Tauben verenden in defekten Netzen am Regensburger Hauptbahnhof
Am Regensburger Hauptbahnhof verenden Tauben in defekten Schutznetzen – die Stadt prüft, die Bahn verspricht Kontrollen und die Koalition plant Lösungen.

In den defekten Netzten am Hauptbahnhof verenden Tauben immer wieder qualvoll. Foto: privat
Eine Leserin hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass immer wieder Schäden an den Taubenschutznetzen am Hauptbahnhof zu beobachten sind. Häufig verfangen sich Tauben darin und sterben, weil sie sich nicht aus den Netzen befreien können. Die Leserin wirft der Bahn Tierquälerei durch Unterlassung vor. Sie verweist auf Paragraf 17 Tierschutzgesetz.
Deutsche Bahn: Gäste sollen sich wohlfühlen
Auf Anfrage von Regensburg Digital antwortet eine Sprecherin der Deutschen Bahn: „Uns ist es wichtig, dass sich unsere Gäste am Bahnhof wohlfühlen.” Dazu gehöre auch, dass man der massenhaften Ausbreitung der Stadttaube entgegenwirke. Taubenkot könne nicht nur Krankheitserreger enthalten, sondern verursache Schäden an Gebäuden und Konstruktionselementen.
Deshalb ergreife man Maßnahmen zur Vertreibung der Tiere – auch durch Netze. Diese würden immer wieder kontrolliert, um Schäden zu beheben. „Alles geschieht im Einklang mit den Regeln des Tierschutzes”, so die Pressesprecherin.
Juristische Einschätzung zu Paragraf 17 Tierschutzgesetz
Eine Regensburger Fachanwaltskanzlei hat sich auf eine Anfrage unserer Redaktion mit dem Fall beschäftigt. Ihre Einschätzung:
„Es ist gemäß § 17 Nr. 2 TierSchG verboten einem Wirbeltier ohne vernünftigen Grund länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zuzufügen“ Das Netz am Regensburger Bahnhof stelle grundsätzlich eine Gefahr für eingeschlossene Tauben dar. Es bedeute ein erhöhtes Tötungsrisiko für die Tiere. Tauben könnten mit dem Netz kollidieren und sich daran verletzen. Insbesondere Stadttauben würden dazu neigen, instinktiv zu ihren früheren Nist- und Brutplätzen zurückzukehren – trotz eines Netzes.

Das Regensburger Modell: Tauben weden in Voliere gelockt, wo ihre Eier ausgetauscht werden. Foto: ASTUM
Weiter heißt es, „das erhöhte Verletzungs- und Tötungsrisiko für die Tauben ist laut Experten aufgrund langjähriger Erfahrungswerte bestätigt“. Die standorttreuen Tiere verletzten sich, indem sie auf das Netz zuflögen, ohne es wahrzunehmen. Wobei durchaus die Meinung vertreten werde, es sei unverhältnismäßig, die Schmerzen und das Leiden der Tiere in Kauf zu nehmen, nur um geringe Sachschäden an Bahnhöfen zu vermeiden.
Laut den Juristen gibt es eine Vielzahl weniger tierschädlicher Vergrämungsmaßnahmen, um den Tauben den Aufenthalt am Bahnhof zu verleiden. Ihre Nistplätze zu verschließen zum Beispiel. Es seien vor allem bauliche Veränderungen möglich. Beispielsweise das Verschließen von Nischen.
Ob Tauben Krankheiten übertragen ist nicht sicher
Schließlich sei für die Frage nach einem Rechtfertigungsgrund auch die mögliche Bekämpfung von Krankheitsübertragungen entscheidend. Das müsse ein Sachverständigengutachten jedoch erst klären. „Diese Frage ist auch in Rechtskreisen höchst umstritten“, so die Juristinnen. Es werde auch die Meinung vertreten, die pauschale Einstufung von Stadttauben als Gesundheitsschädlinge verbiete sich.
Zusammenfassend heißt es, dass eine abschließende rechtliche Einschätzung nicht abgegeben werden könne. Da es sowohl auf den Einzelfall als auch auf verwaltungsrechtliche Vorschriften, beispielsweise das bayerische Infektionsschutzgesetz, ankomme.
Stadt Regensburg: Umweltamt leitet Untersuchung ein
Der Stadt Regensburg ist nichts von toten Tauben am Hauptbahnhof bekannt. Pressesprecherin Juliane von Roenne-Styra schreibt: „Paragraf 17 Tierschutzgesetz ist der zentrale Straftatbestand des Tierschutzstrafrechts.“
Hierbei sei aber nur vorsätzliches Handeln strafbar. Für die Beurteilung beziehungsweise Verfolgung dieser Vorschrift seien die Strafverfolgungsbehörden zuständig.
Das Umweltamt führe nun ein Verwaltungsverfahren durch. Sollten sich dabei Hinweise auf einen Verstoß nach Paragraf 17 Tierschutzgesetz ergeben, würden diese selbstverständlich an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet.
Stadt hat Taubenmanagement im Blick
„Objektive Zahlen der Taubenpopulation liegen der Stadt derzeit nicht vor“, sagt Roenne-Styra. Das Thema Taubenmanagement sei in die Koalitionsvereinbarung aufgenommen worden, um es in Regensburg zu etablieren.
Bisher gibt es einzelne Taubenhäuser. Sie werden unabhängig von der Stadtverwaltung betrieben. „Diese reichen jedoch nicht aus“, so die städtische Pressesprecherin.
Taubenmanagement der neuen Rathauskoalition
In der Koalitionsvereinbarung der neuen Rathauskoalition steht:
„Wir wollen den öffentlichen Raum sauber, attraktiv und tiergerecht gestalten. Deshalb führen wir in der Altstadt ein Taubenmanagement nach dem ‚Augsburger Modell’ ein.“
Dafür würden drei bis vier Taubenschläge auf öffentlichen Gebäuden eingerichtet. So könnten die Populationen gesteuert und gleichzeitig Verschmutzungen reduziert werden. Diese Maßnahme verbessere sowohl das Tierwohl wie das Stadtbild, ist sich die Koalition sicher.

Die Koalition hat sich Taubenmanagement für Regensburg auf die Fahnen geschrieben. Foto: Archiv/as
Tierschutzverein Regensburg: Es gibt eine Leerstelle bei der Taubenhilfe
Der Vorsitzenden des Tierschutzvereins Regensburg e.V., Ariane Weckerle, ist die Taubenproblematik ebenfalls bekannt. Hin und wieder würde ihr Verein wegen verletzten Tieren kontaktiert, hätte aber keine Möglichkeit Tauben aufzunehmen.
Sie verweisen in diesen Fällen immer auf die Vogelstation in Regenstauf. Diese könne aber nur eingeschränkt helfen. „Es gibt leider, was Hilfe für Tauben anbelangt, eine gewisse Lücke.“
Tierschützer hoffen auf Verbesserung des Taubenschutzes
Es gäbe aber ein Tauben-Projekt an der Universität Regensburg, sagt Weckerle. Das sogenannte „Regensburger Modell“. Dies scheine sehr gut zu funktionieren.
Die Tierschützer würden sich über eine Besserung für Tauben durch tierschutzgerechte Maßnahmen sehr freuen. „Zum Beispiel durch die Ausweitung des Regensburger Modells“, resümiert die Vorsitzende.
Was ist das Regensburger Modell?
Frank Wilm ist Geschäftsführer der ASTUM GmbH. ASTUM steht für: „Artgerechte Stadttauben Umsiedlungs Methoden“.
Sein Unternehmen berät Firmen, Gemeinden und Städte im Umgang mit Stadttauben. „Das Regensburger Modell ist ein Taubenhaus, meist mit einer vorgeschalteten Freiflugvoliere“, sagt er. Der Einflug könne dabei auf zu, nur rein oder rein/raus eingestellt werden. So könnten Neuzuflieger untersucht, behandelt und beringt werden.

Das Regensburger Modell – artgerechte Stadttaubenumsiedlung und -Reduktion unter dem Aspekt des Tierrschutzes
Die Tauben würden zu Beginn eingewöhnt. Sie könnten nach einer bestimmten Zeit mit den anderen Tauben wieder frei fliegen. „Die Freiflugvoliere dient als Fernseher für die Tauben”, witzelt Wilm. Außerdem diene sie dem Schutz vor Feinden. Und man habe die Tauben besser unter Kontrolle.
Zusätzlich würden beim Regensburger Modell die Taubeneier ausgetauscht und Kot entsorgt. „Hier hat sich bei allen bisherigen Projekten die Taubenanzahl deutlich reduziert“, so der Experte.
Den letzten Schliff erhielt dieses Taubenreduktions-Modell 2012 an der Universität Regensburg. Erfunden hat das Regensburger Modell Ferry Wittke. Er ist seit drei Jahren im Ruhestand. ASTUM betreut sein Projekt weiter.

Das Regensburger Modell – artgerechte Stadttaubenumsiedlung und -Reduktion unter dem Aspekt des Tierrschutzes
Der Unterschied zum Augsburger Modell: Bei offenen Taubenhäusern nach dem Augsburger Modell, wie die Rathauskoalition es plant, vermehren sich die Tauben. Da sie nur zu Fressen in den Schlag bekämen, meist wieder verjagt würden und mit dem guten Futter ihre Brut aufzögen. Dabei würden beide Jungtiere überleben. Und so die Population immer weiter wachsen, erklärt der Taubenexperte.
Wie Stadttauben entstanden sind
„Die Tauben sind durch den Menschen Jahrtausende lang gezähmt worden“, erklärt Wilm. Doch im Laufe der Zeit seien sie nicht mehr gebraucht worden. Nicht für die Zustellung der Post, noch als Speise auf den Tellern.
Deshalb würden sie nicht mehr versorgt und gefüttert. Sie versuchten sich dann bei anderen Kolonien anzusiedeln.
Außerdem vermischten sich Stadttauben und Brieftauben. „Solange es genügend Futter und Nistplätze gibt, vermehren sich die Tauben“, sagt Wilm. Deshalb ist es notwendig regulierend einzugreifen – vielleicht sogar mit dem Regensburger Modell.
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Lilith
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Tja DB… ich fühle mich nur wohl, wenn am Bahnhof keine Tauben gequält werden oder gar tot rumliegen…