Opfer bis heute nicht rehabilitiert

Der Hexen-Hammer von Eichstätt

Dass es keine Hexen und Zauberer gibt, darüber besteht heute Einigkeit – weitgehend. Dennoch sind zahlreiche Opfer der mittelalterlichen Hexenverfolgung bis heute nicht rehabilitiert. Ein herausragendes Beispiel dafür: das Bistum Eichstätt.

"Zum Zug gebunden". Darstellung der Folter einer "Hexe" auf einem zeirtgenössischen Kupferstich.

„Zum Zug gebunden“. Darstellung der Folter einer „Hexe“ auf einem zeirtgenössischen Kupferstich.

„Montag, den 1. März 1627 ist auf vorhergehende reifliche Beratung der Fürstlich Eichstättischen weltlichen Herren Hofräte die Bürgermeisterin Ursula Bonschab auf 16 beständige und auf den Tod bestätigte Denunziationen hin wegen des Verdachts der Hexerei gefangen genommen und gleich gütlich und peinlich vernommen worden.“

Aus dem Verhörprotokoll der Ursula Bonschab

Im Zeitalter der Hexenprozesse gehörte das Hochstift Eichstätt zu den Zentren. An kaum einem anderen Ort im Deutschen Reich wurden mehr Menschen gefoltert und hingerichtet. Zwischen 1411 und 1637 sind 426 Fälle dokumentiert. Ein Blick in die ausführlichen Folterprotokolle und Todesurteile offenbart, was hinter dieser Zahl steht: Ein Kapitalverbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine Giftbrühe aus Intrigen und Habgier, Sadismus und Mordlust.

Eifrigster Hexenjäger war Johann Christoph von Westerstetten, zwischen 1617 und 1630 Fürstbischof von Eichstätt. Der Nürnberger Historikerin Birke Grießhammer zufolge sind Westerstetten mindestens 274 Hinrichtungen anzulasten. Eine von ihnen war Bürgermeisterin Ursula Bonschab.

„Im Folterkeller ist sie nach langer Rede zum Zug gebunden (Dabei wurden der nackten Frau die Arme hinter dem Rücken gefesselt und sie daran hochgezogen. Anm. von Wolfram Kastner) Die sagt, ja nun man könne sie noch so hart peinigen, damit sie es sagen müsste, sie wolle darum doch kein falsches Bekenntnis ablegen. Und nach solcher ihrer Halsstarrigkeit wurde sie nun ein wenig gerüttelt, über sich gezogen und befragt.“

Aus dem Verhörprotokoll der Ursula Bonschab

Der Künstler Wolfram Kastner hat die Protokolle der Mörder und Folterer studiert und transkribiert. Er ist zu dem Schluss gekommen: In Eichstätt wurden insbesondere vermögende Frauen und Männer als Hexen und Zauberer verfolgt und hingerichtet. Die Besitztümer und das Geld der Ermordeten hat sich die Kirche einverleibt und bis heute behalten. Für eine Rehabilitierung der ermordeten Menschen fühlt sich weder das Bistum noch die Stadt Eichstätt zuständig.

Vorschlag von Wolfram Kastner für einen Gedenkstein vor der Universität Eichstätt.

Vorschlag von Wolfram Kastner für einen Gedenkstein vor der Universität Eichstätt.

Eine 2001 geplante Ausstellung zur Hexenverfolgung wurde kurzfristig und mit fadenscheinigem Grund abgesagt. „Offensichtlich hat hier die Geistlichkeit Einspruch erhoben“, so Historikerin Grießhammer. „Bis heute haben sich die Diözese und die Stadt nicht zu diesem belastenden Erbe bekannt oder versucht, die Vergangenheit aufzuarbeiten.“

„Mittwoch den 3. März ist die Bonschabin vorgeführt und befragt worden. Die sagt, sie könne nichts sagen und wisse nichts, deswegen wurde sie gefesselt und mit Ruten gepeitscht, ohne ein Bekenntnis. Da wurden ihr nochmals die Beinschrauben angelegt – aber ohne Ergebnis.“

Aus dem Verhörprotokoll Ursula Bonschab

Ende März hat Wolfram Kastner einen Brief geschrieben. An den Oberbürgermeister von Eichstätt, Andreas Steppberger und an Bischof Gregor Maria Hanke. Der Künstler regt darin an, der Ermordeten an prominenter Stelle sichtbar und dauerhaft zu gedenken.

Kastner schreibt: „Eine Vielzahl deutscher Gemeinden hat sich in den letzten Jahren dazu verstanden, die Verfolgten, die an diesen Orten gequält und ermordet wurden, zu rehabilitieren: moralisch, theologisch, rechtlich. (…) Weil Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht verjähren, rufen wir Sie und die Stadträte von Eichstätt, die Bürgerinnen und Bürger, den Bischof und die Gemeindemitglieder auf, dem Beispiel von Köln, Bad Homburg, Detmold, Eschwege, Hofheim, Idstein, Lemgo, Osnabrück, Suhl, Sundern, Werl und vielen anderen zu folgen.“

Standardschrift der Hexenverfolgung: Der im 15. Jahrhundert geschriebene Hexenhammer.

Standardschrift der Hexenverfolgung: Der im 15. Jahrhundert geschriebene Hexenhammer.

„Sie wurde abermals zum Verhör gefordert und befragt, wie lange es her sei, dass sie in dieses Laster gekommen ist. Die sagt, sie wolle ihre Seele nicht freiwillig verdammen, denn so wahr Gott gerecht sei, so könne sie nichts bekennen. Deswegen ist sie zum Schrecken in das Gewölbe geführt, zum Zug gebunden und das Gewicht angehängt worden. Die bleibt bei ihrer Halsstarrigkeit und teilt mit, sie könne nichts bekennen, sondern diejenigen Personen, die sie angegeben haben, die haben es aus Neid getan.“

Aus dem Verhörprotokoll Ursula Bonschab

Nach 20 Tagen brutaler Folter und Kerker brach Ursula Bonschab zusammen. Sie gestand alles, was die Folterer von ihr hören wollten: Wetterzauber, Kinderausgraben, Coitus mit dem „bösen Feind“, Schadzauber mit Pulver und Salben an Menschen und Tieren. Unter Folterandrohung nannte sie 34 „Gespielen“, an denen sich die fürstbischöflichen Commissare in der Folge vergingen.

Fürstbischof Westerstetten auf seiner Grabplatte im Eichstätter Domkreuzgang. Foto: Wikipedia

Fürstbischof Westerstetten auf seiner Grabplatte im Eichstätter Domkreuzgang. Foto: Wikipedia

Ursula Bonschab wurde am 8. Mai 1627 „von Rechts wegen“ und von Gnaden des Fürstbischofs Westerstetten mit dem Schwert geköpft. Ihr Leichnam wurde verbrannt. Ihr beträchtliches Vermögen verleibte sich der Fürstbischof ein. Ursula Bonschabs Rehabilitation erfolgte bis heute ebensowenig wie eine Rückgabe des Raubguts. Sie ist nur eines von über 400 Opfern.

Die Auszüge aus dem Verhörprotokoll stammen aus den „Abschriften von Eichstädter Original-Hexen-Protokollen, Gesammelt und geschrieben von Joseph Brems, Herzoglich Leuchtenbergischer Hauptkaßier in Eichstädt 1840“, im Stadtarchiv Eichstätt. Transskript und Anmerkungen: Wolfram P. Kastner.

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Kommentare (33)

  • Joachim Datko

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    Hexenwahn: Dummheit und Bestialität durch religiöse Vorstellungen

    Religiöse Vorstellungen können extrem gefährlich sein, wie man am Hexenwahn sieht.

    Erinnern Sie sich noch, wie religiöse Eiferer im Dreieck gesprungen sind, als ein Physiker ein Kreuz in einem Regensburger Gymnasium abhängen ließ?

    Siehe: http://www.welt.de/politik/deutschland/article11199195/Die-Regensburger-liegen-ueber-Kreuz.html

    Man kann nur hoffen, dass die naturwissenschaftliche Bildung mit den anachronistischen religiösen Vorstellung aufräumt.

  • Veronika

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    Danke für diese weitere Aufklärung über historische Geschehnisse! Man muss es einfach immer wieder erwähnen, damit die Mehrzahl der Leute nicht vergisst, was einem eine bestimmte Klientel „vergessen machen“ will.
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    Erwarten wir hier aber wirklich eine Stellungnahme/ ein Schuldeingeständnis der RKK, oder wenigstens nur vom Bistum Eichstätt?
    Wohl eher nicht, denn man sieht ja was bei den Sachen (Missbrauchsfällen) geschieht, bei denen die kirchlichen Akten weitaus einfacher zu lesen wären.
    Man muss nur Acht geben, dass Leute die auch diese historischen Dinge deckeln, nie mehr in Versuchung geführt werden, irgendwann einmal wieder eine derartige Machtstellung zu erhalten.

  • Blauer Tintenklecks

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    @ Veronika: Wieso ein Stellungnahme oder gar ein Schuldeingeständnis? Die Betreffenden haben doch gestanden („Wetterzauber, Kinderausgraben, Coitus mit dem ‚bösen Feind‘, Schadzauber mit Pulver und Salben an Menschen und Tieren“). Nach der damaligen Rechtslage war damit alles klar. Nur weil wir heute andere Vorstellungen von der Welt haben, sollten wir uns nicht anmaßen, das Verhalten früherer Menschen (die sich nach damaliger Ansicht im Recht befanden) zu brandmarken. Wollten wir damit anfangen, so könnten wir damit beginnen die Steinzeitmenschen anzuklagen, die stahlen, mordeten und (nach Erfindung des Feuers) brandschatzten, da es damals einfach keine Gesellschaftsordnung gab, die solches Verhalten in Zweifel zog. Und auch heute noch gibt es auf der Erde noch „Naturstämme“, die andere Moralvorstellungen innehaben und beispielsweise immer noch dem Kannibalismus anhängen. Zu welchem Weltenrichter würden wir uns aufspielen, dies zu geißeln?
    Natürlich heißt dies nicht, dass wir mittelalterliche Folter oder Gottesurteile (die Person wurde gefesselt in einen Fluss geworfen; ertrank sie, war sie unschuldig, der Tod wurde in Kauf genommen; tauchte sie wieder auf, war sie schuldig und wurde getötet) gut heißen sollen. Jedoch sollte man bei der Beurteilung der Vergangenheit auch die damaligen Umstände (mangelnde Bildung, andere gesellschaftliche und rechtliche Vorstellungen) berücksichtigen. Und diese waren nicht – wie mit einer Forderung nach einer Entschuldigung mitschwingt – einzigartige Auffassungen eines Bistums, sondern gesellschaftlicher Konsens. Wenn man also eine Entschuldigung fodert, müsste man diese eigentlich von unser aller Vorfahren verlangen, die (größtenteils aus Unwissenheit) eine solche Rechts- und Gesellschaftsordnung akzeptiert haben. Bei dieser konsequenten Überlegung wird aber deutlich, wie unsinnig eine solche Forderung ist. Andere Zeiten, andere Sitten. Seien wir froh, dass ich die Zeiten geändert haben! Aber wir sollten davor zurückschrecken, unsere Vorfahren zu verdammen, die ob ihres gesellschaftlichen Entwicklungsstandes in einer Welt anderer Sitten lebten.

  • Ferdi

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    Wann endlich wird man diese verbrecherische Kirche zerschlagen?

  • Joachim Datko

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    Christliche Wahnvorstellungen schuld am Hexenirrsinn

    Zu 08:04:13 – 20:21

    „Jedoch sollte man bei der Beurteilung der Vergangenheit auch die damaligen Umstände (mangelnde Bildung, andere gesellschaftliche und rechtliche Vorstellungen) berücksichtigen.“

    Der wichtigste Punkt fehlt hier! Es sind die religiösen Wahnvorstellungen, die schuld an solchen Exzessen waren.

    Noch heute leben viele Menschen, meist von klein auf indoktriniert, in einem christlichen Weltbild. Selbst Martin Luther, in seiner Zeit ein relativ vernünftiger Mensch, hatte in ständiger Teufels- und Höllenangst gelebt. Das Christentum ist meiner Ansicht nach eine ganz üble Religion.

    Es gab schon vorher eine wissenschaftliche Weltsicht, die aber systematisch von Priestern unterdrückt wurde.

    Man denke auch an Galilei, der sich in hohem Alter der christlichen Dummheit beugen musste, es ging für ihn auf Leben und Tod.

    Siehe: http://mediabox.br-online.de/boxen/wissen-galilei/html/station_6.html

    „22. Juni 1633:
    Die Inquisition verkündet ihr Urteil:

    Galileo Galilei wird zu Kerker verurteilt und soll zur Buße drei Jahre lang einmal wöchentlich die Bußpsalmen beten“

  • Oje...

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    Im Telefonbuch stehen 16 Personen mit dem Namen Bonschab; ein Teil davon wohnhaft in und um Ingolstadt, ein anderer rund um Parkstetten/Bogen. Sind das womöglich Nachkommen dieser „Hexe“? Falls ja, wäre es interessant zu wissen, ob diese überhaupt ein Interesse daran haben, ob ihre Ur-Ur-Ur…oma/Ur-Ur-Ur…großtante etc. Ursula Bonschab rehabilitiert wird.

    Auch wenn dies natürlich zu vermuten ist – vor öffentlichem Interesse sollten erst einmal persönliche/verwandtschaftliche Interessen stehen. Und falls diese Nachkommen wider Erwarten schlicht ihre Ruhe haben wollen oder sich als erzkonservative Katholen entpuppen sollten, sollte man das bei allem guten Willen dennoch respektieren.

  • Kastner

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    Es ging und geht bei diesen Terrorprozessen nicht um „religiösen Irrsinn“ oder um Privat- und Zivilrecht.
    Das war ein systematischer Raubmord, wodurch sich der Fürstbischof und seine Kommissare, Folterer und Henker erheblich bereicherten und obendrein ihre Macht und die Angst der „Untertanen“ vergrößerten. Das ist und war Sinn und Ursache jedes Terrorregimes. Der Reichtum der Kirche beruht zu einem wesentlichen Teil auf solchen Raubzügen.
    Es geht heute nicht um eine wohlfeile „Entschuldigung“, sondern um eine öffentliche Rehabilitierung der ermordeten und beraubten Menschen. Die ist nach heutigen Rechtsprinzipien nicht abhängig davon, ob die Verwandtschaft das wünscht. Die Rehabilitierung ist eine Selbstverständlichkeit, so wie auch die Terrorurteile der Nazis aufzuheben waren.

  • Joachim Datko

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    Das alte Testament / Exodus
    Ex 22,17 Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.

    http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/ex22.html
    (oder auch Zauberin, Zauberer anstatt Hexe
    bzw. auch Ex 22,18 anstatt Ex 22,17)

    Zu Kastner 9. April 2013 12:59 : „Es ging und geht bei diesen Terrorprozessen nicht um “religiösen Irrsinn” oder um Privat- und Zivilrecht.
    Das war ein systematischer Raubmord, […] “

    Ihre Aussage ist falsch, es ging primär um religiöse Wahnvorstellungen. Ohne die Teufelsvorstellung der beiden großen christlichen Religionen hätte es keine Grundlage dafür gegeben.

    Das im Artikel genannte Buch Hexenhammer wurde von einem Dominikanermönch geschrieben.

  • Blauer Tintenklecks

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    @ Kastner:

    Wie kommen Sie zu der Behauptung, dass der Fürstbischof „systematischen Raubmord“ begangen habe und sich sowie „seine Kommissare, Folterer und Henker“ dadurch „erheblich bereicherten und obendrein ihre Macht und die Angst der ‚Untertanen‘ vergrößerten.“???
    Belege? Oder schnell mal frei erfunden? Wahrscheinlich zumindest irgendwo abgeschrieben.

    Es entsprach der damaligen Gesellschaft, Hexen zu verfolgen. Ja wurde gar vom Volk, das in Angst vor Hexen und Zauberern lebte, gefordert!

    Nicht zuletzt beruhte ein Hexenprozess auf einer im Malleus Maleficarum („Hexenhammer“) festgelegten Ordnung, die schlichtweg als Vorläufer unserer Strafprozessordnung anzusehen ist. Durch diese Vorschriften war die Willkühr, die bis dahin exzessiv betrieben wurde, bereits ein deutlich eingeschränkt.

    Und nochmals, wieso eine Rehabilitierung?! Ursula Bonschab hatte gestanden, war schuldig! Sollten Sie – was ich mal unterstelle – von einem Fehlurteil ausgehen, so müsste dies erst bewiesen werden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es im Mittelalter „Hexen“ gab, zumal es auf dieser Welt viele Dinge und Kräft gibt, die sich rational nicht erklären lassen. Ursula Bonschab gehörte nach eigenem Eingeständnis (welches durch ein damals als rechtlich einwandfrei angesehenes Verfahren erlagt wurde) zu diesen Hexen. Damit war die Verurteilung in Ordnung, für eine Rehabilitierung ist kein Raum.

    Letztlich geht es Ihnen – wie vielen anderen – aber nach meinem Eindruck nicht um die Frage, ob Frau Bonschab eine Hexe war, oder nicht. Ich gewinne den Eindruck, dass hier einigen Herrschaften – und zwar unabhängig von den tatsächlichen Umständen – jedes Mittel recht ist, „die Kirche“ anzuklagen, die offenbar für jedes Übel der Welt veranwortlich gemacht wird. Sicherlich hat diese Fehler begangen und begeht sie noch heute, aber dies ist meiner Meinung nach kein Grund, sie für mittelalterliche Gesellschaftsordnungen und gesellschaftliche Vorstellungen alleine verantwortlich zu machen, wie es hier geschieht.

  • Bert

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    @Blauer Tintenklecks

    „Was damals Recht war, kann heute nicht unrecht sein“…

    Ihre Erwägungen mögen theoretisch ganz amüsant sein. Mit dieser Logik sind auch die Todesurteile eines Freisler rechtens. Der hat ja dieser willkürlichen Gewalt der Nazis auch noch eine prozessuale Struktur gegeben. Und was will man Freisler für eine Gesellschaftsordnung verantwortlich machen, die doch von der Mehrheit so getragen wurde?

    Die Kirche kann man meinetwegen verteidigen, sollte aber nicht völlig den Verstand ausschalten. Was bitteschön spricht gegen eine Rehabilitierung der damals ermordeten Männer und Frauen?

  • Mr. T

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    @ Rosa Einhorn, äh Blauer Tintenklecks:

    „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es im Mittelalter “Hexen” gab, zumal es auf dieser Welt viele Dinge und Kräft gibt, die sich rational nicht erklären lassen. “

    Darf ich noch einmal zitieren?

    „Belege? Oder schnell mal frei erfunden?“

    Also mit solchen dünnsten metaphysischen Argumenten jemandem von einer historischen Schuld freisprechen ist schon äußerst dreist. Solange es keine Belege für die Existenz von Hexen, Göttern und anderem Geschwurbel gibt, gilt die Frau Bonschab definitiv als unschuldig.

  • Blauer Tintenklecks

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    @ Bert:

    Ihr „Filbinger-Zitat“ (wobei dieser stets bestritten hat, selbiges geäußert zu haben) mag meine Auffassung durchaus treffen, wenn auch mit einigen Einschränkungen.

    Denn einerseits waren die Nazis in der gesellschaftlichen Entwicklung weiter und konnten erkennen (oder hätten erkennen müssen), dass sie ihren Opfern Unrecht antaten. Andernfalls hätte man diese nicht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit veruteilen können. Dies war zur Zeit der Hexenverbrennungen anders, die Menschen waren überzeugt, dass es diese Wesen gibt, dass sie unter ihnen weilen und dass diese für ihr Unglück verantwortlich waren. Während in der Nazizeitz.B. die Juden wirklich nur aus niederen Beweggründen verfolgt wurden, war man im Mittelalter überzeugt, mit der Hexenverfolgung wirklich die richtigen zu treffen. Die Menschen waren einfach nocht nicht aufgeklärt.

    Und gerade ein Freisler ist wohl kaum mit einem Richter in einem Hexenprozess zu vergleichen. Freisler wollte nie unabhängier Richter sein und den Angeklagten ihre (ihnen trotz allem nach dem Gesetz zustehenden) Rechte nicht zuerkennen. Sein Anspruch war nie als gerechter Richter aufzutreten, sondern er wollte als politisches Gericht urteilen, „wie der Führer selbst den Fall beurteilen würde“. Die kann einem Richter in einem Hexenprozess wohl nicht vorgeworfen werden.

    Ob ich die Kirche verteidigen will, weiss ich nicht einmal. Eigentlich geht es mir nur darum, dass ich mich dagegen wende, dass mal wieder Andersdenkende ungerechtfertigt kritisiert werden. Und dabei folgt auch die Anklage gegen die Hexenprozesse oder – in den Kommentaren – gegen die Kirche mal wieder dem klassischen Schema, gegen jemanden vorzugehen, der sich nicht wehren kann oder bekanntermaßen nicht wehrt. Mag es sein, weil dieser schon seit Jahrhunderten tot ist oder dass eine Institution sich nicht gegen jeden Schmarrn verteidigt. Davon agesehen bin ich jedoch tatsächlich der Überzeugung, dass man den Hexenverfolgern mit dem Ruf nach Rehabilitation der Opfer / Hexen Unrecht tut.

  • D.B.H.

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    „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es im Mittelalter “Hexen” gab, zumal es auf dieser Welt viele Dinge und Kräft gibt, die sich rational nicht erklären lassen.“

    Hihi, das ist gut. Typisches Argument „Andersdenkender“. Getreu nach dem Motto: „Wenn ich zu blöd bin, etwas rational erklären zu können, muss die absurdeste Vermutung die richtige sein.“

    Wissen Sie welche Fabelwesen es allerdings wirklich gibt? Trolle. Und zwar im Internet…und mich lässt die Vermutung nicht los, dass Sie einer sind.

  • Eleonore

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    @ Blauer Tintenklecks:Hier wird doch gar nicht behauptet, daß die Kath. Kirche alles Unheil der Welt verursacht, nein___Aber: Die Katholische Kirche hat sehr viel Leid über die Welt gebracht und tut dies noch. Da bislang die meisten Menschen den verschleiernden Sand des Christentums in ihren Augen trugen, wurde dies nicht klar benannt___ Viele Medien tun dies bis heute nicht. Es ist gut, daß es mutige und klare Journalisten gibt, die das Unrecht beim Namen nennen. Denn nur dann, wenn eine klare Diagnose da ist, kann geheilt werden.

  • Oje...

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    @Kastner:

    Nach heutigen Rechtsprinzipien müssen „Hexen“ öffentlich rehabilitiert werden? Wohl kaum. Nach „heutigen Rechtsprinzipien“ ist eine Rehabilitierung keineswegs „eine Selbstverständlichkeit“, wie Sie fälschlicherweise glauben. Wäre es so, könnte man diese einklagen. Bitte zeigen Sie mir das Gesetzbuch, worin dies geschrieben steht!

    Sie verwechseln „fakultatives Handeln nach heutigen Moralvorstellungen“ mit „Rechtsstaatlichkeit“, wie mir scheint.

    @Bert: („Was bitteschön spricht gegen eine Rehabilitierung der damals ermordeten Männer und Frauen?“)

    Zum Beispiel das fehlende zuständige Organ. Wer soll diese „Rehabilitierung“ entscheiden und durchsetzen – der Bürgermeister von Eichstätt? Der Ministerpräsident? Der Bundespräsident? Oder die Mehrheitsmeinung der hier im Forum Anwesenden? – Und ausserdem: Wie definieren Sie denn „Rehabilitierung“? Eine Marmorstele vor dem Rathaus samt halbstündiger Bürgermeister-Rede? Oder tut’s auch ein Stolperstein?

    Dass damals Unrecht geschah, ist unbestritten. Was bringt eine posthume „Rehabilitierung“, die den damals Ermordeten rein gar nichts mehr nützt?

    So notwendig es ist, dass immer wieder an das damals geschehene Unrecht erinnert wird, so überflüssig sind die immer wieder geforderten „Rehabilitierungen“. Bringen rein gar nix, ausser einem guten Gewissen für die (Zu)Spätgeborenen und Publicity für die Reden-Schwinger an der Marmorstele.

  • Oje...

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    Und um dies nachzuschieben:

    Eine staatlich anerkannte Rehabilitation hätte – natürlich! – auch die Rückgabe des Beuteguts zur Folge. Auf deutsch: Die Kirche müsste den seinerzeit unrechtmäßig (wobei: damals war’s ja rechtmäßig!) erworbenen Besitz von (in diesem Fall) Frau Bonschab samt der daraus erwirtschafteten Gewinne wieder herausrücken.

    Die Kirche wird dies bestimmt mit Freude tun, oder? Also, die Kiste mit der Rehabilitierung könnt Ihr schwer vergessen…

  • Simone Sanftleben

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    Dazu passt (bitte bis zu der Stelle mit der Nachfolgeorganisation warten):

    :-)
    In diesem Sinne
    klar, welcher Dieb rückt schon freiwillig die Beute raus!

  • Twix Raider

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    Mit dem Hauptautor des Hexenhammers bin ich entfernt verwandt, worauf ich aber auch nicht stolz wäre, wenn ich Katholik und das Werk vom Vatikan autorisiert gewesen wäre. War es aber nicht, selbst mit der orthodoxen Auslegung der Bibel hatte es so viel zu tun wie der „Patriot Act“ mit der amerikanischen Verfassung. Im übrigen standen einige Inquisitoren selbst vor Gericht, aber nicht wegen der durchaus willkommenen Bereicherung an, sondern – Achtung! – sexuellen Missbrauchs der Hexen, so manches hochnotpeinliche Verhör hatte den Charakter einer SM-Session (abgzüglich Masochismus). Man könnte sagen, organisierter Sexualmord war ein Nebenprodukt der Beschaffungskriminalität im Namen Gottes. Pfui Teufel!

  • Joachim Datko

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    Kirchen oft unendlich reich, obgleich die Priester keiner normalen Arbeit nachgehen

    Zu 09.04.13 -21:47 „Die Kirche müsste den seinerzeit unrechtmäßig (wobei: damals war’s ja rechtmäßig!) erworbenen Besitz […]“

    Dieser Tage ist die orthodoxe Kirche in Zypern wegen Reichtums in die Schlagzeilen geraten:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zypern-orthodoxe-kirche-erwartet-verlust-von-100-millionen-a-890819.html

    „Nicht nur reichen Russen drohen auf Zypern hohe Verluste. Die orthodoxe Kirche des Landes muss laut ihrem Erzbischof hundert Millionen Euro abschreiben.“

    Was haben dann erst die reichen deutschen Kirchen auf der hohen Kante?

    Hoffentlich findet die orthodoxe Kirche in Zypern kein Schlupfloch zum Retten der Millionen, die Kirchen haben überall ihre Leute sitzen. Kirchen sind meiner Meinung nach meist üble Organisationen. Der röm.-kath. Bischof Mixa hatte es fertig gebracht, seinen Bischofsring aus der Kasse einer Waisenhausstiftung zu bezahlen.
    Siehe:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/neue-vorwuerfe-gegen-bischof-mixa-ein-gespuer-fuers-teure-1.22425

  • Veronika

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    @Blauer Tintenklecks:

    “die Kirche” anzuklagen, die offenbar für jedes Übel der Welt veranwortlich gemacht wird. Sicherlich hat diese Fehler begangen und begeht sie noch heute, aber dies ist meiner Meinung nach kein Grund, sie für mittelalterliche Gesellschaftsordnungen und gesellschaftliche Vorstellungen alleine verantwortlich zu machen, wie es hier geschieht.“
    —————————————————————-
    Wenn es nur so einfach wäre! Sie sprechen aber schon von „die Kirche“, denn damals gab es nur eine, und diese glaubt auch jetzt noch die „Einzige“ zu sein. Damals wurde aufs Volk gehört? Dass ich nicht lache!
    Ich habe es hier an anderer Stelle schon mal geschrieben, dass kath. net (Die vom em. Papst hochgelobte Online-Veröffentlichung mitunter höchst suspektiven Charakters!) mittlerweile die Kiste mit der Christenverfolgung aufmacht, dafür sogar eine eigenen Domain verlinkt hat.
    Passt irgendwie zu der Äusserung von Ex-Bischof GLM, der ja mal von Pogromstimmung sprach.
    ——————————————————————-
    Ne, ne, solange die RKK – vor allem aber die deutschen Bistümer deren Fehler nicht eingestehen – sind die es wert im Rahmen der Gesetze zu behandelt zu werden, wie man es mit fragwürdigen Organisationen zur Wahrung demokratischer Verhältnisse zu machen hat.

  • Dubh

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    Blauer Tintenklecks: „Es entsprach der damaligen Gesellschaft, Hexen zu verfolgen. Ja wurde gar vom Volk, das in Angst vor Hexen und Zauberern lebte, gefordert!“

    Aber klar doch!
    Und um das was das Volk „forderte“ haben sich im 17. Jh die weltlichen wie kirchlichen Herrscher mächtig was geschissen, es sei denn, es passte ihnen in den Kram wie die Hexenverfolgung.

    Ganz und gar zufällig waren es dann eigenartigerweise überwiegend vermögende und einflussreiche Leute Hexen.
    Keineswegs nur in Eichstätt, das war überall so.
    Du hast sicher nie davon gehört – es gibt sowas wie Geschichtsforschung – worauf sich der Artikel hier ja auch bezieht!

    Übrigens ist das 17. Jh definitiv nicht mehr Mittelalter, wie die Hexenverfolgungen überall keineswegs im Mittelalter stattfanden.

    Aber deine „Geschichtskenntnisse“ beruhen ja ausschließlich auf purer Phantasie.

    „Wollten wir damit anfangen, so könnten wir damit beginnen die Steinzeitmenschen anzuklagen, die stahlen, mordeten und (nach Erfindung des Feuers) brandschatzten, da es damals einfach keine Gesellschaftsordnung gab, die solches Verhalten in Zweifel zog. “

    Nee, könnten wir nicht, weil die nichts davon taten.

    Feuer wird nachweislich vom homo erectus seit 600.000 Jahren benutzt.
    Da sind wir noch viele Jahrhundertausende bei JägerInnen und SammlerInnen, und unsere Art, der homo sapiens ist übrigens noch gar nicht auf der Bildfläche erschienen

    Was und von wem hätten die stehlen sollen, warum, wozu und was brandschatzen?

    Wieviele Menschen sind deiner Ansicht nach vor 600.000 Jahren so auf dem Planeten rumspaziert?

    Den Ausbruch des Supervulkans Toba auf Sumatra überlebten maximal 10.000 Menschen weltweit und nach Ende der letzten Kaltzeit vor 10.000 Jahren – je gehört? – geht man von weltweit 5 – 10 Millionen Menschen aus.

    Wie kommst du also zu solch lächerlichen Behauptungen, unsere Vorfahren hätten sich permanent bestohlen und ermordet?
    Die konnten die meiste Zeit froh sein, wenn sie gelegentlich mal Artgenossen trafen.

    Merke: Es muss erst mal jemand da sein, der was hat, was man will, das den Aufwand und das Risiko lohnt – also etwas, das es nicht überall im Überfluss gibt, wie seinerzeit z.B. Essen, das man selber nicht herstellen kann, oder an das man anders nicht rankommt, weil andere drauf sitzen, und man selber nichts oder zuwenig hat wofür die tauschen oder teilen wollen

    Das Stehlen (erobern), brandschatzen und morden wurde ganz langsam erst ab etwa 6000 Jahren vor heute modern – also in etwa der Zeitraum, den auch die Stories aus dem alten Testament umfassen, rat mal warum!

  • W.Müller

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    @Blauer Tintenklecks
    Zu den diesbezüglichen Ausführungen des Herrn Datko über die profitablen 2000 Jahre andauernden Wahnvorstellungen deer Katholischen Kirche ist eigentlich Nix mehr hinzuzufügen.Die damaligen Menschen waren derart dumm und von Kindheit von der Kirche mit ihren schwachsinnigen Dogmen massivst indoktriniert.
    (2 Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Weltall „Albert Einstein“)
    Wenn aber selbst in heutiger Zeit, in der jeder Mensch Zugang zu Wissen hat, noch derart schwachsinnige Statements wie vom Blauen Tintenklecks abgeliefert werden, dann reicht selbst die Größe des Weltalls nicht als Maß für die Dummheit solcher Menschen aus.
    Dass wir Steuerzahler noch heute für die Raubzüge der Katholischen Kirche jährliche 4300 Millionen an diese mafiöse Organisation zahlen, dies seit Bismarks Zeiten und ohne Ende weiter ohne zu murren zahlen, ist noch dümmer als das Weltall groß ist.
    Hexen werden zwar gemäß den Forderungen aus der Bibel heute nicht mehr verbrannt und von den beteiligten Geistlichen gefögelt, aber dafür werden unsere den geistlichen Herrn anvertrauten Kinder umsomehr gefögelt. Ein weiteres Argument für den Tintenklecks.
    Jeder der diese mafiöse Vereinigung Katholische Kirche durch seine Beitragszahlung weiter fördert ist mit verantwortlich für deren Schäden an den Kindern heutzutage.
    W.Müller

  • Heinz-Wolfgang

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    Das Foltern dieser armen Opfer, war doch für das Volk der Ersatz
    für heutige Krimi´s im Fernsehen!

  • Maria

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    Danke für diesen Artikel !
    Ich schätze und liebe Eichstätt, doch auch die schlimmen Dinge
    müssen aufgearbeitet werden.

  • @memorandum

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    Ich kann dazu nur sagen,“ wer an Gott (die Kirche) glaubt, belügt nicht nur sich,
    sondern auch andere!
    Egal zu welcher Zeit, wer Gesetze nur dazu erlässt um seine eigene Anschauung durchzusetzten hat in einer menschlichen Ordnung, nicht zu existieren!
    @memorandum

  • Thik

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    @Oje
    „Was bringt eine posthume „Rehabilitierung“, die den damals Ermordeten rein gar nichts mehr nützt?“

    Also weg mit den Erinnerungsstätten für die Ermordung der Juden und andere Gräuel das Faschismus?

  • Angelika Oetken

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    Laut „Wikipedia“ betrieb das Bistum Eichstätt in seiner Abteilung „Hochstift“ dieses Geschäft bis 1723 https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung_im_Hochstift_Eichst%C3%A4tt

    Als „Hexenprozesse“ getarnte, unter den Augen der Öffentlichkeit durchgeführte sadistische Folterorgien setzen ja eine gewisse Organisation voraus. Das dafür nötige Personal findet sich sicherlich schnell. Aber das gestohlene Vermögen an sich zu reißen und nicht irgendwelchen anderen Räubern in die Hände fallen zu lassen, war vermutlich für die Funktionäre im Bistum Eichstätt die eigentliche Herausforderung. Immerhin fand zwischendurch auch mal der 30jährige Krieg statt (1618 – 1648). Eichstätt blieb davon nicht verschont http://www.milger.de/pest.htm

    Was wurde wohl nach 1723 aus dem Folterpersonal bzw. der Foltertradition im Bistum Eichstätt? Einfach so verschwunden? Und was ist mit den Besitztümern, die der Chefplünderer, der Eichstätter Bischof Johann Christoph von Westerstetten für seine Kirche oder wen auch immer erbeutet hat?

    Es ist doch interessant, bei wie vielen Religionen schnöde Habgier von deren Anführern spirituell eingefärbt wird.

  • menschenskind

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    „Also weg mit den Erinnerungsstätten für die Ermordung der Juden und andere Gräuel das Faschismus?“

    Das käme vielen Pegidisten, AfDlern und CSUlern gewiss gerade recht, aber tatsächlich wäre es ein Rückschritt für die Geschichte der Zivilisation.

    Eine nicht zu unterschätzende Errungenschaft der Zeit nach 1945 ist doch gerade die der Sensibilisierung für das Leid derer, die selbst nicht mehr an ihr Leid erinnern können, egal ob Juden, Roma, Serben, Polen, Russen, Homosexuelle, Hexen etc. Man hat für die unterschiedlichen Formen dieser Sensibilisierung den Begriff Gedenkkultur geprägt und ihn in allen Teilen der zivilisierten Welt so gut als möglich mit Leben (Mahn- und Denkmäler, Gedenkveranstaltungen etc.) erfüllt.

    Klar hat es auch noch nach 1945 Leid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegeben, aber die Denk- und Mahnmäler haben doch bewirkt, dass zumindest ein Teil der Nachgeborenen innehält und nachdenkt, über die eigene Identität.

    Auf uns Bayern bezogen heißt dies, dass viele, oft erst nachdem sie durch ein Mahnmal zum Nachdenken gezwungen waren, feststellen mussten, dass unsere weißblaue Identität eben doch nicht nur aus Oktoberfest, Audi, Bayern München und König Ludwig besteht, sondern auch aus Dachau, Himmler, Göring und extremer Fremdenfeindlichkeit.

    Lieber einmal (und womöglich schmerzhaft!) als keinmal an seine wirkliche Identität erinnert werden.

    Irgendwas muss uns doch vom Tier unterscheiden.

  • menschenskind

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    Noch ein historischer Nachtrag:
    Bayern, unser schönes Bayern, steht für die beiden letzten Hexenprozesse in Deutschland. Nirgends in „teutschen“ Landen war man katholischer, und nirgends rückständiger als bei uns.
    Eine Fünfzehnjährige, a jungs Deandl köpfen, einfach so, nur weil’s angeblich der Wille des Katholengottes war, und alle nahmen es hin, wie nach 1933 es (fast) alle bayerischen Katholiken hinnahmen, dass…

    Zitat:
    Vermutlich fand die letzte Hexenhinrichtung auf Reichsboden 1756 in Landshut statt: am 2. April 1756 wurde die 15-jährige Veronika Zeritschin als Hexe verbrannt, nachdem sie geköpft worden war.

    Am 4. April 1775 wurde im Fürststift Kempten Anna Schwegelin wegen Teufelsbuhlschaft als letzter Hexe in Deutschland der Prozess gemacht.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung#Letzte_Hexenprozesse

  • menschenskind

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    Erfreulich viele deutsche Städte gedenken heute an den Hexenwahn des 15. bis 18. Jh.
    Allerdings enthält die Liste, die Wiki veröffentlicht, verdammt wenig Namen bayerischer Städte.
    Gerade da, wo es am nötigsten wäre, wird nicht erinnert.

    Warum wohl?

    Na, weil doch unser Bayern „schön“ ist und auch „schön“ bleiben muss!

    Zitat Wiki:
    Rehabilitierung von Opfern der Hexenverfolgung
    Eine wachsende Zahl von Städten hat eine offizielle moralische Rehabilitation der wegen Hexerei verurteilten Menschen ausgesprochen.

    Deutschland
    Denkmal für Maria Rampendahl an der Kirche St. Nicolai in LemgoWinterberg: Bürgermeister Braun, Heimat- und Geschichtsverein und Vertreter der beiden Kirchen weihten am 19. November 1993 eine Gedenkstätte am Rathaus ein. Winterberg rehabilitierte als erste Stadt in Deutschland die Opfer der Hexenprozesse.
    Idstein: Einweihung einer Gedenktafel am Hexenturm am 22. November 1996 durch Bürgermeister Hermann Müller und Vertreter der Kirchen. Am 6. November 2014 beschloss das Stadtparlament Idstein einstimmig die moralisch-sozialethische Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse aus Idstein.
    Kempten (Allgäu): In Kempten wurde als Erinnerungsort für Anna Maria Schwegelin an der Südostseite des Residenzgebäudes der ehemaligen Benediktinerabtei am 27. Juni 2002 ein nach ihr benannter Brunnen mit Gedenktafel auf einem Sockel daneben eingeweiht. Die Errichtung des Brunnens wurde durch die Kemptener Frauenliste initiiert und finanziell unterstützt.
    Semlin: Bürgermeister Alfred Mantau und der Ortsbeirat erklärten die Verfolgung der Anna Rahns 1672 zu Unrecht und enthüllten am 27. Juli 2002 das erste Hexendenkmal in den neuen Bundesländern.
    Kammerstein und Barthelmesaurach am 24. November 2002 bzw. 23. November 2003 durch Bürgermeister Walter Schnell und Vertreter der Kirchen.
    Eschwege: Bürgermeister Jürgen Zick im Namen der Stadt und Synode des Evangelischen Kirchenkreises Eschwege am 30. Oktober 2007.
    Hofheim am Taunus: Beschluss der Stadtverordnetenversammlung am 3. November 2010.
    Im Jahr 2011 folgten Rüthen, Hilchenbach, Hallenberg, Düsseldorf, Sundern (Sauerland), Menden (Sauerland), Werl und Suhl.
    Im Jahr 2012 sprachen die Städte Bad Homburg vor der Höhe, Rheinbach, Detmold, Köln, Osnabrück und Büdingen eine Rehabilitation der Opfer der örtlichen Hexenprozesse aus.
    Am 18. Juni 2012 erklärte der Stadtrat von Lemgo, dass er durch seinen Beschluss zur Errichtung des „Steins des Anstoßes“ (Denkmal für Maria Rampendahl – siehe Foto) vom 20. Januar 1992 die Opfer der Hexenprozesse rehabilitiert habe.
    Der Rat der Stadt Soest hat am 27. Februar 2013 eine Rehabilitation der Opfer der Hexenverfolgung ausgesprochen.
    Der Rat der Stadt Freudenberg (Siegerland) am 19. April 2013.
    Der Rat der Stadt Rehburg-Loccum hat am 25. September 2013 einen Beschluss zur sozialethischen Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse gefasst.
    Der Rat der Lutherstadt Wittenberg hat am 30. Oktober 2013 eine sozialethische Rehabilitation der Opfer der Hexenverfolgung ausgesprochen.
    Der Rat der Stadt Datteln hat am 18. Dezember 2013 einstimmig den Beschluss gefasst, die Opfer der Hexenprozesse sozialethisch zu rehabilitieren. Viele Todesurteile aus dem Vest Recklinghausen wurden auf Schloss Horneburg gesprochen.
    Der Rat der Stadt Horn-Bad Meinberg: sozialethische Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse am 10. April 2014.
    Oberbürgermeister Klaus Jensen der Stadt Trier: Gedenkveranstaltung am 30. April 2014 für die Opfer der Hexenverfolgungen.
    Zur sozialethisch-moralischen Rehabilitierung der Opfer der Hexenprozesse erfolgten Beschlüsse des Rats der Kommune in Witten 2014 und Dortmund 2014
    Schleswig: Gedenkgottesdienst mit Bürgermeister Arthur Christiansen und der evangelischen Domgemeinde für die Opfer der Hexenverfolgung am 21. November 2014
    Lippstadt 2015, Wemding 2015, Blomberg 2015, Rottweil 2015
    Bamberg: Der Rat der Stadt hat am 29. April 2015 einen Beschluss zu den Hexenprozessen im Hochstift Bamberg gefasst und einen Text für eine Gedenktafel am Denkmal hinter Schloss Geyerswörth beschlossen: „Im Hochstift Bamberg wurden im 17. Jahrhundert etwa 1000 Frauen, Männer und Kinder unschuldig angeklagt, gefoltert und hingerichtet.“
    Gelnhausen 2015, Balve 2015, Bad Laasphe 2015, Barntrup 2015, Bad Saulgau 2015, Schlangen 2015, Gadebusch 2015, Hattersheim am Main 2015, Kriftel 2016, Schwerin 2016, Buxtehude 2016,

    Gedenksteine und Gedenktafeln für die Opfer der Hexenprozesse
    In vielen Orten in Europa wurde durch Politiker und Bevölkerung ein Gedenken an die Opfer der Hexenprozesse angeregt in Form von Denkmälern, Gedenktafeln, Straßenschildern. In Deutschland erinnern Gedenktafeln in etwa 100 Kommunen an die Hexenverfolgungen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung

  • semmeldieb

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    Bayern ist schön. Ich kann mir keine bessere Heimat vorstellen.

    Zeil a. Main ist hinsichtlich Hexenverfolgung interessanter als die meisten anderen, populären Orte.

    Ich kenne Zeil. Manchen Leuten dort ist es bis heute unangenehm, wenn das Thema angeschnitten wird.

    Den Zeiler Hexenturm kann ich als Ausflugsziel empfehlen. Eine tolle Dokumentationsstätte und ein schön sanierten Museumsturm.

  • menschenskind

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    „Bayern ist schön. Ich kann mir keine bessere Heimat vorstellen.“

    Gewiss doch, gewiss doch, „semmeldieb“, mach die Äuglein nur weiter zu, press auch noch die Fäuste fest auf deine Augen, vermeide um jeden Preis, dass es Tag wird um dich herum, bleib verhaftet den Märchen, die dir und so vielen anderen das Katholentum und die CSU verzapft haben.

    Stütz Dich weiter auf Dein Bild vom „schönen Bayern“, wie der Bettler auf seinen Krückstock. Lass die Realität außen vor, sollen sich ruhig andere damit rumschlagen, Hauptsache du kannst weiter alles durch deine rosarote Brille sehen…

    Das ist doch gerade die Krux mit uns Bayern, dass wir ausblenden, vertuschen, unterdrücken, staaadhalten, wegstecken. Nur nicht den Tatsachen ins Gesicht sehen, nur nicht an seinem schönen Eigenbild kratzen (lassen), denn unsere Vorfahren sind uns heilig…

    Und wohin hat uns diese Ungebildetheit, dieses Nichtwissenmwollen gebracht? — Dazu, dass wir heute noch das fremdenfeindlichste und antisemitischste Bundesland sind!

    Leut, werdet’s doch bitte endlich mündig, volljährig, reif, erwachsen!
    Nehmt’s euere Identität endlich an!
    Im Zeitalter der digitalen Informationsgesellschaft gibt es keine Lügen, Klitterungen, Beschönigungen mehr. Das haben, dank Snowden, auch unsere Freunde von jenseits des großen Teichs eingesehen, einsehen müssen!

    Und unsere bayerische Geschichte hält noch so viele Leichen im Keller bereit, dass alljährlich mit neuen Enthüllungen gerechnet werden muss. Das was dieser Artikel von 2016 zum Beispiel auflistet, steht noch in keinem einzigen bayerischen Geschichtsbuch. Aber bald wird nix anderst übrig bleiben als es auch abzudrucken, weil’s Tatsache ist.
    http://www.hagalil.com/2016/09/bayern-5/

    „semmeldieb“, ich hab‘ g’wiss nix gegen dich, aber versuch‘ wenigstens ein Bürger unserer modernen Zeit zu werden, sonst überholt dich unsere Zeit und zwar gnadenlos, und alle, die ähnlich ticken wie Du, ebenso!

  • Angelika Oetken

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    Der Artikel ist sehr gut. Aber schon dreieinhalb Jahre alt. Wie kommt es eigentlich, dass er sich aktuell hier auf Regensburg Digital auf Platz 7 der Rubrik „Am meisten gelesen“ befindet?

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