Dieser Text könnte ihre religiösen Gefühle verletzen

Die Offenbarung des Ulrich Weber

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Papst-Streetart Wie um Gottes Willen konnte das Einsetzen eines unabhängigen Aufklärers zu unabhängiger Aufklärung führen? Da wird der Messwein im Kelch sauer. Wie konnte es zu diesem Fehler kommen und was bleiben dem Bistum nun für Optionen?

Von Martin Stein

Die Pressekonferenz des Ulrich Weber zu den Missbrauchsfällen unter den Regensburger Domspatzen stellt eine Zäsur in der deutschen Kirchengeschichte dar, einen Paukenschlag, einen Donnerhall, der hallt und hallt und immer noch hallt und noch lange hallen wird, und der in der Regensburger Diözese vor allem eine Frage aufwerfen wird, diese eine, einzige fragenswerte Frage: Wie, um Gottes Willen, konnte das Einsetzen eines unabhängigen Aufklärers dazu führen, dass unabhängig aufgeklärt wird?

So richtig mit Ergebnissen?
Unangenehmen Ergebnissen?

Wo doch im Zusammenhang mit kirchlichen Untersuchungen die Bezeichnung „unangenehmes Ergebnis“ sprachlich schon zu den Tautologien zählt.

Und dann hält dieser Weber da eine Pressekonferenz, und – Herr im Himmel. 700 Missbrauchsopfer! Erst mal! Da wird doch der Messwein im Kelch sauer. Damit konnte doch nun echt keiner rechnen! So viele. Und, vor allem, dass dieser Weber das dann auch noch erzählt.

Gleich jemanden zu engagieren, der dann am Ende was sagt! Wie kann das sein?

Dieses beispiellose Vorkommnis versetzt das Bistum in Aufruhr. Wie konnte es so weit kommen? Was ist aus der sorgfältigen und umsichtigen Personalauswahl geworden, wenn es um die Besetzung unabhängiger Aufklärerstellen geht? Gut, man konnte zwar bei allem Optimismus nicht davon ausgehen, wieder jemanden wie Geedo Paprotta aufzutreiben, jenen Anwalt aus Neumarkt, der mit seinen John-Wayne-Nerven und den grundsätzlichen Pistolero-Qualitäten warb, und von dem man sich ohne Weiteres vorstellen könnte, dass er sogar Erin Brockovich weinend nach Hause schickt.

Hochglanz-Magazin des Bistums Regensburg zum Abschied von Gerhard Ludwig Müller nach Rom. Foto: Archiv

Hochglanz-Magazin des Bistums Regensburg zum Abschied von Gerhard Ludwig Müller nach Rom. Foto: Archiv

Aber gleich jemanden zu nehmen, der dann am Ende was sagt! Auf einer Pressekonferenz! So mit Inhalt und allem drum und dran! Wo es doch gereicht hätte, im klassischen Grisham-Kontrapost hinter dem Bischof zu stehen und dessen Worthülsenergüsse feinbezwirnt zu dekorieren!

„Unsere Gebete sind bei … wir werden alles in unserer Macht stehende tun … bedauerliche Einzelfälle … schonungslose Offenheit … Geld kann kein Ausgleich für das erlittene Leid sein.“

So hätte das laufen können. Aber nein.

Was ist nur aus dieser Stadt geworden, dieser Papststadt, dieser Stadt des Kurt Krenn und des Gerhard Ludwig Müller! Krenn, der die päpstliche Unfehlbarkeit ganz problemlos auf seinen eigenen Dienstgrad herunterargumentieren konnte und sich später auch durch die Lawine an pornographischen Widerwärtigkeiten, die seine Pöltener Priesterazubis zu verantworten hatten, keinen Millimeter Selbstkritik hatte abringen lassen!

Müller, den seine legendär selbstgerechte Regensburger Regentschaft bis auf den Schlüsselposten der katholischen Realitätsbekämpfung gebracht hat! Und jetzt dieser Rudolf Voderholzer, der sich zwar ebenfalls nie in den Verdacht der Sünde allzu großer Toleranz gebracht hat, aber jetzt im Zuge des Domspatzen-Skandals auf der Suche nach einem Aufklärer war und dabei ausgerechnet jemanden gefunden hat, der dann tatsächlich was gefunden hat. Was ist da nur passiert?

Das Volk will glückliche Sakral-Heintjes!

Foto: Regensburg Tourismus GmbH

Werbung für die Domstadt mit den Domspatzen. Foto: Regensburg Tourismus GmbH

Blauäugigkeit? Ein Versehen? Hat eine Sekretärin geschlampt? Gab es einen Namensdreher? Eine schlichte Verwechslung? Vielleicht wollte man einen ganz anderen Rechtsanwalt Weber anrufen und ist im Telefonbuch eine Zeile verrutscht? Schließlich gab es nicht den geringsten Grund, wirklich irgendwas auch nur irgendwie auf den Grund zu gehen.

Die Domspatzen sind weltweit angesehen, und junge Burschen mit schönen Stimmen passen nicht in einen Kontext aus Prügel und Vergewaltigung. Unschuld und Reinheit sind die übergeordneten Assoziationen, das ultimative Emotional-Sales-Argument, und so soll das auch bleiben. Glückliche Sakral-Heintjes will das Volk haben.

Und selbst wenn das als Vertuschungsgrund nicht reichen sollte: Der Dunstkreis der Ratzinger-Brüder, gar mit einer eventuellen Schuldhaftigkeit verbunden, müsste doch wirklich ein umfassendes Silentium allenthalben motivieren. Und was dann noch an Restskandal bleibt? Ein ARD-Film. Na ja. Nicht schön, aber beherrschbar.

„Unsere Gebete sind bei … wir werden alles in unserer Macht stehende tun … bedauerliche Einzelfälle … schonungslose Offenheit … Geld kann kein Ausgleich für das erlittene Leid sein.“

Als hätten die paar Jahrzehnte bösartiger Gerüchte eine echte Gefahr bedeutet. Schließlich stehen dagegen auch Jahrzehnte überaus erfolgreicher Wahrheitsunterdrückung. Damit hätte man doch noch ewig weitermachen können.

Entschädigungssummen, die nicht mehr aus dem Opferstock bezahlt werden können

Gut, auch so manche grundfromme Frau aus dem Landkreis hat dann doch dem heiligen Josephus Immaculatus ein Kerzlein gestiftet, nachdem sich glücklicherweise herausgestellt hatte, dass der Sohn keine schöne Gesangsstimme hat. Und auch die Aussage des ausschließlich Jungen zeugenden, sehr musischen Vaters ist mir noch gut in Erinnerung, wonach er, selbst wenn ihm ein halbes Dutzend Buben gelängen, keinen einzigen davon in die Obhut der Domspatzen geben würde. Was halt so geredet wird.

Dankesadresse der Kirchenbrauerei Bischofshof an Gerhard Ludwig Müller. Foto: Archiv

Dankesadresse der Kirchenbrauerei Bischofshof an Gerhard Ludwig Müller. Foto: Archiv

Aber was jetzt nach der Weber-Pressekonferenz passiert, weiß man eben nicht genau. Das Ansehen der katholischen Kirche könnte Schaden nehmen. Oder, noch schlimmer, es könnte Geld kosten. Nun hatte Bischof Voderholzer ja schon voriges Jahr ein großzügiges Schmerzensgeld von pauschal 2.500 Euro angeboten – ein Betrag, anhand dessen sich mancher junge Mann gewünscht hätte, selbst auch ein paar Jahre lang von seinen Erziehern verdroschen und befingert worden zu sein – wenn sich sowas finanziell derart rentiert! Bei den exorbitant steigenden Opferzahlen kristallisieren sich nun natürlich auch Entschädigungssummen heraus, die nicht mehr so ohne weiteres dem Opferstock entnommen werden können. Da muss gegengesteuert werden.

„Aufklärung“ ist ein sehr, sehr schmutziges Wort

Liturgische Sofortmaßnahmen werden ergriffen: Bis auf Widerruf drehen sich die Predigten thematisch um das erste Buch Mose, 9, 20-27, den ultimativen Petzen-ist-scheiße-Vers:

„Noah wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg, Er trank von dem Wein, wurde betrunken und lag entblößt in seinem Zelt. Ham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und erzählte davon draußen seinen Brüdern. (…) Als Noah aus seinem Rausch erwachte und erfuhr, was ihm sein zweiter Sohn angetan hatte, sagte er: Verflucht sei Kanaan. Der niedrigste Knecht sei er unter seinen Brüdern.“

In der darauffolgenden Predigt wird dann aus verschiedenen Blickwinkeln und unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte theologisch einwandfrei dargelegt, weshalb erst durch das Erzählen aus Schweinkram Schweinkram wird und dass der Erzähler in jedem Falle, egal, worum es geht, samt aller ihm nachfolgenden Generationen der Verdammnis zu überantworten sei. Außerdem: „Aufklärung“ ist tatsächlich ein sehr, sehr schmutziges Wort.

Andreas Englisch rechnet jeden Augenblick mit dem Erleiden einer Epiphanie

Aber das Geschehene ist nun nicht mehr ungeschehen zu machen. Wahrscheinlich zumindest. Versuchen kann man es ja dennoch. Schließlich weiß die katholische Kirche am Besten, dass Historizität ein dehnbarer Begriff ist. Vergangenheit ist wie Kalbsbries: entscheidend ist die Zubereitung.

Festbankett mit Promis anlässlich Müllers Ernennung zum Kardinal. Foto: Archiv

Festbankett mit Promis anlässlich Müllers Ernennung zum Kardinal. Foto: Archiv

Die Krisenstäbe tagen jedenfalls. Andreas Englisch rechnet jeden Augenblick mit dem Erleiden einer Epiphanie. Ihn fröstelt bereits. Die Diözesanregierung hat alle Entscheidungsträger, Multiplikatoren, Spin-Doktoren und sonstigen Strippenzieher zum Arbeitsessen geladen. Das Catering übernimmt die Thurn-und Taxissche Reichenspeisung. Angesichts der ernsten Situation wird mit mindestens zwölf Gängen gerechnet.

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Kommentare (18)

  • Lothgaßler

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    Die Meinungsführer unter dem kirchlichen Stammpersonal haben die „Kirche“ irgendwann einmal selbst „heilig“ gesprochen, wohl wissend, dass immer wieder einmal Vertreter und Vertreterinnen aus ihren Reihen alles andere als „heilig“ handeln. Innerhalb der „heiligen“ Kirche existiert seit langer Zeit eine strenge Hierarchie, der unbedingt Folge und Gehorsam zu leisten ist. Der oberste Hirte gilt als „unfehlbar“, viele der unteren Chargen beanspruchen das auch für sich. Sehr gerne nahmen und nehmen die Vertreter und Vertreterinnen der „heiligen“ Kirche in der Gesellschaft einen gehobenen Stand ein, neben Adel und Bürgertum. Hinzu tritt ein völlig aus der Zeit gefallenes eigenes „Kirchenrecht“, welches auch weltliche Dinge (wie Arbeitsverträge) regelt und Grundrechte relativiert.
    Diese Missbrauchsfälle an und Gewalttaten gegen Regensburger Domspatzen sind nur ein Skandal unter vielen. Nur dem gesellschaftlichen Wandel ist es geschuldet, dass heute Missbrauch aus Kirchenkreisen nicht vollkommen totgeschwiegen wird. Das geht heute nicht mehr. Der Respekt vor der „heiligen“ Kirche schwindet, weshalb deren Opfer heute nicht noch einmal von einer kirchenhörigen Gesellschaft gemobt und ausgegrenzt werden. Aber immer noch trauen sich Opfer nicht sich zu wehren oder erfahren kein Recht vor weltlichen Gerichten.
    Es ist nun doch endlich an der Zeit die „heilige“ Kirche zu „erden“! Ich sehe nicht mehr ein, weshalb wir durch die Gewährung von Sonderrechten einer weltfremden und gegenwartsfernen Institution ein „weiter so“ ermöglichen sollen!
    Die „heilige“ Kirche wird sich von sich aus kaum verändern, deshalb muss unsere Gesellschaft die Spielregeln ändern: Volle Transparenz hinsichtlich des Kirchenvermögens, denn die Kirche ist faktisch ein Wirtschaftsunternehmen. Weg mit Sonderrechten der Kirche (vom Eintreiben der Kirchensteuer bis zum Arbeitsrecht). Und letztlich unverzichtbares Ergebnis dieser Skandale: Uneingeschränkte Kooperation der „heiligen“ Kirche mit staatlichen Stellen der Strafverfolgung, wenn es nicht anders geht mit Zwang wie Beugehaft.

  • Alberto Knox

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    Wie kann es sein, dass Georg Ratzinger als Mitwisser von hundertfachem Kindesmissbrauch, der dies alles hätte unterbinden können und es nicht getan hat, immer noch Träger von Verdienstorden und der Regensburger Albertus-Magnus-Medaille ist?

  • HutzelWutzel

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    DANKE FÜR DIESEN ARTIKEL! SEHR GUT GESCHRIEBEN!

    @Albert Knox: Weil er der Bruder des ehem. regierenden deutsch-bayerischen Papstes ist. Über 500 Jahre hatte es so etwas nicht mehr gegeben, und noch nie in der 2000jährigen Geschichte ist so etwas – dank Regensburg Digital – ans Licht der Öffentlichkeit gelangt und geblieben wie diese Mißbrauchsangelegenheiten!

  • Grips

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    Die Frage ist für mich nun weitergehend, wie wird die Kirche gezwungen, alle ihre „Fälle“ von körperlichem und sexuellem Missbrauch im ganzen Bistum aufzuklären und den Opfern das mögliche Maß an Sühne und finanzieller Unterstützung für die Heilung ihrer Traumata zu leisten ? Denn die Domspatzen-Opfer sind nur ein Bruchteil der missbrauchten Kinder und Jugendlichen im Bistum . Ich kenne zum Beispiel einen Mann, der 15 Jahre lang in einem katholischen Kinderheim von den Mallersdorfer Ordens-Schwestern systematisch körperlich misshandelt worden ist. Auf seinen Brief dazu und die Aufforderung zu sogen. Anerkennungsleistungen an die Generaloberin der Mallesadorfer schwestern hat er nicht einmal eine Antwort erhalten.

  • Angelika Oetken

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    Hier hat die Domspatzenorganisation etwas zu den bisherigen Abläufen und weiteren Planungen eingestellt
    http://www.domspatzen.de/de/chor/aktuelles/detail/article/auftrag-zur-aufarbeitung-der-missbrauchs-und-misshandlungsfaelle-von-aussen.html

    Aufarbeitung ist grundsätzlich gut. Umfassende und unabhängige Aufklärung eine ihrer Grundvoraussetzungen. Aus Fehlern kann man dabei genauso lernen, wie aus gelungenen Projekten. Hier http://www.opferhilfe-korntal.de/ wird ein ausgewiesener Problemfall dokumentiert, nämlich die misslungene Aufklärung der Missbrauchsfälle in den Kinderheimen der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal.

    Gute Beispiele:
    https://beauftragter-missbrauch.de/aufarbeitung/internationale-kommissionen/

    Eine Aufarbeitungskommission muss unabhängig sein. Und das heißt im Falle von institutionellem Missbrauch, dass sie keinerlei Verbindungen zu betroffenen Organisationen hat. Etwaige Interessenkonflikte anzugeben, sollte dabei im Berufungsverfahren für die Mitglieder der Unabhängigen Kommission selbstverständlich sein. Auf einem Hearing, das der UBSKM 2013 veranstaltet hatte, Titel „„Unabhängige Aufarbeitung – Verantwortung von Politik und Gesellschaft“
    wurde das ausgiebig diskutiert und es konnten entsprechende Stellungnahmen verfasst werden https://beauftragter-missbrauch.de/der-beauftragte/dialog-kindesmissbrauch/?L=0

  • Coffon CORNET

    |

    Hier haben wir es mit einer Offenbarung zu tun, die endlich einmal nicht geheim ist.

  • Mathilde Vietze

    |

    Ich kann nicht nachvollziehen, daß meine „religiösen Gefühle“
    verletzt würden, wenn Mißstände aufgedeckt und öffentlich
    gemacht werden. Ganz im Gegenteil: Das, was passiert ist,
    m u ß unter allen Umständen restlos aufgeklärt werden
    und zwar z u m W o h l e d e r K i r c h e und um deren
    beschädigtes Ansehen wieder zu „reparieren“.
    Es darf unter keinen Umständen passieren, daß jemand in
    der Gegend herumposaunt, daß es „in der kathoilischen
    Kirche nur lauter zwielichtige Gestalten gibt“.
    Unmögliche Gestalten gab und gibt es in der Kirche sowohl,
    wie auch in allen anderen gesellschaftlichen Gruppierungen.

  • Frieda Hollberg

    |

    -Unmögliche Gestalten gab und gibt es in der Kirche sowohl,
    wie auch in allen anderen gesellschaftlichen Gruppierungen.-
    Frau Vietze, was soll diese pauschale Unterstellung

  • hörmann

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    Ich war bedauerlicherweise im letzten Jahrgang der bestehenden katholischen Regelschule in Bayern und wurde von Nonnen („Arme Schulschwestern“) „unterrichtet“. Neben körperlicher Züchtigung („Kopfnüsse“, mit dem Lineal auf die Finger hauen, mit Schlüsseln beworfen werden) war am schlimmsten die permanente psychische Demütigung vor allem von Kindern aus armen Familien und aus bekannten sozialdemokratischen Familien (mein Vater war SPD-Gemeinderatskandidat). Kindern aus reichen und Beamtenfamilien (eine Mitschülern war die Tochter des Polizei-Dienststellenleiters) wurde „in den Arsch gekrochen“, die machten immer alles richtig.
    Das verursachte Leid ist sowieso nicht mehr gutzumachen, ist tief in die Seele eingedrungen… Aber was ich wirklich gerne tun würde, ist einem oder einer von diesen Bastarden in die … zu schlagen. Einfach, weil es gut tun würde.

  • Mathilde Vietze

    |

    Zu Hörmann: Auch ich, Jahrgang 1940, wurde in der Realischule Regensburg-
    Niedermünster von den Armen Schulschwestern unterrichtet. Abgesehen
    davon, daß diese mitunter sehr veraltete Moralvorstellungen hatten, kann
    ich mich nicht an Demütigungen oder gar körperliche Züchtigungen erinnern.
    Uns wurde nur immer wieder eingebleut, daß wir es nur mit gutem Wissen
    im Leben zu etwas bringen und wenn wir einen vernünftigen Mann wollen,
    müssen wir einen „gebildeten“ Gesprächsstoff haben, um ihm zu impo-
    nieren.

  • hörmann

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    Zu Frau Vietze: Veraltete „Moralvorstellungen“ haben sie uns natürlich auch noch zusätzlich eingebläut (ich war in der Grundschule). Zum Beispiel: Vorgesetzte, Lehrer, Polizisten etc. sind direkt von Gott eingesetzt, dementsprechend ist ihnen zu gehorchen. Und noch schöner, ich erinnere mich, als wenn es gestern gewesen wäre, weil es mich damals schon, in meinem zarten Alter, total schockiert hat und ich instinktiv spürte, dass das jetzt wirklich nicht mehr passt: Nonne Jorana: „Liebe Kinder, wer hat denn Jesus Christus an den Juden gerächt?“ Die Polizistentochter wusste es: „Das war Adolf Hitler, Frau Schwester!“ Nonne: „So ist es, liebe Kinder!“

  • menschenskind

    |

    „Vorgesetzte, Lehrer, Polizisten etc. sind direkt von Gott eingesetzt, dementsprechend ist ihnen zu gehorchen.“

    Das war die vorherrschende Einstellung in weiten Kreisen der bayerisch-katholischen Bevölkerung (und ist es zum Teil bis heute geblieben) sogar bis hinauf zum Kardinal. Ganz besonders populär war, und als mutiger Widerständler gegen den NS lange Jahre gehandelt wurde, der bayerische Kardinal Michael von Faulhaber. Dessen Auffassung war es, dass man auch nichts gegen den „Führer“, Adolf Hitler, unternehmen dürfe, denn der sei doch, wie alle Herrscher, von Gott eingesetzt.
    Konsequent hat dieser wackere Gottesmann, als der Attentäter Georg Elser es gewagt hatte, den „Führer“ per Bombe zu beseitigen (und damit, wie bekannt, gescheitert war), die Kirchenglocken läuten lassen und Dankgebete zur „wunderbaren“ Errettung des „Führers“ abgehalten.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_von_Faulhaber

    Es ist ja auch viel bequemer brav (devot, unterwürfig, gehorsam) zu sein und sich den Mächtigen zu fügen, als ein Stein des Anstoßes zu sein. Widerstand zu leisten, kostet Kraft. Da ist es wesentlich einfacher, sein Gewissen zu belügen und geschehen zu lassen.

  • Der Partyschreck

    |

    Um was geht es in dieser öffentlichen Diskussion denn überhaupt?

    Geht es um das teils unsägliche Leid, das einigen Wenigen aus der Domspatzen-Gemeinschaft in der Vergangenheit widerfahren ist? Geht es um die notwendige Aufarbeitung dieser schrecklichen persönlichen Schicksale und geht es konkret um das gegenwärtige individuelle Wohl der Opfer?

    Meiner Meinung und der eines vernünftig denkenden Menschen (das beanspruche ich jetzt einfach mal für mich) nach sollten diese Punkte, und NUR diese Punkte Priorität haben!

    Weder sollte diese Aufarbeitung als Legitimationsgrundlage für eine gegenwärtige anti-kirchliche Haltung in der Gesellschaft fungieren, noch dem – meist aus haltloser persönlicher Abneigung resultierendem – Versuch dienen, bestimmte sowohl kirchliche als auch weltliche Würdenträger aus ihren Ämtern zu revoltieren. Am wenigsten sollte dieses Thema aber negativ-sensationslustigen und selbstdarstellerisch-investigativen Journalisten dazu dienen, die Reichweite ihres Mediums zu steigern!

    Benötigt denn ein unaufgeregter, rechtstechnisch sorgfältig aufarbeitender Jurist einen „Zwischenbericht“, in dem er anstatt konkreter Fakten – die ja nur Bezug zur Vergangenheit haben können – zu präsentieren, wage statistische Vermutungen aufstellt und so das mediale Bild dieser Einrichtung mit weitreichenden Folgen für die Zukunft nachhaltig schädigt? Die Intension des „Zwischenberichtes“ war laut RA Weber ja, „den Opfern einen Zwischenbericht zum Stand seiner Arbeit zu vermitteln“. Wenn man als mit der Aufklärung beauftragter RA mit den Opfern schon in direktem persönlichen Kontakt steht, muss man dann ebendiesen Gesprächspartnern solch eine undifferenzierte und aus Einzelfällen hochgerechnete Vermutung als „Vermittlung zum Stand der Arbeit“ über mediale Kanäle kommunizieren? (Ich ändere auf Facebook meinen Beziehungsstatus ja auch nicht mit der Intension, hier meine/n Partner/in zu informieren! Mir geht es rein um die Aufmerksamkeit, die ich durch diesen Post in der Freundesliste erziele!)

    Wenn man also das GEGENWÄRTIGE Wohl der Opfer – das vergangene kann leider nicht ungeschehen gemacht werden – im Blick hat, nützt es denn der Sache dann mehr, den direkten persönlichen Kontakt mit den „VON Leid betroffenen“ Individuen zu suchen oder den öffentlichen Diskurs mit der „ÜBER Leid betroffenen“ Gesellschaft zu führen?

    Hat denn „die Gesellschaft“ als solche wirklich ein berechtigtes Interesse an der öffentlichen Aufarbeitung der Geschehnisse, die den Schutz des Persönlichkeitsrechtes der Opfer (aber auch der Täter) übersteigt?

    Wichtig ist doch, dass die Opfer von den heutigen Verantwortlichen der Institutionen (die natürlich nicht für die damaligen individuellen Verfehlungen verantwortlich gemacht werden können) in jeder Hinsicht Hilfe und Unterstützung erhalten, sodass ihr auch heute noch vorhandenes Leid aufgearbeitet, seelisch verarbeitet und, so Gott will, gelindert werden kann!
    Domspatzen und Bistum leisten zu diesem Zweck seit Jahren erhebliche Beiträge und werden das auch in Zukunft weiter verstärkt tun. Ob das medial in die Öffentlichkeit getragen wird oder nicht, sollte doch in erster Linie in der Verantwortung der Opfer und der Vertreter von Bistum und Domspatzen stehen.

    Wichtig muss aber auch sein, zwischen Verfehlungen der Vergangenheit und dem heutigen status quo zu differenzieren! Die Domspatzen der heutigen Generation kennen solche Zustände nicht! Es gibt auch in keinster Weise die Veranlassung, durch die gesellschaftliche Aufarbeitung quasi als mahnende Instanz daran erinnert zu werden, dass diese damaligen Missstände nicht toleriert werden dürfen.
    Denn HEUTE (und das ist das Thema worum sich die Gesellschaft kümmern sollte) leben wir unter schützenden Gesetzen und Pädagogik, die solches Leid durch Prävention verhindern können und das auch weitestegehend tun!
    Es wird Verhalten bestraft, das – nicht nur minderjährige – Menschen körperlich und teilweise auch seelisch verletzt! Es wird Verhalten bestraft, das Minderjährige in ihrer sexuellen Selbstbestimmung verletzt!
    Unsere heutige Gesellschaft toleriert solches Verhalten in einem breiten Konsens nicht! Sind wir doch froh darüber!!

  • Angelika Oetken

    |

    „Denn HEUTE (und das ist das Thema worum sich die Gesellschaft kümmern sollte) leben wir unter schützenden Gesetzen und Pädagogik, die solches Leid durch Prävention verhindern können und das auch weitestegehend tun!“

    @Partyschreck,

    wer echte Vorsorge betreiben und Kinder vor Missbrauch schützen will, der muss zuerst mal genau eruieren, wie „Missbrauch“ überhaupt funktioniert. Und dazu sind Aufklärungs- und Aufarbeitungsprojekte bestens geeignet.

    „Domspatzen und Bistum leisten zu diesem Zweck seit Jahren erhebliche Beiträge und werden das auch in Zukunft weiter verstärkt tun.“

    Was haben die Domspatzeneinrichtung und das Bistum denn in den vergangenen Jahren konkret für ihre Opfer getan?

    MfG,
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  • Coffin Corner

    |

    @Angelika Oetken:

    Was die getan haben, ist ja in der ARD-Doku gezeigt worden:

    Dementiert
    Verzögert
    Pathologisiert
    Recherchiert
    Auskunft verweigert
    Serienbriefe geschrieben
    und auf die biologische Lösung gewartet.

  • Angelika Oetken

    |

    „Domspatzen und Bistum leisten zu diesem Zweck seit Jahren erhebliche Beiträge und werden das auch in Zukunft weiter verstärkt tun.“

    Die „erheblichen Beiträge“, die @Partyschreck in seinem Kommentar anführt, müssten sich doch als Ausgabe in Geschäftsberichten des Bistums und der Domspatzenstiftung wieder finden oder?

    An anderer Stelle hatte ich danach schon mal gefragt: wo finde ich die Geschäftsberichte der Domspatzenstiftung? Und schließe gleich weitere Fragen an: gibt es für die Diözese Regensburg Vergleichbares? Wer weiß eigentlich, wie viel Geld beide Einrichtungen in den vergangenen Jahrzehnten an Opfer ausgezahlt haben?

    Was passiert, wenn zum Beispiel ein Mitwisser/Zeuge sich an die Domspatzenstiftung bzw. das Bistum Regensburg wendet und einen Vertrag über das Stillschweigen in Bezug auf seine Beobachtungen und/oder die Veröffentlichungen von Dokumenten, Filmen, Photos und dergleichen schließen möchte?

  • Bluebeardy

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    Im November 2014 berichtete die sz unter „“Für unsere Seelen hätten wir uns etwas anderes erwartet“ , dass 158 500 Euro bislang an 30! Opfer sexueller Übergriffe ausbezahlt wurden.
    Hinzu kämen die 72x 2500 Euro an die Domspatzenopfer (Stand 25. Feb 2015)

    Diese Beträge (in ihrer Lächerlichkeit) dürften sich ja nun noch wesentlich erhöhen…

    Die Bistumsbilanzen werden wg. der Kontierungsmodalitätenänderung vlt. 2016 veröffentlicht, wie man im Frühjahr 2015 ankündigte.

  • Angelika Oetken

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    Rechtsanwalt Weber hat folgendes erklärt:
    „„Es zeichnet sich ab, dass rund 30 Prozent der Schüler in Etterzhausen bis 1992 von körperlicher Gewalt betroffen waren.“ http://www.regensburg-digital.de/bis-zu-700-gewaltopfer-bei-den-domspatzen/08012016/ Anmerkung: es wurden für den untersuchten Zeitraum 2100 Ehemalige gezählt.
    Das Bistum unterscheidet wohlweislich zwischen Opfern körperlicher Gewalt und solchen von sexuellem Missbrauch. In seiner am 8.1.2016 veröffentlichten Presseerklärung konstatiert Ulrich Weber: „Bezüglich der Opfer von sexuellem Missbrauch ist eine so konkrete Einschätzung bisher nicht möglich,
    weil über das Erfahrene untereinander größtenteils nicht kommuniziert wurde.“
    http://www.regensburg-digital.de/wp-content/uploads/2016/01/20160108_Statement_Pressegespr%C3%A4ch-1.pdf

    Opfer schätzen, dass ungefähr auf die Hälfte der Jungen, die Einrichtungen der Domspatzen besuchten, sexuelle oder sexualisierte Übergriffe erfolgten. Einige davon in Form von Peer-Gewalt (Gleichaltrige oder etwas Ältere als Täter). Aus unterschiedlichen Gründen neigen gerade männliche Opfer dazu, den erlebten Missbrauch herunterzuspielen oder sogar zu idealisieren. Das wird die Aufklärung entscheidend erschweren bzw. dazu beitragen, dass die Dimension und Systematik der sexuellen Ausbeutung und Gewalt, die in den Domspatzeneinrichtungen statt fand, gar nicht offiziell erfasst und veröffentlicht wird. Das dürfte ganz im Sinne der Verantwortlichen, also den Auftraggebern von Herrn Weber sein. Kurzum: man untersucht und stellt fest: „alles halb so schlimm. Ganz normale Prügel, ein paar Watschn. Jungen müssen das aushalten, schließlich sollen aus ihnen einmal richtige Männer werden. Bei den Missbrauchsopfern handelt es sich doch eh überwiegend um Schwule“.

    Aktuell wird die Arbeit von Ulrich Weber von einem Heimkindervertreter als beispielhaft dargestellt
    „Detlev Zander schlägt Ulrich Weber als neuen „Chefaufklärer“ in Korntal vor. Der Rechtsanwalt, der daheim in Regensburg mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle bei den Domspatzen für Furore sorgt, hat das Zeug für den Posten.“
    http://www.lkz.de/home_artikel,-Fiasko-mit-Ansage-Korntal-braucht-einen-glaubwuerdigen-Neubeginn-_arid,345922.html

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