Vor 70 Jahren begann in Regensburg die Deportation

Die Ermordung der Regensburger Juden

Vor 70 Jahren, am 2. April 1942, begann die Deportation der Regensburger Juden. An diesem Tag wurde mit 109 Personen die größte Gruppe verschleppt. Vier Tage später trafen sie in der Nähe der ostpolnischen Stadt Lublin, in Piaski, ein. Ermordet wurden diese Regensburger im Laufe der folgenden Monate zumeist in den Vernichtungslagern von Bełżec und Sobibor. Welche Situation fanden die deportierten Juden in Piaski bzw. in den Todeslagern vor? Eine Skizze des Weges in die Vernichtung aufgrund aktueller Fachliteratur.

Das Durchgangs-Ghetto in Izbica. Foto: Edward Victor/ deathcamps.org

Das Durchgangs-Ghetto in Izbica. Foto: Edward Victor/ deathcamps.org

Piaski – ein Schtetl wird zum „Sammel-Ghetto“

In der Kleinstadt Piaski lebten in den 1920er Jahren etwa 4.000 Menschen, über die Hälfte davon waren Juden. Zu Kriegsbeginn lebte man im Osten Polens überwiegend in ärmlich-ländlichen Verhältnissen. Die dortigen Holzbauten hatten weder fließendes Wasser, noch gab es eine Kanalisation. Die jüdische Bevölkerung war hauptsächlich in Handel und Handwerk tätig, wohnte aber weitgehend abgetrennt im eigenen Viertel, im Schtetl. Nach dem Überfall auf Polen bzw. nach seiner Aufteilung zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion verfolgten die Deutschen den sogenannten Nisko-Plan. Dieser sah vor, polnische Juden in ein „Reservat“ zwischen Lublin und der westlich davon gelegenen Stadt Nisko zu vertreiben.

Doch auch Juden aus Prag und Wien deportierte man bereits im Oktober 1939 nach Lublin und zwang sie zur Arbeit. Ein Vertreibungsprojekt. Denn zu diesem Zeitpunkt gab es weder Entschluss noch Plan für die Vernichtung der europäischen Juden. Dies zeigt sich auch an den Todeszahlen der zivilen Opfer. Dem Historiker Bogdan Musial zufolge wurden bis zum Ende des Jahres 1939 circa 7.000 jüdische jedoch mindestens 50.000 nichtjüdische Polen von Deutschen ermordet. Nachdem die Nazis den Nisko-Plan Ende 1940 wegen mangelnder Umsetzbarkeit aufgegeben hatten, wurde für den Distrikt Lublin angeordnet, jüdische Viertel in mehreren Städten abzugrenzen, um vertriebene polnische Juden aufnehmen und sammeln zu können: so in Piaski, Izbica, Zamość oder Bełżyce. Bereits im Frühjahr 1941 zäunte man das jüdische Viertel in Piaski ein und hielt dort circa 5000 Juden unter Bewachung gefangen. Es herrschten Hunger, Willkür und katastrophale hygienische Verhältnisse, die sich ab Juni 1941 mit dem Beginn des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion nochmals verschärfen sollten.

Wer sich eine Vorstellung von den Umständen der Ermordung der Regensburger Juden verschaffen will, muss sich mit der Vernichtung der polnischen auseinandersetzen.

Die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“

Im Sommer 1941 stellte der Stab um den Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik erste konkrete Überlegungen an, wie die Vernichtung der polnischen Juden wohlorgansiert ins Werk zu setzen sei. Der interne Tarnbegriff dafür lautete „Aktion Reinhardt“. Sie sollte im „Generalgouvernement“, dem vom Deutschen Reich besetzten polnischen Gebiet, stattfinden. Drei abseits gelegene Orte mit Gleisanschlüssen wurden für noch zu errichtende Vernichtungszentren ausgewählt: Bełżec, Sobibor und Treblinka. Zeitgleich wurde entschieden, zur Tötung der Verschleppten erstmals Vernichtungslager mit fest installierten Gaskammern zu bauen. Noch im November desselben Jahres begann die Zentralbauleitung der SS mit dem Umbau des Arbeitslagers in Bełżec. Im Februar 1942 begann das systematische Morden. Die ersten Opfer waren jüdische Arbeiter, die zuvor die Vernichtungsanlagen aufbauen mussten.

Karte des Generalgouvernements. Quelle: Wikipedia

Der erste Deportationszug traf am 17. März 1942 in Bełżec ein. Er war mit Juden und Jüdinnen aus Lublin beladen. Die Ankömmlinge wurden im Glauben gelassen, sie seien in einem ungefährlichen Zwischenlager und würden nach Desinfektion und Badaufenthalt zu einem Arbeitslager weitertransportiert. Häftlingsbaracken gab es in Bełżec keine. Wer ankam, wurde alsbald getötet. Unmittelbar nach ihrer Ankunft trennte man Männer und Frauen, geleitete sie in Auskleide-Baracken, schnitt den Frauen das Kopfhaar ab und brachte sie dann nackt in Gruppen zu den etwa 200 Meter entfernten Gaskammern.

Als tödliches Gas benutzten die Deutschen und ihre Helfer hauptsächlich Motor-Abgase. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt. Als Ende Dezember 1942 kein Platz mehr für weitere Massengräber war, wurden die Leichen exhumiert und verbrannt, die Gebäude in der Folge abgerissen und das Gelände eingeebnet. Über 430.000 Menschenleben wurden in diesen neun Monaten ausgelöscht. Bei den Massenmorden in den beiden anderen Vernichtungslagern ging man analog vor: in Sobibor ab Mai und in Treblinka ab Juli 1942. Jeweils etwa ein Jahr lang. Die erschreckende Bilanz der „Aktion Reinhardt“: Zwischen 1,7 und zwei Millionen Tote, hauptsächlich Juden, aber auch einige Tausend Roma. Etwa ein Prozent der jüdischen Opfer, circa 15.000, stammten aus dem damaligen Deutschen Reich und wurden von März bis Juli 1942 in die Durchgangs-Lager nahe Lublin verschleppt.

Piaski – ein nationalsozialistisches Durchgangs-Lager

Die im April 1942 nach Piaski deportierten Regensburger befanden sich in Begleitung von etwa 900 bayerischen Juden, die hauptsächlich aus München und Augsburg kamen. Der Deportationszug endete im 15 Kilometer weiter östlich gelegenen Trawniki, da Piaski keinen Bahnanschluss hatte. Die Strecke ins Durchgangs-Lager musste zu Fuß bewältigt werden. Ob und wie viele Menschen bereits auf dem Transport zu Tode kamen, ist nicht bekannt. Es gibt keine sichere Belege, die nähere Auskunft über das weitere Schicksal und den Todeszeitpunkt geben könnten. Aus Briefen von Anfang 1940 nach Piaski verschleppten Stettiner Juden sind viele Details des Lagerlebens bekannt. Untergebracht wurden die Verschleppten in den Wohnungen der (vormals) ortsansässigen Juden: Teilweise zu Zehnt und mehr in einem Zimmer, meist ohne Licht und Heizmöglichkeit. Typhus, Erfrierungen und elender Hunger waren lagerweit verbreitet. Trinkwasser, Decken und brauchbare Bekleidung rar. Wasserklosetts unbekannt.

Das Durchgangs-Lager wurde durch die Hauptstraße in zwei Teile aufgetrennt und nur in einem davon befand sich ein Brunnen. Die mit ins Lager gebrachten oder zugeschickten Wertgegenstände wurden auf dem Schwarzmarkt in überlebensnotwendige Lebensmittel getauscht, vieles davon jedoch von den Deutschen gestohlen oder beschlagnahmt. Wie in vielen anderen nationalsozialistischen Ghettos auch wurde eine jüdische „Selbstverwaltung“ installiert –Volksküche, Judenrat, Ordnungsdienst – die alle Anordnungen der SS umsetzen musste. Unter anderem daraus speisten sich schwere Konflikte zwischen den zumeist orthodoxen polnischen und den liberalen bzw. säkularen und zum Teil konvertierten deutschen Juden.

Von Piaski in die Vernichtungslager

Um in Piaski Platz für die Neuankömmlinge aus dem „Reichsgebiet“ schaffen zu können, wurden Ende März 1942 über 3.000 polnische und Stettiner Juden weiter nach Bełżec verschleppt und ermordet. Die zu jener Zeit inhaftierte Stettiner Jüdin Martha Bauchwitz berichtete in einem Brief auch über ihre deportierten Mithäftlinge: „Man erzählt, viele seien unterwegs gestorben. Keiner weiß, wo sie sind.“ Auch Siegfried Wittmer (Regensburger Juden, hg. vom Archiv der Stadt Regensburg 1996, S. 362) zitiert aus diesem 1968 publizierten Brief, schreibt ihn allerdings verfälschend einem „Wormser Israeliten“ zu und gibt dabei keine Quelle für sein wörtliches Zitat an. Anfang April treffen rund 4000 deutsche Juden in Piaski ein, darunter auch die Regensburger. Der nächste große Transport mit 3.400 Juden von Piaski ins Vernichtungslager Bełżec ist für den 23. April vorgesehen. Es ist anzunehmen, dass sich bereits unter den damals Ermordeten nicht wenige aus Regensburg befanden.

Namenslisten der Opfer haben die Täter und ihre Helfer nicht geführt, nur die Zahlen der Opfer registrierte man für die Statistik. Für Juni 1942 ist eine weitgehende Räumung des „Durchgangs-Ghettos“ Piaski – so der Sprachgebrauch der Täter – belegt. Diesmal wurden die Opfer jedoch in das mittlerweile in Sobibor fertiggestellte Vernichtungslager verschleppt. Als Anfang Oktober 1942 dem Gouverneur des Distrikts Lublin Bericht über die „Aktion Reinhardt“ erstattet wurde, nannte man die Zahl von 5.466 deutschen Juden, die vor ihrer Vernichtung in Piaski gesammelt wurden. Ende Oktober ordneten die Vernichtungsplaner dem „Durchgangs-Ghetto“ Piaski mit der Sammlung von verbliebenen polnischen Juden aus dem Kreis Lublin eine neue Funktion zu. Hierfür wurde das Lager am 8. November von der SS und der örtliche Gendarmerie aufgelöst und einige Tausende – so die Schätzungen von Robert Kuwalek – nach Sobibor transportiert und ermordet. Weitere Gefangene, etwa Tausend, die sich der Auflösung zunächst in Verstecken entziehen konnten, wurden von SS-Männern in den nächsten Tagen vor Ort erschossen. Die 18jährige Regensburgerin Charlotte Brandis, die noch in einer Postkarte vom 8. September 1942 verzweifelt um Hilfssendungen bat, dürfte unter den zuletzt in Sobibor Ermordeten gewesen sein.

Spätere Deportationszüge mit Regensburger Juden hatten nicht mehr Piaski zum Ziel, sondern Auschwitz, Theresienstadt oder unbekannte Orte. Nur etwa ein Dutzend der Verschleppten überlebte. Insgesamt wurden ca. 250 der aus Regensburg verschleppten Juden von den Deutschen und ihren Helfern ermordet. Etwa die gleiche Anzahl von Menschen konnte sich der Vernichtung durch Flucht oder Ausreise entziehen. Zum anstehenden 70. Jahrestag des ersten Transportes sollen im Innenhof der Synagoge erstmals die Namen der aus Regensburg Deportierten öffentlich verlesen werden.

Auswahl der verwendeten Literatur:

Else Behrend-Rosenfeld, Gertrud Luckner (Hg.): Lebenszeichen aus Piaski, 1970.

Robert Kuwalek: Belzec, in: Wolfgang Benz, u.a. (Hrsg.): Der Ort des Terrors, Bd. 8, 2008.

Robert Kuwalek: Die Durchgangslager im Distrikt Lublin, in: Bogdan Musial: „Aktion Reinhardt“, 2004.

Beate Meyer: Die Deportation der Juden aus Deutschland, 2005.

Bogdan Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement, 1999.

Siegfried Wittmer: Regensburger Juden, hg. vom Stadtarchiv Regensburg, 1996.

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Kommentare (5)

  • Roland Hornung

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    Danke, Herr Werner, für diesen so ausführlichen und wichtigen Artikel!
    Schalom!
    Ihr Roland Hornung

  • Passant

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    Endlich bekommt man eine entfernte Vorstellung davon, was es mit Piaski auf sich hat, jenem Ort, der auf den Regensburger Stolpersteinen immer wieder auftaucht! Das sind genau die Artikel, die man in der Mittelbayerischen umsonst sucht: sachdienliche Hinweise statt salbungsvoller Worte! Nebenbei fühle ich mich jetzt nicht mehr so allein: Beim Lesen von Siegfried Wittmers zweibändiger Abhandlung zur Geschichte der Regensburger Juden haben sich auch mir schon immer die Haare aufgestellt!

  • Daniel

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    Die o.g. Edition „Lebenszeichen aus Piaski“ (1968, 1970) enthält zeitgeschichtliche Dokumente, die für die Erforschung des Schicksals der nach Piaski Deportierten von unerlässlicher Bedeutung sind.
    Dass Siegfried Wittmer die Briefe daraus nicht in seine Studie einarbeitete, sie aber falsch zitierte, stellt einen groben und unverzeihlichen Fehler dar.
    Die Herausgeber von Wittmers Werk, das Stadtarchiv, scheint sich der Erforschung der jüdischen Geschichte Regensburgs nicht verpflichtet zu fühlen. Ein bemerkenswerter Mangel für eine Stadt deren Politiker und Verwaltungsleute bei jeder Gelegenheit wir sind WELTKULTURERBE rufen.

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