Gegenkandidat für Kultur-Unger

Bloß nichts riskieren – nach diesem Motto verfährt die Regensburger Rathaus-Koalition bei der Neuwahl der städtischen Referenten. Alle sechs Jahre werden diese berufsmäßigen Stadträte neu gewählt, doch Gegenkandidaten soll es nach dem Willen von SPD und CSU nicht geben. Eine öffentliche Ausschreibung der Referentenposten haben CSU und SPD bereits Ende Oktober mit ihrer Mehrheit im Stadtrat verhindert. Weil alle soooo gute Arbeit leisten, lautet die offizielle Begründung.

Über diese Aussage lässt sich trefflich streiten, wenigstens mit Blick auf Kulturreferent Klemens Unger – seine Amtszeit endet im Juni 2011. Die historisch falsche Napoleon-Inschrift in Stadtamhof ist ein plakativer, rückwärtsgewandtes Kulturverständnis ein häufig geäußerter Kritikpunkt an Unger, der bisweilen auch zu ungewöhnlichen Mitteln greift, um Kritiker mundtot zu machen.

Dass Kultur in Regensburg vom Oberbürgermeister ohnehin zur „Chefsache“ erklärt worden ist, ein eigenständig agierender Kulturreferent also nur in sehr begrenztem Rahmen erwünscht ist, sei nur am Rande erwähnt. Damit es angesichts dessen zu keinen unerwarteten Zwischenfällen kommt, wurde der (Wieder)wahltermin kurzfristig und für die Opposition völlig unerwartet für die Stadtratssitzung kommenden Donnerstag anberaumt.

Die SPD-Fraktion hat bereits eine Probeabstimmung durchgeführt, um Ungers Wiederwahl zu sichern und Fraktionschef Norbert Hartl weiß bereits im Vorfeld der geheimen Abstimmung ganz selbstbewusst zu verkünden: Wenn Unger nicht gewählt wird, waren’s nicht die Sozis, sondern welche aus der CSU und zwar diejenigen, die Hans Schaidinger eine mitgeben wollen. Nach dieser Lesart geht es also ausdrücklich nicht darum, ob Unger ein guter Kulturreferent ist oder nicht, sondern darum, wer die größtmögliche Geschlossenheit vorzuweisen hat. Das Parteibuch entscheidet. So sieht Demokratie in Zeiten der großen Koalition aus.

Doch nun droht Ungemach. Seit Dienstag gibt es nämlich einen Gegenkandidaten: Dr. Hermann Hage (Foto). Der Leiter des Amts für Weiterbildung, langjährige Chef der Volkshochschule und federführende Unterstützer und Moderator eines Kulturentwicklungsplans hat seinen Hut in den Ring geworfen.

Die zustimmenden Pressemitteilungen der Opposition, die im Minutentakt bei den Redaktionen eintrudelten, lassen darauf schließen, dass Hage mit deren Unterstützung rechnen darf. Die Mehrheit der Koalition erscheint auf den ersten Blick komfortabel – zusammen mit dem Oberbürgermeister verfügt man über 29 von 51 Stimmen. Da reichen selbst bei geschlossen abstimmender Opposition die CSU-Abweichler nicht.

Doch die Abstimmung ist geheim und – Probeabstimmung hin, Probeabstimmung her – einen Gegenkandidaten gibt es erst seit Dienstag. Mit Spannung darf man auch darauf warten, ob alle Stadträte tatsächlich anwesend sind. Das Stimmrecht kann nicht übertragen werden.

P.S.: Just für Wahl-Woche sind zwei Termine anberaumt, die sich Unger, so er denn wiedergewählt werden sollte, als Erfolg auf die Fahnen schreiben könnte. Das von ihm vorangetriebene „Haus der Musik“ wird am Donnerstag den Stadtrat passieren. Daneben wird am Wochenende die Ausstellung zu Bertold Furtmeyr eröffnet, offizieller Höhepunkt des kulturellen Jahresthemas „Aufbruch“. Da passt es gut, dass die Brauerei Bischofshof, mit der Unger schon in Doppelfunktion als Vereinsvorsitzender und Kulturreferent die Versetzung des König-Ludwig-Denkmals auf den Domplatz betrieben hat, dieser Tage ein Furtmeyr-Bier auf den Markt bringt. Kultur made in Regensburg.

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Kommentare (9)

  • Alexander Gruber

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    Ich bin für eine öffentliche Ausschreibung.

  • Lothgaßler

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    Aufruf an alle SPDler im Stadtrat

    Habt Mut zur eigenen Meinung und zur eigenen freien Entscheidung!
    Unger nicht zu wählen ist kein Akt der den Koalistionsfrieden bricht oder stört.
    Wählt nicht den Kandidaten den Hartl unbedingt haben will, sondern den Kandidaten der eurer Meinung nach der Kultur in Regensburg Impulse geben kann.

    Denkt über Ungers Amtszeit nach.

  • Alexander Gruber

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    Der Kommentar wurde von der Redaktion gelöscht.

  • Kulturschaffender

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    Wenn ein Gegenkandidat für die Posten des Kulturreferenten in einer hinterlistige Form auftritt, so muss der Stadtrat eine öffentliche Ausschreiben einleiten. Die Kulturpolitik der Stadt braucht eine Persönlichkeit mit einem Charakter und einer Wille mit Allen Kulturschaffenden und Künstler zu arbeiten und nicht eine Kulturpolitische Diktatur zu praktizieren. Die Personalpolitik in seinem Amt wie auch die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter des „neuen Mitstreiter“ spricht gegen die öffentliche Interesse und die Interesse der, die schon vielen Jahren die Kulturpolitik dieser Stadt mit gestallten haben. In dem „letzten“ Moment, seinem Chef ein Sessel unter seinem Hinten weg zu ziehen spricht für einen Charakter und einen Charakteren Umgang mit anderen Mitmenschen.
    Die Stadträte sollte ihre Entscheidungen in der Interesse der Bürger treffen und nicht nur einen Opositionskampf in dem Stadtrat auf den Rücken der Bürger betreiben.

    Die Kultur ist nicht nur Zeichen der Vergangenheit, sondern der Gegenwart und der Zukunft der Menschheit.

    Kulturschaffender

  • alphatier

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    @ kulturschaffender

    Zur Kultur gehört auch Sprache, als Ausdrucksmittel.

    Wer andere, wie den Kandidaten Hage, anonym in den Schmutz ziehen will sollte zumindest der deutschen Sprache mächtig sein, was angesichts Ihrer zahlreichen Fehler im Text bezweifelt werden darf.

  • Silversurfer

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    Man soll es nicht für möglich halten – da beweist einer bei der Stadtverwaltung mal Rückgrat statt hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln, und schon wittern Leute wie @kulturschaffender Hinterlist und Tücke. Wie lächerlich.
    Der Leiter der VHS muss fast damit rechnen, nicht gewählt zu werden, hat aber trotzdem seinen Hut in den Ring geworfen, um ein Zeichen zu setzen. Für mich ist das, wenn auch ein wenig verzweifelt anmutender, Mut. Was den armen Kerl erwartet, wenn die „Fraktionsdisziplin“ sich morgen gegen besseres Wissen durchsetzt, mag man sich gar nicht vorstellen.
    Apropos Fraktionsdisziplin: Man sollte sich schämen, einen so wichtigen Posten zum politischen Spielball zu machen. Wenn trotz vollkompetenter Alternative die Stadträte morgen, entgegen so mancher privat geäußerter Meinung, pro Amtsinhaber abstimmen, weiß man, was man vor allem von der SPD zu halten hat.
    Es ist mindestens fünf oder sechs Jahre her, dass ich zum ersten Mal von einem Haus der Musik am Bismarckplatz gelesen habe, jetzt liegt immer noch kein schlüssiges Konzept vor, und der vom Verkaufswillen des Freistaats angetriebene Kauf wird Unger als Erfolg ausgelegt? Hunderttausende für die temporäre Ausstellung eines Buchmalers aus dem Mittelalter anhäufen, aber die Förderpreise für die lebenden Künstler vertrotteln? Alles natürlich sehr lobenswert.
    Ich bin zu alt, um Abtrünnigen öffentlichkeitswirksam oder verlockend Sex anzubieten. Wenn dem einen oder anderen Stadtrat bei der Vorstellung seine Stimme einem Befehlsnotstand oder seiner Libido zu opfern schlecht wird, dann ist das auch eine Lösung. Der kann sich ja krankschreiben lassen, denn morgen zählt auch die Abwesenheit.
    Ob morgen „Besserwisserei, Beratungsresistenz, die Kunst der selektiven Wahrnehmung und formvollendete Realitätsverweigerung“ wie @Doolittle im Juni hier treffend kommentierte, oder Kommunikationsbereitschaft, Gestaltungswille und Zivilcourage das Rennen machen? Bei den Aussagen im Vorfeld hab ich wenig Hoffnung.
    Jeder Stadt die Repräsentanten, die sie verdient.

  • pompomgorilla

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    „Kommunikationsbereitschaft, Gestaltungswille und Zivilcourage“ – offenbar hat Silversurfer keine Ahnung, was Regensburg mit Hage als Kulturreferent blühen würde.
    Auch die Kritik an der kommenden Furtmeyr-Ausstellung zeigt, dass hier jemand von Kultur keine Ahnung hat. Wird dadurch – und somit dank Herrn Ungers Einsatz – Regensburg in den bundesweiten Kultur-Fokus gerückt.
    Was aus Regensburg mit Hage als Kulturreferent geschehen würde, daran mag ich nicht einmal denken. Wenn man das Amt des Kulturreferenten lediglich als Prestigesache ansieht, dann Gute Nacht Regensburg.
    Klemens Unger führt sein Amt mit großer Leidenschaft und unglaublichem Einsatz aus, daran kann niemand zweifeln. Wer das dennoch tut sollte sich einmal mit all den Veranstaltungen auseinandersetzen, die unter Unger stattgefunden haben.
    Auch wenn man mit der Regensburger Politikspitze nicht einverstanden ist, so sollte man dennoch die Verdienste des derzeitigen Kulturreferats nicht unter den Tisch fallen lassen.
    Falls Hage als Kulturreferent sein Büro nach 16 Uhr einfach absperren würde – man kann um die Zeit ja schließlich schon Feierabend machen – würde mich dies nicht verwundern. Ob er einen derartigen Einsatz wie Herr Unger zeigen würde…ich bezweifle es stark.
    Wer hofft, dass Hage als Kulturreferent „Kommunikationsbereitschaft“ zeigen wird, dem kann ich nur sagen: Stellt Euch schon mal auf permanente Widersprüche, strikte Verweigerungshaltung und so manches Geschrei ein.

  • Alexander Gruber

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    Das mag ja alles sein. Es geht hier nicht darum, ob Unger gut oder schlecht ist, sondern um das „wie“ der Ämtervergabe.

  • Flar retep

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    Zur Unger-Wahl ergibt sich folgende Frage:

    Wie kann ein vereidigter Stadtrat an einer Wahl teilnehmen, der die Konzepte der zukünftigen Kulturgestaltung der Stadt Regensburg nicht gehört hat.

    Hier hätte man als Interessensvertreter der Stadt auf eine Teilnahme der Wahl verzichten müssen. Auch ein Herr Unger kann sich doch nicht wohlfühlen, ohne Kenntnis seiner Zukunftsplanung gewählt zu werden.

    Hier hätte man die Wahl nicht annehmen dürfen bzw. hätte der kranke Wähler nicht mitwählen dürfen.

    Gedanken eines Demokraten !!

    flar retep

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