"Unabhängiger Journalismus"

Eure Pressefreiheit ist der Wahnsinn

Eine Werbesendung der deutschen Post gefährdet den unabhängigen Journalismus – das behauptet zumindest der Redakteur eines ganz und gar nicht unabhängigen Anzeigenblatts.

„Negative Geschichten über den Handel und über Gewerbetreibende sind für uns keine Geschichten und haben bei uns nichts zu suchen. Ohne Ausnahme und ohne ‚Wenn und Aber‘.“

"Das sind für uns keine Geschichten...". Wochenblatt-Herausgeber Herbert Zelzer. Foto: Archiv/ as

„Das sind für uns keine Geschichten…“. Wochenblatt-Herausgeber Herbert Zelzer. Foto: Archiv/ as

Herbert Zelzer muss recht aufgeregt gewesen sein. Als der Herausgeber des Wochenblatt-Verlags obiges Verbot einer unabhängigen Berichterstattung vor einigen Jahren per Mail an die Mitglieder seiner 15 Lokalredaktionen verschickte, kündigte er ultimativ an, diesen Erlass auch den Personalakten beizufügen. 

Es betrifft eine verlagsweite Auflage von rund 800.000 Anzeigenblättern. Neben sprachlichen Stilblüten („Ich finde es für einen Wahnsinn…“) und Beschimpfungen („hochgradig blöd“) formulierte Zelzer seine Absage an einen unabhängigen Journalismus derart deutlich, dass man ihn für seine Ehrlichkeit fast schon beglückwünschen möchte.

Vom „unabhängigen Journalismus“…

Vor diesem Hintergrund ist es irgendwie rührend, wenn diese Woche der Redaktionsleiter des Regensburger Wochenblatts, Dr. Christian Eckl, just diesen „unabhängigen Journalismus“ bemüht, um einem Konkurrenten an den Karren zu fahren. Es geht um die Deutsche Post.

Seit Monaten wettert das Wochenblatt verlagsweit, aber vor allem in Regensburg, gegen deren Konkurrenzprodukt „Einkauf aktuell“, ein in Plastikfolie eingeschweißtes Fernsehprogramm, dem Werbeprospekte beigelegt werden. 

Über die Sauerei mit dem vielen Plastikmüll und die zusätzliche Belastung für die Postzusteller konnte man in fast jeder zweiten Ausgabe des Wochenblatts etwas Neues erfahren. „Einkauf aktuell boykottieren ist der beste Umweltschutz“, konnte man so oder so ähnlich schon häufiger im Wochenblatt lesen. Aber ach: Die Kampagne blieb erfolglos.

Doch nun wird das ganz große Geschütz ausgepackt: Neben der Belastung für die Umwelt und die Post-Beschäftigten, die „Einkauf aktuell“ dem Wochenblatt zufolge nämlich mit sich bringen soll, bedroht die Werbebeilage nun auch noch den „unabhängigen Journalismus“.

Das behauptet zumindest Dr. Eckl, der in der aktuellen Wochenblatt-Ausgabe vom 20. Mai schreibt:

„Jedem muss bewusst sein, dass die Post dadurch (also durch „Einkauf aktuell“, Anm. d. Red.) auch den unabhängigen Journalismus gefährdet, da die Prospektverteilung ein wichtiges Standbein vieler Anzeigenblätter, vor allem aber auch Tageszeitungen ist.“

Ausbeutung im Namen der Pressefreiheit

Ach Gott, ach Gott.

Um Journalismus, vor allem den unabhängigen, geht es entgegen der Behauptungen von Dr. Eckl natürlich nicht. Das Wochenblatt würde eben gern jene Prospekte verteilen, die Ihnen die Post da wegschnappt.

 Aber wenn es ums Geschäftliche geht, dann ist eben jedes Mittel erlaubt. Auch Lügen und Heuchelei.

Ein Beispiel:

Mit Gefahren für Pressefreiheit und unabhängigen Journalismus zu argumentieren, wo es nur um knallharte Geschäftsinteressen und Angst vor der Konkurrenz geht, ist nicht ganz neu. Das giab es schon beim Thema Mindestlohn:

Darüber schrieb Dr. Eckl beispielsweise Ende 2013:

„Der Mindestlohn wird eine einzige Job-Vernichtungsmaschine werden. Unzweifelhaft sind Löhne unter 8,50 Euro bedenklich. Darüber gibt es keinen Zweifel. Aber wer sehen will, dass das Tischtuch eben eine bestimmte Größe hat, muss nur hier bei uns vor Ort in große Werke blicken: Den satten Gehältern der einfachen Bandarbeiter einerseits, durchgesetzt von den Gewerkschaften, stehen andererseits Leiharbeit und Werksverträge entgegen mit Arbeitern zweiter Klasse. Wer an der einen Seite des Tischtuchs zieht, zieht es von der anderen Seite des Tisches weg. Mindestlohn heißt: Weniger Arbeitsplätze.“

Über die ureigenen Interessen der Zeitungsverlage, mithin auch des Wochenblatts, war allerdings trotz weiterer, ähnlich eloquenter Ausführungen in diversen Ausgaben nichts zu lesen (wie in fast allen anderen Zeitungen auch): Die Zeitungsverlage selbst verlangten nämlich aus Angst vor sinkender Rendite, vom Mindestlohn ausgenommen zu werden und übten dafür massiv Druck auf die Politik aus.

Die bizarre Argumentation: Wenn den Zeitungszustellern der Mindestlohn gezahlt werden müsse, sei das zu teuer. Deshalb sei die Verteilung von Zeitungen und Anzeigenblättern gefährdet und damit wiederum die Pressefreiheit bedroht. 

Oder anders ausgedrückt: Das Geschäftsmodell Zeitung funktioniert nur, wenn die Austräger für einen Hungerlohn arbeiten. 

Die Politik ließ sich davon überzeugen, für Zeitungsverlage gibt es eine Ausnahme. Zeitungszusteller sind bis 2017 vom Mindestlohn ausgenommen. Anstelle von 8,50 die Stunde erhalten sie derzeit nur 6,38 Euro – der Pressefreiheit wegen.

Diese so gerettete Pressefreiheit gilt natürlich auch für Anzeigenblätter, die auch von Prospektverteilung leben. 

Den Markt für diese Prospektverteilung haben in Regensburg der Wochenblatt-Verlag und die V.I.A. GmbH, eine 100prozentige Tochter der Mittelbayerischen Verlag KG unter sich aufgeteilt. Eingehüllt in Wochenblatt oder das MZ-Pendant Rundschau werden sie mittwochs und – im Fall der Rundschau – neuerdings auch samstags, dem Großkampftag für Prospektverteilung, unters Volk gebracht.

Konkurrenzkampf mit vorgeschobenen Begründungen

"Wer an der einen Seite des Tischtuchs zieht, zieht es von der anderen Seite weg." Dr. Christian Eckl. Foto: Archiv

„Wer an der einen Seite des Tischtuchs zieht, zieht es von der anderen Seite weg.“ Dr. Christian Eckl. Foto: Archiv

„Einkauf aktuell“ ist da mit seinem flächendeckenden Verteilernetz an Briefträgern natürlich eine unangenehme Konkurrenz, über die man sich unter den oben genannten vorgeschobenen Begründungen im Wochenblatt weidlich auslässt. 

Unbestritten: Die Plastikfolie ist ein Unding. Unbestritten: Postbote ist ein Knochenjob und die Verteilung von „Einkauf aktuell“ bedeutet eine zusätzliche Belastung.

Aber: Im Gegensatz zu den Austrägern eines Anzeigenblatts, in das Prospekte eingelegt werden, gibt es für die Postbedienstete einen Tarifvertrag, der einen Stundenlohn von Minimum 10,41 Euro festlegt. Im Schnitt dürften Postzusteller sogar mehr als das Doppelte eines Wochenblatt-Austrägers verdienen.

Die Behauptung vom „unabhängigen Journalismus“ im Wochenblatt ist indes blanker Hohn. Gerade in Zusammenhang mit der Prospektverteilung, deretwegen Dr. Eckl sich so über die Deutsche Post ereifert. Denn gerade jene Kunden, die beim Wochenblatt ihre Prospekte buchen, dürfen sich – betrachtet man das Zelzer-Verbot kritischer Berichterstattung – sicher sein, von diesem „unabhängigen Journalismus“ nicht behelligt zu werden. Insofern kann man über jeden Kunden, den die Post abwirbt froh sein – im Sinne von tatsächlichem Journalismus.

„Ich finde es für einen Wahnsinn, wenn z.B. über die Genehmigung einer Werbeanlage eines unserer Großkunden (noch dazu einseitig und negativ) berichtet wird. Das interessiert außer einigen wenigen Politikern keinen Menschen. Oder wenn es bei unseren mit Abstand größten Kunden Streit mit der Gewerkschaft gibt. Oder wenn jemand klagt, dass er ein bestimmtes Angebot nicht mehr bekommt, oder, oder. Das sind nicht unsere Themen. Das brauchen wir nicht um irgend etwas zu beweisen.“ Herbert Zelzer an seine Redakteure, 2005

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Kommentare (11)

  • tijuana

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    Oh je, die Mär vom Plastikmüll am Papier wieder. In der Papierindustrie gibt es Maschinen, die derartige Folien problemlos entfernen. Wer sich drüber aufregt, oder die Folie mühevoll abknibbelt, könnte seine Zeit also sinnvoller anlegen ;)

  • Franz

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    Natürlich geht es bei Lichte betrachtet nicht um die „Pressefreiheit“ bzw. „unabhängigen Journalismus“, sowohl beim Mindestlohn (und die Ausnahme bei den Zustellern) als auch bei den Anzeigenblättern.

    Aber man kann es ja einfach mal behaupten und unters Volk bringen. Man darf zwar in juristischer Hinsicht keine personenbezogenen Unwahrheiten verbreiten, aber sachbezogen darf man in Deutschland jeden Mist und jeden ökonomischen Unsinn publizieren. Volksverdummung ist in diesem Lande nicht strafbar.

    Warum reden die Herren Zelzer und Eckl über „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“, wenn es um Medienkonzentration, Monopolstellung und Profitmaximierung geht? Weil die Begriffe „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“ bei vielen Leuten immer gut ankommen. Da hören selbst „aufgeklärte“ Bürger mit dem Nachdenken auf bzw. fangen erst gar nicht damit an. Ich gehe davon aus, die Herren Zelzer und Eckl sehen das ebenso, würden das aber natürlich nie öffentlich zugeben. ;-)

    Und wer bezahlt eigentlich am Ende die vielen angeblich „kostenlosen“ Anzeigenblätter, die Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr ungelesen im Hausmüll oder in der Papiertonne landen? Das ist nämlich wie mit den privaten Radio- und Fernsehsender. Da glauben manche Bürger tatsächlich, das Angebot wäre im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Sendern kostenlos, nur weil die Kosten für die Werbung usw. nicht auf der Rechnung oder dem Kassenbon auftauchen.

    MfG
    Franz

  • Tipp

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    Mit einem kleinen Aufkleber am Briefkasten ist beiderlei Belastung leicht zu beenden: sowohl in Kunststoff eingeschweißter Papiermüll als auch in Anscheinsjournalismus verpackte Gewerbepropaganda bleiben draußen.

  • Fr.Streng

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    Das postalische Verteilen von Werbemüll gegen mindestens 10,41€ gefährde „auch den unabhängigen Journalismus“, da die Prospektverteilung für 6,38€ „ein wichtiges Standbein vieler Anzeigenblätter, vor allem aber auch Tageszeitungen“ sei, meint Eckl.

    Wenn das WOCHENBLATT nach 2017 mit Mindestlohn verteilt werden muss, wird es demnach auch vorbei sei mit dem „unabhängigen Journalismus“ der Eckls und Zelzers. Wer wird diesen Wochenblatt-Journalismus vermissen? Ich nicht.

  • Harald Klimenta

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    Hallo Stefan, klasse Text!

  • H. Müller

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    Omeiomei, der Eckl.
    Der soll lieber seinen 105. Artikel über die „Liebes-Schlösser“ am Eisernen Steg zusammentippen, als mit so einen Schmarrn von wegen Pressefreiheit herumzuheucheln.

  • Veronika

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    Eigentlich gefällt mir der Hr. Dr. Eckl ja ganz gut, aber hier hat er möglicherweise die falschen Worte gefunden.
    Ist aber klar, dass gerade in der Oberpfalz nur noch Regionales verteilt werden soll. Schliesslich muß man die Leute wieder zu den drei „K“ (Kinder, Küche und Kirche) zurückführen. Immer diese Neuerungen, die wie das Internet so was wie Regensburg-Digital.de bringen und damit nicht nur die RKK ärgern. ;.-)

  • Zielaskowski

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    Klasse Herr Aigner!
    Nur muss man umgekehrt fragen, wessen Lied Sie da trällern….
    Keine Frage und kein Geheimnis: Anzeigenblätter finanzieren sich allein über Werbung und anders als die Deutsche Post wird eine Menge Geld dafür aufgewendet, den Menschen vor Ort lokale Berichterstattung zu bieten.
    Finden Sie es nicht auch unfair, wenn der Brief-Monopolist Deutsche Post seine Milliardengewinne dafür einsetzt, den regionalen Anzeigenblättern das wirtschaftliche Standbein mit „Einkauf Aktuell“ wegzuhauen?
    Es wäre doch mal schön, wenn Sie die Perspektive der Mittelständler in unserem Lande zumindest berücksichtigen würden.
    Im Übrigen reibt sich nicht nur die Deutsche Post die Hände sondern auch die Googles, Ebays und sonstigen Internetmarktplätze dieser Welt, denn ihre „unabhängige“ Berichterstattung spielt nur den „ganz Großen“ in die Hände…;(

  • Schiro

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    Pecunia non olet.
    Geld riecht zwar nicht, aber es stinkt offensichtlich dem, dessen Konkurrenz es erheischt.

  • MIESLING

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    Bin Austräger von RS und WB… Die Herren Zelzer und Eckl sollten sich mal anschschauen, welche Mengen bzw. Gewichte von ihren Auträgern verteilt werden: glaube kaum, dass die sich dann noch beschweren ;-)

  • Ermittlungen gegen Satire-Seite » Regensburg Digital

    |

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