Morgen, Regensburg! CSU-Wahlkampf mit Alzheimer-Methoden und ein Journalismus-Killer-Tool
Abschreiben ist kein Journalismus, auch wenn Tools angeboten werden, mit denen man nicht nur rechtssicher abschreiben, sondern auch Journalismus vortäuschen kann. Abgeschrieben hat die MZ unsere Geschichte vom vorbestraften OB-Kandidaten der AfD, die nun den Wahlkampf ohne einen solchen bestreitet. Diesen Wahlkampf begleiten wir weiter mit unserem Podcast – und ich wundere mich über ein Wahlversprechen der CSU.
1. Plausch mit dem jüngsten OB-Kandidaten
Letzten Sonntag hatten wir in unserer Live-Sendung bei Ghost Town Radio Sebastian Wanner, den OB-Kandidaten der Linken, zu Gast. Er ist mit 23 Jahren der Jüngste beim Rennen ums Rathaus, steht aber als Vermittler bei der Agentur für Arbeit mit beiden Beinen im Leben und wirkt mit seinen kommunalpolitischen Ansichten kompetent und realistisch, könnte glatt ein Sozi sein. Hier gibt es das Gespräch zum Nachhören.
Nächsten Sonntag kommt Helene Sigloch, OB-Kandidatin der Grünen ins Studio.
2. Kauf-den-Kaufhof-Propaganda
Das Thema Kaufhof, angebliches Islamzentrum, die Schwierigkeiten, die es gibt, bei dem Ansinnen, das Gebäude zu kaufen und die fehlende Seriosität der Eigentümer-GmbH haben wir auf regensburg-digital schon mehrfach und in aller Ausführlichkeit behandelt.
Ein MZ-Interview mit dem angeblichen Sprecher einer angeblichen Investorengruppe, die das Gebäude angeblich kaufen wollten, um dort angeblich ein islamisches Kulturzentrum zu etablieren, hatte Anfang des letzten Jahres ein kleines Erdbeben in Regensburg ausgelöst – Hasskommentare, Rassismus und AfD-Auftritt inklusive. Am Ende platzte das Märchen wie eine Seifenblase.
Ich war und bin nach wie vor der Ansicht, dass es von der Mittelbayerischen Zeitung nicht falsch war, diese Geschichte anfänglich zu bringen. Dass die MZ aber anschließend so ziemlich das letzte Medium war, das auf den Gedanken kam, dass das Ganze ein Bluff, Fake und der Versuch war, die Stadt zu einem überteuerten Kauf zu nötigen, ist für den medialen Platzhirsch in Regensburg schwach.
Gelernt zu haben scheint man daraus wenig, wie ein gestern online und heute in der gedruckten Ausgabe erschienenes Interview mit Roland Koch zeigt. Der frühere hessische Ministerpräsident tritt seit letztem April als Sprecher der Kaufhof-Eigentümer auf. In dem Interview darf er sich ohne kritische Nachfragen über die angebliche Ideenlosigkeit der Stadt Regensburg auslassen und über den angeblich guten baulichen Zustand der Immobilie.
Zu genauen Zahlen schweigt sich der gewiefte Rechtsanwalt aus, lässt aber durchblicken, dass der anfänglich aufgerufene Mondpreis von 33 Millionen Euro doch näher an einem realistischen Preis läge als die Vorstellungen der Stadt – um die zehn Millionen.
Außerdem droht Koch mehr oder weniger, dass die Eigentümer ja Zeit hätten – sprich: man kann das Ding auch einfach leerstehen lassen, wenn die Stadt nicht so spurt, wie es sich Kochs Auftraggeber vorstellen. Kein Wort verliert Koch zu der an Nötigung erinnernden Islamzentrum-Nummer. Das sei ja vor seiner Zeit gewesen.
Zusammengefasst liest sich das Interview wie eine Fortsetzung der Kauf-den-Kaufhof-Propaganda, die mit der Mär von islamischen Kulturzentrum begann und nun munter fortgesetzt wird, ohne das Vorgehen und die Motive der Eigentümer auch nur ein Stück weit zu hinterfragen. Die MZ wirkt damit erneut wie das verlängerte Presseorgan einer Investorengruppe – aber vielleicht folgt ja in den nächsten Tagen ein Nachleger.
Enteignung ist sicher ein Mittel, das in Deutschland selten angewandt wird. Ich bin aber schon seit geraumer Zeit der Meinung, dass die Stadt dieses Mittel angesichts des Verhaltens der Eigentümer-GmbH prüfen sollte.
Der Drohkulisse „Wenn ihr nicht zahlt, was wir wollen, lassen wir das Ding eben leerstehen“ sollte man von städtischer Seite endlich etwas entgegensetzen. Auf Ideen dafür wäre ich im Wahlkampf mal gespannt.
3. Rechtssicher abschreiben
Ein Grund, warum bei regensburg-digital im Jahr lediglich 200 oder 300 Artikel erscheinen, ist – neben unserer dünnen Personaldecke – der Umstand, dass wir alle unsere Berichte selbst recherchieren und verfassen. Natürlich greift man auch mal eine Pressemitteilung auf, aber nie per Copy&Paste. In der Regel sind da noch ein paar Telefonate und Gespräche mit dabei, ehe etwas erscheint.
„Blaulichtmeldungen“, also das kaum redigierte Veröffentlichen von Polizeimeldungen wie bei vielen Medien üblich, machen wir gar nicht – obwohl es gut klicken würde. Wenn wir so etwas mal aufgreifen, dann, weil wir es als Anstoß für weitere Recherchen nehmen. Ich möchte durch das massenhafte Veröffentlichen von Polizeimeldungen auch nicht zu dem falschen Eindruck beitragen, dass „alles immer schlimmer“ wird.
Schon gar nicht schreiben wir irgendwo ab, um die geile Story von jemand anders abzugreifen und irgendwie bei uns unterzubringen. Wenn, dann wird zitiert, und wir drehen Geschichten mit eigenen Recherchen weiter.
Nach einem Angebot, das mir kürzlich ins Mailpostfach geflattert ist, muss ich mir wohl eingestehen, dass ein solches Verhalten ziemlich dumm ist. Zumindest aus wirtschaftlicher Sicht.
Die angebotene „Software zur Erstellung von News-Artikeln für Ihre eigene Nachrichtenseite“ bietet alles, um sich von jedwedem Journalismus zu verabschieden. Man muss nur ein bisschen lesen können. Ich binde das Erklärvideo, mit dem die Software vermarktet wird, hier ein.
Kurz zusammengefasst sucht eine KI bei Google aktuelle Schlagzeilen und Texte, „formuliert sie rechtssicher neu“, passt sie automatisch für die gewünschte Kategorie auf der eigenen Webseite an und erstellt ein „passendes Artikelbild“.
Immerhin: Man kann (!) den Text auch selbst manuell bearbeiten, auch wenn Schreibkompetenz nicht zwingend erforderlich zu sein scheint. Im Grunde sind außer Skrupellosigkeit kaum Fähigkeiten nötig, um sich mit solchen Programmen im Internet als journalistisch agierende Nachrichtenseite auszugeben.
Einfach „rechtssicher“ die Arbeit anderer abgreifen, umschreiben lassen, so dass es nicht als Plagiat und Urheberrechtsverletzung erkennbar ist und den eigenen Namen drunter setzen. Fertig. Man muss nicht einmal mehr für Nachrichtenagenturen wie dpa bezahlen.
Den meisten Lesern fällt es nicht auf, wenn sie auf einer solchen Abschreiberseite landen. Wer überprüft schon, von wem Recherchen und Neuigkeiten stammen. Wenn das Ding dann noch ordentlich klickt, weil man die Schlagzeilen schön reißerisch formuliert, dann klappt es auch mit den Werbeeinnahmen – auf Kosten anderer.
Dass der Schöpfer dieses Programms keine Ahnung von Journalismus hat, beweist allein der Umstand, dass er so etwas an mich schickt.
Er schadet damit meinem Berufsstand, wirtschaftlich, in punkto Reichweite und Glaubwürdigkeit. Er macht diesen Beruf kaputt – und irgendwann gibt es eben nichts mehr zum Abschreiben. Weil niemand mehr die eigentliche Arbeit macht. Recht schönen Dank auch. Ich kann nicht fassen, dass so etwas legal sein soll.
4. Kein OB-Kandidat bei der AfD
Anfang der Woche wurden die eingereichten Vorschläge für die Kommunalwahl in Regensburg am 8. März veröffentlicht und nun ist klar: Es gibt 13 Bewerberinnen und Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters. Die AfD ist die einzige Partei ohne OB-Kandidaten.
Gut, da gibt es noch „Zukunft – Junge Liste für Regensburg“, aber dieser CSU-nahen Liste tut man sicher nicht Unrecht, wenn man sagt, dass die mit Astrid Freudenstein irgendwie ja auch eine OB-Kandidatin haben. Sie müssen sich Freudenstein nur mit der Senior-CSU teilen.
Für den Kreistag gibt es ebenfalls eine junge Liste, die JU, die zusätzlich zur CSU antritt. Ebenso in Lappersdorf. Ähnlich kann man auch die „Junge Liste für Regensburg“ bewerten.

Wäre fast OB-Kandidat geworden: Manfred Hetznegger. Foto: Archiv
Ob das nun tatsächlich als Konkurrenz zu sehen ist oder als zweigleisiges Fahren, um möglichst nah an eine eigene CSU-Mehrheit zu kommen, mag jeder selbst beurteilen. Dass man keinen eigenen OB-Kandidaten hat, ist jedenfalls nicht überraschend.
Im Gegensatz zur AfD – die ja mit OB-Kandidat Manfred Hetznegger eine „Persönlichkeit mit hoher Bekanntheit und großer Beliebtheit in der Stadtgesellschaft“ ins Rennen schicken wollte. Doch dann „wurde bekannt“, so der MZ-Jargon, dass der 66-Jährige im November 2024 wegen des Veruntreuens von Arbeitsentgelt zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. 258 Fälle, 600.000 Euro Schaden – Hetznegger zog seine Kandidatur letzten Oktober zurück und machte in der MZ die Opferrolle.
Ich will mich da mal ganz unbescheiden selber loben. Ausgegraben und veröffentlicht hab die Geschichte ich, tatsächlich vom Krankenhaus aus. Dass ich dafür von einem Chefreporter als „Rächer der Enterbten“ bezeichnet und regensburg-digital von der AfD gelobt wurde, weil wir Schaden von der Partei abgewendet hätten, schmälert meine Freude über diesen kleinen Scoop nicht.
Völlig unabhängig davon, dass ich die AfD für eine gefährliche rechtsextreme Partei halte, die mit Erhard Brucker ein besonders eindrückliches Exemplar hervorgebracht hat, hätte ich diese Geschichte auch bei jeder anderen Partei gemacht. Wenn ein potentieller OB-Kandidat zu fast eineinhalb Jahren verurteilt wird, dann kommt man daran als Journalist nicht vorbei.
5. Experte auf dem Holzweg
Eine Debatte um die Gefahr durch Linksextremismus hat der Stromausfall in Berlin am 3. Januar ausgelöst. Angeblich soll dafür eine Vulkangruppe verantwortlich sein. Die scheint alles andere als homogen zu sein. Es gibt ein Bekennerschreiben. Dementis und Streit zwischen verschiedenen Vulkangruppen. Eine Aufklärung der Hintergründe steht noch aus.
Da ist es gut, Experten zu haben, die in Talkshows für Aufklärung sorgen. In dieser Eigenschaft war am 6. Januar Peter R. Neumann zu Gast, seines Zeichens Extremismusforscher. Und dort sprach er beim Plaudern über die Gefahren des Linksextremismus eher so nebenbei von einem Brandanschlag „gegen die Jagdhütte von Frau von Thurn und Taxis“.

Verbreiteten beide die Falschbehauptung vom Brandanschlag: Gloria von Thurn und Taxis und Victor Orban. Foto: Archiv/ Staudinger
Ganz abgesehen davon, dass die Bezeichznung Jagdhütte für das abgebrannte Jagdschloss Thiergarten arg bescheiden klingt, verbreitet Neumann in einer der reichweitenstärksten Talkshows in Deutschland unwidersprochen das falsche Narrativ eines Antifa-Brandanschlags, dem die Polizei bereits am 13. November letztes Jahr widersprochen hat (mehr dazu hier bei Belltower News).
Vor dem Hintergrund, dass Neumann eigentlich als seriöser Experte gilt, insbesondere auch zum Thema Desinformation, ist diese beiläufige und grundfalsche Aussage fatal. Verantwortlich für den Irrtum Neumanns sind reißerische Schlagzeilen, die einem von Anfang fragwürdigen falschen Bekennerschreiben eine Aufmerksamkeit verschafften, die es nicht verdient hatte.
Aber hey: Es hat zumindest Klicks gebracht. Eine Richtigstellung von Neumann oder dem ZDF habe ich bislang nirgends gefunden. Und dafür bezahle ich auch noch… aber lassen wir den Quatsch.
6. Holzgartensteg: Vergessen wir, was war!
Der Holzgartensteg, also eine Fahrradbrücke von Reinhausen zum Unteren Wöhrd war ein jahrelang umstrittenes Projekt. Vor allem, weil die Radbrücke am Grieser Spitz anlanden sollte und die Radler dann entlang der Naherholungsfläche zum Grieser Steg und von dort auf die andere Donauseite geleitet werden sollten.
Ungeachtet der Kritik befürworteten Fahrradverbände den Holzgartensteg – und es gab dafür 2019 zunächst auch eine Mehrheit im Stadtrat. Sehr konkrete Entwürfe lagen vor. 2022 sollte losgelegt werden.

Entwürfe für den Holzgartensteg aus dem Jahr 2019. Quelle: Stadt Regensburg
Doch dann kam die Kommunalwahl – und 2020 wurde das Projekt beerdigt. Offizielle Begründung damals: „aufgrund der derzeitigen finanziellen Situation bei der Stadt Regensburg“ würden die Planungen für den Holzgartensteg „auf absehbare Zeit nicht fortgesetzt“. Es war ein offenes Geheimnis, dass es damals die CSU war, die die Fahrradbrücke innerhalb der damals frisch gegründeten Koalition verhinderte.
Von OB-Kandidatin Astrid Freudenstein sind aus dem vorangegangenen Wahlkampf diverse Seitenhiebe gegen das Projekt überliefert und Aussagen, denen zufolge sie sich an einen Baum ketten werde, sollte der Holzgartensteg gebaut werden. Im Stadtrat stimmte die CSU im Juli 2019 noch gegen den von der Mehrheit beschlossenen Vorschlag für eine Fahrradbrücke.
Insofern ist es bemerkenswert, wenn sich die CSU nun den Holzgartensteg ins Wahlprogramm geschrieben hat und auf Social Media-Kanälen damit wirbt, diesen zu bauen, sollte man gewählt werden. Die Wahrheit ist: Ohne das Mitregieren der CSU im Regensburger Rathaus bis zum Sommer 2024 wäre der Holzgartensteg wohl schon längst fertig.
Und weil wir gerade bei der CSU sind: Ein weitaus weniger umstrittene Variante des Holzgartenstegs wäre ein direkter Brückenschlag von Reinhausen zum Unteren Wöhrd gewesen, ohne den Grieser Spitz miteinzubeziehen.
Umgesetzt werden kann diese Variante nicht. Ein dafür notwendiges Grundstück wurde 2009 unter fragwürdigen Umständen zum Schnäppchenpreis an einen privaten Investor – das Immobilien Zentrum Regensburg – verramscht. Verantwortlich dafür: CSU-Oberbürgermeister Hans Schaidinger.
Es gab ja mal die Liste Alz in Regensburg und deren Wahlkampfslogan: Vergessen wir, was war. Genau darauf scheint die CSU heuer zu setzen – nicht nur, was den Grieser Steg betrifft. Die Partei hat bis 2024 hier mitregiert.
Entspannte Restwoche!
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