Heute vor einem Jahr: Siemens VDO wird an Conti verkauft! Und 2008?

Vor eine Jahr noch Siemens, dann Conti und was kommt 2008? Foto: ArchivAm 25. Juli 2007, vor genau einem Jahr, verkündete der Aufsichtsrat der SIEMENS AG eine folgenschwere Entscheidung: Die Konzerntochter Siemens Automotive VDO wird an die Continental AG aus Hannover veräußert. Für die Siemensianer am Standort Regensburg hatte die bange Zeit der Ungewissheit ein Ende. Die Befürchtungen im Regensburger VDO Werk, an einen Private Equity Investoren verkauft zu werden, traten nicht ein. Der Preis, auf den sich die beiden Dax notierten Unternehmen Siemens AG und Continental AG später einigten, betrug für diese Übernahme 11,4 Milliarden Euro. Finanzieren konnte sich der niedersächsische Reifenhersteller diesen Deal über 39 verschiedene internationale Banken. Nachdem die Übernahmeverträge am 5. Dezember 2007 unterzeichnet wurden, verkündete die Continental AG in ihrer Pressemitteilung optimistisch: „Continental erwartet nach den bisherigen Planungen Netto-Synergieeffekte in Höhe von mindestens 170 Millionen Euro ab 2010. Wir wären nach unserem jetzigem Kenntnisstand enttäuscht, wenn es bei dieser konservativ eingeschätzten Summe bleiben würde und gehen davon aus, dass der Betrag höher liegen wird. Näheres werden wir in den nächsten zehn Wochen sagen können“, kündigte Conti-Vorstand Manfred Wennemer an. Aus der Siemens Automotive VDO wurde die Division Powertrain. Deren Umsatz lag, laut Continental, bei mehr als fünf Milliarden Euro. Über 27.000 Mitarbeitern an etwa 70 Standorten arbeiteten weltweit in diesem Bereich für die Hannoveraner. Die Produktpalette umfasste Systemlösungen rund um Antriebsstrang, Motorsteuerung, Einspritztechnik, Sensorik, Aktorik und Hybrid. Die Continental AG hatte den Anspruch, weltweiter Markt- und Technologieführer für wirtschaftliches und umweltfreundliches Fahren zu werden. David kauft den Goliath Jetzt ist die Continental AG selbst ein Übernahmekandidat. Der Aufkäufer des Konzerns könnte unspektakulärer gar nicht sein. Die Schaeffler Gruppe. Deren Konzernsitz ist im unterfränkischen Herzogenaurach. Mit dem 23.000-Einwohner-Ort assoziieren die meisten die Sportkonzerne Adidas und Puma. Doch die INA Holding Schaeffler KG, so die offizielle Bezeichnung, ist ebenfalls ein Weltkonzern. An über 180 verschiedenen Standorten werden Kugellager und Kupplungen produziert. Über 66.000 Mitarbeiter erwirtschafteten im Jahr 2007 einen Konzernumsatz von 8,9 Milliarden Euro. Mit der feindlichen Übernahme von Firmen hat die Schaeffler Gruppe erfolgreiche Erfahrungen. 2001 wurden von dem 1883 gegründeten Konkurrenten FAG Kugelfischer die Mehrheit der Aktien erworben. Anschließend wurde das Unternehmen von der Börse genommen. Die verschiedenen Sparten von FAG Kugelfischer wurden in den Schaefflerkonzern entsprechend integriert. Eine Matrix für die Übernahme der Continental AG. Continental hat bereits verloren Auch wenn der Vorstandsvorsitzende der Continental AG, Manfred Wennemer, öffentlich über das Übernahmeangebot aus Herzogenaurach poltert, das Schicksal des von ihm geführten Unternehmen ist besiegelt. Gut 3drei Prozent der Continentalaktien befinden sich in der Hand der Schaefflergruppe. Darüber hinaus soll sie für weitere fünf Prozent der Aktien Verkaufsoptionen besitzen. Zwischen 1990 und 1993 versuchte der italienische Pirelli-Konzern die Continental AG zu übernehmen. Damals hatte der Konzern aus Hannover die Deutsche Bank auf seiner Seite, welche eine Übernahme verhinderte. Diese Rückendeckung fehlt jetzt. Was am schwersten in dem Übernahmekampf wiegt, sind die Swaps, welche die Herzogenauracher mit hochkarätigen Banken, wie der Credit Suisse und der Landesbank Baden-Württemberg, abgeschlossen haben. Bei einem derartigen Tauschgeschäft wird vereinbart, dass Continental-Aktienpakete der Banken von der Schaefflergruppe zu einem festgelegten Preis erworben werden. Hierbei sind für beide Seiten erhebliche Renditen möglich. Würde der Aktienkurs der Continental AG steigen, so erhält die Schaefflergruppe die Differenz zu dem entsprechend jeweils bei der Zeichnung vereinbarten Aktienkurs. Ein weiterer Effekt des Swapgeschäftes: Derzeit kaufen die beteiligten Banken große Aktienpakete von Continental auf. Dadurch können sie sich gegen die fälligen Zahlungen bei steigenden Aktienkursen an das angreifende Unternehmen absichern. Steigt der Aktienkurs der Continental AG weiterhin, so kann die Schaefflergruppe einen Teil des Kaufpreises aus diesem Kursgewinn refinanzieren. Derzeit hat der unterfränkische Konzern auf etwa 28 Prozent (andere Quellen sprechen von bereits 36 Prozent) aller Continentalaktien Swapoptionen. Das „Spiel“ für den Vorstandsvorsitzenden der Continental AG ist vorbei. Aufsichtsratsvorsitzender von Conti und ein „U-Boot“ von Schaeffler? Laut einem Bericht der Financial Times Deutschland vom 19. Juli herrscht innerhalb der Continental AG großer Unmut über den eigenen Aufsichtsratsvorsitzenden, Hubertus von Grünberg. Dieser saß noch bis vor wenigen Jahren im Beirat des Schaefflerkonzerns. Neben der Firmenchefin Marie-Elisabeth Schaeffler hat er sehr gute persönliche Kontakte zu deren Konzernchef: Jürgen Geißinger. Mit ihm arbeitete der adelige Aufsichtsratsvorsitzende bei ITT, einem Zulieferer der Automobilindustrie. Der Verdacht drängt sich seitdem in der Continental AG auf, dass der eigene Aufsichtsratsvorsitzende als U-Boot für die Schaefflergruppe agierte. Wie konnte es soweit kommen, dass Continental ein Übernahmekandidat wurde? Zum einen war der Kaufpreis für Siemens VDO mit 11,4 Milliarden Euro viel zu hoch, wie aus Bankenkreisen zu erfahren ist. Offensichtlich hatte die Führung von Siemens aus dem Debakel mit dem Verkauf der Handysparte an BenQ gelernt. Zum anderen hatte die Continental AG keine Erfahrung ein derart großes Unternehmen, wie die Siemens VDO, in den eigenen Konzern zu integrieren. Bis zu deren Übernahme hatte die Continental AG sich nur immer kleine und mittelständische Firmen einverleibt. Die Integration von Siemens VDO in das Reifenimperium soll alles andere als harmonisch verlaufen sein. Hier prallten offensichtlich zwei nicht kompatible Firmenphilosophien aufeinander. Hinzu kommt, dass die Gegenspielerin von Manfred Wennemer, nicht umsonst den Beinamen „Die listige Witwe“ verliehen bekam. Die gebürtige Österreicherin Marie-Elisabeth Schaeffler, übernahme 1996 nach dem Tod ihres Mannes die Leitung der Firma. Die drei Marken INA, LUK und FAG sind unter ihrer umsichtigen Führung zu einem schlagkräftigen Konzern verschmolzen worden. Sie und ihr Sohn Georg F.W. Schaeffler, er arbeitet in den USA als Anwalt, sollen laut dem Forbes Magazin über ein Vermögen von 8,7 Milliarden US Dollar verfügen. Da die Schaefflergruppe nicht börsennotiert ist, kann dieser Konzern als Familienunternehmen bezeichnet werden. Derzeit dürfte dieser Kugellagerhersteller absoulut immun gegen feindliche Übernahmen sein. Die listige Witwe aus Herzogenaurach Offensichtlich konnte auch Frau Schaeffler abwarten, bis der „Goldesel“ der Continental AG immer weniger abwarf. Die Sparte Pkw-Reifen mit knapp 25.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von knapp 4,7 Milliarden Euro (2006) wurde von Manfred Wennemer selbst geleitet. Aufgrund der gestiegenen Rohstoffpreise, besonders bei Rohöl, gingen die Erträge dieser Sparte kontinuierlich zurück. Eine interessante Parallel zur derzeitigen Übernahme von der Continental AG gibt es mit der Fusion Mannesmann mit dem britischen Telekommunikationsanbieter Vodafon: Ein kleineres Unternehmen kaufte im Jahr 2000 ein viel größeres Traditionsunternehmen auf, dessen Management vor lauter Selbstzufriedenheit nicht mitbekam, dass es feindlich übernommen wurde. Auch in diesem Fall gab es vom damaligen Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser markige Worte zu dem Übernahmeangebot. Viel Initiative zeigten die Mitglieder des Aufsichtsrates und des Vorstandes von Mannesmann, als es um die eigenen Abfindungen ging. Das Ganze gipfelte in dem so genannten „Mannesmannprozess“, der alles andere als eine Sternstunde des deutschen Rechtswesens und der Wirtschaft war. 2006 wurden gegen Zahlungen von Geldauflagen in Höhe von mehreren Millionen Euro das Verfahren eingestellt. Continental Standort Regensburg: Wie geht es weiter? Ob es für die Mitarbeiter der ehemaligen Siemens VDO in Regensburg besser ist, in einem Familienunternehmen wie der Schaefflergruppe zu arbeiten, ist offen. Zumindest, gibt es im Schaefflerkonzern keinen permanenten Druck, die Erwartungen der Aktionäre erfüllen zu müssen. Sehr wahrscheinlich ist, dass die neuen Eigentümer der Continental AG den Konzern zerlegen und Sparten verkaufen werden. Auch so ließen sich die Übernahmekosten gering halten. Ein potenzieller Interessent für die Reifensparte von Continental wäre sicher der italienische Pirellikonzern. Fest steht bisher nur, dass es für die Angestellten von Continental am Standort Regensburg die zweite Umfirmierung innerhalb eines Jahres wäre.

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Kommentare (1)

  • Riepl Stadtrat FW

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    Ein Beispiel wie die Globalplayer Monopoly spielen. Was macht die Poltik? Nichts, denn bei diesen Spielern sind sie außen vor. Zuschauen und jammern vor dem Volk über die Industriemoral. Na toll!und bloß niemand aus der Globalnomenklatura an den Pranger stellen , sonst sind die eigenen Aufsichtsratsessel und Parteispenden gefährdet.
    Derweil zieht das Globalkarusell seine Runden munter weiter und alle schauen verwundert zu.
    Verkaufgewinne sind „en vogue“. Produktionsgewinne sind „out“, denn dazu bräuchte man ja die Leute, die man beim Verkaufgewinn einspart.
    Nur weiter so bis zur Inflation der Wirtschaft und des €uro.

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