Archiv für Februar, 2013

Jahrespressekonferenz bei BMW Regensburg

„Dazu sagen wir nichts. Tut uns leid.“

Ein tolles Geschäftsjahr und auch sonst viele gute Nachrichten gab es bei der Jahrespressekonferenz von BMW Regensburg. Auch das unangenehme Thema Werkverträge wird angesprochen – ohne dass dazu irgendwelche Informationen mitgeteilt werden.
Positive Nachrichten und höfliches Schweigen: Werksleiter Andreas Wendt und Pressesprecherin Martina Grießhammer. Foto: as

Positive Nachrichten und höfliches Schweigen: Werksleiter Andreas Wendt und Pressesprecherin Martina Grießhammer. Foto: as

Es sind nur wenige Punkte, bei denen Dr. Andreas Wendt von seinem Skript abweicht. Etwa als er über den geplanten Werksausbau spricht und die Dimension der Werkshallen (225 Meter lang, 40 Meter breit und 25 Meter hoch) mit denen des Regensburger Doms (85 Meter lang, 35 Meter breit, 31,85 Meter hoch) vergleicht. Und selten wird einem so anschaulich erklärt, was unter dem zunächst einmal nur wohlklingendem Begriff „Prozessoptimierung“ zu verstehen ist und warum hier tatsächlich etwas verbessert wurde. Jahrespressekonferenz bei BMW Regensburg. Und Werksleiter Wendt schwelgt in Positivnachrichten. Das Wort „Zuversicht“ fällt – in diversen Variationen – gefühlte 50 Mal während seines knapp einstündigen Vortrags.

Das zweitbeste Jahr der Werksgeschichte

2012 war mit 300.307 produzierten Fahrzeugen das zweitbeste Geschäftsjahr in der 26jährigen Werksgeschichte. Rund 256 Millionen hat man in den Werksausbau investiert und in diesem Jahr will man diesen „Jahresinvest“ noch einmal um gut 50, 60 Millionen Euro erhöhen. 250 Fest- und insgesamt 600 Neuanstellungen soll es in diesem Jahr geben, darunter alle Azubis, die 2013 mit der Ausbildung fertig werden. Ein kleiner Werbefilm wird der Journalistenschar vorgeführt, diverse Auszeichnungen für Produkte und Werk reihen sich auf einem kleinen Tischchen und man philosophiert ein wenig über die Schönheit und Qualität aktueller und geplanter BMW-Modelle (zur Pressemitteilung von BMW Regensburg).

Werkverträge: Das ist doch alles nicht so schlimm

Selbst auf das unangenehme Thema „Werkverträge“ kommt Wendt von selbst zu sprechen. Und wieder weicht er dazu vom Skript ab. Da habe es ja Berichte gegeben, dass über solche Verträge Teile der Produktion und Qualitätssicherung an Fremdfirmen vergeben worden seien (bei denen die Beschäftigten für etwas mehr als die Hälfte des regulären BMW-Lohns im BMW-Werk arbeiten). Das sei aber gar nicht so, sagt Wendt und widerspricht damit einem ehemaligen Beschäftigten, über dessen Fall Regensburg Digital und zahlreiche andere Medien berichtet hatten. Es seien nur fehlerhafte Teile eines Zulieferers auf diese Weise kontrolliert worden. Dafür sei eine ganz andere Firma zuständig gewesen und damit habe BMW – kurz gesagt – eigentlich nichts zu tun. „Wir haben nur die Räume zur Verfügung gestellt.“ Und so schlimm sei das auch gar nicht, das mit den Werkverträgen. So wie „ein gewisser Anteil“ Zeitarbeit (die darüber bei BMW beschäftigten Arbeiter erhalten immerhin denselben Grundlohn wie Festangestellte) ein wichtiges Instrument sei, um die Flexibilität in der Produktion zu gewährleisten, brauche man Werkverträge als „Element der Weiterentwicklung“. Da sei BMW keine Ausnahme. Das sei in der Fahrzeugproduktion gang und gäbe.

Vieles sagen und nichts mitteilen

Man müsse eben prüfen, was extern vergeben werden könne (und damit erheblich billiger wird). Wendt spricht von Gebäudereinigung und Logistik, dezidiert nicht von irgendeinem Bereich, der auch nur am Rande mit der eigentlichen Produktion zu tun hat. Dann wendet er sich wieder den personellen Positivnachrichten zu. Am wichtigsten, so betont der Werksleiter, seien nämlich „die Menschen“, deren Kompetenz und Motivation. Ohne die ginge bei BMW nichts. Am Standort Regensburg und dem daran angeschlossenem Wackersdorf sind insgesamt 9.000 Menschen beschäftigt. Welche Rolle Zeitarbeit und Werkverträge dabei spielen, erfährt man trotz der langen Ausführungen Wendts nicht.
Endmontage im BMW-Werk Regensburg. Wo und in welchem Ausmaß spielen Werkverträge bei BMW eine Rolle? Foto: BMW Regensburg

Endmontage im BMW-Werk Regensburg. Wo und in welchem Ausmaß spielen Werkverträge bei BMW eine Rolle? Foto: BMW Regensburg

Im vergangenen Sommer trafen der Gesamtbetriebsrat von BMW und die Konzernleitung eine „Vereinbarung zur strategischen Flexibilisierung“. Einen möglichen Umsatzeinbruch von bis zu 30 Prozent will BMW damit abfedern können, ohne die Stammbelegschaft zu verkleinern. Schichten verringern, Bänder ruhen lassen, Arbeitszeitkonten abbauen, Kurzarbeit und schließlich – im schlimmsten Fall – die Entlassung sämtlicher Zeitarbeiter. So könnten die Arbeitsplätze der BMW-eigenen Beschäftigten bis 2017 gesichert werden, lautete die damit verbundene Botschaft. Doch wie viele Zeitarbeiter sind bei BMW beschäftigt? Wie viel und welche Arbeit wird über das „wichtige Element“ der Werkverträge erledigt? Und inwieweit hat sich die Bedeutung von Zeitarbeit und Werkverträgen geändert, seit man die „Vereinbarung zur strategischen Flexibilisierung“ getroffen hat? Die Antwort, die Andreas Wendt über seine Pressesprecherin geben lässt, könnte knapper kaum ausfallen. „Wir nennen keine Zahlen. Weder zu Werkverträgen, noch zu Zeitarbeit“, sagt Martina Grießhammer und lächelt. Das sei ja – angesichts des sich immer mal veränderten Produktionsvolumens – irgendwie „schwierig“, diese Zahlen festzustellen und, na ja, „dazu sagen wir nichts. Tut mir leid.“

Nicht mal die Arbeitsagentur weiß Bescheid

Derart im Ungewissen über das Ausmaß von Werkverträgen und damit verbundenem Lohndumping (nicht nur bei BMW) bleiben nicht nur die Medien. Auch die Betriebsräte in Unternehmen erhalten keine Auskunft darüber, ob und wie viele Beschäftigte in der Produktion dieselbe Arbeit machen wie ihre festangestellten Kollegen, dafür aber nur den für Zeitarbeit vorgeschriebenen Mindestlohn erhalten. Selbst die Arbeitsagenturen haben dazu keine Zahlen. Im Gegensatz etwa zum Nachbarland Österreich gilt für solche Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland keine Meldepflicht. Unter anderem wegen dieses Informationsdefizits bleibt auch der Druck der Gewerkschaft IG Metall mit Blick auf Werkverträge eher verhalten. Der bayerische IG Metall-Chef Jürgen Wechsler hat kürzlich bei einem Besuch in Regensburg erklärt, dass Werkverträge bei den diesjährigen Tarifverhandlungen voraussichtlich keine Rolle spielen werden.