Endhaltestelle Friedhof

Blick vom Dreifaltigkeitsberg auf das lebendige Regensburg. Einige Meter nebenan liegt der mit 5.000 Grabplätzen größte städtische Friedhof und das von Weitem fast bedrohlich wirkende Krematorium.	Alle Fotos: Schmülling

Von Wachsleichen, Urnenparks und dem, was am Ende vom Menschen übrig bleibt…

In der Osterzeit wird vielerorts über Tod und Auferstehung nachgedacht, geschrieben und gesprochen. Angehörige besuchen öfter als sonst Verstorbene auf den Friedhöfen. Anlass für Wochenblatt Digital, sich mit dem Themenkreis Tod und Bestattung näher zu befassen. Es gibt in Regensburg elf städtische und vier katholische Friedhöfe. Hinzu kommen der evangelische Zentralfriedhof an der Friedensstraße und der israelische Friedhof an der Schillerstraße. Im Jahr 2007 starben in der Stadt 1.344 Regensburger Bürger. Gestorben wird meist in den Jahreszeiten, wo das Wetter deutlich umschlägt, also im Frühjahr und im Herbst. Dies besagt jedenfalls die jahrzehntelange Erfahrung des Friedhofswartes am oberen katholischen Friedhof, Johann Reitter.

Immer mehr Menschen haben verfügt, sich nach ihrem Tod einäschern und als Urne beisetzen zu lassen. Nach Angaben des Leiters der städtischen Abteilung Bestattungswesen, Armin Walling, wählen mittlerweile knapp 50 Prozent der verstorbenen Regensburger die Urnenbestattung. „Die Einäscherung nimmt bundesweit seit den neunziger Jahren pro Jahr um einen Prozentpunkt zu.“ Erdbestattungen liegen ebenfalls bei fast 50 Prozent. Weit unter einem Prozent liegen in Regensburg Seebestattungen. Dieser Brauch ist eher in Küstenregionen verbreitet. Auch auf kirchlichen Friedhöfen in Regensburg liegt die Urne im Trend. So gab es auf dem oberen katholischen Friedhof an der Bischof-Konrad-Straße im Jahr 2007 nur 167 Erd-, aber 177 Urnenbeisetzungen.

Gründe nennt Friedhofswart Reitter: „Erdbestattungen sind teurer und Urnenbestattungen sind in jedem Sinn hygienischer.“ So könne der Verwesungsprozess, also die Zersetzung der menschlichen Weichteile mit Ausnahme der Knochen, bei feuchten (Lehm)Böden länger dauern als die hier üblichen zwölf bis 15 Jahre der gesetzlichen Umtriebszeit bzw. Ruhezeit. Probleme mit „Wachsleichen“ – also Leichen, deren Unterhautfettgewebe voll Wasser ist, wodurch die Verwesung behindert wird – gibt es nach Auskunft aller Befragten in Regensburg nicht. Dies bestätigt auch Martin Baumer, Verwalter des evangelischen Zentralfriedhofs: „Unser Friedhof liegt hoch und wurde zudem aufgeschüttet. Wir haben keine Probleme mit einem zu hohen Grundwasserspiegel“. Vermutungen, wonach in Regensburg Wachsleichen ausgegraben und verbrannt werden, wodurch es in der Abluft des hiesigen Krematoriums nach Menschenfleisch riechen könne, werden als Fehlwahrnehmung bezeichnet. Armin Walling: „Unser Krematorium arbeitet gemäß der strengen 27. Bundesimmissionsschutzverordnung und wird auch regelmäßig überprüft. Dank moderner Filteranlagen ist die Abluft farb- und geruchlos“.

Noch verboten ist es in Deutschland, Urnen mit nach Hause zu nehmen, im Unterschied etwa zu Frankreich. Derzeit dürfen Urnen hierzulande nur auf Friedhöfen oder neuerdings auch in sogenannten Friedparks oder „Friedwäldern“ um Bäume herum beerdigt werden. Aus Pietätsgründen muss dies in der geschlossenen Urne geschehen. Ein Ausstreuen der Asche ist in Bayern verboten. Regensburg plant, in den nächsten Jahren am städtischen Dreifaltigkeitsbergfriedhof einen Urnenpark anzulegen. Auf Wunsch finden Führungen durch das städtische Krematorium statt. Die Feuerbestattungsanlage liegt an der Endhaltestelle der Buslinie 4 A, von der man auch den Dreifaltigkeitsbergfriedhof erreichen kann. Er ist mit über 5.000 Grabstellen der größte städtische Friedhof. Eine zehnköpfige Ministrantengruppe aus Barbing ist an diesem Freitag Nachmittag zusammen mit ihrem Pfarrer zu Besuch. Nach der Begrüßung führt Herr Walling die Gruppe in den Hauptraum der Anlage. Die knapp drei Meter von uns entfernte Ofentür öffnet sich auf Knopfdruck des Anlagenführers nach oben. Man sieht in eine Art „roten Schlund“, ganz hinten sind Flammen erkennbar. Das Bodenpodium hebt sich einige Zentimeter und ein hellbrauner Sarg wird auf einer Schiene automatisch in Richtung Ofen gefahren. Kaum verschwindet er darin, senkt sich auch schon die Stahltür. Der Vorgang hat kaum eine Minute gedauert. Die Ministranten und ich gehen über eine Treppe in den ruhigeren Keller.

Verbrennen: Was passiert mit dem Teddybären?

 

Der Eingang zum „roten Schlund”. Bei einer Temperatur von 1.100 Grad wird der Leichnam im Krematorium verbrannt.>Foto: Schmülling

Foto: Schmülling

Foto: Schmülling

Im Keller des Krematoriums angekommen erzählt Armin Walling: „Der Verbrennungsprozess dauert je nach Größe und Gewicht des Verstorbenen zweieinhalb bis drei Stunden. Nach einer Stunde gelangen die Leichenreste in eine andere Verbrennungskammer, so dass in die Hauptkammer ein weiterer Sarg geschoben werden könnte, ohne dass es zu einer Vermischung der Aschen kommen kann“. Im Hauptofen herrscht eine Temperatur von über 1.100 Grad. Walling zeigt auf einen offenen Ascheblechkasten mit Knochenresten. „Hier ist das, was von einem Menschen übrig bleibt“. Einige gehen näher heran. Man erkennt auf Miniaturgröße geschrumpfte Knochen. Geruch geht von der 1,5 bis zwei Kilo schweren Masse nicht aus. Aus einem anderen Kasten nimmt er einen Metallgegenstand und hält ihn in die Höhe. „Bevor die Knochen gemahlen werden, entfernen wir Gegenstände wie z.B. dieses künstliche Hüftgelenk.“

Die Führung endet mit einem Blick in eine halbvolle Urne. Vermutlich war es ein junger Mensch. Denn mit den gemahlenen Knochenresten eines durchschnittlich großen, mittelschweren Erwachsenen wird nach Auskunft Wallings eine Urne zu mindestens zwei Dritteln gefüllt. Beim Abschlussgespräch in der Aussegnungshalle haben die Ministranten kaum Fragen. Ein Mädchen will wissen, was mit einem Stoffteddybären geschehe, der von Hinterbliebenen in den Sarg gelegt würde. Walling: „Der wird mit eingeäschert, hinterlässt aber kaum Rückstände. Sorgen bereiten uns eher besondere Sargausstattungen“. Daher werden von seinen Mitarbeitern stichprobenweise Särge vor der Einäscherung geöffnet.

Thema für Christen ist die Vereinbarkeit von Urnenwahl und Auferstehungsglaube. Pfarrer Werner Konrad aus Barbing: „Selbst alte Leute glauben heutzutage nicht mehr, dass aus Leichenresten oder einem verwesten Leichnam ein neuer, ewiger Leib gemäß Neuem Testament zusammengesetzt werden kann. Das wäre eine sehr dingliche Vorstellung von Auferstehung“. Hinsichtlich der Auferstehungshoffnung erscheint es daher unerheblich, ob man als Asche oder Leichenrest in der Erde liegt. Die über tausend Jahre alten Vorbehalte der katholischen Kirche gegen die Urne haben sich erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte des vergangenen Jahrhunderts gewandelt. Dieser Meinungsumschwung wird auch von Katholik Johann Reitter sehr begrüßt.

Der Besuch im Krematorium mit all seinen nüchternen Arbeitsabläufen nimmt diesem Tabu-Thema seinen Schrecken. Als ich in den Blechkasten mit den Knochenresten schaue, denke ich: „Da könnte man selbst einmal liegen, nach der Feuerbestattung und vor dem Gemahlen- und Abgefüllt-Werden in eine Urne. Warum nicht – nach einem bewusst gelebten, erfüllten Leben – diese Art des Abgangs wählen?“ Diese Vorstellung hinsichtlich des Schicksals des eigenen, dann entseelten Körpers erscheint angenehmer als ein mindestens zwölf Jahre langer Verwesungsprozess im kalten Erdreich. Will man Letzteres seinem „Bruder Esel“, wie Franz von Assisi den Körper nannte, wirklich zumuten? Schließlich hat dieser einen meist brav und zuverlässig durchs Leben getragen.

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Kommentare (3)

  • Kranker Pfleger

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    Inwiefern sollte verbranntes Menschenfleisch anders riechen als anderes verbranntes Fleisch?

  • Das Geld liegt in der Asche | Regensburg Digital

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    […] Regensburg rechnet die Stadtverwaltung – bei jährlich circa 3.200 Einäscherungen im Krematorium am Dreifaltigkeitsberg – immerhin mit einem möglichen Erlös von sage und schreibe 160.000 bis 192.000 Euro, der sich […]

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