Filmkritik zu Nocturnal Animals von Tom Ford

Der Hohlraum der Rache

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na„Nocturnal Animals“ von Tom Ford hingegen maßt sich an, ein seriöses und intensiv inszeniertes Rachedrama nach Fords eigenem Buch zu sein.

von Flamingo (Maximilian Schäffer)

Nun, was man also erwartet, von einem schwulen Modedesigner, der selbst aussieht wie die feuchtwarme Sauna-Version eines verjüngten George Clooney, ist wohl ein Film wie A Single Man. 2009 inszenierte Tom Ford seinen ersten Film – in der Hauptrolle Colin Firth als verwitweter, homosexueller Literaturprofessor. Leidend und schwülstig und natürlich von vorne bis hinten durchdesignt war dieser wattierte Wachtraum über Schönheit, Verlust, Trauer und Sex in den 60’s. Man erinnere sich nur an die aus Kristallvasen Tanqueray-Gin-Tonic schlürfende Julianne Moore und an den nassen Nicholas Hoult, abwechselnd in viel zu kleinen Badehosen und weißen Flokati-Pullovern.

Mit seinem zweiten Film will Tom Ford zeigen, dass er kein Protagonist des schwulen Sujetfilms werden will. Nicht in einer Reihe stehend mit Xavier Dolan (dessen neuer Film „Einfach das Ende der Welt“ übrigens kommende Woche in deutschen Kinos anläuft), der seit sechs Filmen um das Leid seiner sexuellen Identität zirkelt. „Nocturnal Animals“ hingegen maßt sich vor allem an, ein seriöses und intensiv inszeniertes Rachedrama nach Fords eigenem Buch zu sein.

Unklar und gleichzeitig etwas zu klar

Dass dieses Vorhaben in den ersten 40 Minuten hervorragend gelingt, liegt aber vor allem an den Stärken, die der Regisseur schon im Erstwerk bewiesen hat. Angefangen bei der wunderschönen Eröffnungsszene mit schwebenden Rubensdamen im Zirkusgewand, hin zu der beklemmenden Nachtfahrt auf dem verlassenen, texanischen Highway. Die gestochen scharfen Bilder der digitalen Cinematografie werden zu perfekten Gemälden auf der Leinwand. Jede Farbstaffelung zählt, jede Schattierung vertieft den emotionalen Raum. Visuell und atmosphärisch scheint zunächst alles richtig, doch was Tom Ford in seinem Film erzählen will, wird mit fortschreitendem Zeitstempel unklar und gleichzeitig etwas zu klar.

Hauptfigur ist die Galeristin Susan, die sich in der New Yorker High Society bewegt. Natürlich wieder ein perfektes Setting für Porzellangesichter und Raumausstatter-Wohnungen – ganz der Schöpfer. Susan ist umgeben von Mensch-Maschinen, die genauso wie die von ihr verkaufte Kunst nicht mehr als inszeniert und kalkuliert sind. Ihre wachsende Unzufriedenheit und Einsamkeit bekommt zudem Rückenwind, als sie das Skript eines Romans erhält, der ihr selbst gewidmet ist. Autor ist ihr Ex-Mann Edward, den sie seit Jahrzehnten strategisch ignoriert hat.

Das Theater im Theater

Mit dem Lesen des Buchs beginnt das Theater im Theater. Susans innere Illustrationen des Texts werden zur Handlung des Films, der nur in kurzen Intermezzi zur realen Welt zurückkehrt. Die Geschichte beginnt mit der Urlaubsreise einer Familie, die nachts auf einem verlassenen Straßenstück überfallen wird. Wie erwähnt, sind diese „nokturnen“ Szenen dermaßen eindringlich inszeniert, dass man hofft, das Grauen ginge die nächsten zwei Stunden genauso schweißerregend und aufreibend von statten. Als aber die Buchfantasie und Susans Lebenswelt sich im Film vermischen sollen und Ford beginnen muss geschickt zu arrangieren, seine Motive anfangs zu verbergen und dann unaufdringlich einzubringen, versagt auf einmal das Drehbuch.

Unbedingt möchte der Regisseur die zwei Elemente seines Gleichnisses zur großen, schweren Allegorie verleimen. Warum das aber nicht funktioniert, liegt vor allem daran, dass weder Susan noch Edward, noch ihre Welt besonderes Mitgefühl erregen. Stattdessen beginnt Ford opernhaft zu werden, die Figuren in ihrer Funktion auf die Bühne zu stellen und sie herumzuschieben – aber es fehlt der Gesang. Wie bei Xavier Dolan bleiben die Gefühlswelten meistens nur Tragik und Leid, die sich aber vielmehr im schwulen Narzissmus ersticken, als dass sie sich einer zynischen Relativierung entziehen könnten.

Nicht mehr und nicht weniger als der amerikanische Traum

Es gibt den schwachen, idealistischen Edward und die kalte, karrieresüchtige Susan, die beide in sich zurechtkommen und das Gegenstück suchen und aneinander scheitern und dann leiden, und am Ende kommt der große Knall, das Gegenstück der wandelnden Ouvertüre mit einem abrupten, kitschigen Schluss, wie Richard Wagner, wie ein Visconti-Film, wie ein Pasolini-Film, wie ein Dolan-Film, genauso durchsichtig mitleidsterroristisch und selbstgefällig und begrenzt und eigenverschuldet.

Tom Ford ist kein Autor und er täte gut daran, sich in Zukunft ein Buch zu suchen, dass seinen allzu offensichtlichen Unzulänglichkeiten entgegenkommt. Dolan funktioniert aufgrund seiner Nähe zum europäischen Kino auf einem Nischenmarkt für Cannes. Nocturnal Animals hingegen ist, wie sein Macher, nicht mehr und nicht weniger als der amerikanische Traum. Dass letzterer auch letzterer bleibt, liegt an seiner eigenen Überstrapazierung, die der Regisseur lernen muss auszugleichen, um die große Geste nicht erneut zum Hohlraum verkommen zu lassen.

Getripelte Rache

Jake Gyllenhaal und Amy Adams spielen als ob sie jeweils drei Reizwörter für ihre Rolle erhalten hätten, dazu ein mittelmäßiges Hotel und ein Buffetessen. Das ist alles solide und hat das Vorhaben vor allem professionell zu sein und scheitert aber mantrisch an der nicht vorhandenen Tiefe des Buchs. Vor allem die Auflösung dieser Rachefantasie, kommt zu Ende plump und einfältig daher. Nachdem zum Theater im Theater als Bild im Bild gefühlte zwanzig mal das Wort „Revanche, Revenge, Revenga“ vorgekommen ist, wird die Rache eben, wie bereits gedoppelt und getripelt verständlich gemacht, vollzogen.

Ob das am Ende moralisch und gerecht ist, wo die Verbindung zum Film ist, die Verbindung zur realen Welt Susans und der wunderschönen Inszenierung – das fragt man sich alles gar nicht mehr. Man ist eben ein bisschen eingelullt von Tom Ford-Kleidung und -Parfum und -Möbeln und -Männern.

Nocturnal Animals ist dennoch ein spannender und interessanter Film, von einer noch interessanteren Figur im Filmbetrieb, auf dessen zukünftige Filme man weiterhin beruhigt gespannt sein darf. Zumindest das hat Tom Ford mit Xavier Dolan im positiven Sinne gemeinsam.

4 von 5 Flamingos

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