Gedenkweg für die Opfer des Faschismus in Regensburg: „Kämpfen wir für eine offene Gesellschaft.“
Beim Gedenkweg für die Opfer des Faschismus betonen Rednerinnen und Redner, dass Gedenken über das bloße Erinnern hinausgehen muss. Das neue Projekt im ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum bleibt ein rosa Elefant, den niemand erwähnt.

Gemeinsamer Gedenkweg über politische und konfessionelle Grenzen hinweg: Martin Oswald (VVN), Katja Ertl (DGB), OB Gertrud Maltz-Schwarzfischer, Dekan Jörg Bräu, Rabbiner Benjamin Kochan, Thomas Burger, Sylvia Seifert von der Stolpersteingruppe. Foto: as
Es ist wichtig, dieses gemeinsame, pluralistische Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus – über alle politischen und weltanschaulichen Grenzen hinweg. Das betont Martin Oswald, Vorstandssprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, am Dachauplatz nachdrücklich.
Donnerstag, kurz vor 19.30 Uhr. Letzte Station des „Gedenkwegs für die Opfer des Faschismus“, der jedes Jahr am 23. April in Regensburg stattfindet. An jenem Tag, als SS-Mannschaften vor 81 Jahren 400 bis 450 Gefangene des KZ-Außenlagers Colosseum kurz vor Kriegsende auf den Todesmarsch nach Süden trieben.
Seit elf Jahren: ein gemeinsamer Gedenkweg
2015 wurde die Vision eines gemeinsamen Erinnerns in Regensburg Wirklichkeit. Nach über 40 Jahren getrennten Gedenkens rufen seither die Stadt Regensburg, linke Gruppierungen, Gewerkschaften, die Kirchen, die Zeugen Jehovas und die Jüdische Gemeinde gemeinsam zur Veranstaltung auf.
Für die Regensburger Mehrheitsgesellschaft war dieses Erinnern nie ein großes Thema. 300 bis 400 Menschen kommen jedes Jahr am Abend vor dem Colosseum in Stadtamhof zusammen. So auch heuer. Doch diesmal stehen Vertreterinnen und Vertreter fast aller Stadtratsparteien dabei – bis hin zur CSU, die sich lange verweigert hatte.
Die Wahrnehmung des früheren KZ-Außenlagers hat sich gewandelt. Der damalige Eigentümer weigerte sich vor knapp 20 Jahren, eine Gedenktafel am Gebäude anzubringen. Der frühere Kulturreferent Klemens Unger ließ vor 15 Jahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Platte mit verharmlosendem Text im Boden versenken.
Colosseum-Verein bleibt unerwähnt
An diesem Donnerstag hängt ein Text im Schaufenster: „Vor 81 Jahren befand sich an diesem Ort ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg.“ Innen arbeiten Mitglieder des Colosseum-Vereins. Sie richten die Räume her – für einen Erinnerungs- und Begegnungsraum. Genau das fordern Redner seit Jahren. Die Stadt scheitert daran bislang.
Einen Erinnerungs- und Begegnungsraum: einen Ort des Austauschs und der Demokratiebildung, für Veranstaltungen und Experimente, zum Erproben neuer Formate – um Menschen die NS-Geschichte zu vermitteln und Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.
Nicht nur Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer spricht vom „Auftrag für die Gegenwart“, den das Erinnern mit sich bringt. Diesen Auftrag betonen auch Katja Ertl vom DGB und Rabbiner Benjamin Kochan von der Jüdischen Gemeinde.
Maltz-Schwarzfischer sagt, dass es angesichts dieses Auftrags unangenehme Fragen gebe, denen man sich stellen müsse. „Wie konnte das passieren? Warum haben so viele mitgemacht? Was bedeutet das für unser Handeln heute?“
Vor diesem Hintergrund fällt auf: Keiner der Redner erwähnt an diesem Donnerstag das Projekt im Colosseum oder den Verein.
Wunsch nach Räumen und neuen Ideen
Immerhin bedankt sich ein Vertreter von „SDJ: Die Falken“ bei den Vereinsmitgliedern dafür, dass sie den Marsch mit dem traditionellen Transparent begleitet haben, auf dem die namentlich bekannten Todesopfer des Colosseum genannt werden. Das tut er ganz am Ende der Vernstaltung nachdem – ebenfalls Tradition – am Dachauplatz das Lied der Moorsoldaten gesungen wurde.
Sylvia Seifert, Vertreterin der Stolpersteingruppe, führt vor dem Colosseum aus, was es jetzt braucht, um das Erinnern neu aufzustellen. Denn die Überlebenden des Außenlagers fehlen – Menschen wie Zbigniew Kolakowski oder Tadeusz Sobolewicz, die den Gedenkweg früher begleiteten.
Seifert wünscht sich neue Ideen und Konzepte, offene Kommunikationsräume, Erinnerungsorte mit zeitgemäßer Präsentation. Dabei setzt sie Hoffnung auf die städtische Stabsstelle für Erinnerungs- und Gedenkkultur.
Expertenkommission verschwand sang- und klanglos
Doch diese Hoffnung wirkt trügerisch. Die beim Bildungsreferat angesiedelte Stabsstelle tritt seit Jahren auf der Stelle. Das zeigt sich nicht nur an der inzwischen peinlich anmutenden, erfolglosen Suche nach geeigneten Räumen.
2019 berief der Stadtrat eine hochkarätig besetzte Expertenkommission. Auftrag: Umsetzung eines Konzepts „NS-Erinnerungs- und Gedenkkultur“. Mitglieder waren unter anderem Dr. Andrea Löw, stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien in München, und Florian Dierl, damals Leiter des Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.
Diese Kommission gibt es inzwischen nicht mehr. Ob es Ergebnisse gab – unklar. Stattdessen ließ die städtische Bildungsreferentin zuletzt verlauten, man stehe bei der Diskussion über das „Wie“ des Erinnerns noch am Anfang.
NS-Dokumentationszentrum: eine ungehörte Forderung
Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes fordert seit Jahren ein NS-Dokumentationszentrum. Martin Oswald begründet das am Dachauplatz ausführlich. Das Erinnern an die Opfer sei wichtig, sagt der VVN-Sprecher. Aber es habe auch viele Täter in der Regensburger Stadtgesellschaft gegeben.
Oswald nennt den fanatischen Gauleiter Ludwig Ruckdeschel, der die Verteidigung Regensburgs „bis zum letzten Stein“ forderte, selbst floh und unter anderem für die Hinrichtung von Domprediger Johann Maier verantwortlich war.
Er nennt den Reichsjustizminister Franz Gürtner, der die Reichstagsbrandverordnung und die „Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ unterzeichnete. Gürtner stammt aus Stadtamhof.
Und den Landgerichtsdirektor Johann Josef Schwarz, der die Todesurteile für Domprediger Maier und den Lagerarbeiter Josef Zirkl unterschrieb, weil beide die kampflose Übergabe der Stadt an die US-Truppen gefordert hatten.
Das sind nur wenige von vielen Namen. „Es gibt noch viele Lücken in der Erinnerung“, sagt Oswald. Forschung und ein Dokumentationszentrum seien dringend nötig. Doch die seit Jahren erhobene Forderung nach einem solchen Zentrum hat es bislang nicht auf die politische Ebene – in den Stadtrat – geschafft.
Was bedeutet eigentlich „Nie wieder!“?
Die persönlichste Rede, die den direktesten Bezug in die Gegenwart schlägt, hält am Donnerstag Dekan Jörg Bräu von der evangelischen Gemeinde. Er verweist auf einen Aufsatz von Jens Christian Wagner, ehemals Leiter der Gedenkstätte Buchenwald. Er fragt darin, was der Ruf „Nie wieder!“, geboren aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, eigentlich bedeutet.
Wagner warnt vor der Instrumentalisierung von Geschichte durch autoritäre Regime und Bewegungen, die das Gedenken selbst bedrohen. „Der Konsens, was wir wollen, wenn wir ‘Nie wieder!’ rufen, hat entweder nie wirklich existiert oder ist verloren gegangen“, so Bräu.
Auch er spürt diese neue Unübersichtlichkeit. „Es ist oft gar nicht so einfach, Gut und Böse zu unterscheiden, Täter und Opfer zu benennen.“ Er halte das Regime im Iran für verbrecherisch, doch verbrecherisch sei auch der Angriffskrieg der USA mit Bombardements auf die Zivilbevölkerung.
Halt findet Bräu in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 – einem Text, der angesichts der heutigen Entwicklungen so wirke, als sei er „im Auenland verfasst“ worden.
In der Präambel heißt es:
„Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet,
da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen, und da verkündet worden ist, daß einer Welt, in der die Menschen Rede- und Glaubensfreiheit und Freiheit von Furcht und Not genießen, das höchste Streben des Menschen gilt,
da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen,
da es notwendig ist, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen zu fördern,
da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern,
da die Mitgliedstaaten sich verpflichtet haben, in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen auf die allgemeine Achtung und Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten hinzuwirken,
da ein gemeinsames Verständnis dieser Rechte und Freiheiten von größter Wichtigkeit für die volle Erfüllung dieser Verpflichtung ist, verkündet die Generalversammlung diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal (…).“
Bräus Bitte an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gedenkwegs:
„Verteidigen wir die Rechte aller Menschen in unserem Land, ob atheistisch oder religiös, ob hetero oder queer, ob mit Migrationshintergrund oder einem Stammbaum, der sich bis auf Kartoffelbauern ins 16. Jahrhundert zurückführen lässt. (…) Stehen wir zusammen und kämpfen für eine offene, liberale Gesellschaft für alle. Damit kein Mensch mehr zum Opfer von Menschen wird.“
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Mr. T.
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Sehr wichtige Veranstaltung! Gedenken ist so wichtig, um sowas in Zukunft nicht wieder passieren zu lassen. Hans-Peter Kerkeling hat da zuletzt in Buchenwald auch sehr gute Worte dafür gefunden.
Leider herrschen immer noch Bedenken vor zu viel Gedenken, vor allem zu tiefem Gedenken. Zu tief stecken viele unserer Vorfahren in der Sache drin. Natürlich nicht nur als Täter, aber auch als die, die das gutgeheißen oder wenigstens weggeschaut haben. Man könnte ja unangenehmes erfahren, wenn man zu genau hinschaut.
Schade, dass Herrn Bräu da in seinem wichtigen Aufruf ein kleiner, unerheblicher Lapsus unterlaufen ist. Kartoffelbauern hat’s im 16. Jahrhundert in Deutschland noch nicht gegeben …
BvG
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Regensburg war im Dritten Reich von der Bedeutung für den Nationalsozialismus her nicht München, Nürnberg oder Berlin. Hitler hat sich nur kurz hier blicken lassen. Eine wohlsortierte Abteilung zum Dritten Reich im Historischen Museum scheint mir eine angemessene Lösung, diese Epoche permanent abzubilden.
Novalis
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Danke für den Bericht. Eine superwichtige Veranstaltung. Allerdings ist mir nicht klar, warum man eine mörderische Ideologie wie den Nationalsozialismus nicht mit Namen nennt. Das war nicht irgendein Faschismus wie in Spanien oder Italien oder wie in den USA (wo sich Trump ja nicht scheut, sich selbst so zu nennen). Den Rassismus des italienischen Rassismus und die Rasseideologie der Nazis unterscheidet erhebliches. Davon abgesehen ist diese Begriffsverschiebung m.W. DDR-Sprech. Es war den real existierenden Sozialisten schlicht peinlich, dass die Nazis im Parteinamen den Begriff Sozialismus hatten. Soviel geschichtliche Richtigkeit muss sein (neben den Kartoffelbauern).