverachtend!

  • fraktur

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    Dieses Buch von Sfountouris findet Frau Gloria und die Heimatzeitung bestimmt nicht so hip wie das Buch „Gott oder nix“.

  • Mathilde Vietze

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    Da hat sich bei Frau Gloria mal wieder so eine Clique von „seltsamen Heiligen“
    versammelt und Müller hat kräftig gegen Marx gewettert. Das Buch „Kirche über-
    lebt“ das Marx herausgebracht hat, ist lesenswert, der Schmöker „Gott oder nix“
    ist etwas für die klerikale Mottenkiste.

  • Menschenskind

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    Viele begehen immer noch den groben Fehler, die Schuld für die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg allein der SS in die Schuhe schieben zu wollen.

    Wie auch Herr Werner oben schreibt, waren es neben Hitlers Elitetruppe ebenso die Gebirgsjäger, die furchtbare Massaker, zum Beispiel in Griechenland begingen.

    Vor allem Im Südosten Europas, in der Ukraine und noch anderswo (Kaukasus) wüteten jene Barbarenhorden unter dem Zeichen des Edelweiß.
    Das Schmerzliche dran ist, dass zwei Drittel der Gebirgsjäger sich aus Bayern, Badensern und Württembergern zusammensetzten, etwa 17 % waren Österreicher und nur ein kleiner Rest kam aus Restdeutschland.

    Die grausamsten Vorgesetzten stellten ebenfalls wir Bayern: die Generäle Dietl, Dietrich, Dirlewanger, u.v.m. Teils sind die Erkenntnisse über diese Verbrecher so haarsträubend, dass sie heute noch, 70 Jahre danach, als Verschlusssache eingestuft sind.

    Unser Bayern spielte also auch in diesem Abschnitt deutscher Unrechtsgeschichte eine besondere Rolle.

    Anstatt die Bürger darüber aufzuklären, belügen die bayerischen Geschichtsbücher uns Bürger und gaukeln uns vor, wir wären super, Spitze, ein Volk der Tolerantlinge seit eh und je.

    Wann endet endlich die Bürgerverblödung durch die CSU? Wie lange noch wollen wir uns von den Pseudochristlichen ein X für ein O vormachen wollen? Wann werden wir endlich mündig und wählen die Lügner und Betrüger an der Spitze unseres Landes ab!

    Wer sich neutral und ohne hurrapatriotische Schnörksel über die Gebirgsjäger informieren will, über ihre Ursprünge, ihre Protagonisten und über ihre Verbrechen, der sollte sich paar Tage Zeit gönnen und das epochale Werk von Hermann Frank Meyer lesen: „Blutiges Edelweiß“.

    Und er sollte innehalten und nachdenken über sich als Bayer.

  • kokkinos vrachos

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    Die Qual des Nichtbegreifenkönnens
    Die Aufsätze und Reden des NS-Überlebenden Argyris Sfountouris beleuchten ein verdrängtes Kapitel der deutsch-griechischen Beziehungen

    https://www.jungewelt.de/2015/10-01/002.php

    vg, kv

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