Fair Trade: Offener Brief an die IHK

Betreff: Skepsis gegenüber städtischer Bewerbung um Titel „Fair Trade Town“ Sehr geehrte Damen und Herren, mit großer Verwunderung und Enttäuschung nahm ich Ihre Reaktion auf den gestrigen Beschluss des Regensburger Verwaltungs- und Finanzausschusses zur Kenntnis, in der Sie vor einer Polarisierung zwischen Fair Trade und normalem Handel warnen. Bereits in der Sitzungsvorlage wird auf Ihre Befürchtung verwiesen, der Verwaltungs- und Organisationsaufwand für die Beteiligung an der Fairtrade- Kampagne gehe möglicherweise zu Lasten von Aktivitäten zur Förderung des Absatzes regionaler Produkte. Als anerkannte und weit über unsere Region hinaus agierende Industrie- und Handelskammer sollten Sie sich Ihrer Verantwortung für gerechte Arbeitsbedingungen und sozial faire Entlohnung weltweit bewusst sein. Insbesondere bei Produkten wie Kaffee, Tee oder Textilien achtet der „normale“ Handel aufgrund des internationalen Preisdruckes nicht immer ausreichend auf faire Herstellungsbedingungen. Deshalb ist es wichtiger denn je, das Konsumentenverhalten auf soziale und ökologische Kriterien hin zu lenken. Dank vieler (oft ehrenamtlich organisierter) Initiativen, Verbände und Unternehmen konnte in den letzten 30 Jahren viel Aufklärungsarbeit geleistet werden und kleine Bauern aus den Entwicklungsländern aus ihrer Knechtschaft durch internationale Konzerne befreit werden. Als bedeutende bayerische Kommune fällt der Stadt Regensburg eine Vorbildfunktion zu. Gerade deshalb wäre eine Bewerbung um den Titel „Fair Trade Town“ ein wichtiges Signal nicht nur allein hinein in die Bürgerschaft, sondern auch hinein in die Wirtschaft vor Ort. Zudem möchte ich auf Ihre Kollegin und Branchenkoordinatorin der IHK Berlin, Frau Jeanette Gonnermann, verweisen, die anlässlich einer von der IHK Berlin selbst veranstalteten Tagung zum Thema „FairTrade als Vermarktungsstrategie“ den fairen Handel nicht als eine „Modeerscheinung“, sondern vielmehr als einen anhaltenden Trend mit enormern Zukunftspotential skizzierte. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels (HDE) spricht sich klar für die Integration von Fair- Trade in den Einzelhandel aus und lässt sich wie folgt zitieren: „Ich wünsche mir einen noch engeren Schulterschluss von Einzelhandel und Fairtrade. Eine gute Basis stellt dafür die Kampagne Fairtrade-Towns zur Verfügung. Sie bezieht alle Bereiche kommunalen Engagements mit ein: die Bürger als Konsumenten, die Städte als öffentliche Beschaffer, die Medien und eben auch den Einzelhandel.“ (Quelle: Fairtrade-Town). Da auch bei uns in Regensburg viele Bürgerinnen und Bürger inzwischen in Ihrem Konsumverhalten zu Produkten aus Fairem Handel „Ja!“ sagen, verwundert mich Ihre Skepsis gegenüber einer städtischen Bewerbung besonders. Zumal nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen kleineren, jedoch mit Regensburg vergleichbaren Kommunen wie z.B. Aachen ein IHK-Vertreter als Mitglied in der für die Fair-Trade- Stadt notwendigen Steuerungsgruppe sitzt. Ihrem Argument, Fair Trade gehe zu Lasten der Bewerbung regionaler Produkte muss ich aufs Intensivste widersprechen. Erstens finden sich bei der Recherche zahlreiche Kooperationsprojekte zwischen regionalem und fairem Handel. Zweitens handelt es sich bei Fair-Trade meist um Produkte, die bei uns vor Ort nicht angebaut werden können. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auf eine Stellungnahme von Transfair gegenüber diesem Argument verweisen (siehe Anhang). Ich hoffe, Sie überdenken Ihre kritische Position zum Thema noch einmal und würde mich freuen, Sie statt dessen in der Steuerungsgruppe als Vertreter der Wirtschaft begrüßen zu dürfen. Mit freundlichen Grüßen, Benedikt Suttner, Mitglied der ödp-Stadtratsfraktion Anhang: Ist es nicht besser regional einzukaufen als Fairtrade zu unterstützen? Nein, denn Fairtrade steht nicht in Konkurrenz mit der deutschen Landwirtschaft. Der Einkauf von lokalen Produkten oder nach Fairtrade-Standards erzeugten Produkten schließt sich nicht gegenseitig aus. Fairtrade konzentriert sich auf tropische Agrarprodukte, wie Kaffee und Bananen, die im gemäßigten Klima unserer Breitengrade nicht angebaut werden können. In den Fällen, in denen regional produzierte Agrarprodukte mit Fairtrade-Produkten konkurrieren, lohnt sich ein sorgfältiger Blick auf die Ökobilanz. Fairtrade-Produkte werden nachhaltig produziert und sind daher umweltverträglich und ressourcenschonend. Andere Fairtrade-zertifizierte Produktgruppen, wie Honig und Blumen, werden in den europäischen Ländern nicht in ausreichender Menge hergestellt. Da die heimische Produktion die Nachfrage nicht decken kann um den Kaufgewohnheiten der Konsumentinnen und Konsumenten nachzukommen, sind wir auch hier in Deutschland auf Importe angewiesen. Konsumierende haben häufig nicht die Wahl zwischen heimischen und Fairtrade-zertifizierten Produkten. Sie wählen vielmehr zwischen Fairtrade-Honig und über den konventionellen Markt importierten Honig aus den USA oder China. Es bleibt jedem selbst überlassen, hier die Vor- und Nachteile abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. (Quelle: www.fairtrade-deutschland.de) P.S.: Dieser Brief wird als Kopie in der Form eines offenen Briefes auch an die Regensburger Medien verschickt.

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