Gastspiel am Theater war nicht erwünscht

Domspatzen-Stück im Ostentor-Kino

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„Schlafe mein Prinzchen“ heißt das Stück, mit dem Franz Wittenbrink am Berliner Ensemble Gewalt und Missbrauch bei den Domspatzen auf die Bühne brachte. Am Wochenende ist eine Aufzeichnung davon im Ostentor-Kino zu sehen.

Prinzchen

Am Stadttheater Regensburg hatte man kein Interesse. Auch an anderen Spielstätten in Bayern biss Franz Wittenbrink auf Granit. Doch jetzt wird „Schlafe mein Prinzchen“ dennoch in Regensburg gezeigt. Am Samstag (15 Uhr) und Sonntag (13 Uhr) läuft eine Aufzeichnung des beeindruckenden Stücks im Ostentor-Kino. Der ehemalige Domspatz Wittenbrink hat darin eigene Erfahrungen bei den Regensburger Domspatzen verarbeitet, thematisiert aber auch Gewalt und sexuellen Missbrauch an einer reformpädagogischen Einrichtung, wobei hier die Odenwaldschule als Vorbild gemeint sein dürfte.

Wittenbrink kam selbst Ende der 50er als Neunjähriger zu den Domspatzen, wo er bis zu seinem Abitur 1967 blieb. Er war auch einer der ersten, der Vorwürfe von Gewalt und sexuellem Missbrauch öffentlich machte. Bereits 2007 gab er dem Bayerischen Rundfunk ein ausführliches Interview – das breite mediale Interesse folgte erst mehr als zwei Jahre später. Wittenbrink selbst blieb von direkter sexueller Gewalt verschont und macht heute dafür seine Verwandtschaft zum früheren Ministerpräsidenten Alfons Goppel verantwortlich, dessen Neffe er ist.

Spannendes Publikumsgespräch

„Im Bistum Regensburg wurde von Anfang an alles getan, um die schrecklichen Geschehnisse kleinzureden und unter den Teppich zu kehren.“ Die ehemaligen Domspatzen Udo Kaiser, Georg Auer, Alexander Probst und Michael Sieber beim Katholikentag 2014 in Regensburg. Foto: Archiv/ as

„Im Bistum Regensburg wurde von Anfang an alles getan, um die schrecklichen Geschehnisse kleinzureden und unter den Teppich zu kehren.“ Die ehemaligen Domspatzen Udo Kaiser, Georg Auer, Alexander Probst und Michael Sieber beim Katholikentag 2014 in Regensburg. Foto: Archiv/ as

Spannend dürfte auch ein an die Vorstellung anschließendes Publikumsgespräch am Sonntag werden. Auf dem Podium treffen Udo Kaiser, Alexander Probst und Michael Sieber auf den Buchhändler Peter Hartung. Sieber, Probst und Kaiser haben sich seit Jahren trotz massiver Widerstände und beschämender Behandlung durch das Bistum Regensburg für Aufklärung und Aufarbeitung von Gewalt, Missbrauch und der anschließenden Vertuschung bei den Domspatzen eingesetzt. Hartung, der selbst ebenfalls bei den Domspatzen. In einem Interview hatte Hartung die aktuelle Berichterstattung zu den Missbrauchsfällen kritisiert und den früheren Chorleiter Georg Ratzinger in Schutz genommen.

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Kommentare (12)

  • Rudolph

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    Angst essen Seele auf
    Fakt ist, dass es in der Stadt Regensburg und im Regierungsbezirk Oberpfalz schon ein paar tausend Domspatzen gibt, daher ist es auch wahrscheinlich und es liegt nahe, dass dieses Thema eben nicht erwünscht ist.

  • aucheinehemaliger

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    Am 05.3. ist auch Tag der offenen Tür im Kaff. Bin gespannt, wo mehr Interessierte sein werden.

  • Angelika Oetken

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    „Überall wurden und werden Täter von Vorgesetzten geschützt, überall wurde und wird weggeschaut. Das gilt für Institutionen wie die UN, die US-Army oder die BBC, das gilt auch für die Kirche weltweit. Die Angst um den guten Ruf, die vielfachen Ebenen der Verbundenheit (persönlich, finanziell, institutionell) und das Nicht-Glauben-Wollen, dass jemand, den ich gut kenne und der gute Arbeit macht, Kinder missbrauchen könnte, finden sich durchweg.“
    http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Missbrauchs-Beauftragter-des-Papstes-Ueberall-wurden-die-Taeter-geschuetzt-;art1172,355513

    Wenn in einer Behörde, in einem Militärbataillon oder beim TV Kollegen erfahren, dass einer von ihnen wegen Kindesmissbrauchs verhaftet wurde und sagen: „Kaum zu glauben, eigentlich hat er ja immer zuverlässig gearbeitet und im Grunde ist er ein hilfsbereiter Kollege“ kann man das nachvollziehen. Wer gut darin ist, Dokumente zu verwalten, Straßensperren zu errichten und Sportsendungen zu produzieren, kann gleichzeitig ein übergriffiges A……. sein. Schließt sich nicht aus.

    Aber ich kann nicht nachvollziehen, wie kirchliche MitarbeiterInnen die Arbeit von Seelsorgern in Nachhinein noch als „gut“ bezeichnen können, nachdem sie davon erfahren haben, dass diese ihre Position dazu benutzten, um Kinder sexuell auszubeuten. Oder ist Priester in den Augen von Kirchenangehörigen ein Beruf wie jeder andere auch? Falls dem so ist, sollten wir doch ernsthaft darüber nachdenken, was Delegierte der Katholischen Kirche zum Beispiel in Rundfunkräten zu suchen haben. Denn eigentlich könnten dann ja auch die Gesangsvereine, der Verband der Floristen und die Bestattungsunternehmer dort Plätze beanspruchen. Oder?

  • Coffin Corner

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    Dem Satz des Hochwürdigen Herrn „Für Christen ist Jesus der Maßstab“ möchte man hinzufügen: Für Christen sicher, für die Kirche nicht, und für die Regensburger Kirche ganz sicher nicht.

    Der Mann möge mal die Bibel lesen, da gibt es unmissverständliche Aussagen, was für diejenigen das Beste wäre, die Kindern so etwas antun.
    Unerträgliches Geschwätz in einem für mich mittlerweile unerträglichen Käseblättchen.
    Man könnte zeitweise meinen, die Redaktion dieses Blättchens und die Pressestelle des Bistums Regensburg seien identisch.

  • Angelika Oetken

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    @Coffin Corner,

    für diese Perfidie, Negatives und Abwertendes sprachlich so zu verpacken, dass es wertschätzend und positiv wirkt sind die Jesuiten ja berüchtigt. Auch dafür, die üblichen Grundsätze der Logik und Moral in ihrem Sinne zu verdrehen. Der Jesuitenorden findet ja Gefallen daran, als „Schlaue Jungs“ bezeichnet zu werden. Es gibt aber auch Leute, die in ihm vor Allem eine eingeschworene Gruppe manipulierende Rabulistiker (=Worte-im-Munde-Umdreher) mit viel zu viel Einfluss sieht.

    VG
    Angelika Oetken

  • Angelika Oetken

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    „Und es gebe auch „Zeugnisse von Menschen, die einen Versöhnungsweg gehen konnten“, so der Bischof.“

    Hhhmmm, die nicht-jesuitischen Kollegen stehen ihren Brüdern im Hinblick auf Methoden, den katholischen „Chip“ in den Herzen der Betroffenen und Mitbetroffenen zu aktivieren in nichts nach. Das Zitat oben stammt von Bischof Ackermann, der sich auf einer zweitägigen Fachtagung, zu der er diese Woche Kollegen eingeladen hatte so äußerte http://www.domradio.de/themen/bischofskonferenz/2016-03-03/katholische-fachtagung-zu-spiritueller-hilfe-nach-missbrauch

    Auch dieses Interview mit ihm zu Themen wie dem Stand der Aufarbeitung, dem Dialog mit den Opfern und dem Film „Spotlight“ ist wieder mal sehr aufschlussreich
    http://www.domradio.de/themen/bischofskonferenz/2016-03-03/bischof-ackermann-ueber-die-aufarbeitung-des-missbrauchsskandals

    Apropos: „Dialog mit den Opfern“…. wer wirklich was lernen will, um nachhaltig Abläufe und Einstellungen zu verändern, der lädt Betroffene zu solchen Veranstaltungen ein. Und spricht nicht über sie, sondern mit ihnen. Abgesehen davon, bin ich sicher, dass auf der Veranstaltung trotzdem jede Menge Opfer waren. Nämlich ExpertInnen und FunktionärInnen, die sich aber nicht als solche zu erkennen zu geben wagen. Auch dieser Umstand lässt tief blicken.

  • Bluebeardy

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    Mich verwundert schon, dass in Müllers ehemaligen Bistum keine Reaktionen der Überlebenden kommen zu seinem KStA-Interview
    http://www.ksta.de/politik/interview-mit-kardinal-mueller-was-ist-im-islam-anders-als-im-christentum–23644526-seite3

    Da sind die Amerikaner mit 200 Kommentaren aber wesentlich aktiver (und aufgebrachter)
    http://ncronline.org/blogs/ncr-today/muller-spotlight-cover-most-priests-bitterly-wronged-abuse-generalizations

    Frühjahrsmüdigkeit – oder Resignation?

  • Coffin Corner

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    „Und es gebe auch „Zeugnisse von Menschen, die einen Versöhnungsweg gehen konnten“, so der Bischof.“

    Jetzt muss es dem Klerus ja nur noch gelingen, den Missbrauchsopfern klar zu machen, daß diejenigen, die diesen „Weg der Versöhnung“ nicht gehen können oder auch nicht gehen wollen, „Sünder“ mit allen dafür vorgesehenen Folgen sind:
    Hölle, Fegefeuer und ewige Verdammnis.
    Dann ist die katholische Welt doch endlich wieder in Ordnung.
    Die dazu benötigten Werkzeugkästen haben die Theologen ja. Man wired Ihnen „Unbussfertigkeit bis zum Tod“ vorwerfen, nach katholischem Verständnis eine schwere Sünde. https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCnde_wider_den_Heiligen_Geist

  • Angelika Oetken

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    @Coffin Corner,

    den „Weg der Versöhnung“, den die Kirchenfunktionäre propagieren, bedeutet übersetzt in die normale Sprache: „das Missbrauchsgeschehen als individuellen Schicksalsschlag ansehen. Nicht als institutionelles Versagen.“ Dies wird gleichgesetzt mit „Heilung“.
    Das Zitat der Theologin Karlijn Demasure, Gast auf Herrn Ackermanns Tagung ist in dem Zusammenhang aufschlussreich „Ich habe Leute gesehen, die gereift sind und weiter wachsen. Ich unterscheide zischen Opfern, Überlebenden und gereiften Menschen. So ein gereifter Mensch ist jemand, der die Geschichte des Missbrauchs integriert hat in seine Lebensgeschichte, und der den sexuellen Missbrauch nicht mehr als Referenz nimmt, um die Welt und seine Beziehungen zu anderen zu interpretieren. Und ich kenne viele solche Menschen.“

    Ich kann diese Haltung der Theologen und der kirchlichen Funktionsträger sogar ein Stück weit nachvollziehen. Die Religionsgemeinschaften sind voll von Menschen, die dort aus einer tiefgreifenden seelischen Bedürftigkeit heraus Halt, Sinn und Gemeinschaft suchen. Durch den Missbrauchtsunami wurden sie buchstäblich mit bisher verleugneten und verdrängten Realitäten überflutet. Nur die Wenigsten schaffen es in einer solchen Situation die notwendige sachlich-emotionale Klarheit aufzuwenden, die notwendig ist, um aus den plötzlichen Offenbarungen die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Das ist ganz ähnlich wie in Familien in denen missbraucht wird. Oft werden die Opfer direkt ausgegrenzt oder indirekt manipuliert. Weil sie die lebenden Beweise dafür sind, dass die Familie, das womöglich noch idealisierte Gefüge ein dysfunktionaler, destruktiver Tatort ist.
    VG
    Angelika Oetken

  • Coffin Corner

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    Da sollte sich jeder wünschen, missbraucht zu werden, sonst verpasst er diese Chance daran zu reifen und er muss ungereift sterben.

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