Archiv für 20. März 2012

Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf

Aufgescheuchte Seelen

Der Regensburger Bischof G.L. Müller stellt seine Gegner gern als ungebildetes, ungehobeltes, selbstsüchtiges Volk dar. Ein besonders ungebildeter, ungehobelter und selbstsüchtiger Müllerkritiker starb heute vor einem Jahr: der Studiendirektor a.D. Klaus Karl. In den zahlreichen Nachrufen auf ihn, sowohl in der Zeitung als auch bei der Beerdigung, wurden Karls exorbitante Bildung und sein mustergültiges Engagement um das Gemeinwohl gerühmt. Dass er gleichzeitig einer der vehementesten und wortgewaltigsten Kritiker des Bischofs war, vergaß man zu erwähnen. Deshalb hier zum ersten Todestag ein Rückblick auf ein ungewöhnliches Leben.

Akurat jetzt muss ich gähnen. Ausgerechnet in dem feierlichen Moment, wo die fünf Konzelebranten vorn am Altar in die Hostie reinbeißen. Und das schlimmste: gleichzeitig muss ich lachen. Weil e r nämlich, wenn er mich jetzt sähe, auch lachen müsst. Er: der Karl, der Tote, wegen dem die Kirche so gerammelt voll ist. Natürlich ist es immer so eine Sache, einem Toten etwas zu unterstellen, aber es würd mich sehr wundern, wenn er nicht lachen müsst, mich hier in seiner Totenmesse gähnen zu sehen. Er wüsste nämlich erstens, warum ich so unausgeschlafen bin: ich hab in der Nacht zuvor nicht aufhören können zu lesen. Seine Satiren gegen den Bischof. Und zweitens ist es ihm selber immer so gegangen, sein ganzes Leben: er ist immer eingeschlafen. Schon damals in der Schule, wenn er als Seminarlehrer hinten dringesessen ist und den Unterricht seiner Referendare begutachten sollte. Da ist er auf seinem Stuhl gesessen, ohne einen Tisch vor sich, und hat geschlafen, zur Erleichterung sowohl der Referendare als auch der Schüler.

Immer hellwach, außer wenn er geschlafen hat

Karl war sein Nachname, mit Vornamen hieß er Klaus. Er war sehr dick, sehr agil, sehr intelligent und sehr streng. Einer von der alten Schule. Wenn es im gesamten Lehrkörper einen gegeben hat, der keine Autoritätsprobleme gehabt hat, dann war es der Karl. Immer hellwach, immer angriffslustig, immer sprungbereit. Außer wenn er geschlafen hat. Und das war gar nicht so selten. Man erzählt mir, dass er auch in den letzten Jahren seines Lebens bei Sitzungen gern eingeschlafen ist. Naja, damals in der Schule hätten wir was drum gegeben, wenn er öfter mal geschlafen hätte. Aber Pfeiferdeckel, der Kerl war immer auf Zack.

Ein allseits gefürchteter Latein- und Griechischlehrer. Nicht einer von denen, die, wenn’s sein muss, beide Augen zudrücken. Nein, wenn man beim Karl nichts wusste, hieß es „Setzen, sechs“, und eine süffisante Bemerkung fing man sich obendrein ein. Selbst die größten Aufrührer hatten Respekt vor ihm. Und jenseits der Paukerei ein freundlicher, wohlwollender, witziger Pfeifenraucher, der mit seinen 11. Klassen immer nach Griechenland flog – alle anderen gurkten auf der Abiturfahrt mit dem Bus herum und kamen bestenfalls bis nach Florenz.

Wie aus dem Bilderbuch der heiligen Allianz von Kirche und CSU

Ein Überflieger in jeder Beziehung. Der Pfarrer hat seine liebe Müh und Not, alle Ehrenämter des Verstorbenen aufzuzählen: 22 Jahre lang Pfarrgemeinderatsvorsitzender, 20 Jahre Dekanatsrat, zehn Jahre Diözesanrat. Lange Zeit redigierte er den Lappersdorfer Pfarrbrief und zeichnete als Redakteur von 1976 bis 2001 für über 300 Ausgaben des Lappersdorfer Mitteilungsblatts verantwortlich. 1972 Wahl in den Gemeinderat, dort sofort CSU-Fraktionssprecher, 1990 bis 2002 zweiter Bürgermeister, Vorsitzender in diversen Ausschüssen. Mitinitiator des Lappersdorfer Bürgerfests, maßgeblich am Aufbau der Marktbücherei beteiligt, Mitbegründer der Kolpingsfamilie, des Katholischen Frauenbunds, des Franziskusvereins, der Ambulanten Krankenpflegestation und des Elisabethenvereins, Organisator der Ausstellung „Die Geschichte von Lappersdorf“, Herausgeber des heimatgeschichtlichen Standardwerks zur 800-Jahr-Feier. Und nebenbei hat er über alle diese Aktivitäten – also über sich selbst – die obligatorischen Artikel für die Lokalzeitung geschrieben. Der Mann hatte wirklich alles im Griff.

Die wichtigsten Ehrungen, die ihm zuteil wurden: Silberne Bürgermedaille, Bundesverdienstkreuz am Bande, Ehrenbürgerrecht des Marktes Lappersdorf. Am Sonntag, das sagt jetzt nicht der Pfarrer, sondern das hat mir ein Freund erzählt, erschien er in streng patriarchaler Rangordnung zum Gottesdienst: Er voran, hinter ihm seine Frau, dann, wie die Orgelpfeifen, die fünf Kinder. Ein Mann wie aus dem Bilderbuch der heiligen Allianz von Kirche und CSU. Und doch hat sich irgendein Schatten auf sein Leben gelegt, orakelt der Pfarrer. Irgendwas von aufgescheuchten Seelen ist zu hören, der Pfarrer nuschelt ziemlich. Aufgescheuchte Seelen? Die meisten wissen, was gemeint ist: Dem Klaus Karl, diesem mustergültigen Christenmenschen, ist die Frau abhanden gekommen.

Es begann damit, dass seine Frau eines Tages anfing, in jedem Zimmer Altäre zu errichten. Für die Gottesmutter und selige Jungfrau Maria und vor allem für ominöse Engel. Bis der kreuzkatholische Klaus Karl eines Tages kapierte, dass ihn seine Frau rechts überholt hatte: sie hatte sich vom Engelwerk anheuern lassen, einem obskuren ultraorthodoxen Geheimbund. Gleichzeitig war dieser Frömmlerverein, der sich dem finstersten Aberglauben verschrieben hat, der Notausgang aus der freudlosen Ehe mit einem unumschränkten Patriarchen. Für letzteres war Klaus Karl natürlich blind.

Karl schießt auf alles, was eine Mitra aufhat

Das Abdriften seiner Frau ins Engelwerk war die Geburtsstunde des Aufklärers Klaus Karl, freilich nur in religiöser Hinsicht: Die letzten Jahre seines Lebens schrieb er so viele kirchenkritische Artikel, dass man damit ein ganzes Buch füllen könnte. Der Bischof, der Papst – Klaus Karl schießt auf alles, was eine Mitra aufhat. Denn die Eminenzen und Heiligkeiten sind es, die ihre Hand schützend über das Opus Angelorum (OA) halten, das Engelwerk, jene innerkirchliche Sekte, die auf die Offenbarungen der Gabriele Bitterlich schwört.

Klaus Karl erklärt die Sachlage: „Die Lehre des OA besagt, dass sich die Welt derzeit in einem Endkampf apokalyptischen Ausmaßes befinde, der von 400 Engeln und 200 Dämonen geführt werde. Die Waffen sind Strahlkräfte, die überall zu finden seien; dämonische Strahlen gingen aus von ‚grauen, gefleckten und schwarzen Katzen, gefleckten und schwarzen Hennen, Schweinen und glatthaarigen Hunden, Schmeißfliegen, Ratten und Schlangen, Hebammen, Zigeunerinnen und alten, rachsüchtigen Bauern.’“ Ratzinger erließ als Glaubenswächter in den 80ern und 90ern mehrere Dekrete gegen das Engelwerk – um es als Papst 2008 in aller Stille heimzuholen. Erst als er dann ein paar Wochen später auch noch die Piusbrüder in den Schoß der Una Sancta zurückholte, geriet das an die große Glocke.

Klaus Karls letzter Artikel trägt die Überschrift „Die Engel kehren heim“ und ist mit einer Zeichnung von Georg Schmidt (siehe oben) illustriert, die eine „R.K. Geisterbahn / O.A.“ namens „Engelwerk“ zeigt, über deren Eingang der „Zölibatman“ wacht, darunter der „Schirmherr Bene XVI.“, flankiert von Schlangen, Teufeln, schwarzen Katzen, Schmeißfliegen und diversen Höllenhunden, einer Geisterbahn, die als special event „100 Jahre Ablass“ und „Live-Exorzismus“ verspricht. Klaus Karl zum päpstlichen Gnadenakt, das Engelwerk anzuerkennen: „Ratzinger hat damit seiner Kirche einen Bärendienst erwiesen und sich als Theologe disqualifiziert.“ Der Studiendirektor a.D. attestiert dem Papst: „Abtrittsreif.“

Drei Texte von Klaus Karl

Pecunia non olet – Geld stinkt nicht – oder doch?

Die „Engel“ kehren heim

Das römische Rechts-Kartell

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