Zbigniew Kolakowski zu Besuch in Regensburg

Der lebensfrohe Überlebende

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Zbigniew Kolakowski überlebte das KZ-Außenlager Colosseum und einen Todesmarsch. Zum 70. Jahrestag seiner Befreiung besuchte er Regensburg ein weiteres Mal und berichtete auf mehreren Veranstaltungen und in Schulen von seinem Schicksal.

„Ich wollte ein normales Leben führen.“

„Ich wollte ein normales Leben führen.“ Fotos: Werner

Mit dem Flugzeug wollte er die über 850 Kilometer weite Reise nicht antreten. Lieber mit dem Auto, denn er fliege nicht gern. Anlässlich der Reise nach Regensburg schaffte sich Zbigniew Kolakowski einen neuen Wagen mit Navi an und machte sich ohne Begleitung von seinem Wohnort Bydgoszcz (dt: Bromberg, bis 1920 preußisch) aus auf den Weg nach Regensburg. Dieser führt den wenige Tage zuvor 90 Jahre alt gewordenen Überlebenden auch zurück in die Erinnerungen an seine Zeit als Häftling nationalsozialistischer Konzentrationslager, als das NS-Regime mit seinen Helfern Millionen von Menschen ausbeutete und vernichtete. Zurück in einen Lebensabschnitt, den er nur mit viel Glück und mit spontaner Hilfe einer Frau überlebte. Vor Schulklassen und auf diversen Vorträgen gewährte Kolakowski auf wunderbare lebensfrohe Weise Einblick in sein Leben.

Als Zeitzeuge zum 70. Jahrestag der Befreiung

Als die deutsche Wehrmacht im September 1939 Polen überfiel, musste der damals vierzehneinhalb Jahre alte Zbigniew das humanistische Gymnasium in Warschau verlassen. Stattdessen begann er eine Ausbildung als Klempner im elterlichen Betrieb. Der Überfall der deutschen Wehrmacht hat ihm ebenso die Ausbildung an einer Technikerschule vereitelt.

In polnischer Sprache erzählt Kolakowski von unterschiedlichen Episoden seines Lebens und beantwortet Fragen. Mitunter schmunzelnd und oft mit einem Lächeln, teils auch in gebrochenem, aber gut verständlichem, blumig-heiterem Deutsch und am Übersetzer (Roman Smolorz, Uni Regensburg) vorbei.

Zu dem eindrücklichen Zeitzeugengespräch und sehr bewegenden Abend hatte das Evangelische Bildungswerk (EBW) in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft ehem. KZ Flossenbürg e. V. eingeladen. Carsten Lenk, Leiter des EBW, betonte einleitend die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte, Hans Simon-Pelanda führte die über 80 Zuhörer in die Thematik und die zeitgleich stattfindende Ausstellung ein. In einem dichtgedrängten Veranstaltungsprogramm besuchte Kolakowski in den folgenden Tagen mehrere Schulklassen und erzählte seine Haft- und Überlebensgeschichte.

Vom Warschauer Aufstand ins Konzentrationslager

In die Fänge des NS-Regimes geriet Kolakowski während der Niederschlagung des Warschauer Aufstands (1. August bis 1. Oktober 1944), in dessen Verlauf über 15.000 polnische Soldaten und Soldatinnen und das Zehnfache an Zivilisten ihr Leben verloren hatten. In diesem Zusammenhang wurden etwa 100.000 Polen und Polinnen als Zwangsarbeiter und weitere 60.000 in nationalsozialistische Konzentrationslager verschleppt. Unter ihnen der 20jährige Kolakowski, der 1925 in einer katholischen Familie geboren worden war. Über das südöstlich von Warschau gelegene Durchgangslager Pruszków, in dem die Deutschen etwa ein halbe Million Warschauer gefangen hielten, kam er nach Sachsenhausen und später ins Reichsbahnausbesserungswerk nach Dresden, das als Außenlager des Konzentrationslager Flossenbürg geführt wurde. Dort wurde er wie viele andere Häftlinge gezwungen, die Schäden aus den alliierten Bombardements an den Bahnanlagen zu beseitigen. Nach der weitgehenden Zerstörung Dresdens wurde der Häftling Kolakowski am 22. Februar 1945 ins überfüllte Hauptlager Flossenbürg und Mitte März nach Regensburg ins Außenlager Colosseum überstellt.

KZ-Außenlager Colosseum

SS-Oberscharführer Ludwig Plagge: Der Massenmörder war zuständig für das KZ-Außenlager Colosseum.

SS-Oberscharführer Ludwig Plagge: Der Massenmörder war zuständig für das KZ-Außenlager Colosseum.

Nach Regensburg kam Zbigniew Kolakowski am 19. März 1945 in einem Güterwagon. Zusammen mit etwa 400 weiteren Häftlingen aus dem KZ-Stammlager Flossenbürg wurde er im vormaligen Tanzsaal des Gasthauses Colosseum in Stadtamhof untergebracht. Jeder Häftling bekam eine Decke und einen Platz auf dem mit Holzspänen ausgelegten Parkettfußboden zugewiesen. Die Lebensbedingungen waren miserabel, Essen und Trinkwasser fortwährend viel zu wenig, Misshandlungen an der Tagesordnung. Zwei der Häftlinge mussten früh und abends in der gegenüber gelegenen Mälzerei sogenannten Tee oder Kaffee und nährstoffarme Suppen zubereiten. Viel zu wenig für die harte Arbeit, die Häftlinge verloren stetig an Gewicht.

Bewacht wurden die Gefangenen von etwa 50 SS-Männern, die unter der Führung von SS-Oberscharführer Ludwig Plagge standen. Die Häftlinge im Colosseum wussten zum Teil, dass Plagge in Auschwitz an der Ermordung „von mehrerer Tausend Sinti und Roma und der Juden aus Theresienstadt beteiligt gewesen“ war, so Hans Simon-Pelanda (ArGe ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg), der Kolakowski schon mehrfach nach Regensburg eingeladen hatte und ihn auf den Veranstaltungen begleitete.

So weit bekannt, reagierte die Bevölkerung Regensburgs auf die KZ-Häftlinge ähnlich wie in anderen Orten: eher besorgt ums eigene Überleben, teils panisch, teils im Sinne des NS-Regimes und „zu wenige aufrecht und menschlich“, wie Simon-Pelanda in seinen Untersuchungen des Außenlagers Colosseum feststellen musste. Laut den Erinnerungen des Überlebenden Kolakowski fanden sich auf dem Weg von und zum Lager im Colosseum kleine Essensreste, die, wie er vermutet, von Regensburger Zivilisten für die Häftlinge deponiert worden waren. Bemerkenswerterweise trat nach der Befreiung in Regensburg nie jemand hervor und reklamierte dieses Deponieren von Lebensmitteln als seine oder ihre Tat.

Zwangsarbeit fürs untergehende NS-Regime

Die Zwangsarbeit, die Zbigniew Kolakowski in Regensburg verrichten musste, entsprach den Tätigkeiten von Dresden: Beseitigung von Bombardierungsschäden an den Gleisen und Strecken der Reichsbahn. Kolakowski sieht seine damalige Tätigkeit mit dem Schweißbrenner zum Zerlegen von Schienen und Gleisen als relativ privilegiert an. Jedenfalls im Vergleich mit anderen Häftlingen, die nicht nur unter den Prügeln der SS-Mannschaften leiden mussten, sondern auch den extremen körperlichen Belastungen der Aufräumarbeiten ausgesetzt waren. Das Arbeitskommando Colosseum wurde vorwiegend im mehrfach zerbombten Güterbahnhof eingesetzt, westlich der heutigen Kumpfmühler Brücke.

Kolakowski berichtet von der willkürlichen Ermordung eines Mithäftlings, der von einem SS-Mann außerhalb des Bahnhofsgeländes gelockt und dann erschossen wurde. Zivile Bahnarbeiter hätten gegen diese Exekution protestiert, so Kolakowski. Der Täter indes habe für die vorgebliche Fluchtvereitelung eines Gefangenen einen Tag Sonderurlaub bekommen.

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Zeitzeugen-Gespräch mit Hans Simon-Pelanda und Eva Schulz im EBW.

Kolakowski und seine Kameraden erlebten mehrere sehr präzise geführte Luftangriffe der Alliierten, vor denen er sich selbst einerseits schützen musste und die so manchem Häftling das Leben kosteten. Andererseits brachten ihm die Luftangriffe längere Verschnauf- und Ruhepausen ein und kündigten unverkennbar die bevorstehende Niederlage des NS-Regimes an. In seinen schriftlich niedergelegten Erinnerungen, die im EBW zum Teil in deutscher Übersetzung von Eva Schulz professionell vorgetragen wurden, beschreibt Kolakowski Details dieser Situation. So auch die fürchterliche Wahrnehmung, dass die Bomben teils direkt auf ihn herabstürzen würden und die Erfahrung jener Explosionen, bei denen er tatsächlich auch einmal verschüttet wurde.

Vernichtung durch Arbeit und Unterversorgung

Welchen Vernichtungscharakter ein KZ-Außenkommandos hatte, lässt sich am Beispiel Colosseum eindrücklich feststellen. Mindestens 53 Tote, die auf dem Regensburger Evangelischen Zentralfriedhof begraben wurden, sind laut städtischer Totenregister innerhalb des sechswöchigen Lagerbetriebs zu beklagen. Überschlägig hochgerechnet bedeutet diese extrem hohe Todesrate, dass eine gesamte Lagerbelegstärke von rund 400 Mann innerhalb von einem Jahr durch „Arbeit“ vernichtet worden wäre. Darüber hinaus ist nicht auszuschließen, dass Tote auch ohne Registrierung verscharrt oder in die Donau geworfen worden sind.

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Auf Nachfrage von Schülern der Berufsförderschule St. Michael am Rennweg offenbarte Zbigniew Kolakowski, dass er bereits vor Regensburg existenzielle Angst verspürt hatte, ob er die deutschen Lager und ihre Schergen je überleben werde. „Gott hat mir geholfen“, sagt er zu den Schülern und erwähnt gedrückt, wie die Mithäftlinge in Flossenbürg aus seinem mehrfachbelegten Stockbett reihenweise wegstarben. Zum Dank für seinen Schulbesuch bekam Kolakowski von einer deutsch-tschechischen Konditorklasse eine Torte überreicht, die er abends mit Freunden verspeiste.

Evakuierung als Teil der Vernichtung

Kolakowski und die anderen marschfähigen Gefangenen mussten schließlich am 23. April 1945 einen mörderischen Evakuierungsmarsch in Richtung Alpen antreten – knapp dreißig Kranke blieben in Stadtamhof zurück. Den Weg des sogenannten Todesmarsches konnte er erst Jahrzehnte später mit Archivunterlagen rekonstruieren. Fast 400 Häftlinge wurden laut Unterlagen des International Tracing Service (ITS) vom Regensburger Außenkommando Colosseum aus auf den sogenannten Todesmarsch geschickt. Anders Kolakowski: Im Presse-Gespräch und in einem Zeitzeugen-Interview für das Haus der Bayerischen Geschichte von 1999 spricht er von etwa 720 Häftlingen.

Das Colosseum in Stadtamhof. Foto: Archiv/ Mirwald

Das Colosseum in Stadtamhof. Foto: Archiv/ Mirwald

Jedenfalls quälte sich die Marschkolonne über Obertraubling, Landshut, Vilsbiburg, Dorfen, Altötting, Burghausen, Tittmoning, Kirchanschöring in die Gegend von Laufen an der Salzach. Begleitet wurde die Kolonne vom Lagerleiter Plagge, der sich von einem Pferd tragen und seiner Freundin begleiten ließ. Kolakowski berichtete im EBW davon, dass die zu langsamen und marschunfähigen Kameraden regelmäßig von SS-Hunden attackiert sowie von SS-Männern erschossen oder erschlagen worden sind.

In einem Handkarren mussten die Gefangenen Proviant und eine Feldküche mittransportieren. Der Platz am Karren war begehrt, weil er Halt und Stütze gab, wohl auch Schutz vor Übergriffen und eine größere Essensration versprach. Da zwischendurch vermutlich Marschkolonnen aus dem KZ-Außenlager in Plattling hinzugekommen waren und die Züge sich zuletzt wieder aufteilten und zerstreut hatten, ist die genaue Anzahl der Toten und Ermordeten aus dem Colosseum unklar. In den Listen des Internationalen Suchdienstes (ITS) werden nach Beendigung des Todesmarsches über fünfzig Tote aus dem Colosseum verzeichnet.

Befreiung und Zusammenbruch

Kolakowskis Marschkolonne wurde nach dem Absetzen der SS-Mannschaften nur noch von kroatischen Hilfstruppen bewacht. Als tags darauf, am 1. Mai, auch diese Bewacher desertierten und einer davon seinen Karabiner mit den Worten „Hitler kaputt – Krieg aus“ zerschlug, sei er zwar befreit gewesen, aber völlig entkräftet zusammengebrochen. Unfähig auch nur einen Schritt alleine weiterzugehen, erinnert er sich mit ergreifender Stimme. In dieser existenziellen Situation hat ihm eine Bäuerin namens Kreszenz Portenkirchner aus Berg, einem Weiler an der Bundesstraße 20 nahe Laufen, das Leben gerettet. Diese habe ihm, dem nur noch 32 Kilogramm wiegend Zwanzigjährigen, Essen, Unterkunft und Schutz vor deutschen Feldgendarmen gewährt.

Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt im Freilassinger Krankenhaus zur Behandlung der Folgen seiner KZ-Haft kehrte Kolakowski ins weitgehend zerstörte Warschau zurück. Er holte sein Abitur nach und studierte Wirtschaftslehre. In den letzten Jahrzehnten forschte er in einer Vielzahl von Archiven, um Dokumentationen über nationalsozialistische Lager und die damit zusammenhängenden Todesmärsche zu erstellen.

Auch für das Regensburger Außenlager Colosseum trug der lebensfrohe Überlebende Kolakowski wichtige Informationen zusammen, die er mit seinen persönlichen Schilderungen als Zeitzeuge wertvoll ergänzte. Zur Kontaktaufnahme machte er sich bereits im Juli 1997 auf den Weg und auf die Suche nach seiner Lebensretterin aus Berg. Kolakowski nennt sie seine „zweite Mutter“. Als er ihr dafür 1997 danken wollte, fand er nur noch ihren Grabstein vor. Kreszenz Portenkirchner starb zwei Jahre zuvor.

Normales Leben?

Während dieser Deutschland-Reise vom Sommer 1997 machte er auch in Regensburg Halt und besichtigte das ehemalige Außenlager Colosseum. Seinerzeit wurde er von Mitarbeitern der Arbeitsgemeinschaft ehem. KZ Flossenbürg e. V. mit offenen Armen und ein Jahr später auch von Oberbürgermeister Hans Schaidinger offiziell empfangen. Seitdem blieb er mit einigen in freundschaftlichem Kontakt.

Zbigniew Kolakowski spricht ein Grußwort beim diesjährigen Gedenkweg.

Zbigniew Kolakowski spricht ein Grußwort beim diesjährigen Gedenkweg.

Auf die (wohl schon oftmals gestellte) Frage einer Besucherin der EBW-Veranstaltung, warum er angesichts der Gewalt, die ihm die Deutschen angetan haben, nicht verbittert sei, antworte Kolakowski freundlich und offenherzig: „Er wollte ein normales Leben führen“. In Regensburg habe er freundliche und „normale Menschen“ wie etwa Hans Simon-Pelanda, Helga Hanusa, Sylvia Seifert, Luise Gutmann kennen- und schätzen gelernt. Auf dem diesjährigen Gedenkmarsch für die Opfer des Faschismus sprach Kolakowski ein polnisches Grußwort. Er ist einer der letzten Überlebenden des Außenlagers Colosseum. 

Regensburger Gedenkkultur

Was er in Regensburg auch 70 Jahre nach seiner Befreiung nicht erleben durfte, ist eine aussagekräftige und den NS-Verbrechen angemessene Gedenktafel an oder vor dem Gebäude des ehemaligen Außenlagers. Der jetzige Text entstammt dem Kulturreferat und ihr Inhalt ist laut einem Gutachten „in grotesker Weise am Kern der Sache vorbei“. Auf Nachfrage von Regensburg Digital bezeichnete Kolakowski sie lapidar als „nicht korrekt“.

Die Gedenkplatte soll entfernt und durch eine Tafel am Gebäude ersetzt werden.

Die Gedenkplatte soll entfernt und durch eine Tafel am Gebäude ersetzt werden.

Was er ebenso wenig erfahren konnte, sind irgendwelche Ergebnisse des vom Stadtrat bereits im Juli 2013 beschlossenen Gedenkkonzepts für die NS-Zeit. Dem Vernehmen nach hat Kulturreferent Klemens Unger diesen Beschluss nicht weiter umgesetzt und von OB Wolbergs wurde er bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Stattdessen sponsern Kulturreferat und Archiv mit 250.000 Euro ein Forschungsprojekt der Universität Regensburg, welches das Kriegsende und insbesondere die Bedeutung von Giftgas, Widerstands- und ausländischen Geheimdienstgruppen untersuchen soll. Die NS-Opfer, oder das KZ-Außenlager Colosseum, wurden in diesem Zusammenhang mit keiner Silbe erwähnt.

Mit einer demnächst angestellten Koordinatorin für NS-Erinnerungs- und Gedenkkultur, die dem Bildungsreferenten Herrmann Hage unterstellt wird, soll in dieser Hinsicht allerdings alles auf einen guten Weg gebracht werden – so die Ankündigung von Oberbürgermeister Wolbergs.

Ein Buch für den Oberbürgermeister: Kolakowski

Ein Buch für den Oberbürgermeister: Kolakowski überreicht Joachim Wolbergs Berichte von Überlebenden des KZ Flossenbürg.

Im Zuge seines diesjährigen Besuches wurde Zbigniew Kolakowski zusammen mit anderen Überlebenden auch vom Oberbürgermeister der Stadt empfangen. Im Kurfürstenzimmer bat Joachim Wolbergs alle Überlebenden um Verzeihung und Vergebung. „Für all das, was wir Ihnen als Deutsche und als Regensburger angetan haben.“ Leider wurde Wolbergs deutsche Ansprache nicht übersetzt, direkte Antworten und Reaktionen der Überlebenden sind nicht bekannt. Der relativ gut deutschsprechende Kolakowski schenkte Oberbürgermeister Wolbergs im Gegenzug ein Buch mit Berichten von Überlebenden des Konzentrationslagers Flossenbürg. Darunter sein eigener. Zbigniew Kolakowski ist immer für eine Überraschung gut.

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Kommentare (11)

  • Georg Maier

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    Sehr geehrter Herr Zbigniew Kolakowski ich bewundere Ihr Engagement. Danke.

  • Mr. T

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    Leute, haltet bitte so viel wie möglich von dem fest, was die immer weniger werdenden Überlebenden noch aus erster Hand erzählen können. Jahrzehntelang wollte es keiner hören und jetzt schließt sich langsam das Fenster für Augenzeugenberichte.

  • Franz

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    Selbst 70 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur haben manche Honoratioren in diesem angeblich christlichen, kultivierten und zivilisierten Land offenkundig nicht den Mut, zuzugeben, dass viele Deutsche zwischen 1933 und 1945 Barbaren und Mörder waren.
    MfG
    Franz

  • menschenskind

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    „… dass viele Deutsche zwischen 1933 und 1945 Barbaren und Mörder waren…“

    Genau das, dass wir uns nur für einen Zwölfjahreszeitraum schämen sollen und uns ansonsten als ganz normale Menschen fühlen, das will die offizielle Geschichtsschreibung. Man suggeriert uns ein ganz normales Volk zu sein, nicht besser als die Belgier, nicht schlechter als die Bulgaren. Irgendwo so dazwischen.

    Hier ein paar Fakten zu Bayern, die nicht in jedem Geschichtsbuch stehen, und die uns auch für die Jahre vor 1933 und jene nach 1945 sensibel stimmen sollten:

    Bayern weist, wie anerkannte Historiker und Nachschlagewerke bereits vor dem NS immer wieder feststellten, die blutigste und intoleranteste Judengeschichte aller deutschen Regionen auf. Dies bezieht sich auf einen Zeitraum von über eintausend Jahren.

    Bayern war ab dem 16. Jh. die Heimat der Gegenreformation, jener Bewegung aus der katholischen Kirche und der weltlichen Macht heraus, die Deutschland auf Jahrhunderte Zwist, Hader, Mord und Totschlag sowie später einen schmerzlichen Sonderweg in Europa angedeihen ließ.

    In Bayern wurden noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jhs., in erster Linie von katholischen Inquisitoren, Frauen als Hexen verurteilt und hingerichtet; es waren mit die letzten Fälle in Europa.

    Bayerns extrem ausgeprägter Partikularismus (=ein Gesellschaftszustand, in dem innerhalb eines Ganzen stets der kleineren Einheit der Vorzug gegeben wird – oder mit anderen Worten: lieber Bayern als Deutschland) verhinderte die Einigung Deutschlands auf Jahrzehnte. Als einer der letzten Kulturstaaten Europas wurde Deutschland somit erst 1870/1871 ein Nationalstaat, mit Folgen für seine weitere Entwicklung.

    Der jüdische Schriftsteller und Bestsellerautor Jakob Wassermann über seine Jugenderlebnisse in Bayern: “Zum erstenmal begegnete ich jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt, verlockt zu werden, Lust an Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß.“

    Keine andere deutsche Region weist eine derart intolerante Sinti-und-Roma-Geschichte auf wie Bayern. So war München der Gründungs- und Wirkungsort der “Zigeunerzentrale”, jener Behörde, die ab 1899 unmenschliche Verfolgung von Angehörigen der Minderheit betrieb und deren Vorarbeiten der systematischen Vernichtung von einer halben Million “Zigeunern” durch die Nazis schon sehr früh den Weg ebnete.

    Vor und nach der Wende vom 19. auf das 20. Jh. traten in Bayern ganz besonders die Angehörigen des Jesuitenordens (SJ) als Hassprediger gegen Juden in Erscheinung. Noch heute gehören innerhalb der katholischen Kirche Jesuiten zu den unerbittlichsten Gegnern von Juden.

    Albert Einstein gab noch vor Erreichen seiner Volljährigkeit die deutsche Staatsbürgerschaft auf – wegen schmerzlicher, judenfeindlicher Erlebnisse im damals noch erzkatholischen Oberbayern.

    Der bis in die Gegenwart in hohem Ansehen stehende, christliche Vorzeigeliterat der Bayern, Ludwig Thoma, trat als übler Hetzer gegen Juden auf. Die Zeitung, die 1920/1921 seine rassistischen Ergüsse anonym verbreitete, der oberbayerische „Miesbacher Anzeiger“, fand Abnehmer in ganz Deutschland.

    Bayern war Brutstätte und Wiege des Nationalsozialismus. Sowohl die antisemitische Thule-Gesellschaft (1918) als auch die NSDAP (1919/1920), die SA (1921) oder die SS (1925) – sie entstanden alle in Bayern.

    Adolf Hitler fand in keiner anderen Region Deutschlands so viele Gleichgesinnte wie in Bayern; deswegen startete der katholische Deutschösterreicher von dort aus seine folgenreiche Karriere und erklärte später in „Mein Kampf“ München zu seiner Lieblingsstadt.

    Der gebürtige Bayer, Julius Streicher, verantwortete mit seinem Hetzblatt “Der Stürmer” die intensivste und wirksamste antijüdische Propaganda vor und während des Dritten Reiches.

    Der in München geborene und katholisch getaufte Heinrich Himmler gilt als der Initiator der Konzentrationslager Dachau und Auschwitz.

    Ebenfalls ein gebürtiger Oberbayer, Hermann Göring, gab die “Endlösung der Judenfrage”, die bekanntlich sechs Millionen Juden das Leben kostete, in Auftrag.

    Das oberbayerische KZ Dachau war jenes Konzentrationslager, das am längsten, nämlich von 1933 bis 1945, ‘in Betrieb’ war; zugleich diente es als Musterlager für Auschwitz und rund 2000 weitere Lager.

    Die im Vorfeld der Verleihung des Literaturpreises der bayerische Landeshauptstadt München an den jüdischen Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1957) hochwogenden christlich-konservativ-antisemitischen Proteste degradierten die Auszeichnung zur Farce.

    In Bayern fand der letzte bekannt gewordene „Exorzismus“ auf deutschem Boden statt. 1976 trieben zwei katholische Geistliche im Auftrag ihres Bischofs und mit Billigung des Vatikan einer epilepsiekranken Studentin derart nachhaltig den “Satan” aus dem Leibe, dass diese daran starb.

    In Bayern entstanden in den 1980er Jahren die beiden rechtsextremen Parteien “Republikaner” und DVU.

    Die rechtsextreme NPD zählte 2008 im Bundesland Bayern ihre meisten Mitglieder.

    Gemäß den Erhebungen der Friedrich-Ebert-Stiftung war Bayern in den Jahren 2006, 2008 und 2010 das deutsche Bundesland mit den meisten Judenhassern, den meisten Verharmlosern des NS und einem besonders hohen Anteil an Fremdenfeinden.

    Bayern bescherte Deutschland 2009 den vorerst letzten und zugleich weltweit meist beachteten Fall von Holocaustleugnung. Katholische bayerische Frömmler (“Piusbrüder”) hatten den britischen Bischof Williamson eingeladen.

    Bayern weist laut einer Statistik von 2011 die höchste Selbstmordrate aller deutschen Bundesländer auf.

    Bis in die Gegenwart werden in Bayern regelmäßig an furchtbare antijüdische Traditionen anknüpfende, zugleich als rein kommerziell erkannte, Oberammergauer Passionsspiele aufgeführt.
    http://www.hagalil.com/archiv/2012/01/26/bayer-2/

  • Mr. T

    |

    Wen wundert’s? Je tiefer der Glaube, desto einfacher lässt sich der Mensch entmenschlichen. Das war damals nicht anders als jetzt beim IS. Wer von klein auf dazu erzogen wird, irrationale Weisungen von „oben“ zu „glauben“ und sein Leben danach zu richten, auch wenn sich der Geist noch so sträubt, ist einfach zu indoktrinieren.

  • menschenskind

    |

    „Je tiefer der Glaube, desto einfacher lässt sich der Mensch entmenschlichen.“

    Wie sonst nur noch die Saarländer klammern wir Bayern an unserem Katholizismus. An die 55 % von uns haben den Ausstieg immer noch nicht geschafft.
    Am schlimmsten sind wir Ostbayern dran.
    Regensburg und Passau sind mit 88 bzw. 89 % Katholiken-Anteil, die beiden größeren Städte Bayerns, wo die schlechte, alte Welt noch nahezu vollständig in Ordnung zu sein scheint.

    Ein befreundeter Mediziner, in geschichtlichen Dingen überdurchschnittlich gut bewandert, ein Mensch mit Durchblick und dem Herz scheinbar am rechten Fleck, gebürtiger Oberpfälzer, in Niederbayern tätig – er kann und will nicht lassen vom Katholizismus.
    Warum?
    Weil er berufliche Nachteile befürchtet, weil er drei Kinder hat, die gesellschaftlich ins Abseits geraten könnten, weil seine Frau Ängste bedrücken, die sie nur schwer in allgemein verständliche Worte fassen kann.

    Was ist so ein Glaube noch wert, der von Leuten getragen wird, die ihn nur des schönen Scheins wegen aufrecht erhalten. Was sind Leute wert, die sich derart von irrationalen Ängsten einschüchtern lassen? Was ist eine Gesellschaft wert, in der keiner das sein darf, was er eigentlich sein will?

    Wahrhaftig, entmenschlichte Menschen. Und alles nur wegen so einem Glauben.

  • menschenskind

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    Kommentar gelöscht. Bitte bleiben Sie beim Thema.

  • Sepp Meilinger

    |

    Menschenskind, viele Anhänger des NS-Regimes waren Judenhasser. Sie sind Katholikenhasser. Wo ist der Unterschied? Wozu der Hass geführt hat, wissen wir ja. Hoffentlich werden Sie nie eine maßgebliche und richtungsweisende Stellung einnehmen können!

  • menschenskind

    |

    @ Herr Meilinger

    Sie haben vollkommen recht, „viele Anhänger des NS-Regimes waren Judenhasser“. Aber nicht nur die Anhänger des NS-Regimes waren Judenhasser, sondern fast alle Deutschen waren 1945/46, nach Kriegsende also, Judenhasser.
    Wir wissen das heute sehr genau, denn die US-Amerikaner haben gleich nach dem Krieg begonnen im besiegten Deutschland Meinungsumfragen (OMGUS-Report) durchzuführen. Nur etwa fünf Prozent der Deutschen gab nach Ende des NS an, nichts gegen Juden zu haben.
    Soviel zu den „bösen“ Nazis und den angeblich so braven restlichen Deutschen.
    (Lesen Sie bitte das aufschlussreiche Buch von David Clay Large „Hitlers München“:
    http://www.amazon.de/Hitlers-M%C3%BCnchen-Aufstieg-Hauptstadt-Bewegung/dp/3423307943 )

    Nun zu Ihrer Kritik an meiner Katholizismus-kritischen Haltung:

    Ist man gleich ein Katholikenhasser, wenn man kritisch über Katholisch denkt (und schreibt)?

    Würden Sie dann auch Goethe (deutscher Nationaldichter) als einen Katholikenhasser bezeichnen?
    http://www.hagalil.com/archiv/2014/03/24/goethe/
    Immerhin schreibt en.wiki über Goethe: „Goethe had a persistent dislike of the Roman Catholic Church.“

    Oder Einstein? War der für Sie auch ein Katholikenhasser, nur weil er die Wahrheit sagte über Katholisch & Co?

    Oder Karlheinz Deschner, der sein ganzes Leben damit verbrachte, die Verbrechen der Kirche zu erforschen und niederzuschreiben, der dafür zahlreiche Auszeichnungen erhielt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kriminalgeschichte_des_Christentums

    Oder der katholische Priester Ignaz von Döllinger, der ebenfalls die Wahrheit über Katholisch schrieb, hasste der seine Kirche?
    Oder wollte er nur bewirken, dass die Menschen ein wenig nachdenken?
    http://www.hagalil.com/archiv/2009/05/06/doellinger/

    Schließlich The Reverend Edward H. Flannery, der langjährige Berater des Vatikan in Judenangelegenheiten und Autor eines Buches, das es leider nicht in deutscher Sprache, jedoch in zahlreichen anderen Sprachen, zu lesen gibt:
    http://www.amazon.com/The-Anguish-Jews-Twenty-Three-Antisemitism/dp/0809143240
    Hasste Flannery seine ureigenen Katholiken, nachdem er seinem Hauptwerk den Untertitel „23 Jahrhunderte Antisemitismus“ verliehen hatte?
    Oder wollte vielleicht auch er nur, dass die katholische Welt ein wenig mehr reflektiert, etwas kritischer mit ihrer Geschichte und Gegenwart umgeht, schließlich den so furchtbaren eigenen Judenhass endlich einmal hinterfragt?
    (Zu Ihrer Erinnerung, Bayern ist das zweitkatholischste Bundesland und zugleich das Bundesland mit der höchsten Anzahl an Antisemiten:
    http://www.taz.de/!5172062/ )

    Sollte man sich nicht als aufgeklärter, moderner Bürger des 21. Jahrhunderts allmählich den Tatsachen stellen?

    Oder wollen Sie, Herr Meilinger, weitermachen wie bis jetzt, so wie es vor fast neunzig Jahren Lion Feuchtwanger in seinem Schlüsselroman Bayerns „Erfolg“ so trefflich beschrieben hat: „Die Bayern pressten ihre Fäuste auf die Augen, um zu verhindern dass es Tag wird.“

    Genau das ist es doch. Ihr Hardcore-Katholiken wollt Eure alte, überholte, nicht mehr überlebensfähige Welt um jeden Preis erhalten. Ihr seht Kritik an Katholisch als eine Bedrohung Eures Weltbildes an. Angst ist es, die Euch umtreibt. Weil Ihr immer weniger und weniger werdet. Nur noch 29 % der Deutschen bekennen sich zur kath. Kirche, Tendenz weiter abnehmend. Bald ist es bei Euch Katholiken soweit wie in jenem Witz über den realexistierenden Sozialismus, als der letzte DDR-Bürger den maroden Ost-Staat gen Westen verlässt und Staatschef Honecker noch zuruft „Verjiß nicht det Licht auszumachen, wenn de jehst!“

    Auch ich war mal Bayer und katholisch, aber nach einer gewissen Menge Lektüre, kann, ja, will man einfach nicht mehr, man will nur noch weg von katholisch und man begreift eben nicht, dass anderen die gleiche Einsicht versagt bleibt.

    Ich bitte Sie, Herr Meilinger, lesen Sie mehr, dann verstehen Sie mich auch.

  • Angelika Oetken

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    „Im Kurfürstenzimmer bat Joachim Wolbergs alle Überlebenden um Verzeihung und Vergebung. „Für all das, was wir Ihnen als Deutsche und als Regensburger angetan haben.“ Leider wurde Wolbergs deutsche Ansprache nicht übersetzt, direkte Antworten und Reaktionen der Überlebenden sind nicht bekannt.“

    Vermutlich war es nicht die schlechteste Idee, diese Rede gar nicht erst zu übersetzen. Ganz gleich, ob Oberbürgermeister Wolberg sie selbst verfasst hat oder es einem seiner Mitarbeiter überließ: Um Verzeihung und Vergebung bitten, wo weder die Aufklärung, noch die Aufarbeitung, geschweige denn der Schadenersatz hinreichend erfolgt sind, ist angesichts des Ausmaßes und der Scheußlichkeit der Verbrechen mehr als unangebracht. Wie das bei Herrn Kolakowski und den anderen Überlebenden unter den Gästen ankam wissen wir nicht. So wie im Artikel beschrieben, gab Zbigniew Kolakowski sich äußerlich unbeirrt. Aber man braucht wohl auch eine hohe Frustrationstoleranz und viel Liebe zu den Menschen, um sich so zu engagieren wie er und seine MitstreiterInnen es tun.

    Es gibt auch in Deutschland noch eine Menschen, die über die Zeit des nationalsozialistischen Terrors und der Jahrzehnte danach etwas berichten können. Unter Anderem über Dinge, die entdeckt, aufgearbeitet und veröffentlicht werden sollten. Und über Tote, die schon vor sieben Jahrzehnten hätten würdig bestattet werden sollen. Damals hätte man auch deren Mörder verurteilen müssen. Sie sind aber größtenteils davon gekommen. Viele von ihnen haben ein langes bequemes Leben geführt. Und sicherlich noch jede Menge weiteren Schaden angerichtet.
    All diese Informationen wurden von den Verantwortlichen zum Ende des Krieges und danach versteckt, vergraben und verschüttet. Und mit einem Schweigebann versehen. Es gibt zu viele Leute, die sich vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg durch Menschenrechtsverletzungen bereichert haben. Auch wenn man die industriell betriebene Verfolgung, Verwertung und Tötung von Menschen nicht direkt mit der systematischen sexuellen Ausbeutung von Kindern, die unter der Verantwortung des Bistums Regensburg betrieben wurde vergleichen kann: es gibt erschreckend viele Parallelen

    http://www.regensburg-digital.de/und-die-stadt-schaut-schweigend-zu/09022015/

    http://www.regensburg-digital.de/diozese-an-missbrauchsopfer-wir-bedauern-aber-sie-lugen/15022012/

    http://www.regensburg-digital.de/uber-50-jahre-vertuschungsgeschichte/11052013/

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