CD-Kritik

American Slang

Timeshares beweisen: Man kann in der Tradition großer Namen stehen und dennoch Interessantes zu berichten haben.

Von Martin Smeets, heartcooksbrain

promoimageAuch wenn es bei näherer Betrachtung schon fast ein bisschen blöd klingt, man hört so mancher Band ihre Herkunft einfach an. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten. The Gaslight Anthem ohne den Klang nach tiefstem „Klischeeamerika“? Undenkbar. Ein Text über Hot Water Music ohne Verweis auf Gainesville, der Stadt schlechthin, wenn es um Punkrock der schrofferen Gangart geht? An der Grenze zur Unmöglichkeit. An Bruce Springsteen zu denken, ohne dass irgendwo im Kopf sein zutiefst zynisches Born In The USA durch die Synapsen hallt? Genau, geht nicht. Die nächsten Kandidaten, die Stars And Stripes in musikalische Form gießen: Timeshares. Aus New York.

Deren zweites Album Already Dead macht sich nun an die Aufgabe, eine ungefähre Synthese der oben genannten Bands auf die Kette zu bringen. Ein hehres Unterfangen, das eigentlich scheitern muss, ist man doch dieser ach so wahnsinnig authentischen Spielart des Punkrock im The-Boss-Nacheiferungsmodus inzwischen mindestens überdrüssig. Jede einzelne Note dieser Platte tönt nach nicht enden wollenden Landstraßen, nach ehrlicher Handarbeit, nach alten Karossen und noch älteren Autowerkstätten, nach dünnem Bier, selbstgebranntem Fusel und Marlboro-Man. Womit Already Dead eigentlich nicht recht viel mehr als ein wandelndes Klischee, ein blasses Abziehbildchen der viel zu großen Vorbilder wäre, das im Hause Panini nicht mal in Seriendruck gehen würde. Doch der Konjunktiv, in dem diese schüchterne Schimpftirade gehalten ist, verrät schon viel zu früh: Die Chose taugt trotzdem etwas. Ziemlich viel um genau zu sein.

Weil sich das Quartett einfach verflixt gut auf hochinfektiöse Melodien versteht. Und aus diesem Talent Songs wie The Bad Parts macht. Songs, die fernab aller Verkopftheit den direkten Weg – man verzeihe die unfassbar abgedroschene Ausdrucksweise – ins Herz suchen und dort lange verbleiben. Weil Spend The Night mit seiner mantra-artig wiederholten Zeile „Spend The Night With You“ keine Preise für intellektuelle Höchstleistungen abräumen wird, man den Song aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb noch lange nach dem ersten Kontakt mit sich herum trägt. Ein großes Glück, schaffen es Timeshares doch in ihren stärksten Momenten, das einzulösen, was das in ein Bad würdevollster Farben getauchte Eröffnungsstück State Line To The State Line verspricht: Songs, die Stimmungen trotz dunkelster Stunde ins Positive kippen können. Die ihre Hörer_innen in wohlig warme Watte packen, wenn es denn nötig ist und dennoch stets bereit sind, beherzt zuzulangen.

Deshalb ist es auch letzten Endes völlig unerheblich, ob dieses Album denn nun sonderlich innovativ ist. Solange beim Malen nach Zahlen nämlich ein kraftvolles (Corner Of) Park And Park, ein polterndes Tail Light (das übrigens frappierend an die Irish Handcuffs erinnert) oder eben die Hymne Naive entsteht, ist schließlich selbst – ob nun von Maggi oder aus den USA – die älteste Suppe noch spannend.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: State Line To State Line, The Bad Parts, Spend The Night, Naive

Timeshares – Already Dead | Side One Dummy/Cargo | VÖ: 01.05.2015 | CD/LP/Digital

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