Neuer städtischer Service?

Besuch Dein Amputat am Grab

Kein Witz: In Regensburg können Betroffene von Amputationen ihr eigenes Bein am Grab besuchen. Der zuständige Amtsleiter bietet sogar persönliche Begleitung zu der Begräbnisstätte an, wo neben den Amputaten auch „Restasche“, die bei der Reinigung des Krematoriums anfällt, in Urnen beigesetzt wurde.

Unter diesem Kreuz sollen sich laut dem Leiter des Bürgerzentrums verbrannte Amputate und bei Reingungsarbeiten anfallende "Restasche" befinden - schicklich in Urnen beigesetzt. Foto: as

Unter diesem Kreuz sollen sich laut dem Leiter des Bürgerzentrums verbrannte Amputate und bei Reingungsarbeiten anfallende „Restasche“ befinden – schicklich in Urnen beigesetzt. Foto: as

„Stadtamhof“ und „Steinweg“ – so heißen die alten Teile des Bergfriedhofs am Dreifaltigkeitsberg. Wer von der Trauerhalle kommend über das fast schon idyllische Gelände dort hin flaniert, stößt irgendwann auf ein sechs Meter hohes Kreuz mit goldenem Christus, eingerahmt von zwei reich geschmückten Gräbern für anonyme Bestattungen und Bänken zum Beten und Verweilen. Was kaum einer weiß: Hier können Betroffene, denen im Evangelischen Krankenhaus irgendwann einmal eine Hand, ein Arm oder ein Fuß abgenommen werden musste, ihr eigenes Amputat besuchen. So steht es zumindest in einer Mail, die Peter Müller, Amtsleiter des Regensburger Bürgerzentrums und damit zuständig für das städtische Bestattungswesen und Krematorium, im Mai 2017 an einen Betroffenen verfasst hat.

Ein freundliche Mail in dunkler Zeit

Es muss Balsam auf Peter Müllers Seele gewesen sein, als er damals die sehr wohlwollende Anfrage eines Herrn J. erhielt. Damals, im Mai, waren die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen rund um das Krematorium gerade erst öffentlich geworden. Damals begannen einige der nun bekannten Vorwürfe – unter anderem Störung der Totenruhe, Betrug, illegale Abfallentsorgung und Körperverletzung – gerade erst in die Regensburger Öffentlichkeit durchzusickern. Und damals gab es Berichte, denen zufolge Amputate aus dem Evangelischen Krankenhaus, wo Müller lange Jahre Verwaltungsleiter war, im städtischen Krematorium verbrannt wurden.

Legal (sofern sie nicht – wie mittlerweile bekannt – zusammen mit Verstorbenen in deren Särgen verbrannt wurden), wie die Stadt damals postulierte. Ein Verstoß gegen geltende Gesetze wie der Bayerische Bestatterverband und ein Landshuter Rechtsanwalt gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ kritisierten. Körperteile und Organabfälle seien „aus ethischen Gründen nur in Abfallverbrennungsanlagen, die für Abfälle aus Einrichtungen des Gesundheitsdienstes zugelassen sind, zu beseitigen“.

Wo wurde mein Bein bestattet?

In diesen dunklen Stunden wandte sich Herr J. an die Stadt Regensburg, um deren Verhalten ausdrücklich zu loben. Ihm sei 2010 sein Bein im Evangelischen Krankenhaus amputiert worden, schreibt J.. Nun habe er von den Vorwürfen gelesen und fände das Verhalten der Stadt Regensburg „Klasse und höchst vorbildlich“. „Der Gedanke, dass mein Bein nicht in der Müllverbrennung gelandet ist, beruhigt mich doch sehr. Menschenteile einfach in den Müll zu schmeißen, finde ich pietätlos.“ Offenbar in der Absicht, sein verlorenes Bein am Bergfriedhof zu besuchen, fragt J. an, wo es denn bestattet worden sei. Von der Pressestelle erfährt er zunächst nur, „dass die Asche von allen Amputaten mit sonstiger Restasche aus dem Krematorium in Urnen gesammelt und anonym bestattet wird“. Für Genaueres wird Herr J. an Amtsleiter Müller verwiesen.

Peter Müller war gerade in Urlaub, wie er J. schließlich am 17. Mai mitteilt und ihm sei es „als Leiter des Bürgerzentrums wichtig, Anfragen wie die Ihre persönlich zu beantworten“. Er beschreibt die Lage des Bestattungsorts, bittet um eine Terminvereinbarung und bietet an: „Wenn Sie es wünschen, kann ich Sie gerne begleiten.“

Auch Reinigungsabfälle in Urnen bestattet

Ob es tatsächlich zu einem Besuch von Herrn J. am Grab seines Beins kam, geht aus dem Mailwechsel, der unserer Redaktion vorliegt, nicht hervor. Interessant ist aber, dass Müller in dessen weiterem Verlauf unumwunden einräumt, dass es sich bei der „Restasche“, die zusammen mit den verbrannten Amputaten bestattet wurde schlicht um Asche handelt, die bei der regelmäßigen Reinigung des Krematoriums anfällt.

Auch diese Reingungsabfälle können also besucht werden, wenn man zum alten Teil des Bergfriedhofs flaniert und dort auf einer der Bänke sitzend zwischen zwei Grabsteinen und unter einem sechs Meter hohen Kreuz darüber sinniert, ob sich neben verbrannten Amputaten und Restasche vielleicht noch weiterer Müll zwischen den dort bestatteten Toten befindet…

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Kommentare (12)

  • Schmuhl Schwulitzky

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    super ! dann kann ich mal meine Vorhaut besuchen !

  • aucheinehemaliger

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    @Schmuhl Schwulitzky
    Schönen Gruß an meine Schilddrüse!

  • semmeldieb

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    Ich hätte gerne zu Lebzeiten Reliquien von mir. Haare usw. In Glas vakuumiert ist schon mal ganz nett, aber wenn es denn ab müsste, hätte ich mein Bein gerne im Glas und effektvoll ausgeleuchtet in der Vitrine, gerne auch innereien. Wäre das in unserem verbotsstaat erlaubt? Bisher habe ich nur ein paar Gallensteine von bekannten gesammelt und sehr wenig eigene teile…

  • El

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    Das ist doch ein optimaler Betreuungsschlüssel . Wo es in städtischen Kinderbetreuungseinrichtungen schon mal vorkommt, dass eine Betreuerin 24 Kinder alleine betreuen muss, ist in der Trauerbetreuung des Bürgerzentrums ein 1:1 Schlüssel gegeben.

    Noch dazu die Deluxe-Ausführung . Durch den Leiter selber.

    Was beinhaltet so ein Amputat-Seeing am Dreifaltigkeitsberg denn alles ?

  • El

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    Also Semmeldieb, vermutlich müssen sie da erst heilig gesprochen werden, bevor ihre abgeschnittenen Körperteile zu Reliquien werden. Wie da das Procedere ist weiß ich nicht.

    Andrerseits, wenn sie ein Rockstar sind oder sonst irgendwie anbetungswürdig, vllt. würden dann ihre ausgerissenen Zähne schon mal für x-tausende Euro über den Tresen gehen. Vllt.die Haarbüschel auch .
    Wegen der Ausstellung ihrer Innereien und so : Gab s da nicht kürzlich so einen Mann, der Leichen in Scheiben schneidet und dann in Plexiglas eingießt und damit durch die Welt reist … Körperwelten hieß die Ausstellung, glaub ich.

  • Rosalia Genoveva

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    Normal stört mich der Hass gegen alle Nichtgewinner, den was die Oberen pflegen, aber wenns dafür auf der anderen Seite wahrhaftigs Mitgefühl für Extremitäten gäb, dann hätt ma einen Lichtblick.

    Zu klären wär nur noch schnell, dass auch unsere Allerwertesten (= verlängerter Rücken, auch verbreiterter und verlängerter Rücken ) zu einem geschätzten Extremidings ernannt werden könnten.

    Weil dann könnt man seinen Haxen zum Vorsprechen schicken, und wenn einem dann ein Arsch von einem Bearbeiter rüde antworten tät, wäre das wenigstens ein Gespräch auf einer neuen Basis von GLEICH zu GLEICH.

  • Günther Herzig

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    @Rosalia Genoveva:
    Also verstanden habe ich jetzt das nicht, schade!

  • Lothgaßler

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    Wir sollten die Beerdigung neu denken: Getrennte Gräber für Hände, Füße, Rumpf und Köpfe.
    Reinigungsreste bzw. Mischmasch zu beerdigen klingt schräg, aber irgendetwas muss man damit ja machen. Wie wärs mit Sondermülldeponie? Nach der Einäscherung eines Raucherbeins bleibt nichts übrig was ein Grab brauchen würde.
    Abgetrennte Körperteile eines noch lebenden Menschen zu „beerdigen“ ist grober Unfug, welcher Götzendienst wird hier betrieben? Wo bleibt die Kirche, mit einer theologischen Würdigung dieser Praxis?

  • Rosalia Genoveva

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    Ich kann nur sagen, ich bitte den Papst um einem neuen Ablass für ledige (=alleinige) Haxen.

    Fuffzig Euro wär der schon wert.

  • Friedhofsgänger

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    Dort unterm Golgatha soll das alles vergraben sein? Stimmt denn das wirklich? Da hab ich auch schon andere Geschichten gehört. Wäre interessant zu erfahren, was der Whistleblower Georg B. dazu weiß, der ja jetzt bis Juni noch mundtot ist, weil bei der Stadt bis dahin weiterbeschäftigt. Für ne Fragsteunde im Stadtrat bekommt er aber doch sicher von Personalreferent Eckert ne Ausnahmegenehmigung, oder???

  • jockel weeh

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    „Wissens, wo mei Hirn liegt?“

  • Rosalia Genoveva

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    Das Hallstätter Beinhaus ist weltbekannt. Zieht Touris an!

    Draus könnt ma lernen:
    Ein Regensburger Haxenacker, mit lauschigen Plattfussreihen und Halluxeswinkeln tät sich touristisch gewiss auch gut verkaufen!

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