Eindrücke aus der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge

„Wir sind ja kein Gefängnis…“

Bis zu 800 Menschen sind zeitweise in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Zeißstraße untergebracht. Eindrücke bei einem offiziellen Besuchstermin.

Aussenansicht (2)

Von Nadja Weber

Ein schweres Eisentor, Stahlzaun, ein Drehkreuz – auf den ersten Blick wirkt die Erstaufnahmestelle in der Zeißstraße wie ein Gefängnis. Wer hinein möchte, wird streng kontrolliert. Gelangt man aber durch den Eingangsbereich in den Innenhof, trifft man Menschen, die sich unterhalten, telefonieren oder mit ihren Kindern spielen. Jugendliche stehen an den Containerwänden und rauchen eine Zigarette oder essen gemütlich ihr Mittagessen. Anlässlich ihrer Klausurtagung in Regensburg hat die SPD-Landtagsfraktion die Einrichtung vergangene Woche besucht. Insgesamt zwölf Abgeordnete sind gekommen, begleitet von ebenso vielen Journalisten.

Aus 280 wurden 600 Plätze

Bei der Eröffnung im Dezember 2014 war die – zunächst als Provisorium geplante – Erstaufnahmeeinrichtung in der Pionierkaserne für rund 280 Menschen ausgelegt. Seitdem wurde erheblich umgebaut und erweitert. Heute leben dort im Schnitt 600 Asylsuchende. Und mittlerweile ist auch klar: Die Kaserne wird längerfristig zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden.

Erstaunlich leer: der Innenhof der Erstaufnahmeeinrichtung. Fotos: Weber

Erstaunlich leer: der Innenhof der Erstaufnahmeeinrichtung. Fotos: Weber

Dreckig, trist und ungepflegt – so mag sich mancher die Wohnsituation in der Aufnahmestelle angesichts so vieler Menschen auf engem Raum vorstellen. Doch zumindest bei dem offiziellen Besuch von Politikern und Medienvertretern bestätigen sich diese Vorurteile nicht. Der Innenhof und die öffentlichen Anlagen, wie Waschräume oder Gemeinschaftsküche sind sauber und aufgeräumt. „Schon am Morgen laufen hier die Menschen mit Greifzangen auf dem Hof und räumen den Müll weg“, sagt Karl-Heinz Kreuzer, Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung. Die Menschen seien sehr hilfsbereit und packen an, wenn es etwas zu tun gibt, erzählt er. „Für 1,05 Euro pro Stunde helfen sie bei der Essensausgabe mit oder erledigen kleine Hausmeisteraufgaben.“

Wie viele Menschen hier zusammen leben, sieht man vor allem zur Mittagszeit. Im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes, wo die Essenspakete ausgegeben werden, bildet sich bald eine lange Schlange. Einer nach dem anderen erhält dann seine Tüte mit einem warmen Essen. Die Meisten setzen sich auf Bänke im Innenhof und packen das Mittagsessen aus. Security-Personal ist an diesem Tag kaum zu sehen.

Flüchtlinge vom Balkan spielen kaum eine Rolle

Menschen aus 15 Nationen sind derzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Die Meisten kommen aus Syrien, dem Irak oder aus Afghanistan. Flüchtlinge vom Balkan spielen hier schon seit geraumer Zeit kaum noch eine Rolle.

Trotz der angebotenen Sprachkurse verstehen nur wenige Deutsch. Vier Wochen – so lange bleiben die Asylsuchenden durchschnittlich in der Erstaufnahmeeinrichtung – sind dafür auch zu kurz. Auf Englisch kann man sich mit manchen aber zumindest eingeschränkt unterhalten. Doch trotz dieser Verständigungsprobleme sind die Menschen offen. Man wird angestupst und gefragt: „You journalist?“ Die Menschen grüßen, drehen sich beim Vorbeigehen neugierig um und lächeln. Zwei Jungs laufen hinter den fremden Besuchern her. Sie erzählen, wie alt sie sind und dass sie gerne auf den Spielplatz gehen. Der Ältere der beiden fragt: „Where are you from?“

Kinder (3)

Nicht alle sehen den Besuch der Politiker und Journalisten so entspannt wie die Flüchtlinge selbst. So mancher Mitarbeiter reagiert skeptisch auf die journalistischen „Eindringlinge“. Die Kinder in den Medien abzulichten sei bedenklich, weil deren Eltern manchmal verfolgt werden, erklärt man. Auf Nachfrage, ob man mit einer Familie oder einem Betroffen über die Situation und Erlebnisse sprechen könne, reagieren die Helfer zurückhaltend. „Man muss sehr vorsichtig damit umgehen, wenn man mit den Asylbewerbern über Fluchtursachen spricht“, erklärt eine Ehrenamtliche. Ein längeres Gespräch kommt an diesem Tag nicht zustande.

Container, Turnhalle, Zelt

Laut Kreuzer kommen täglich bis zu 400 neue Asylsuchende mit Bussen oder per Zug in der Erstaufnahmestelle an. Untergebracht werden sie zum Einen in Wohncontainern. Weitere Wohneinheiten gibt es in einer Turnhalle – voneinander abgetrennt durch Spinde und Bettlaken. Weiter hinten auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne befindet sich ein Zelt, in dem bei Bedarf Platz für bis zu 300 Menschen wäre. Dieses Zelt wird bei der offiziellen Führung jedoch nicht besichtigt, nicht einmal erwähnt.

Bislang nur spärlich belegt: das Zelt, in dem maximal 300 Menschen untergebracht werden können.

Bislang nur spärlich belegt: das Zelt, in dem maximal 300 Menschen untergebracht werden können.

Sollten unerwartet viele Menschen zeitgleich eintreffen, so können sie nicht nur im Zelt, sondern auch in einem Transitbereich kurzzeitig untergebracht werden. Dieser bietet Platz für 80 Menschen und sollte eigentlich jeden Abend leer zur Verfügung stehen. Aufgrund der aktuellen Situation ist der Transitbereich derzeit aber dauerhaft belegt.

Innenhof

Kommen die Flüchtlinge in der Zeißstraße an, müssen sie sich zuerst einem sogenannten „medizinischen Clearing“ unterziehen. Hier werden eventuelle gesundheitliche Auffälligkeiten festgestellt. Schon öfter seien laut Kreuzer auch Menschen mit massiven Schussverletzungen eingetroffen, die sofort behandelt werden mussten.

Die Bewohner der Zeißstraße dürfen sich – zumindest theoretisch – landkreisweit aufhalten. Wenn bekannt sei, dass sich Verwandte in nahen Städten aufhalten, stelle die Einrichtung unkompliziert Besucherscheine aus, sagt Kreuzer. „Damit hatten wir noch keine Probleme. Wir sind ja kein Gefängnis.“

Infos zur EA

Drei Monate dauerte der Umbau der ehemaligen Pionierkaserne. Am 15. Dezember 2014 wurde die Erstaufnahmeeinrichtung eröffnet. Ursprünglich für 280 Menschen ausgelegt, leben heute durchschnittlich 600 bis maximal 800 Asylsuchende in der Zeißstraße. Täglich kommen rund 400 Menschen an. Seit der Eröffnung haben insgesamt bereits 19.000 Flüchtlinge die Erstaufnahmestelle erreicht. Die Menschen leben hier durchschnittlich vier Wochen. Sieben Tage die Woche arbeiten Ehrenamtliche in der Einrichtung.

Alle Asylbewerber müssen sich insgesamt drei Mal registrieren lassen. Einmal bei der polizeilichen Erfassung an den Länder- oder Staatsgrenzen. Ein weiteres Mal in der jeweiligen Erstaufnahmestelle und als Letztes bei der Landesbehörde, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

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Kommentare (7)

  • Tom

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    Danke für den aufschlussreichen Bericht. Wo kommen die Flüchtlinge aus dieser EA denn anschließend hin? Werden die alle in der Oberpfalz aufgeteilt?`Bei einem Durchlauf von derzeit 19.000 hätte ich erwartet, dass man in den Gemeinden mehr sieht als die paar, die wir zugeteilt bekommen haben.

  • bernd

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    Mehr Zahlen! Wieviele Personen arbeiten da, was machen die genau? Was machen die „Ehrenamtlichen“? Mehr Bilder!

  • Bernd

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    Nachtrag: Danke für den Artikel.

    Es fällt mir schwer mir ein Bild vorzustellen, wie es z.B. in den Räumen aussieht.
    Wenn man dort vorbei radelt fällt als erstes auf, dass Getränke und Lebensmittel außen auf den Fensterbrettern gelagert werden? Gibt es keine/zu wenig Kühlschränke?

  • joey

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    „Alle Asylbewerber müssen sich insgesamt drei Mal registrieren lassen“
    Nur ein Teil der Menschen wird registriert, viele werden einfach „weitergeschickt“, weil die Polizei personell nicht nachkommt. Viele wollen sich auch nicht in Deutschland registrieren lassen, weil sie auf dem Weg zu Verwandten oder Bekannten in Niederlanden, Schweden, GB oder sonstwo sind.

  • Veronika

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    Ja, auch von mir besten Dank für diesen offenen, ehrlichen und informativen Bericht!
    …….
    Sollte man sich eigentlich grds. nur mal die Frage stellen, ob man selbst im 20. Jahrhundert auf der Flucht befindlich in einem reichen Land wie Deutschland und dem noch reicheren Freistaat Bayern derart unselbstbestimmt untergebracht werden wollte?
    Würden die Leute in freien Ferienquartieren, in freien Hotelzimmern vielleicht irgendetwas schmutzig machen?

  • BerndLauert

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    Moment….(…)Jugendliche stehen an den Containerwänden und rauchen eine Zigarette(…)
    Ich komme nicht ganz klar wo hier der Jugendschutz bleibt und das Geld für Zigaretten herkommt

  • Hans Forster

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    Vielen Dank für den tollen Bericht.
    Leider habe ich schon viele Negativerfahrungen machen müssen… Bahnhof, Stadtparkt und Innenstadt nach 22.00 Uhr.
    Hoffentlich bleibt in Regensburg alles besser unter Kontrolle als anderswo.

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