SOZIALES SCHAUFENSTER

VR donumenta

Neues aus dem Bahnhofskeller

Mit einer neuen Ausstellung und einem digitalen Großprojekt startet der donumenta e.V. in die Zeit nach den Corona-Beschränkungen. Doch auch hier wirft der Krieg Russlands gegen die Ukraine seine Schatten voraus. Eine ursprünglich geplante Ausstellung mit der in Regensburg lebenden russischen Regisseurin Katja Ladynskaya wurde erst einmal verschoben.

Im Zentrum der Ausstellung steht der Film „We are Nature“, ein Plädoyer für mehr Bewusstsein der Natur gegenüber.

Kühl ist es im ehemaligen Gleiszubringer am Gleis 1 des Regensburger Hauptbahnhofs. Ohne geschlossene Jacke, Mütze und Schal doch auf Dauer ein wenig unangenehm an diesem Tag. Fahles Licht erhellt den Tunnel nur punktuell. Immer wieder sorgen die oberhalb ein- und ausfahrenden Züge im alten Gemäuer mit seinen Kachelwänden für Erschütterungen. An einer Stelle ist die Decke etwas abgebröckelt. Staub fällt herab. Wüsste man es nicht, man könnte annehmen, in einer post-apokalyptischen, post-zivilisatorischen Welt zu stehen. Der angemessene Rahmen für Borjana Ventzislavovas Werk.

Der bulgarisch-österreichischen Medienkünstlerin geht es um den Kontrast. An einer tief schwarzen Wand empfängt die Besucher gleich am Eingang der Ausstellung Dunkelheit, lediglich aufgebrochen durch ein paar Leuchtröhren. Deren kaltes Licht unterstreicht das apokalyptische Ambiente, erinnert aber auch an das Leuchten von Handy-Displays, Tablets und Laptops, an die bestehende Zivilisation.

„We/re Nature“

Neben jedem Licht an der schwarzen Wand hängt ein Stück Gemüse. Karotten, Paprika, Stangensellerie sind sich und ihrer Vergänglichkeit überlassen. Auf der anderen Tunnelseite scheint Wurzelwerk einzudringen. Die Natur holt sich zurück, was ihr einst entrissen wurde? Ein großer Ast liegt quer im Raum, zwingt die Besucher um ihn herum zu gehen. Die Natur weist dem Menschen den Weg? Schließlich steht man vor einer Leinwand – dem Fixpunkt der Ausstellung.

Ventzislavova ist eine cross-mediale Künstlerin und konzipierte „We/re Nature“ 2021 für das Wiener Kunstforum Vienna als dreigeteiltes Werk. Darunter der 27-minütige Film „We are Nature“. Genau den zeigt sie derzeit auch in Regensburg. Ein Film, der zwischen Gegenwart und Vergangenheit rangiert. „We are Nature“, also „Wir sind Natur“. Der Mensch ist vergänglich, in seine Umgebung unausweichlich eingebunden, von ihr abhängig, so die Botschaft.

Den Titel der Ausstellung will die Künstlerin aber auch als „We were Nature“ lesen lassen, „Wir waren Natur“. Die voranschreitende Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, ihre Beherrschbarmachung und Unterwerfung. Aber auch: Der Mensch kann aus der Welt verschwinden. Die Natur wird im Film zur Protagonistin, fordert ihr Recht auf Unversehrtheit ein. „Nichts kommt von nichts. Alles hat seinen Preis“, hält sie dem Beobachter entgegen. „Ihr müsst euch ändern. Handelt im Sinne allen Lebens.“ Bevor es zu spät ist.

„Wenn Ihr wollt!“

„AIR POLLUTION IS OVER!“ (Die Luftverschmutzung ist vorbei!), ist auf einem Plakat an der Wand in großen, schwarzen Buchstaben zu lesen. Klein darunter: „IF YOU WANT IT!“ (Wenn ihr es wollt!). Ventzislavova bedient sich hier bei John Lennons und Yoko Onos „THE WAR IS OVER“. „If you want it“, hatten die beiden 1971 im Kontext des Vietnamkrieges schon die Verantwortung bei den Menschen gesehen und die notwendige Ursache für Veränderungen offengelegt: „Wenn Ihr wollt!“

Karotten auf schwarzer Wand.

Für ihren Film verwendete Ventzislavova Material, das sie über zehn Jahre hinweg bei verschiedenen Reisen durch die USA und Kanada, Thailand, die Kanarischen Inseln und Bulgarien gesammelt hatte. „Ich wusste anfangs gar nicht was genau ich damit anstellen könnte“, sagt sie selbst. Im ersten Corona-Jahr begann sie das Material neu zu sichten und zu ordnen, und entwickelte eben bald die Idee für das Projekt „We/re Nature“.

Den eigentlich materiellen Menschen platziert sie in ihrem Film inmitten der Landschaftsaufnahmen als abstraktes, geistlich anmutendes Licht-Element – „Der Mensch ist immer auch spirituell“. Die zunächst ruhigen Aufnahmen zum Beispiel von kargen, schroffen Ebenen werden immer wieder von blitzenden oder funkelnden Lichtern durchzogen. Störend wirkende Elemente, die die Wahrnehmung der Landschaft verzerren, in Teilen fast völlig überlagern. Der entfremdete Mensch als Fremdkörper.

Doch Ventzislavova scheint Hoffnung zu haben. In der letzten Filmsequenz schreitet sie selbst als „Lichtgeist“ durch das Bild. Kein Blitzen und kein Funkeln. Ein ruhig leuchtendes Lichterband, das in die Natur zurückkehrt. Zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Helligkeit und Dunkelheit, Existenz und Auslöschung, an diesen Schnittstellen will Ventzislavova die Besucher ihrer Ausstellung führen. Genau dort die Augen für die Abhängigkeit des Menschen von der Natur öffnen. Geht es ihr nicht gut, dann geht es auch uns nicht gut. Noch könne etwas getan werden – „If you want it“.

Wegen Krieg: Ausstellung vorsichtshalber verschoben

Ursprünglich hatte der donumenta e.V. mit einer ganz anderen Ausstellung in die diesjährige Saison starten wollen. Doch die Zusammenarbeit mit der in Regensburg lebenden russischen Regisseurin Katja Ladynskaya fiel dem Krieg in der Ukraine zum Opfer. Man habe nicht abschätzen können, wie eine Eröffnung während der ersten Kriegstage abgelaufen wäre. „Vermutlich hätte sich die Künstlerin dann vor allem dazu äußern müssen“, erklärt Regina Hellwig-Schmid die Überlegungen. Das Werk wäre womöglich vollkommen überlagert worden. Ladynskaya hatte am 7. März selbst eine Kundgebung auf dem Haidplatz organisiert, ihre Landsleute zum Protest und zum Sturz von „Möchtegern-Zar Putin“ aufgerufen. Wann die Künstlerin im Art Lab ausstellen kann, ist noch nicht bekannt. Hellwig-Schmid betont aber, die Sache sei lediglich aufgeschoben und solle noch dieses Jahr nachgeholt werden.

Bei einem Pressetermin stellte Hellwig-Schmid (m.) u.a. MdL Kerstin Radler (l.) das neue Projekt „VR donumenta“ vor. Ebenfalls vor Ort Simon-Pelanda und Förderer Ferdinand Schmack. Foto: bm

Ob dann Hellwig-Schmid noch die künstlerische Leitung der donumenta inne hat, ist eine weitere Frage, die den Kunstverein derzeit umtreibt. Das 20-jährige Bestehen des donumenta e.V. will sie nämlich nutzen, um an eine junge, innovative Nachfolgerin zu übergeben. Die bisherige Arbeit soll nahtlos weitergehen und wird ab sofort um ein neues Vorhaben ergänzt. „VR donumenta“ – gelesen „we are“, wir sind – heißt der entsprechende Titel des Projekts, das vergangenen Freitag offiziell vorgestellt wurde. Im Beisein des Kulturreferenten Wolfgang Dersch und der Landtagsabgeordneten Kerstin Radler. Die Freie Wählerin ist schon viele Jahre Unterstützerin des Vereins und konnte pünktlich zum Auftakt 50.000 Euro des bayerischen Landtages für die Finanzierung des Projekts zusichern.

Ein digitales Archiv temporärer Kunst

2021 verlieh die Künstlerin Notburga Karl dem Kepler-Denkmal eine „Parabelle“. Die ist nun digital wieder sichtbar. Foto: bm

„VR“ steht dabei für „Virtuell Reality“. Bereits vergangenen Herbst konnten Besucher des Art Labs mit der Ausstellung „Enter the Plastocen“ über eine eigens dafür konzipierte App virtuell in die Plastikmeere der Welt abtauchen. Mit „VR donumenta“ will der Kunstverein nun einen Schritt weiter gehen und bisherige temporäre „Interventionen im öffentlichen Raum“ auf dem Smart Phone digital dauerhaft erlebbar machen.

An derzeit fünf Orten in der Altstadt können Interessierte über einen entsprechenden QR-Code oder die Homepage des donumenta e.V. Kunstwerke im öffentlichen Raum virtuell wieder erleben. Dabei handelt es sich um Projekte, die in den vergangenen Jahren als „Interventionen im öffentlichen Raum“ (donumenta e.V.) bereits realisiert werden konnten. Die Installation der Budapester Künstlerin Eszter Muray „All my rivers“ von 2020 an der Donaulände lässt die App genau so wieder auferstehen, wie Notburga Karls „Parabelle“ um das Kepler-Denkmal am Ernst-Reuter-Platz vom vergangenen Sommer.

Die App projiziert dabei auf dem Kameradisplay die digitalisierten Kunstprojekte in die reale Umgebung. Auch Duzan Zahoranskys temporäre Umwidmungen des Marc-Aurel-Ufers in den Alan-&-Ghalib-Kurdi-Hafen und der Eisernen Brücke in die Michael-Buschheuer-Brücke können mit „VR donumenta” besucht werden. Der Kunstverein schafft somit eine Art digitales Archiv temporärer Kunst.

Ebenfalls Teil des Projekts ist der 20 Meter hohe „Schwarze Turm“. Ein Projekt, das Klára Orosz 2019 in Stadtamhof geplant hatte. Der Turm sollte an der historischen Stelle des 1810 zerstörten Grenzturms zwischen Regensburg und Bayern installiert werden. Das Vorhaben scheiterte aber an Sicherheitsbedenken. In der App können die Regensburgerinnen und Regensburger den Koloss nun aber auf der Steinernen Brücke empor ragen lassen.

Nach und nach will der Kunstverein auch die Ausstellungen im Art Lab als digitalisierte Variante anbieten. „Wir wollen alle Ausstellungen künftig so erlebbar machen“, erklärt Patrizia Schmid-Fellerer. Damit könne Kunst barriereärmer werden und zugänglicher. Auch den Austausch mit den 14 Donauländern, mit denen die donumenta seit Jahren in engem Austausch steht und von dort immer wieder Künstlerinnen zu Gast hat, will man dadurch ausweiten und dort bald über die digitalen Möglichkeiten präsenter sein.

Förderung für drei Jahre gesichert

All das kostet den Verein auch Geld. Die vergangenen 20 Jahre waren hier eher prekär und vor allem projektbezogen finanziert. Der Stadtrat wollte hier schon länger etwas mehr Luft verschaffen und den Verein in den städtischen Förderkatalog aufnehmen. Vergangenes Jahr scheiterte das Vorhaben noch, aufgrund der damals unklaren Haushaltslage. Im März nun gab der Regensburger Stadtrat grünes Licht. In den kommenden drei Jahren stellt man jährlich 65.000 Euro zur Verfügung.

Das Projekt von Klára Orosz wurde aus Sicherheitsbedenken nie realisiert. Quelle: Klára Orosz

Brücke und Grüne hätten die Förderung gerne auf fünf Jahre festgeschrieben, schließlich seien sich im Stadtrat alle über den großen Verdienst der donumenta einig. Wie Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer in der Sitzung des Kulturausschusses Anfang März erklärte, seien drei Jahre aber der Regelfall für geförderte Projekte. „Es gab aber noch nie einen Fall, dass einem geförderten Verein danach gekündigt wurde“, versicherte die OB.

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Kommentare (3)

  • luck

    |

    Wie kann der Mensch die Natur kulturell symbiotisch “einhegen” (nutzen, ohne zu “verzwängen”/versklaven), wenn das eigene “Geschäftsmodell” nicht verstanden worden ist und potentielle Freiräume mit TINA-Charakter (there is no alternative) versehen sind und durch diesen sakrosankten Charakter unbeachtet bleiben?

    Wo bleibt die intellektuelle Elite, welche sich vom Kadavergehorsam der Katheder-Logik-Definitionsebenen zu verabschieden traut und ihren Einstein raushaut?

  • Günther Herzig

    |

    @Luck
    das klingt richtig gut, auch wenn ich es nicht verstanden habe.

  • xy

    |

    Für “Karotten an schwarzer Wand” 50.000 EUR vom Freistaat und noch einmal 65.000 EUR jährlich von der Stadt. Die Kunstförderung hat schon etwas sehr Abwegiges und Undurchsichtiges…

Kommentare sind deaktiviert

drin