Ein städtischer Erinnerungs- und Begegnungsort in Regensburg? Lasst es doch einfach bleiben!
Die Suche nach städtischen Räumen für Erinnerungs- und Gedenkkultur entwickelt sich zu einer unendlichen Geschichte. Es scheint der politische Wille zu fehlen. Die Stadt sollte diejenigen unterstützen, die machen anstatt sich weiter zu verzetteln.

Machen statt labern: der Colosseum-Verein geht an, worüber die Stadt Regensburg seit Jahren nicht hinbekommt. Fotos: red
Sechs Jahre. So lange existiert bei der Stadt Regensburg bereits ein fertiges Konzept für einen Erinnerungs- und Begegnungsort. Dieses Konzept ging schon 2020 über das reine Erinnern an die NS-Vergangenheit hinaus.
Es enthält Ideen und Vorschläge, um die ritualisierte, institutionalisierte und inhaltsleer gewordene Erinnerungskultur auf andere Beine zu stellen, neue Formate zu erproben und auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen zu reagieren. Es stellt Möglichkeiten vor – offen für Diskussion und Weiterentwicklung.
Erarbeitet hat es die 2015 ins Leben gerufene städtische „Stabsstelle für Gedenk- und Erinnerungsarbeit sowie Extremismusprävention“. Allein deren Name zeigt, dass es nicht allein um das bloße Erinnern und Gedenken geht.
2021: Es gab ein Konzept, es gab Räume, aber keine politische Mehrheit
Mit der Schierstadt 2 hatte die Stadt Ende 2020 dezidiert für diesen Zweck Räume angemietet, die mit gut 150 Quadratmetern vielleicht etwas zu klein, aber definitiv geeignet waren. Der Ort schien perfekt – in unmittelbarer Nähe des früheren KZ-Außenlagers Colosseum.
Ein konkreter Plan, zugeschnitten auf diese Räume, abgestimmt mit der Oberbürgermeisterin, lag fertig in der Schublade.
Die Umsetzung scheiterte 2021 am Widerstand der CSU, damals noch in der Regierungskoalition.

Diesen repräsentativen Leerstand im Erdgeschoss leistet sich die Stadt Regensburg fünf Jahre lang. Foto: la
Seitdem geht nichts mehr voran – allen Versprechungen, Bekundungen und Forderungen zum Trotz. Die Räume an der Schierstadt 2 hat die Stadt zwischenzeitlich gekündigt – angeblich seien sie nie geeignet gewesen, heißt es nun.
2026: Neues Raumwunschkonzert ohne konkreten Ort und ein „Kurzkonzept“
Am Donnerstag letzte Woche legte die städtische Bildungsreferentin Sabine Kellner-Mayrhofer den Stadträten im Bildungsausschuss nun ein „Kurzkonzept“ für einen Erinnerungs- und Begegnungsort vor. In dem steht im Vergleich zu 2020 nicht viel Neues – da stehe man „erst am Anfang“, hieß es – außer dass man nun größere Räume haben will.
Nach solchen Räumen, „zentral (wenn möglich Innenstadt oder innenstadtnah), barrierefrei und gut erreichbar“ und deutlich größer als 200 Quadratmeter, soll die Stadtverwaltung, das Liegenschaftsamt, nun suchen.
Es gab Räume, aber es fehlte der politische Wille
Das Raumprogramm offenbart zweierlei:
Die Räume an der Schierstadt 2, die die Stadt jahrelang angemietet hatte, leer stehen ließ und einen sechsstelligen Betrag zum Fenster hinauswarf, wären mit ein paar Abstrichen und Renovierungsarbeiten ohne weiteres geeignet gewesen.
Und: einen Erinnerungs- und Begegnungsort unter städtischer Regie wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

Den Leerstand am Haidplatz hatte das Bildungsreferat im Auge – wieder scheiterte das an der Politik. Fotos: as/Stein
Sechs Jahre lang war die Stadt Regensburg nicht in der Lage oder nicht willens, in bereits vorhandenen Räumen etwas umzusetzen – neben der Schierstadt 2 hätte es auch noch eine Möglichkeit am Haidplatz, ehemals das Messergeschäft Keil, gegeben. Vor diesem Hintergrund ist es schwer vorstellbar, dass man nun schnell einen Ort findet, der diesem neuen Raumwunschkonzert entspricht.
Lange Bank mit fatalen Folgen
Es wirkt, als würde das Thema weiter auf die lange Bank geschoben und sich zu einem ewigen Streit- und Diskussionspunkt entwickeln.
Das gab es schon einmal – bei der jahrzehntelangen Debatte um ein würdiges Gedenken an die Opfer des KZ-Außenlagers Colosseum. Es war eine Geschichte absichtlicher Verzögerungen, offensichtlicher Lügen und Peinlichkeiten. Eine Geschichte, die allein wegen ihrer Dauer genau zu dem führte, was man eben nicht will. Menschen, die „es einfach nicht mehr hören können“, die einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollen. Ein fataler Effekt.
CSU ist beim Thema Erinnerungskultur nicht glaubwürdig
Der Bildungsreferentin kann man das alles am wenigsten vorwerfen. Sabine Kellner-Mayrhofer nimmt man ab, dass ihr ein solcher Ort am Herzen liegt. Aber sie muss mit den politischen Gegebenheiten kämpfen. Vielleicht will sie mit diesem Beschluss nur endlich einen Pflock in die richtige Richtung einschlagen.
Sogar die CSU hat dem nun zugestimmt, was aber angesichts des Verhaltens der Partei in der Vergangenheit kaum ernstzunehmen ist. Es war die CSU, die jahrzehntelang ein würdiges Erinnern an das Colosseum verhinderte. Es war die CSU, die sich jahrzehntelang gegen einen gemeinsamen Gedenkweg am 23. April sperrte. Und es war die CSU, die die Pläne an der Schierstadt 2 und auch am Haidplatz torpedierte.
Die CSU ist die Hauptverhinderer dessen, was die Bildungsreferentin bräuchte, aber nicht bekommt – politische Rückendeckung, Mut, Kreativität und Flexibilität, um mit den vorhandenen Möglichkeiten etwas umzusetzen, was schon lange gefordert wird und worauf nicht nur die Teilnehmer am Runden Tisch für Gedenkkultur schon seit Jahren vergeblich warten.
Ein Verein mit begrenzten Mitteln macht vor, wie es gehen kann
Dankbar sein muss man deshalb dem Colosseum-Verein. Der Zusammenschluss plant in dem früheren KZ-Außenlager genau das, was bereits in dem Konzept 2020 stand und vergangene Woche mit anderen Worten erneut vorgelegt wurde:
Einen Begegnungs- und Erinnerungsort. Einen Treffpunkt für Austausch und Diskussion. Einen Raum, der nicht musealen Charakter hat, sondern an dem sich Menschen jedweder Richtung treffen können, um sich darüber auszutauschen. Ein Experiment, ergebnisoffen, mit der Möglichkeit, sich einzubringen und gemeinsam etwas zu entwickeln, abseits der Interessenlagen mancher Akteure, die ihre Verdienste haben, aber bisweilen auch festgefahren in ihren Positionen wirken.
Hier erscheint der Colosseum-Verein unverdächtig.
Städtische Unterstützung für Verein statt eigener Ewigkeitsplanungen
Dessen Projekt ist das, was der Kern der städtischen Konzepte 2020 und 2026 ist – oder zumindest sein sollte. Die Stadt Regensburg schafft es aber trotz vorhandener Manpower, finanzieller Möglichkeiten und eigener Leerstände nicht, etwas Wahrnehmbares auf die Beine zu stellen. Das aktuelle Vorgehen ist in seiner Wirkung kontraproduktiv für eine zeitgemäße Erinnerungs- und Gedenkkultur.
Der Verein geht das nun an – mit viel ehrenamtlichen Engagement, auf eigenes finanzielles Risiko und sich der öffentlichen Diskussion und Kritik aussetzend.
Insofern sollte die Stadt ihre eigenen Ambitionen beerdigen und dem Colosseum-Verein die dafür vorgesehenen Mittel zur Verfügung stellen. Besser wird es die Stadt ohnehin nicht hinbekommen, wenn überhaupt.
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Reserl
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Anfang der Neunzigerjahre sollte in Stadtamhof der vom ehemaligen Bürgermeister Weber gestiftete Gedenkstein aufgestellt werden. Simon Pelanda erinnert sich sicher noch an die unwürdige Diskussion und die Versuche der CSU die Aufstellung zu verhindern. Besonders hervor getan haben sich damals der Heimatverein Stattamhof unter der Führung seiner Gründungsmitglieder Bürgermeister a.D. Hofmaier, Stadtrat Friedl und Domkapitular Dr. Max Hopfner.