SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 17. November 2012

Seltsamer "Affront zum Volkstrauertag"

Die Tageszeitung und der städtische Wanderkranz

Es ist selten, dass es Grabschmuck zu größeren Schlagzeilen bringt. In Regensburg ist aber manchmal alles etwas anders. Denn hier hat sich ein städtischer Ehrenkranz auf abenteuerliche Wanderschaft begeben und es nun sogar in die Mittelbayerische Zeitung geschafft. Der Kranz liegt nun am Denkmal für sowjetische Zwangsarbeiter. Erst lag er am Grab des einstigen Oberbürgerbürgermeisters Rudolf Schlichtinger (SPD), dann landete er auf dem Grab von Nazi-Oberbürgermeister Otto Schottenheim. Doch nun ist es zum „Affront vor dem Volkstrauertag“ gekommen. Unter dieser Überschrift berichtet die Mittelbayerische Zeitung auf ihrer Internet-Seite von einem „Kreis Erinnernder an die NS-Zwangsarbeit“, der Schottenheims Grab „geplündert“ habe.

Stadt: „Kranz wurde von Schlichtinger-Grab geklaut“

Wie berichtet, hatten wir die Stadt nach dem Hinweis eines Lesers damit konfrontiert, dass ein offizieller Gedenkkranz auf Schottenheims Grab liegt. Mehrere Ämter haben daraufhin ausdrücklich dementiert, dass dies auf dem städtischen Mist gewachsen sei.

Der Kranz auf Schottenheims Grab. Die Stadt dementiert, etwas damit zu tun zu haben. Die Tageszeitung behauptet das Gegenteil. Foto: rw

Schottenheim, überzeugter Nationalsozialist und Regensburger Oberbürgermeister von 1933 bis 1945 (hier ein Porträt), habe weder ein städtisches Ehrengrab, noch werde er bei Kranzniederlegungen berücksichtigt. Der Kranz sei offenbar vom Grab von Rudolf Schlichtinger geklaut und zu Schottenheim transferiert worden.

MZ: „Stadt legt jedes Jahr Kranz für Schottenheim nieder“

Doch die Mittelbayerische Zeitung weiß da offenbar mehr. Die Stadt Regensburg habe „wie jedes Jahr Anfang November auch einen Kranz für den ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt niedergelegt“, heißt es in dem Artikel, aus dem nicht klar hervorgeht, worin nun der „Affront vor dem Volkstrauertag“ besteht. Ist es der städtische Kranz auf Schottenheims Grab? Der Kranz-Klau des anonymen Erinnerungskreises? Oder ist es der Artikel, in dem entweder eine Pressemitteilung ohne jedwede Recherche abgeschrieben bzw. falsch interpretiert wurde oder dessen nicht genannter Verfasser zumindest nichts Besonderes daran zu finden scheint, dass die Stadt Regensburg jedes Jahr einen glühenden Antisemiten und Hitler-Verehrer mit einem Kranz ehrt?

Nazi-Oberbürgermeister Otto Schottenheim (hier um 1934). Quelle: Wikipedia

Die Bayerische Staatszeitung positioniert sich da etwas deutlicher: Sie berichtete mit Bezug auf regensburg-digital.de am Freitag über den „Nazi-Grusel auf dem Regensburger Zentralfriedhof“.

Kein Kranz für Zwangsarbeiter

Lediglich eines scheint klar zu sein: Für die Zwangsarbeiter, die hier während der NS-Herrschaft insbesondere in den Messerschmitt-Werken (Hintergründe dazu) schuften mussten, gibt es zu November jedenfalls keinen Gedenkkranz. Das sieht übrigens der „Erinnerungskreis“ als Affront an. Die Stadt selbst war am Samstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Nachtrag: Zwischenzeitlich hat die Mittelbayerische Zeitung die Überschrift geändert. Es heißt nun „Eklat zum Volkstrauertag“. UPDATE am 20.11.12: Zwischenzeitlich hat die Mittelbayerische Zeitung ihren Text umfassend korrigiert.  

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