Entlassene MZ-Beschäftigte schreiben offenen Brief

„Sind wir das Krebsgeschwür, weil wir unsere Arbeitnehmerrechte verteidigt haben?“

Nach dem offenen Brief von 20 Stadträten an MZ-Verleger Peter Esser und dem offenen Brief von MZ-Führungskräften an die Stadträte, melden sich nun die gekündigten Beschäftigten des Mittelbayerischen Verlags ihrerseits in einem offenen Brief zu Wort. Sie bedanken sich bei den 20 Stadträten und schildern ausführlich den Verlauf der Verhandlungen um einen Haustarif. Das Fazit: Es war wohl nie beabsichtigt, sie weiterzubeschäftigen. Wir veröffentlichen das Schreiben im kompletten Wortlaut. 

Die "Druckservice Regensburg GmbH": eine MZ-Tochter-Tochter mit kurzer Lebensdauer. Foto: Archiv/ as

Die „Druckservice Regensburg GmbH“: eine MZ-Tochter-Tochter mit kurzer Lebensdauer. Foto: Archiv/ as

Offener Brief der DSR Beschäftigten

Sehr geehrte Damen und Herren der Stadtratsfraktionen der SPD, der ÖDP, der Linken, der Piraten, der Grünen und der Freien Wähler in Regensburg,

wir bedanken uns, auch im Namen unserer Familien, für ihr Engagement, das sie für uns „kleinen Leute“ an den Tag legen.

Es ist leider in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich sich als Kommunalpolitikerin/ Kommunalpolitiker für eine kleine Gruppe von Arbeitnehmern einzusetzen, wenn diese auch noch bei dem Zeitungsmonopolisten der Stadt beschäftigt waren.

Da die Begründung der Verlagsseite in keinster Weise nachvollziehbar sind, wollen wir hier nochmals kurz auch die „Historie“ der DSR eingehen:
Wir wurden als Beschäftigte des Mittelbayerischen Druckzentrums am 31.01.2014 darüber informiert, daß die Abteilung Zeitungsfertigmacherei in eine neue Firma (DSR – Druckservice Regensburg) übergeht. Bereits am nächsten Tag, ab dem 01.02.2014 waren wir nun eine Tochter der M-Logistik, die wiederum eine Tochter des Mittelbayerischen Verlages ist. Die M-Logistik wurde ca. 5 Monate zuvor gegründet und bestand aus nur einem Geschäftsführer.

Die Gewerkschaft verdi forderte im Zuge dessen Haustarifverhandlungen auf Basis des Drucktarifvertrages. Dieser wird auch bei den Zeitungsfertigmachereien im Druckzentrum der Passauer Neuen Presse, sowie beim Neuen Tag in Weiden angewandt. Die Tätigkeiten unserer Lohngruppen sind explizit im Drucktarifvertrag festgelegt. Der Papier, Pappe und Kunststoffverabeitende Industrie Flächentarifvertrag sieht viele unserer Tätigkeiten, Maschinen und Arbeitszeiten (z.B. ständige Samstagsarbeit) nicht vor.

Der Kompromissvorschlag der Gewerkschaft, zukünftige Einstellungen ca. 13% unter Drucktarif zu bezahlen, wurde vom Verhandlungsführer Herrn Dr. Weberling als zu gering abgelehnt. Trotz seiner Behauptung der Presse gegenüber, er hätte Besitzstandswahrung angeboten, galt dies nicht für unsere Zuschläge, die einen erheblichen Teil unseres Lohns ausmachen. In den über ein Jahr dauernden Verhandlungen wurde auch ein Altersteilzeittarifvertrag abgeschlossen, der den älteren Kollegen (zwei davon sind mehr als 42 Jahre bei der MZ beschäftigt) einen sozialverträglichen Übergang in die Rente gewährleistet hätte. Drei Kollegen stellten einen dementsprechenden Antrag bei der Geschäftsführung. Alle drei wurden abgelehnt.

Dr. Weberling verkündete am letzten Verhandlungstag, dem 29.06.2015, den Eintritt des DSR in den Arbeitgeberverband Papier, Pappe und Kunststoffverarbeitende Industrie zum 01.07.2015. Auf die Aufforderung hin einen sogenannten Überleitungstarif (Abschmelzen des Besitzstandes durch Verrechnung der Hälfte der tariflichen Erhöhungen der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie) abzuschließen folgte diese Antwort:

„…viele Arbeitsverträge unserer Mitarbeiter konkrete Inbezugnahmen auf Tarifverträge der Druckindustrie. Nach dem im Arbeitsrecht geltenden Günstigkeitsprinzip gehen im Vergleich zu den geltenden Tarifverträgen günstige individualrechtliche Vereinbarungen den Tarifverträgen vor. Der Abschluß des von Ihnen geforderten Überleitungstarifvertrags würde zu Lasten unserer Mitarbeiter dieses Günstigkeitsprinzip aushebeln. Sie werden verstehen, daß wir uns deshalb im Interesse unserer Belegschaft außerstande sehen, den von Ihnen geforderten Überleitungstarifvertrag abzuschließen.“ (Geschäftsführerin Frau Köhler am 7. Juli 2015)

Während dieser gesamten Verhandlungszeit war es für uns nie ein Ziel dem Verlag zu schaden, weshalb wir auch keine Sekunde gestreikt haben.

Nun galt also der Papier, Pappe Kunststoffverarbeitende Tarifvertrag seit dem 1. Juli 2015. Am 17. August wurde uns dann in einer Beschäftigtenversammlung mitgeteilt, dass die DSR am 31. August schließt und wir alle gekündigt werden. Entgegen den Behauptungen der Geschäftsführerin Frau Köhler, wurde der Betriebsrat laut Betriebsverfassungsgesetz §80 II, §92 und §102 nicht ordnungsgemäß beteiligt.

An dieser Stelle sei die Frage gestattet warum der DSR geschlossen wurde, da der um ca. 20% günstigere Tarifvertrag galt? Wenn also die unternehmerische Entscheidung am 29.06.2015 fiel, den Tarifbereich zu wechseln und uns am 17. August mitgeteilt wurde, daß die DSR am 31. August schließt, wirft das für uns die Frage der Glaubwürdigkeit der Absichten der Verhandlungsführung auf.

Wir stellen uns folgende Frage: Während das Druckzentrum mit ca. 40 Beschäftigten immer noch den Drucktarif anwendet, sollen über das Wohl und den Erfolg des Verlags mit 768 Arbeitnehmern, plus unzähliger Zusteller und freien Berichterstatter wir 11 Kollegen ausschlaggebend sein? Oder geht es laut dem Geschäftsführer des Druckzentrums Herrn Grüneisl darum, „…ein Krebsgeschwür herauszuschneiden…“ (O-Ton)?

Sind wir also das Krebsgeschwür, weil wir unsere Arbeitnehmerrechte über Jahre hinweg gelebt und verteidigt haben?

BDZV-Kongress: Mit einer Protestkundgebung wurden die Verleger zur Druckereibesichtigung empfangen.

BDZV-Kongress: Mit einer Protestkundgebung wurden die Verleger zur Druckereibesichtigung empfangen.

Der vorgelegte freiwillige Sozialplan ist für uns alle keine Alternative. Nach einem Jahr Qualifizierung gäbe es für uns keine Möglichkeit in unserem Beruf eine Beschäftigung zu finden. Es sei denn über eine der Leiharbeitsfirmen die im Moment unsere Tätigkeit ausführen lässt. Dies wurde vertraulich von der Geschäftsführerin (ehemals DSR – jetzt M-Logistik) Frau Köhler telefonisch einem unserer Kollegen angeboten.

Wir hoffen weiterhin auf Ihre Unterstützung und bitten Sie, sich ein eigenes Bild zu machen. Gerne auch in Gesprächen mit uns. Ihr Mut uns zur Seite zu stehen bekräftigt uns weiter für unsere Arbeitsplätze zu kämpfen, denn dies ist unser Ziel. Die Information an die Regensburger Bevölkerung, welche Stadträte uns unterstützt haben, werden wir in unseren nächsten Aktionen gerne weitergeben.

Nochmals vielen herzlichen Dank und freundliche Grüße.

Elf Unterzeichner

Anmerkung der Red.: In der Erstfassung des Briefes der DSR-Beschäftigten (PDF) hatten sie die Grünen als Adressat vergessen. Die Unterzeichner haben uns um Korrektur gebeten.

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Kommentare (9)

  • Regensburger

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    Liebe Mitarbeiter der MZ. Das, was sie jetzt erleben müssen, ist nicht nur Traurig, sondern Skandales. Wir Alle leben in einer sogenannten parlamentarischen Demokratie, eine Art der politischen Diktatur. Hier entscheiden nur die Macht und das Geld. Der Fisch stinkt von Kopf. Ein Kampf gegen der Macht der Mächtigen ist leider sinnlos. Der Reichtum der Reichen wächst und die Arbeitsnehmer und Rentner werden immer ärmer. Man zählt nur Gewinne und vergisst die Menschen, also die normalen Menschen die zu dem Reichtum beigetragen haben. Leider auch ich, gehöre zu den Menschen die unter einer Diskriminierung und Machtmissbrauch leben müssen. Seit 15 Jahren kämpfe ich als Deutscher gegen der Kürzung meiner Rente um 40%. Die Begründung der Bundesministerium für Arbeit und Soziales : „Im Hinblick auf die erforderlich gewordenen Maßnahmen zur Dämpfung des Beitragssatzeinstieges in der Rentenversicherung musste aber auch der o.g. Personenkreis – wie andere Gruppen der Bevölkerung – einen Beitrag hierzu leisten“. (Um welchen Personenkreis sich handelt bleibt geheim.) Und die Gerechtigkeit? Der Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat mit Beschluss vom 13.Juni 2006 entschieden, dass die durch das Wachstums- und Beschäftigungsförderungsgesetz (WFG) eingeführte Regelung in § 22 Abs. 4 FRG, wonach nach dem FRG erworbene Entgeltpunkte bei einem Rentenbeginn nach dem 30. September 1996 um 40 Prozent zu mindern sind, mit dem Grundgesetz vereinbar ist.“ Mit dieser Entscheidung hat der BVerfG gleich mehrere Artikel des Grundgesetzes außer Kraft gesetzt. Warum nicht, eine Hand wäscht die andere. Ich wünsche euch liebe Kämpfer viel Erfolg in euren „sozialen Kampf“. Wenigstens haben sie breite Unterstützung ich kämpfe leider immer noch alleine.

  • hörmann

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    Menschen als Krebsgeschwür bezeichnen? Grüneisl spricht aus, was dem System der Profitvermehrung auf Teufel komm raus innewohnt: Bereicherung der Besitzenden und Herrschenden mit Null Rücksicht auf lebendige Wesen. Ich kenne vor allem ein Krebsgeschwür auf dieser Welt und das heißt Kapitalismus (und das ist bereits auf dem besten Weg unseren Planeten zu vernichten, siehe „Klimagipfel“ in Paris).

  • Lurchi

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    Arbeiter als Krebsgeschwür zu betiteln ist schon mehr als traurig. Da fehlen mir nicht nur die Worte. Das ist ein Zeichen von Menschenverachtung höchsten Grades. Pfui
    Aber das diese Arbeiter für solche Leute das Geld mitverdienen, juckt anscheinend niemanden. Aber man ist ja stolz auf seine Führungskräfte.
    Zitat:
    Geschäftsführer Wunnicke aus dem BR Interview ; Und wegen der Führungskräfte, die den Brief geschrieben haben, werde ich aus ganz Deutschland von Zeitungsverlegern und von Geschäftsführern von großen Medienunternehmen angerufen. Die sagen: Ihr könnt stolz auf diese Führungskräfte sein. Und da sind wir auch stolz drauf und wie gesagt, das kommt von innen. Nicht von oben.
    Anhand dieser Aussage “ Krebsgeschwür“ sieht man wie die Führungsqualitäten dieses Hauses sind. Wie oben schon geschrieben, die Arbeiter bringen das Geld und nicht die „Führungskräfte“.
    Zitat:
    Wunnicke aus dem BR Interview; Sie können jeden Einzelnen dieser Unterzeichner fragen. Was natürlich jetzt ist: Diese Unterzeichner – was erleben unsere Mitarbeiter, was erleben unsere Führungskräfte? Sie erleben, dass von außen versucht wird, vieles gegen uns zu verwenden. Und dass da jeder einzelne dieser Kollegen keine Lust hat, öffentliche Statements abzugeben, das kann ich nachvollziehen. Es ist schon klar, das sie keine (Lust) mehr haben noch irgend etwas von diesem Thema von sich zugeben, da sie Mund Tod gemacht worden sind . Wie im ganzen Verlag dieses Thema nicht erwähnt wird.
    Stillschweigen ist das Zauberwort
    Desweitern die Gegenüberstellung die im Intranet veröffentlich wurde ,das den restlichen Mitarbeiter / innen bereitgestellt wurde entspricht nicht den korrekten Fakten.
    Ihnen wird hier etwas vorgegaukelt, was sie glauben sollen.
    Zum Schluss noch das Thema Arbeitsbedingungen was im BR Interview erwähnt wird.
    Zitat Wunnicke: Wo wird die Kritik laut? Die wird sehr einseitig laut. Und die werden Sie hier grade übrigens bei den jüngeren Mitarbeitern eher gar nicht finden, weil die hier ideale Arbeitsbedingungen vorfinden. Das spüre ich überhaupt nicht so.
    Ich weiß zwar nicht was der Herr für ein Spürsinn hat, aber von der Realität wahrscheinlich weit entfernt siehe Arbeitszeiten, Pausen (wenn überhaupt),Personal Unterbesetzung usw., nur traut sich ein junger bzw. neuer Mitarbeiter so schnell nicht auf die Missstände hinzuweisen. und wenn dieses geschieht Interessiert es wahrscheinlich niemanden von den Führungskräften als Vorgesetzte.

  • Hainer

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    Und was sagen die Führungskräfte des Mittelbayerischen Verlags zu den Aussagen von L. Grüneisl? Eine Abteilung im Betrieb als Krebsgeschwür und damit meint er auch die Mitarbeiter, zu bezeichnen ist pervers und abartig. Aber wahrscheinlich wurde das gar nicht so gesagt, oder es wurde aus dem Zusammenhang gerissen oder noch besser der Grüneisl ist doch für seine rustikale Aussprache bekannt. Was soll man so jemanden auf seinem weiteren Lebensweg wünschen?

  • Harry H.

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    „Einseitige und falsche Berichterstattung“ (kress.de) wirft der Mittelbayerische Verlag
    dem Bayerischen Rundfunk und Regensburg-digital vor.
    Gerade der Mittelbayerische Verlag!
    Und wieso setzt man sich mit den erhobenen Vorwürfen nicht offen und öffentlich
    im hauseigenen „Presseorgan“ auseinander?
    Vielleicht gerade wegen dieser einseitigen Berichterstattung?!

    „Journalism is publishing what someone doesn´t want us to know.
    The rest is propaganda.“

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