Archiv für 16. September 2011

„Ich fordere den Eigentümer auf, eine Gedenktafel zuzulassen.“ Bürgermeister Joachim Wolbergs.
„Wir haben Fehler gemacht. Dafür bin auch ich verantwortlich.“ Der offene Brief mehrerer Initiativen an die Regensburger Stadtspitze scheint gewirkt zu haben – zumindest beim einen oder anderen. Bei einer Kundgebung vor der ehemaligen KZ-Außenstelle Colosseum in Stadtamhof hat sich Bürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) den Kritikern der dort verlegten Bodenplatte gestellt. Er warb um Verständnis für das Verhalten der Stadt, räumte Fehler ein und versprach Abhilfe. Den Eigentümer des Gebäudes, Develey-Boss und CSU-Politiker Michael Durach, forderte Wolbergs auf, „endlich eine Gedenktafel am Colosseum zuzulassen“. Doch dazu später.

„Die Heimlichkeit macht Sinn“

Rund 120 Menschen waren gekommen, um ein angemessenes Gedenken für die Gefangenen und Toten des Colosseum einzufordern, darunter Vertreter aller im Stadtratsfraktionen, mit Ausnahme von FDP und CSU. Entlang der Hauptstraße entrollten Jugendliche ein Transparent mit den Namen der 65 getöteten Häftlinge. In Reden von Luise Gutmann (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) und Reinhard Kellner (Soziale Initiativen) hagelte es Kritik an der Erinnerungspolitik der Stadt Regensburg. Wie berichtet wurde die Platte am 23. April in aller Stille verlegt. Dieses heimliche Vorgehen geriet in den letzten Wochen ebenso in die Kritik, wie der Text der Platte (Foto), der am Stadtrat vorbei von einer Verwaltungsrunde und den drei Bürgermeistern abgesegnet worden war.
„Anders gemeint“: die Bodenplatte vor dem Colosseum.
„Die Heimlichkeit macht Sinn“, sagt Luise Gutmann am Freitag, „denn der Text der Bodenplatte ist zum Schämen.“ Es werde verschwiegen, dass das Colosseum für 400 Menschen „ein Ort der Hölle“ war. Auch dass 65 von ihnen hier an den Folgen von Zwangsarbeit und Misshandlung starben, bleibt auf der Tafel unerwähnt. Das Verhalten beim Colosseum sei symptomatisch für die Erinnerungspolitik der Stadt Regensburg, so Gutmann. „Es wird verharmlost, beschönigt und verschwiegen, wenn es um Nazis und deren Verbrechen geht.“ In Regensburg fehle ein authentischer Ort, der Widerstand und Verfolgung während der NS-Zeit dokumentiere. „Nach dem Mittelalter ist Schluss mit der Stadtgeschichte.“

Jahrzehntelange Diskussion

Die Veranstaltung am Freitag war weiterer Höhepunkt einer Diskussion, die seit mehr als 30 Jahren in Regensburg schwelt. Die Existenz des KZ-Außenlagers war nach dem Krieg über Jahrzehnte verschwiegen worden. Es dauerte bis 1983, ehe das Thema einer etwas breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde: Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse an der Berufsfachschule für Wirtschaft hatten eine Arbeit zur Geschichte des Colosseum geschrieben und damit den „Preis des Bundespräsidenten“ beim Wettbewerb für Deutsche Geschichte gewonnen. Das Preisgeld stifteten sie für eine Gedenktafel – es gibt sie bis heute nicht. Ein in Stadtamhof 1994 platzierter Gedenkstein hat keinerlei Bezug zum Gebäude, das Colosseum wird darauf auch nicht erwähnt.

Develey-Boss will keine Tafel

Zuletzt scheiterte die Forderung nach einer Tafel am Widerstand des Gebäudeeigentümers: Michael Durach, Geschäftsführer der Senffabrik Develey und CSU-Gemeinderat in Unterhaching. Er versuchte zunächst das Thema intern über Kontakte zu CSU und Regensburger Stadtverwaltung vom Tisch zu bekommen. Als das nicht klappte und seine Weigerung öffentlich wurde, begründete Durach diese mit der Angst vor „randalierenden Gruppen“. Schließlich beschloss der Stadtrat auf Druck der Grünen 2009, eine Bodenplatte anstelle der Gedenktafel zu verlegen. Das geschah, wie erwähnt, in aller Stille, am Stadtrat vorbei und mit besagtem Text. Dem Vernehmen nach soll es von Durach eine Geldspende an die Stadt gegeben haben, um die Verlegung zu unterstützen.

„Das war anders gemeint.“

Wolbergs, der am Freitag (nach einer Abstimmung durch die Anwesenden) gegen Ende der Kundgebung das Wort ergriff, räumte ein, dass bei Text und Verlegung der Platte Fehler gemacht worden seien. „Es war aber anders gemeint.“ Die Stadtverwaltung habe immer noch gehofft, den Gebäudeeigentümer davon überzeugen zu können, doch noch eine Tafel zu akzeptieren. Vorerst habe man aber mit der Platte „einstweilen an den Appellplatz vor dem Colosseum erinnern“ wollen. „Das hat sich im Nachhinein als Fehler herausgestellt.“ Für sich allein genommen wirke die Platte tatsächlich unangemessen. „Politisch war etwas anderes gewollt.“
Mit einem Transparent erinnerten Jugendliche am Freitag an die 65 Toten des KZ-Außenlagers.
Wie soll nun Abhilfe geschaffen werden? Entfernen und ersetzen lassen will Wolbergs die Tafel nicht. Als Erinnerung an den Appellplatz sei sie „historisch korrekt“. Allerdings soll nun noch eine Ergänzung her. Eben in Form einer Gedenktafel am Gebäude, die Durach „endlich zulassen“ solle. Falls das nicht klappt, werde eventuell der bereits existierende Gedenkstein versetzt und direkt vor dem Colosseum aufgestellt. Ausdrücklich in Schutz nahm Wolbergs den städtischen Archivleiter Heinrich Wanderwitz. Dieser war zuletzt auch aus den Reihen der SPD-Stadtratsfraktion wegen des Textes auf der Gedenkplatte in die Kritik geraten. „Er hat den Text weder formuliert noch überhaupt gesehen“, so Wolbergs. Politisch verantwortlich dafür seien er und seine Bürgermeisterkollegen Gerhard Weber und Hans Schaidinger (beide CSU).

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