SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 26. September 2011

Am kommenden Donnerstag ist es so weit: 66 Jahre nach Kriegsende wird der Stadtrat offiziell erklären, dass die beiden Ehrenbürger Adolf Hitler und Gauleiter Adolf Wagner „personae non gratae“ in Regensburg sind.

Die CSU hat einen entsprechenden Antrag eingereicht, über dessen Wortlaut man zweifellos geteilter Meinung sein kann, der aber wenigstens annähernd dem gleich kommt, was andere Städte zum Teil schon unmittelbar nach Kriegsende geschafft haben: einer offiziellen und öffentlichen Distanzierung.

Jahrelang hatte man sich zuvor um das Thema herumgedrückt und argumentiert, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod erlösche. Zuletzt war Oberbürgermeister Hans Schaidinger mit einer entsprechend peinlichen Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gegangen. Was folgte war der CSU-Antrag.

Kein Thema: Nazi-Bürgermeister Herrmann

Nicht befassen will man sich hingegen mit der Ehrenbürgerschaft des Nazi-Bürgermeisters und späteren Oberbürgermeisters Hans Herrmann, der zu den Gründungsmitgliedern der Regensburger CSU gehört und nach dem auch die Hans-Herrmann-Schule im Stadtnorden benannt ist.

Die Begründung: Herrmann habe sich „große Verdienste um die Stadt erworben und sich außerdem ausdrücklich vom Nazi-Regime distanziert , so OB Schaidinger. Ansonsten wird kein Wort über Herrmann verloren.

Dabei werfen insbesondere städtische Publikationen einen weitaus kritischeren Blick auf den Regensburger Ehrenbürger und Schulnamensgeber.

Folgt man der 1994 vom Amt für Archiv und Denkmalpflege herausgegebenen Studie „Stadt unterm Hakenkreuz“ (Autor: Helmut Halter) war Herrmann ein rücksichtsloser Verhandler, als es darum ging, die jüdische Gemeinde in Regensburg zu enteignen. Generell gingen alle Arisierungen und Zwangsverkäufe über Herrmanns Tisch. Er war Mitglied in zahlreichen NS-Vereinen, unter anderem auch im Förderverein der SS.

Vor allem der Fürsprache der katholischen Kirche, der er nach dem Krieg beim Schwarzbau des Kolpinghauses unterstützend zur Seite stand, hatte Herrmann es zu verdanken, dass er nach drei Entnazifizierungsverfahren nur noch als „Mitläufer“ eingestuft wurde. Zunächst war er als „Belasteter“ zu einem halben Jahr Zwangsarbeit verurteilt worden.

Dass Herrmanns „ausdrückliche Distanzierung“ vom NS-Regime nicht all zu weit reichte, zeigt sich auch darin, dass er in seiner Zeit als Oberbürgermeister in den 50er Jahren außergewöhnlichen Einsatz für „einige der ehemals führenden Nationalsozialisten der Stadt“ (Halter) zeigte. Dem ehemaligen Nazi-Oberbürgermeister Otto Schottenheim sicherte der Einsatz Herrmanns seine Beamtenpension.

Mehr zum Thema: Fragwürdige Namenspatrone

„Eine nach Hans Herrmann benannte Grundschule hat in Regensburger nur insofern ihre Berechtigung, als dass sie den erbärmlichen Stand der politisch-bürgerschaftlichen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit augenfällig repräsentiert“, schreibt Robert Werner in seinem aktuellen Aufsatz„Das Kreuz der Auseinandersetzung mit der Stadt unterm Hakenkreuz“ (hier als PDF abrufbar).

Werner forscht bereits seit einigen Jahren zur Regensburger Geschichte. In seinem Aufsatz beschäftigt er sich am Beispiel des Pilzforschers Sebastian Killermann mit den Regensburger Gepflogenheit bei der Vergabe von Straßen- oder Schulnamen. Killermann war zeitweise als Namenspatron für die Grundschule Prüfening im Gespräch. Die Straße, an der die Schule liegt, trägt seinen Namen.

Nachdem bekannt wurde, dass Killermann zu den 900 Wissenschaftlern gehört, die am 11. November 1933 das „Bekenntnis der Professoren an den Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ unterzeichnet haben, wurde dieser Vorschlag beerdigt.

Werners Aufsatz ist der erste, der sich mit dem Werdegang Killermanns, seinen Veröffentlichungen und seiner Haltung zum NS-Staat befasst. Er stuft Killermann als Mitläufer mit antisemitisch grundiertem Weltbild ein.

Werners Fazit: „Die bestehende Sebastian-Killermann-Straße könnte unter anderem der Grundschule Prüfening als Lehrbeispiel für das Einschwenken eines katholischen Geistlichen auf das völkische NS-System und für die nazifreundliche bzw. unkritische Gedenkpolitik der Stadt Regensburg nach dem Zweiten Weltkrieg dienen.“

Die Verleihung des Straßennamens fällt in die Amtszeit von Oberbürgermeister Hans Herrmann.

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