Züchtigung - Körperverletzung - Terrorsystem

„Terror in Regensburger Heimen“

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Vor 45 Jahren prangerten Regensburger Schüler öffentlich „Terror“ an. In der von ihnen im Jahre 1971 verteilten Broschüre „terror regensburger heimen“ kritisierten sie gewalttätige Übergriffe und autoritäre Strukturen, vor allem in kirchlichen Internaten. Die Verantwortlichen der Heime wiegelten damals ab. Ein geistlicher Direktor bestritt die Vorwürfe barsch und stieg wenige Monate später zum Direktor der Internate der Regensburger Domspatzen auf.

Rief die Polizei auf den Plan: die 1971 erschienen Broschüre "terror in regensburger heimen".

Rief die Polizei auf den Plan: die 1971 erschienen Broschüre „terror in regensburger heimen“.

Im Januar 2015 hat auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer von „Terrorsystem“ gegen Heimzöglinge gesprochen und dieses verurteilt. Mit dieser Bewertung leitete er einen überfälligen Kurswechsel im Umgang mit Gewaltopfern ein. Allerdings beschränkt sich seine Wahrnehmung auf die Einrichtungen der Regensburger Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen. Die Gewaltopfer und Täter anderer kirchlicher Einrichtungen scheinen für Voderholzer kein Thema zu sein. Die Anfrage unserer Redaktion blieb unbeantwortet. Ein aufschlussreicher Rückblick.

Schülerproteste gegen körperliche Züchtigung an Schulen und Internaten

Als Schüler zum Beginn des Schuljahrs 1971 die Broschüre „terror in regensburger heimen“ vor Regensburger Internatsschulen verteilten, griff die Polizei ein. Allerdings interessierte sich diese nicht für mutmaßliche Gewalttäter, sondern für die Verteiler der mit „Dokumentation“ betitelten Schrift. Vier der 25 Aktivisten aus dem „Aktionszentrum unabhängiger Schüler“ (AUS) wurden aufs Revier abgeführt und ihre Personalien festgestellt.

Die 36seitige Broschüre mit einer Auflage von 2.500 Stück beklagte „offenen Terror und totale Bespitzelung“, die Verletzung des Postgeheimnisse, Gruppen- und Prügelstrafen. Kritisiert wurde die Situation in neun Heimen. Nicht nur die bischöflichen Internate Niedermünster, Westmünster und Am Singrün, auch die kirchlich geprägten Studienseminare St. Emmeram, St. Fidelis und das Mädcheninternat der Englischen Fräulein wurden scharf beanstandet.

Die Autoren, hervorgegangen aus der Redaktion der verbotenen Schülerzeitung SKUNK des Albertus-Magnus-Gymnasiums, wollten ihre Kritik an den Missständen in die Öffentlichkeit tragen, damit „es den Direktoren und Erziehern nicht mehr möglich (ist), das Heim oder die Schule als von der Umwelt abgeschlossenes Feld ihrer Willkür zu betrachten.“

Abschließend fordern die Macher der Broschüre, herausgegeben von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), für die Zöglinge demokratische Grund- und Menschenrechte und weitreichende Konsequenzen: Alle, „die sich einer repressiven Erziehung schuldig gemacht haben, müssen ihren Posten entfernt und zur Verantwortung gezogen eingeführt werden“. Ebenso fordern sie die Einsetzung einer unabhängigen Kommission ohne „kirchenfreundliche Kräfte, die in Bayern mit Hauptträger der repressiven Heimerziehung sind“, um die „Zustände in bayerischen Heimen“ zu untersuchen. Letzteres ist bekanntlich nicht geschehen.

Die Zustände in den Regensburger Einrichtungen waren keine Ausnahme.

Schüler- und Lehrlingsbewegung kommt nach Regensburg

Das „Aktionszentrum unabhängiger Schüler“ (AUS) war keine Regensburger Besonderheit. Vielmehr Teil einer bundesweiten antiautoritären Schüler- und Lehrlingsbewegung, die sich nach einem entsprechenden Aufruf des Sozialistischen Studentenbunds (SDS) von 1967 auch in der Universitätsstadt Regensburg entwickelte. Die seinerzeit vorgetragene Heimkritik entzündete sich Ende der 1960er zunächst an gravierenden Missständen in der Unterbringung von minderjährigen Zöglingen in Fürsorgeheimen. An den Recherchen und der parallel laufenden Skandalisierung waren maßgeblich Ulrike Meinhof und Gudrun Enslin beteiligt, die wenige Jahre später zu den ersten Mitgliedern der RAF werden sollten.

Einige Fürsorgeheime wurden in der Folge geschlossen, viele Zöglinge flüchteten. Der SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski hat diese Zusammenhänge in seinem richtungweisenden Buch Schläge im Namen des Herrn aufgearbeitet.

Im Anschluss an diese landesweite Bewegung griffen Aktivisten in Regensburg die Situation in Schüler- und Lehrlingsheimen auf und organisierten Proteste dagegen. Auch die Staatsschutzabteilung der Kriminalpolizei wurde aktiv und überwachte den Treffpunkt des „Aktionszentrums unabhängiger Schüler“ (AUS), der im Altstadtgässchen Hinter der Grieb Nr. 5 lag. So erzählt es ein ehemaliger AUS-Aktivist der Redaktion von regensburg-digital.

Neben den erwähnten kirchlichen Schulinternaten wurden in der Regensburger Broschüre auch die Verhältnisse im katholischen Lehrlingsheim Don Bosco und in den Pindl-Internatsschulen kritisch angesprochen. Die Zustände in den Regensburger Fürsorgeheimen wurden allerdings nicht aufgegriffen, ebenso wenig die in den Domspatzeninternaten. Letzteres war zwar geplant, kam aber nicht mehr zustande.

Auffällig ist, dass das Thema sexuelle Übergriffe generell unerwähnt blieb. Dies ist deshalb bemerkenswert, da etwa die Berichte über die Verurteilung des Domspatzendirektors Friedrich Zeitler wegen sexuellen Missbrauchs nur elf Jahre und die von Georg Zimmermann gerade einmal zwei Jahre zurück lag. Allerdings scheuten die damaligen Zeitungsberichte davor zurück, die ehemalige Arbeitsstelle der Täter, das „Domspatzen-Internat“, zu nennen.

Eine substantielle öffentliche Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in kirchlichen oder schulischen Einrichtungen existierte um 1970 schlicht überhaupt nicht, auch nicht im SDS oder bei den unabhängigen Schülern. Es ging ihnen um sexuelle Befreiung.

„Kein Lehrer darf dich schlagen“

In einem weiteren ebenfalls von AUS-Aktivisten verteilten Flugblatt werden darüber hinaus die Prügelstrafen der Lehrkräfte an der städtischen Pestalozzi Hauptschule klar verurteilt: „Kein Lehrer, auch nicht der Schulleiter, darf einen Schüler prügeln oder anders körperlich strafen!“. Dieses vierseitige, mit einem Comic und der Jahreszahl „1971“ illustrierte Flugblatt nennt sogar acht prügelnde Lehrkräfte beim Namen. Auch Beispiele: „Herr Bräu (hat) während der Pause im Pausenhof einen Schüler ins Gesicht und zu Boden geschlagen“.

Neben der Prügelstrafe werden im Flugblatt zugleich beleidigende Beschimpfungen beklagt oder die freie Klassensprecherwahl gefordert. Der Tenor: „Wißt ihr, was für Rechte ihr habt?? Wißt ihr, daß manche Lehrer an Euer Schule gegen Eure gesetzlichen Rechte verstoßen??“ Als Beleg dafür, dass die Prügelstrafe „wirklich verboten ist“, zitieren des Autoren des Flugblatts die aktuelle bayerische Schulordnung für Volksschulen: „körperliche Strafen … sind nicht gestattet.“ Im damals angesagten Ton werden die Hauptschüler aufgefordert zusammenzuhalten, ihre Rechte einzufordern und „Ungerechtigkeiten“ an das Aktionszentrum unabhängiger Schüler zu melden.

Kurioserweise blieben Lehrer, die trotz des Verbots prügelten, zum Teil noch viele Jahre vor staatlichen Gerichten ungestraft. Höchstrichterliche Urteile gestanden ihnen nämlich im Zweifelsfall aufgrund eines angeblich ausgeübten Gewohnheitsrechts Straffreiheit zu. Etwa falls die Prügel maßvoll, angemessen und anlassbezogen waren, wie z.B. die berüchtigte Ohrfeige, wenn sie keine Merkmale oder gesundheitliche Schäden hinterließ.

Die rechtliche Situation im föderalen Deutschland war lange umstritten.

Züchtigung und Körperverletzung

Dazu, wie die Frage der Züchtigung durch Lehrkräfte auf Bundesebene verhandelt wurde, gibt eine Drucksache des Deutschen Bundestages von März 1975 Auskunft. Auf Anfrage von Mitgliedern der Fraktionen der FDP und SPD verurteilte die sozial-liberale Bundesregierung „die körperliche Züchtigung von Schülern durch Lehrer“. Diese stelle „nach heutigen pädagogischen und psychologischen Erkenntnissen kein geeignetes Erziehungsmittel“ dar.

Zur Problematik der Zuständigkeit der Länder heißt es in der Drucksache weiter: Die Bundesregierung begrüße „die in den einzelnen Ländern getroffenen Maßnahmen, die schon eine weitgehende Verbannung von Züchtigungsmaßnahmen an Schulen bewirkt haben.“ Die rechtliche Situation in den Ländern müsse jedoch in diesem Sinne noch vereinheitlicht werden, ein „Verbot von Züchtigungsmaßnahmen durch Gesetz“ auf Länderebene könne die unbefriedigende Anwendung des Gewohnheitsrechts am besten aufheben. Auch die Grenzen der Straffreiheit nach Gewohnheitsrecht wurden angesprochen. „Übergriffe gegenüber älteren Schülern“ oder „Handlungen, die in keinem Verhältnis zum Anlaß der Züchtigung stehen, die gesundheitsschädigend oder quälerisch sind oder die das Anstands- und Sittlichkeitsgefühl verletzen“, seien durch kein Gewohnheitsrecht zu entschuldigen.

In diesen Fällen ging die Rechtsprechung von Körperverletzung aus. Diese war laut Strafgesetzbuch immer schon verboten, sei es in Familie, Schule, Internat oder Chorgruppe. Diesen gravierenden Unterschied gilt es im Auge zu behalten.

„Körperliche Züchtigung ist nicht zulässig“

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Schilderung der Rechtslage aus bayerischer Sicht, die die zuständigen Ministerien seinerzeit für die Bundesregierung zusammengefasst hat. Demnach seien an bayerischen Gymnasien „die körperliche Züchtigung seit dem Jahr 1903 unzulässig“, an Realschulen seit ihrer Gründung und an Volkschulen durch die Landesschulordnung vom 1. August 1970. In der „Allgemeinen Schulordnung“ von Oktober 1973 sei dies nochmals für alle Schularten bekräftigt worden: „insbesondere körperliche Strafen, … sind nicht zulässig.“

Eine Ächtung der Züchtigung durch Gesetz, wie von der Bundesregierung angeregt, verzögerte man in Bayern. Erst im Jahre 1983 sorgte auch Bayern, als eines der letzten Bundesländer, mit einem gesetzlichen Verbot der Züchtigung für die bundesweite Vereinheitlichung. Das Bayerische Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) von 1983 führte zu rechtlicher Klarheit und ermöglichte eine gerichtliche Ahndung. Darin heiß es: „Körperliche Züchtigung ist nicht zulässig.“

Ein über Jahrhunderte angewandter zentraler Bestandteil der christlichen Erziehung wurde somit vom Gesetzgeber verboten. Den langen steinigen Weg dahin hat der emeritierte Erlanger Pädagogikprofessor Max Liedtke in seiner Studie über den Windsbacher Knabenchor von 2011 nachgezeichnet.

Christliche Erziehung heißt Ausrotten und Ertöten

In der christlichen Geschichte dominierte Liedtke zufolge fast zwei Jahrtausende lang „der Traditionsstrang, in dem die körperliche Züchtigung der Kinder religiös legitimiert, wenn nicht sogar empfohlen wurde bzw. wird.“ Neben dem christlichen Gebot der Nächstenliebe sei die kirchliche geprägte Schul- und Erziehungsgeschichte durch alle Epochen hindurch gekennzeichnet „von Strafandrohung, von körperlicher Züchtigung und Angst.“.

In einem von Liedtke ausgeführten Beispiel wird die Notwendigkeit der körperlichen Züchtigung damit begründet, dass der Mensch von Natur aus nicht gut und unverdorben sei. Erziehen heiße: „Ausrotten, Ertöten, nämlich des Herzens böse Lust und an ihrer Statt eine neue heilige Kraft in demselben schaffen, einen neuen gewissen Geist ihm mitteilen, der nicht anders kann als gute Früchte bringen“. Liedtke untersuchte mit Windsbach zwar einen evangelisch-lutherischen Chor, sieht aber im katholischen Bereich die gleichen Traditionen walten. Traditionen, die – „aus heutiger Sicht – eine verhängnisvolle Rolle gespielt“ haben.

Von Verordnungen zum gesetzlichen Verbot

Hob das Züchtigungsverbot wieder auf: Alois Hundhammer Foto: Bundesarchiv

Hob das 1946 erlassene Züchtigungsverbot ein Jahr später wieder auf: Alois Hundhammer Foto: Bundesarchiv

Die staatlichen Versuche, die Züchtigung von Schülern durch Lehrer in Bayern zu unterbinden, reichen weit zurück. Den ersten Anlauf datiert Liedtke auf eine Schulverordnung von 1815, als die Verwaltung des damaligen Königreichs Bayern aufgebaut und unter französischem Einfluss modernisiert wurde. Dieser „leuchtende Markstein in der bayerischen Schulgeschichte“ habe sich aber nicht durchsetzen können. Das Verbot sei „gewohnheitsrechtlich“ unterlaufen, von christlichen Kirchen bekämpft und später (1857 unter dem als Förderer von Wissenschaft und Kunst geltenden König Max II.) wieder aufgehoben worden.

Weitere Versuche, die Prügelstrafe gesetzlich zu verbieten, gab es nach der Niederschlagung des NS-Regimes. Als Signal „eines humanen Neubeginns von Erziehung und Schule“ habe der bayerische Kulturminister Franz Fendt (SPD) 1946 „alle Formen der körperlichen Züchtigung“ in Schulen verboten. Dies stieß auf Widerstand in Politik, Eltern- und Lehrerschaft. Fendts Nachfolger Alois Hundhammer, der fundamental-klerikale Monarchist der CSU, hob das Verbot schon ein Jahr später nach einer Elternbefragung (mit über 60 Prozent Zustimmung) wieder auf. Immer wieder beschäftigte sich der bayerische Landtag mit der Problematik. Die christlich-sozial dominierte Staatsregierung und der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband sperrten sich bis 1983 gegen ein gesetzliches Züchtigungsverbot.

Georg Ratzinger gab in einem Interview von 2010 mit seinem Schüler Karl Birkenseer an, aus Frust, aber mit schlechtem Gewissen, seine leistungsverweigernden Zöglinge geschlagen und sich später an ebendieses Verbot „striktissime“ gehalten zu haben. Folgt man dem Domkapellmeister a. D. hierbei, müsste er im Grunde ein Erzbefürworter des Züchtigungsverbots gewesen sein. Er sei nämlich froh und innerlich erleichtert gewesen, „als 1980 [sic!] körperliche Züchtigungen vom Gesetzgeber ganz verboten wurden.“ Das Verbot durch die allgemeine Schulordnung von 1973 schien ihm zu lax oder nicht ausreichend gewesen zu sein.

Doch wie war die rechtliche Situation in Privatschulen und Internaten, wo (sich) Ratzinger bis zur Verabschiedung des Gesetzes mit einem schlechten Gewissen schlagen musste?

Internatsschulen ein rechtsfreier Raum?

Auf Anfrage erklärte das Bayerische Kultusministerium, das Bayerische Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen gelte nur „für die öffentlichen Schulen in Bayern, nicht jedoch für Privatschulen“. Letztere stünden zwar unter der staatlichen Schulaufsicht, etwa hinsichtlich der „Fragen der Unterrichtsinhalte oder der Benotung“ und „der persönlichen Eignung einer Lehrkraft“. Es bestehe jedoch keine Dienstaufsicht. Disziplinarmaßnahmen seien grundsätzlich dem Dienstherrn nach dessen eventuellen speziellen Arbeitsrecht vorbehalten. Details regle ein möglicherweise vorhandener privatrechtlicher Schulvertrag zwischen Eltern und Internat. Ging es um körperliche Strafen, gab es also einen gewissen Graubereich, den das Internatspersonal je nach „Erziehungsstil“ interpretieren konnte.

Anders beim Tatbestand der Körperverletzung: „Soweit an privaten Schulen ein hinreichender Verdacht gegen eine Lehrkraft etwa auf Körperverletzung bekannt wird, hat die staatliche Schulaufsicht tätig zu werden.“ Die Möglichkeiten reichen von Entfernung aus der Schule bis zu „Widerruf der Unterrichtsgenehmigung der betreffenden Lehrkraft“, heißt es aus dem Kultusministerium.

Wurde das Bayerische Kultusministerium, das lange Zeit in diversen Kuratorien der Stiftungen der Regensburger Domspatzen vertreten war, als gymnasiale Aufsichtsbehörde jemals tätig? Auf Anfrage erklärte Pressesprecher Henning Gießen, in den vergangenen fünf Jahren seien „beim bayerischen Kultusministerium zum Musikgymnasium der Domspatzen keine Hinweise auf Misshandlungen durch Lehrkräfte eingegangen“. Das Kultusministerium sei „bei seiner Ausübung der Schulaufsicht im Bereich der privaten Schulen bezüglich von Gewalthandlungen durch Lehrkräfte auf konkrete Hinweise durch Betroffene, Lehrkräfte, Schulleitung oder Strafermittler angewiesen.“

Ob die zahlreichen auch von der Diözese als Körperverletzung bewerteten Übergriffe in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen jemals bei der zuständigen Schulaufsicht der Regierung der Oberpfalz gemeldet worden waren, und diese daraufhin tätig wurde, ist derzeit noch unklar.

Nach diesem verbotsgeschichtlichen Exkurs zurück zu der „Terror-Broschüre“ und ihren Folgen.

Schüler laufen aus Angst vor Direktor Kolbeck davon

Inhalt TERRORDie AUS-Broschüre von 1971 hebt unter den Heimleitern Franz Kolbeck, der als Direktor für „offenen Terror und totale Bespitzelung“ am Bischöflichen Studienseminars Am Singrün verantwortlich gewesen sein soll, besonders hervor. Sogar 17jährige hätten damit rechnen können, von ihm „höchstpersönlich ‚abgefotzt‘ zu werden“. Wenn die kleinen Schüler, „die bis aufs Blut unterdrückt werden“, den „Chef sehen, laufen sie aus Angst davon“, weiß die Broschüre.

Kolbeck zwinge die Schüler dreimal wöchentlich in die Frühmesse, zusätzlich in die nachmittägliche Andacht und zum Ministrieren. Der CSU-Anhänger Kolbeck habe Tagebücher seiner Zöglinge heimlich gelesen, Briefe unterschlagen, Levis-Hosen gewaltsam weggenommen und kürze seiner Ansicht nach zu lange Haare „gewaltsam mit der Schere“. Er bestimme, „was rechtens ist“. Haben die Autoren der AUS übertrieben?

Im Zuge dieser Recherche bestätigte der ehemalige Zögling Hubert W. die gegen Kolbeck erhobenen Anschuldigungen. Mitte der 1960er habe Kolbeck, der zu jener Zeit etwa 40jährige geistliche Direktor des Knabenseminars, ihn, den damals etwa 14jährigen Schüler, im Speisesaal so ins Gesicht geschlagen, dass er zu Boden gegangen sei, so W. gegenüber unserer Redaktion. Der vermeintliche Anlass: Am Esstisch im Seminar wurde gesprochen. Kolbeck traf jedoch den Falschen. Gesprochen wurde nämlich nebenan. Zweifelsohne stand dieses die Gesundheit sicher nicht fördernde Vorgehen des Direktors auch nach damaligen Maßstäben in keinem Verhältnis zum Anlass und verletzte, so vorhanden, in der Regel das „Anstands- und Sittlichkeitsgefühl“.

Kolbeck: „Ach wo ich schlage nicht!“

Wie reagierten die Verantwortlichen? Während die Schulleiterin der Mädchenrealschule Niedermünster angesichts der Verteilung der „Terror“-Broschüre umgehend die Polizei rief, bestritten andere Direktoren die Vorwürfe oder wiegelten ab. Bischof Rudolf Graber äußerte sich nicht öffentlich, übte aber im Hintergrund Druck gegen die Macher der Broschüre aus. Zeitungsleute stürzten sich auf das Thema, sogar der BILD-Reporter aus der Landeshauptstadt reiste an und berichtete. Die Mittelbayerische Zeitung zog es offenbar vor, die Angelegenheit zu ignorieren.

Am Bespiel Franz Kolbeck lässt sich exemplarisch zeigen, wie sich ein von Schülern angeprangerter Erzieher mit Hilfe einer unkritischen Berichterstattung aus der Affäre zog. Im katholisch-konservativen TAGESANZEIGER vom 21.September 1971 sprach Kolbeck von einem „Machwerk“ mit Halbwahrheiten, das journalistisch gut aufgezogen sei. Der Redakteur, der damals einundzwanzigjährige Theologiestudent Christian Feldmann (der vor kurzem entschuldigend meinte, Georg Ratzinger sei wohl nicht der Schutzpatron des Prügelpädagogen Meier gewesen) widersprach nicht, stellte keine eigenen Nachforschungen an und überließ Kolbeck das letzte Wort über die Autoren der Broschüre: „Ich halte diese Leute für nicht kompetent“.

In der Zeitschrift DIE WOCHE dementierte Kolbeck die Prügelvorwürfe: „Ach wo, ich schlage nicht.“ Vielleicht einmal im Jahr, auf der Tagesordnung stehe dies nicht. Er glaube „einen Erziehungsstil zu haben, der einer Gemeinschaft mit einem bestimmten Ziel angepasst ist.“

Welcher Stil und welches Ziel? Der Artikel in DIE WOCHE hinterfragt Kolbecks Angaben nicht, ebenso wenig lässt er betroffene Schüler zu Wort kommen. Dass man sich im Jahre 1971 als Internatsdirektor mit Prügelstrafen nicht brüsten konnte, war freilich auch Kolbeck bewusst. Deshalb die Chiffren „Erziehungsstil“, „Gemeinschaft“ und „Ziel“.

„Abgfotzt und übern Haufen gschlagn“

Wenige Monate nach dem Erscheinen der „Terror“-Broschüre stieg Franz Kolbeck auf und wurde zum Direktor der Domspatzen-Internate berufen, wo er bis 1975 blieb. Dort hatte er mit über 300 Zöglingen etwa die dreifache Anzahl unter sich als Am Singrün. Im Dominternat ging es seinerzeit „drunter und drüber“, der Fortbestand der Einrichtung war existenziell gefährdet, wie eine ehemalige Führungskraft vor kurzem der Redaktion von regensburg-digital schilderte. Der serielle Missbrauchstäter Sturmius Wagner trieb sein Unwesen und heute will niemand etwas mitbekommen haben.

Wie verhielt sich Kolbeck im Dominternat, blieb er nach 1972 seinem „Erziehungsstil“ treu? Zwei ehemalige Internatsschüler bestätigten unabhängig voneinander, dass Kolbeck bei den „Domspatzen“ ebenso brutal und aus nichtigem Anlass zuschlug. Eines Nachmittags etwa habe der Priester Kolbeck den Schüler S. aus heiterem Himmel mit mehreren Schlägen „abgfotzt und übern Haufen gschlagn“, weil dieser angeblich Tage vorher despektierlich über die im Dominternat dienenden Hausmädchen gesprochen habe.

Auch in diesem Fall traf Kolbeck wohl den Falschen. Wie der mittlerweile bald 60jährige ehemalige Domschüler M. unserer Redaktion mit bedauerndem Unterton berichtet, habe nämlich er gesprochen und nicht sein geschlagener Mitschüler. Obwohl Kolbeck nicht zu den schlimmsten Schlägern gehört habe, schien er die Züchtigung der Schüler genossen, aber nie infrage gestellt zu haben.

Diffamierung der Züchtigungsgegner

Kolbeck war in auch in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Die Verharmlosung der Züchtigung und die Diffamierung ihrer Gegner reichen bis in die heutige Zeit. Der letzte Direktor des Bischöflichen Studienseminars Westmünster Christian Vieracker etwa mokiert sich in seiner Arbeit von 1999 über die Geschichte des Seminars über die „Terror“-Broschüre.

Die von außen herangetragenen „Anfeindungen“ seien zum Teil von ehemaligen Schülern geschürt worden. Statt sich mit der Kritik an Westmünster auseinanderzusetzen, stellt Vieracker, selber ein Westmünsterer, die Autoren in die Terroristenecke: „Wes Geistes Kind dieses Produkt war“, erkenne man an der Wortwahl und an der Literaturliste, die „unter anderem eine Buchempfehlung für eine Veröffentlichung Marie-Ulrike Meinhofs und des Sozialistischen Büros Offenbach“ beinhalte.

Wie alle anderen Bischöflichen Seminare wurde auch das Westmünsterseminar nach einem in den 1980ern beginnenden rapiden Rückgang der Schülerzahlen geschlossen. Nach dem Veto des diözesanen Kirchsteuerausschusses wurde der Betrieb 1999 aufgrund des zu hohen Defizits eingestellt. Um die Opfer von Züchtigung und Körperverletzung am Westmünsterseminar scherte sich bislang kein Kirchenoberer etwas. Vieracker wechselte 2001 zu den Domspatzen, wo er heute stellvertretender Internatsdirektor und Leiter der Unterstufe ist. Als Aufklärer von körperlichen und sexuellen Übergriffen hat er sich auch dort bisher keinen Namen gemacht.

Verstoß gegen christliche Pädagogik?

Wird Voderholzer auch die Aufklärung über die Dospatzen hinaus angehen? Foto: Archiv/ Staudinger

Wird Voderholzer auch die Aufklärung über die Dospatzen hinaus angehen? Foto: Archiv/ Staudinger

Kurz bevor das Knabenseminar Westmünster geschlossen wurde, feierte das Gymnasium der Domspatzen 50jähriges Bestehen. In der damaligen Festschrift von 1998 blickte Georg Ratzinger auf das Werk des 1992 verstorbenen Gewalttäters und Direktor der Domspatzenvorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen Johann Meier zurück. Ratzinger würdigte dessen Leistung und bedauerte, dass Meiers „Erziehungsstil in der modernen Zeit nicht mehr verstanden wurde.“ Ratzinger irrlichterte an dieser Stelle. Es ging nicht um „Verstehen“. Meiers Praxis war längst schon verboten, als er noch viele Jahrgänge von Dritt- und Viertklässlern demütigte und körperverletzend abstrafte. Meier und Ratzinger konnten sich allerdings im Einklang mit einer jahrhundertealten christlichen Erziehungstradition sehen, die auf Züchtigung und Körperverletzung baute.

Diese langjährige Praxis in kirchlichen Einrichtungen verstieß also nicht gegen „alle Grundsätze einer christlichen Pädagogik“, wie der von der Diözese beauftragte Rechtsanwalt Dr. Andreas Scheulen in seiner rechtlichen Würdigung der Vorfälle als Körperverletzung von Februar 2015 meint.

Wie ernst es Bischof Vorderholzer mit seiner generellen Bewertung von Züchtigung als Körperverletzung gemeint hat, wird sich an der Anerkennungspraxis der Diözese gegenüber den „Gewaltopfern“ erst noch zeigen müssen. Am Umgang mit jenen, die im „Terrorsystem“ litten und sich derzeit bei Sonderermittler Ulrich Weber melden wollen und auch können.

Voderholzer ist jedoch nicht nur dafür verantwortlich, dass die Übergriffe in den Häusern der Domspatzen aufgeklärt werden, sondern in allen kirchlichen Einrichtungen seiner Diözese. Ein fehlendes „Anstands- und Sittlichkeitsgefühl“ hat die einstigen Übergriffe zumindest geduldet und vertuscht, ein entwickeltes müsste die Aufklärung aller Übergriffe gebieten.

Die „Terror“-Broschüre hat hierfür wertvolle Vorarbeit geleistet.

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Kommentare (41)

  • Florian Sendtner

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    1975 kam ich als Zehnjähriger in das Studienseminar St. Emmeram, und ich kann das, was ich jetzt in der Broschüre „terror in regensburger heimen“ von 1971 über dieses Internat lese, nur bestätigen: ausgesprochen sorgfältig recherchiert! Was man auch über den Artikel von Robert Werner sagen muß: endlich eine Geschichte der Züchtigung in der Pädagogik, die die Zusammenhänge erklärt. Der BLLV war natürlich bis zum bitteren Ende gegen ein Verbot der Züchtigung (und heute macht er ganz selbstverständlich auf superliberal) – dieser Wurmfortsatz der CSU hätte sich allein wegen dieser unendlich peinlichen „Leistung“ längst selbst auflösen müssen. Kein Mensch braucht den BLLV, außer natürlich die CSU.

  • Angelika Oetken

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    Wir kommen der Sache immer näher…. Danke für die gute Darstellung Herr Werner.

    Auch wenn es friedliebenden, psychisch gesunden Menschen vermutlich schwer fallen wird, sich das vorzustellen, aber: ein sadistischer Gewalttäter foltert bzw. tötet in seinem Opfer symbolisch das Kind bzw. den emotional bedürftigen Menschen in sich selbst. Er gibt den Hass, der ihm, als er selbst bedürftig war, entgegengebracht wurde weiter. Harmonie, Beziehung, echte Nähe oder gar Liebe machen diesen Typen Angst. Deshalb suchen solche Leute auch einen Ersatz im Religiösen bzw. Ideologischen. Da wird das Reale abstrahiert. Die „Liebe zu Gott“ soll den beschädigten Kontakt zu Anderen ersetzen und das Ohnmachtsgefühl kompensieren. Eine Kultur des Hasses.

    Abgesehen davon gibt es wohl nichts Feigeres, als einen Menschen, der Schwächere quält.

  • aucheinehemaliger

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    Warum nur wundert es mich nicht, dass es woanders genauso zuging, wie im Kaff?

  • Gast1

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    Ich war am Rande mit dabei im AUS hier. An ein Thema „sexueller Missbrauch“ kann ich mich nicht erinnern. Das lag zumindest für mich als ungefähr 15-jähriger außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich habe das in meinem Umkreis nicht wahrnehmen können. Es wird meiner Meinung nach ein Schweigekartell der Täter, Opfer und Mitwisser gegeben haben, das damals nur seltenst durchbrochen wurde.

  • Grips

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    Meinen Respekt für Ihre profunde Recherche . Wobei meine Frau gerade meinte: Warum hat er nicht 2 Artikel daraus gemacht, dann hätte ich es bis zum Ende gelesen…
    @Oetken : Sehr trefflich formuliert. Nach meiner eigenen Erfahrung werden die Kinder von gewalttätigen Elternteilen erst mal innerlich selber Gewalttäter, weil es für das Kind eine Überlebensfrage ist, sich mit dem Gewalttäter zu identifizieren, und ihn nicht in Frage zu stellen. Sie rechtfertigen das dann, „die Schläge haben mir nicht geschadet, und schau, was für ein Mensch aus mir geworden ist !“. Ein Teil der Gewaltopfer arbeitet das in der Pubertät einigermassen auf, der andere Teil tritt in die Fusstapfen seiner gewalttätigen Eltern. Vielleicht unter gläubigen Katholiken mehr als anderswo, denn dort müsste mensch sich zusätzlich auch von Gott-Vater emanzipieren, der ja hinter dem gewalttätigen Elternteil steht – glaubt er.
    Mir fällt da der ehem. Papst Ratzinger ein, der sagte, er habe , er habe einen „strengen Vater“ gehabt. Armer Mensch , dachte ich mir damals…

  • Fixundfertig

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    Ich stelle mir die Frage, was bringt mir die Reaktivierung eines 45 Jahre alten Artikels einer (Schüler-)Zeitung neues?
    Meine Erkenntnis ist, diesen Tenor kennt man bereits von unzähligen einschl. Artikeln und vor allem damals waren die Jugendlichen politischer als heute, aber das wusste ich auch bereits.
    Wie wärs mal mit einem Bericht wie schaut’s heute aus?

  • menschenskind

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    Danke für den interessanten Beitrag.

    Es gibt wohl nichts Unchristlicheres (im Sinne von Pervertierung des christlichen Gedankens der Nächstenliebe) als unser bayerisch-katholisches Christentum.
    Man sollte es ersatzlos abschaffen, vor allem aber möglichst rasch eine völlige Trennung von Kirche und Staat einleiten!

    Warum nur klappt bei uns das nicht, was für andere, sogar mehrheitlich katholische, Länder, völlig normal ist?

  • Ronald McDonald

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    @ Robert Werner

    „Am Beispiel Franz Kolbeck läßt sich exemplarisch zeigen, wie sich ein … angeprangerter Erzieher mit Hilfe einer unkritischen Berichterstattung aus der Affäre zog … im katholisch-konservativen TAGESANZEIGER vom 21.09.1971 sprach Kolbeck von einem ‚Machwerk‘ mit Halbwahrheiten, das journalistisch gut aufgezogen sei. Der Redakteur, der damals 21jährige Theologiestudent Christian Feldmann … widersprach nicht, stellte keine eigenen Nachforschungen an und überließ Kolbeck das letzte Wort …“.

    Hier handelt es sich doch wohl um den heutzutage berühmten diplomtheologischen Großschriftsteller Christian Feldmann, die Regensburger Posaune „reform“-katholischer X- und anderer Beliebigkeiten.
    „Mehr als 40, in 16 Sprachen übersetzte Bücher. Christian Feldmann ‚… hat Maßstäbe in der historischen Rekonstruktion und kritischen Bewertung gesetzt‘, bescheinigt ihm das aufmüpfige Christenblatt PUBLIK-FORUM“ (Rowohlt Verlag, Autorenbeschreibung).

    Haben Sie mit dieser PUBLIK-FORUM-applaudierten Regensburger freischriftstellerischen Geistesgröße über deren erstaunliche Metamorphose vom „nicht widersprechenden, keine eigenen Nachforschungen anstellenden und Kolbeck das letzte Wort überlassenden TAGESANZEIGER-Redakteur“ zum „historischen Rekonstruktor und kritischen Bewerter“ gesprochen?
    Bitte Aufklärung.

  • Angelika Oetken

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    „Ausrotten, Ertöten, nämlich des Herzens böse Lust und an ihrer Statt eine neue heilige Kraft in demselben schaffen, einen neuen gewissen Geist ihm mitteilen, der nicht anders kann als gute Früchte bringen“.

    Heutzutage würde sich so jemand vermutlich einer Sadomaso-Gruppe anschließen. Die es leider auch für Erwachsene gibt, die Freude daran finden, gemeinschaftlich Kinder zu quälen. Sadistische Praktiken im Zusammenhang mit kultischen Handlungen innerhalb der Religionsausübung haben eine sehr lange Tradition https://de.wikipedia.org/wiki/BDSM#Psychologische_Einordnung Möglicherweise handelt es sich also bei diesem Phänomen, der Idealisierung eines gewalttätigen Umgangs mit Kindern um einen uralten Kult, der innerhalb der Katholischen Kirche überdauert hat.

    Auch das sollte im Hinblick auf die Entstehung und den Zweck der von Priestern und Nonnen geleiteten Folterlager, in denen in Regensburg, aber auch an vielen anderen Orten auf der Welt Kinder und Jugendliche systematisch gequält wurden, von unabhängiger Stelle wissenschaftlich untersucht werden. Immerhin gehört die Katholische Kirche nicht nur in Deutschland zu den großen Playern bei den Trägern von sozialen, medizinischen und pädagogischen Einrichtungen.

    Aber auch ganz allgemein, unabhängig von sexuellen Praktiken, die in unserer Gesellschaft als abartig, pervers oder unnormal eingestuft werden, gibt es was neurophysiologische Reaktionen angeht, starke Zusammenhänge zwischen dem Zufügen und Erleiden von Schmerzen und sexueller Erregung. In allen drei Fällen wird ein spezifischer Neurotransmittercocktail ausgeschüttet, zu dem körpereigene Opiate und Stoffe gehören, die aktivieren bzw. dämpfen und für Wohlbefinden oder schnellere Genesung von den zugefügten Schmerzen und Schäden sorgen sollen. Diese Reaktionen helfen uns, die entsprechenden Aktivitäten überhaupt durchführen zu können bzw. möglichst unbeschadet oder überhaupt lebend zu überstehen. Österreichische Wissenschaftler mutmaßen sogar, dass dies die neurobiologische Ursache des so genannten „Stockholm-Syndroms“ ist. Was wir insbesondere bei Folteropfern und Kindern, die Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind häufig finden und das die Betroffenen als sehr beschämend und belastend empfinden.

  • Angelika Oetken

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    „Obwohl Kolbeck nicht zu den schlimmsten Schlägern gehört habe, schien er die Züchtigung der Schüler genossen, aber nie infrage gestellt zu haben.“

    Was ist denn dann mit Franz Kolbeck weiter gegangen?

  • Angelika Oetken

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    „Das lag zumindest für mich als ungefähr 15-jähriger außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich habe das in meinem Umkreis nicht wahrnehmen können.“

    @Gast1,

    so ging es mir mit 15 Jahren auch. Und das, obwohl ich selbst über Missbrauchserfahrungen verfügte. Wir blenden manche Dinge aus, weil sie uns in unseren Grundüberzeugungen irritieren oder wichtige Phasen im Leben beeinträchtigen würden. Darunter die Berufsausbildung, den Aufbau von Freundschaften, die Partnerwahl, die Familiengründung.

    Anders ausgedrückt, entschuldigen Sie bitte den Pathos: wer sich mit den Missbrauchsrealitäten wirklich auseinandersetzt, ohne dabei kundige Begleitung zu haben, läuft Gefahr Glauben, Liebe und Hoffnung zu verlieren.

    Wie die kollektive und die tatortspezifische Tabuisierung und Vertuschung genau funktionieren und welchen Zwecken sie eigentlich dienen, halte ich für zentrale Fragen.

    Was das Durchführungs- und Vertuschungssystem der über das Bistum Regensburg eingerichteten Internate, Schulen, Seminare und Heime angeht, finde ich diesen Bericht sehr interessant http://m.srf.ch/sendungen/kontext/sexuelle-gewalt-an-kindern-im-grossen-system

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  • hutzelwutzel

    |

    Besten Dank Herr Werner! Wieder einmal sehr aufschlußreich, und es zeigt wieder, dass hier noch so viele Dinge zu klären sind, dass man wirklich ein „Leben nach dem Tod“ benötigen könnte.
    _________________________
    „Mit dieser Bewertung leitete er einen überfälligen Kurswechsel im Umgang mit Gewaltopfern ein.
    Allerdings beschränkt sich seine Wahrnehmung auf die Einrichtungen der Regensburger Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen. Die Gewaltopfer und Täter anderer kirchlicher Einrichtungen scheinen für Voderholzer kein Thema zu sein. Die Anfrage unserer Redaktion blieb unbeantwortet. Ein aufschlussreicher Rückblick.“
    ———–
    Ja, im Umgang mit Gewaltopfern durchaus, aber keineswegs im Umgang mit Opfern gerade auch sexuellen Mißbrauchs außerhalb der Domspatzen-Einrichtungen.
    Immer dieselbe Leier: Nur so viel zugeben was die Öffentlichkeit bereits weiß. Dabei im Hintergrund weiter das Ziel verfolgen, wieder die völlige Herrschaft über die Politik zurückzugewinnen und mindestens in einer Region/ einem Bundesland hochherrschaftlich regieren.

    Bei solchem Verhalten wundert es dann – trotz aller Mißbilligung solcher Dinge – nicht, wenn hier z. B. China zum Schutz deren Machtverhältnisse rigoros vorgeht, und z. B. ein Kirchengebäude auch dann abbricht, wenn sich eine Frau Protest weise darin verschanzt hatte um dies zu verhindern: http://kath.net/news/55000

    Kath. Diözesen wollen sogar in Deutschland Personen ob der Verfehlungen von Geistlichen und sonstigem eigenen Personal leiden lassen, aber ein ganzer Staat wie China soll einen Präzendenzfall zugunsten einer aktiv auf deren Staatsgebiet missionierenden, traditionell dort gar nicht vorhandenen Weltanschauungsgemeinschaft sogar innerhalb einer Demokratie derart radikal handelnder Art zulassen?

    Da verkennt man irgendwie in den kath. Gehirnen die Realität, und vergißt die weltweite Erreichbarkeit von Informationen, welche z. B. spezielle Abteilungen der Geheimdienste – als sog. „OSINT – OpenSourceInTelligence bezeichnet – abzugreifen pflegen.
    Hatte die KK auch mal so ähnlich, bis das Internet kam. ;-)

  • hutzelwutzel

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    Ergänzung:

    „(…) wie alle von unabhängigen soziale Bewegungen seien ihm dabei im Weg, sagt Fu.“
    [http://kath.net/news/55000]

    Muß ich nun doch noch mal was ergänzen, denn die KK gebärdet sich seit über 20 Jahren auch in Deutschland nicht mehr (nur) als „unabhängige soziale Bewegung“, sondern als aktiv. und blickt man auf von Bischöfen nur zeitweise gerügte erzkatholische Portale, TV-Sendungen usf., radikal missionierende Kirche.

    Mit solchen Berichten, die höchstwahrscheinlich unsere westlichen lau gewordenen Katholiken ermutigen sollen:
    http://religion.orf.at/stories/2767830 „China – Interesse am Katholizismus erwacht!“
    macht man sich mit Sicherheit auch keine Freunde!

  • Angelika Oetken

    |

    „Kurswechsel“?

    In dem Artikel „Wer Opfer ist bestimmen immer noch wir“ ist von einer „Wende“ die Rede, die dem bischöflichen Ordinariat von außen, durch öffentliche Empörung aufgezwungen worden sei
    http://www.regensburg-digital.de/gewalt-und-missbrauch-wer-opfer-ist-bestimmen-immer-noch-wir/04022016/

    Was da von Seiten der Verantwortlichen gewendet oder gewechselt worden ist, wird sich nur in Rückschau zeigen. Ich vermute, lediglich die Strategie im Umgang mit den systemischen Verbrechen. Wo man(n) sich vorher bockig zeigte, wird jetzt „Aufklärung“ simuliert.

  • Angelika Oetken

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    „Wie wärs mal mit einem Bericht wie schaut’s heute aus?“

    @Fixundfertig,

    ja, das wäre eine gute Sache. Da es aber um Schüler geht und es sich bei deren Eltern mehrheitlich um Menschen handeln wird, denen daran liegt, dass ihr Kind in kein schlechtes Licht gerückt oder ausgegrenzt wird, könnte die notwendige Recherche schwierig werden. Hier und da erscheint mal etwas in sozialen Netzwerken und auf Blogs, so am 27.5.2015 bei „netMoms“, wo eine Person als „MandyWinter“ folgende Frage einstellte: „Hallo wir haben unseren Sohn bei den Regensburger Domspatzen angemeldet. Die Schule bietet neben der schulischen Ausbildung auch den Chor an, der auch weltweite Konzertreisen ermöglicht. Habt ihr Erfahrungen damit oder Tipps.“

    Es entspann sich eine aufschlussreiche Debatte. Unter Anderem berichtete eine Mutter, auf welche Weise ihr Sohn von Mitschülern drangsaliert wurde, als er das Internat besuchte. Die Debatte entwickelte sich über drei Tage, in deren Verlauf es „MandyWinter“ nicht durchgängig genug gelang, Worte und Rechtschreibfehler so zu wählen, dass man ihr die Rolle der „Prollfrau“ auch wirklich abnehmen konnte. Offenbar begann das Ganze „MandyWinter“ über den Kopf zu wachsen, denn der Faden wurde kurz danach gesperrt. Soviel zur „Exzellenz“ der Domspatzengemeinde.

    Ein Mitstreiter und ich haben selbstverständlich Screenshots angelegt. Wie in ähnlichen Fällen auch.

  • Angelika Oetken

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    „Muß ich nun doch noch mal was ergänzen, denn die KK gebärdet sich seit über 20 Jahren auch in Deutschland nicht mehr (nur) als „unabhängige soziale Bewegung“, sondern als aktiv. und blickt man auf von Bischöfen nur zeitweise gerügte erzkatholische Portale, TV-Sendungen usf., radikal missionierende Kirche.“

    @hutzelwutzel,

    schon gesehen?
    http://www.br.de/nachrichten/kauder-seehofer-islam-moscheen-kontrolle-100.html

    VG
    Angelika Oetken

  • menschenskind

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    @Angelika Oetken

    Danke für Ihren ganz außergewöhnlichen und erfreulich engagierten Einsatz auf dieser Plattform!
    Ich wünschte mir auch von unseren bayerischen Landsleuten mehr von diesem Geist des Widerstands gegen überkommene „Systeme“ und jene anerkennenswerte Bereitschaft traditionelle Strukturen in Frage zu stellen.

  • Haimo

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    Hierzu ein Hinweis auf die Abschlußrede von Oberstudiendirektor J. Höfler :
    Im Jahrgangsbericht 1967-68 _ Seite 71 – 76 _ Schuljahres-Schluß- feier , sind Gedanken zu aktuellen Schul – und Schülerproblemen “ , wiedergegeben . Darin ist von , ich zitiere :
    “ Anwendung von unwürdigen Strafen “ und einer Beschreibung derjenigen die Rede .
    Wie auch die ganze Rede vor Schülern , Eltern ua. deutlich macht , wie bekannt das Problem damals war , obwohl Ratzinger ja angeblich keinen Schimmer davon hatte .
    Ein paar Schüler , die damals aufmuckten mussten das auch bei den Domspatzen büßen . Sie verließen das Kaff während des Schuljahres . Der Staat schaute damals zu und lies die RKK gewähren , heute pumpt er sie mit Steuermitteln voll .

  • hutzelwutzel

    |

    @Redaktion/ Herr Werner:

    „Der letzte Direktor des Bischöflichen Studienseminars Westmünster Christian Vieracker etwa mokiert sich in seiner Arbeit von 1999 über die Geschichte des Seminars über die „Terror“-Broschüre.“
    ————–
    Hat der für diese Aussagen und Vergleiche mit der RAF vielleicht auch noch irgendeine akademische Würdigung erhalten? Da schlägt es einem ja wirklich die Zacken aus der (nicht vorhandenen) Krone!

  • R. Werner

    |

    Als Nachtrag folgen biografische Daten, die aus der offiziellen Mitteilung des Ordinariats stammen:

    „Herr BGR Pfarrer i.R. Franz Xaver Kolbeck
    geb. am 01.11.1926
    geweiht am 29.06.1952
    ist am 28.04.2007
    in Regensburg (Altenheim)
    verstorben.
    Requiem mit Beerdigung
    am 02.05.2007, 15.00 Uhr
    in Hohenwarth …

    Wirkungsorte des Verstorbenen:
    Schönsee, Studienseminar am Singrün Regensburg, Regensburger Domspatzen,
    Regensburg-Herz Marien
    gez. Generalvikar Michael Fuchs“

  • Herbert Turetschek

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    „Den langen steinigen Weg dahin hat der emeritierte Erlanger Pädagogikprofessor Max Liedtke in seiner Studie über den Windsbacher Knabenchor von 2011 nachgezeichnet.“
    Als kleine Ergänzung: Der Coautor des Buches ist Horant Schulz, ein ehemaliger Domspatz (ich habe das Buch gerade vor mir liegen).
    Aber jetzt zu meinem Anliegen:
    Liebes Regensburg Digital hilf mir! Ich habe da ein Problem: Ich mag diese Menschen, die da „Lügenpresse“ schreien überhaupt nicht und in meinen Augen verbreiten sie nur Hass und Zwietracht unter den Menschen (darin sind wir uns, lieber Robert Werner, absolut einig). So, aber wie ist es bei der Berichterstattung über den sexuellen Missbrauch? Funktioniert die ausgewogene (!) Berichterstattung bei sexuellem Missbrauch? Ich glaube nein (ich weiß, das ist jetzt für sie sehr provokant). Was musste ich bisher in den Medien lesen? Ich wäre ein Rabauke, damals in Etterzhausen gewesen, so wie die anderen Jungs, wären wir angeblich Quertreiber gewesen. Das Gegenteil war bei uns der Fall. Weiter lese ich in den Medien über mich: „Er wollte unbedingt Domspatz werden!“ Konnte ich das wirklich? Konnte ich wirklich etwas wollen? Es ist schlicht übertrieben (und Max Liedke schildert die Vorzüge der Chöre und das ist ja in der Überschrift schon ersichtlich: „Last, Glück, Lebenschance“), denn wir waren brav damals, wir funktionierten wie ein Uhrwerk, auf Knopfdruck sozusagen. Was will ich sagen: Machen wir unsere Kinder stark (nicht wie damals geschehen und das Argument, viele hätten dadurch ein Lebenschance bekommen ist m. E. schlichtweg falsch), geben wir ihnen Erziehung und Ausbildung und lassen wir sie zu Schule gehen (ermöglichen wir ein lebenslanges Lernen, womöglich). Was meinen Sie?

  • Angelika Oetken

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    „So, aber wie ist es bei der Berichterstattung über den sexuellen Missbrauch? Funktioniert die ausgewogene (!) Berichterstattung bei sexuellem Missbrauch? Ich glaube nein (ich weiß, das ist jetzt für sie sehr provokant)“

    @Herbert Turetschek,

    aus meiner Sicht: zu mindestens ist die Medienberichterstattung zum Thema sachlicher und mutiger geworden. Ich führe das auf den Effekt des „Missbrauchstunami“ 2010 zurück, als mit Unterstützung durch Presseleute Betroffene öffentlich auftraten, die das gängige Opferklischee konterkarierten. Weil sie männlich, gebildet, eloquent und unverkennbar Angehörige der Mittel- und Oberschicht waren. Noch dazu handelte es sich bei den Rührigsten unter ihnen um Absolventen von Einrichtungen, die bis dahin als „elitär“ wahrgenommen worden waren. Darunter die Odenwaldschule, jesuitische Einrichtungen und eben auch die Domspatzenschulen.

    Und ohne die konsequente Unterstützung durch die Medien wäre niemals eine breite Debatte in Gang gekommen, wie wir sie seit dem 28.1.2010 führen. Dem Tag, als die Berliner Morgenpost als erste Zeitung über die Missbrauchsfälle am Canisiuskolleg berichtete.

    Abgesehen davon, sollten wir uns auch klar machen, dass Medienleute mit ihrer Arbeit Geld verdienen müssen und auch nur Menschen sind. Das Missbrauchsthema betrifft unsere Sexualität. Einen sehr intimen Bereich, der für die Meisten zwar grundsätzlich positiv, aber auch mit sehr vielen verletzenden und durchaus traumatisierenden Erfahrungen verknüpft ist. Wenn man als Medienmensch dann noch live mitbekommt, wie unser Kollektiv mit seinen Opfern umspringt, braucht man eine besondere innere Stabilität, um konsequent am Thema dran bleiben zu können.

    VG
    Angelika Oetken

  • aucheinehemaliger

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    Kinder stark zu machen ist das Eine, sie zu schützen das Andere. Und deshalb ist es so wichtig, die Verbrechen der Vergangenheit aufzudecken und aufzuarbeiten und Institutionen, die sich vor ihrer Verantwortung drücken immer wieder mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren. Und das bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

  • Angelika Oetken

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    Die Terroristen, die in den Regensburger Heimen und Internaten Kinder quälten, taten das unter dem Vorsatz, diese dadurch zu beschädigen und gefügig zu machen. „Starke Kinder“ in dem Sinne, wie sie heutzutage von vielen Seiten gewünscht werden, wollte man nicht. Sondern allenfalls Apparatschicks heranziehen. Die Methoden, die in den Domspatzeneinrichtungen und in vielen anderen Institutionen angewandt wurden und leider zum Teil bis heute (Stichwort „Haasenburg“) in Gebrauch sind, zielen ganz klar darauf ab, die Identität von Kindern und Jugendlichen zu brechen, die Gruppe zu spalten, bzw. tragfähige Dynamiken zu verhindern und einen Teil der Schüler zu isolieren und so besser ausbeuten und misshandeln zu können. „Kinder-KZs“ ist deshalb nicht übertrieben. In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten wurden solche Methoden verwandt, um in erster Linie Erwachsene zu quälen und zu demütigen, denn Kinder wurden ja meistens sofort grausam getötet. Bekannt ist das „Kapo-System“ http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/k/kapo.htm, welches auch in vielen Kinderfolterlagern weltweit eingesetzt wird. Ähnlich wie in den Vorschulen der Domspatzen, in Etterzhausen, in den Jugendwerkhöfen der DDR und in abgewandelter Form auch an der Odenwaldschule. Die TäterInnen die an diesen Einrichtungen ihr Unwesen trieben, gehörten mehrheitlich dem Typus an, der grobe Gewalt, Erpressung und die Verabreichung von Betäubungsmitteln und Alkohol nutzte, um seine Opfer leichter missbrauchen zu können.

    Die Mehrzahl der TäterInnen insgesamt verwendet aber eher die als „Grooming“ bekannten Strategien, um die Kinder kontinuierlich und eher verdeckt in eine ausweglose Situation zu bringen. Diesen Soziopathen gehen auch die meisten Erwachsenen auf den Leim, da sie manipulativ, heimtückisch, verschlagen sind. Dieser Tätertypus ist im Zeichentrickfilm „Mowgli“ perfekt durch die Schlange „Kaa“ verkörpert, die es auch schafft, Mowglis großen Freund Bagheera zu hypnotisieren https://www.youtube.com/watch?v=koUAZL8RUFU
    Im Film kann Mowgli sich und den schwarzen Panther retten. Aber nicht umsonst bilden Märchen nur einen Teil der Wirklichkeit ab.

    Ich stehe dem „Kinder-Stärken“-Ansatz deshalb sehr skeptisch gegenüber. Genauso wie die Mehrzahl meiner MitstreiterInnen, die Opfer und Mitbetroffene ganz verschiedender Tatorte sind. Hier habe ich meine Bedenken in einem Kommentar erläutert
    http://www.lokalkompass.de/essen-steele/leute/wenn-schueler-lernen-nein-zu-sagen-mein-koerper-gehoert-mir-an-der-josefschule-in-horst-d651866.html

    Was mir wirklich sehr zusagt, ist die Kampagne, die der Unabhängige Beauftragte für Fragen des Sexuellen Kindesmissbrauchs, des UBSKM, „Kein Raum für Missbrauch“ https://www.kein-raum-fuer-missbrauch.de/ Vielleicht kennt jemand die Spots, die vor drei Jahren im Fernsehen und teils auch im Kino liefen. Hier ein Beispiel http://www.bing.com/videos/search?q=kein+raum+f%C3%BCr+missbrauch%2c+youtube&qpvt=kein+raum+f%C3%BCr+missbrauch%2c+youtube&view=detail&mid=47DC5AB3154DCB31D69247DC5AB3154DCB31D692&rvsmid=47C2F0F92DF8E5A1955347C2F0F92DF8E5A19553&fsscr=0&FORM=VDMCNR

  • maleosta

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    Wie können diese bekannten Missstände für die Zukunft beendet werden?
    Wer muss wie laut fordern, dass der Staat das GG Art. 7 I u. IV ausreichend ernst nimmt? Wann wird er die Schulaufsicht über private Schulen übernehmen, statt die Zuständigkeit dafür an „Dritte oder privaten Körperschaften“ zu delegieren? Wann wird er belegen können, dass seine Genehmigungsverfahren, Privatschulgesetze und Entscheidungen zur Privatschulfinanzierung (Schulgeld, staatliche Finanzhilfen,..) verfassungskonform sind, und die Mehrheit der Schüler nicht benachteiligen? Oder will er sich gar von seiner „verdammten Pflicht“ entlasten und sogar noch mehr der privaten „Standes- und Plutokratenschulen“, die – zwar vom Steuerzahler gut finanziert – dafür ohne ausreichende Schulaufsicht schalten und walten können, wie es ihnen gefällt?Und das auch noch erschreckend oft, zu Lasten der eigenen Schüler!

    Quellen:
    *Artikel 30.1.2014: http://www.juraforum.de/recht-gesetz/egmr-staat-muss-auch-privatschulen-bei-sexuellem-missbrauch-wirksam-kontrollieren-467220# , zum Urteil des EGMR Straßburg v. 28.1.2013 (Urteil Az. 35810/09 in deutscher Übersetzung hier: http://www.kinderrechte-blog.byme-magazin.de/resources/O-Keffee+Deutsch+neu.pdf #### ).

    *31.8.2015: BZ: „ … kaum verbriefte Rechte, …. Nebeneffekt: Eltern, die Kritik üben, können besser diszipliniert werden.“ http://www.berliner-zeitung.de/berlin/evangelische-grundschule-friedrichshain-berlinerin-fliegt-grundlos-von-der-schule-22572706 .
    Fehlende Kritik hat noch nie bedeutet, dass es weder Tat, Täter und Opfer gab.

    *12.3.2015: Unterschiedliche Staatszuschüsse für Schulen. http://hpd.de/artikel/11399 .

    *Zum GG Art. 7 IV 3: Urteil FG Köln, 14.2.2008, 10 K 7404/01 Rn. 47: „… Privatschulen zeigen, dass die Bundesländer das Verbot … nicht ernst nehmen.“ https://openjur.de/u/124190.html ,

    Und es wird ggf. nicht nur viel zu viel Schulgeld verlangt, .. ohne dass ernsthafte Konsequenzen drohen:

    15.2.2016: http://www.welt.de/regionales/nrw/article152258787/Privatschule-kassierte-trotz-Schulgeld-Zuschuesse.html?config=print . Das Betrugsverfahren wegen 4 Millionen zu viel verlangter Gelder wurde eingestellt: „Hauptgrund … erhebliche Mitschuld der Bezirksregierung …“.

    16.9.2009: http://www.welt.de/welt_print/vermischtes/hamburg/article4545602/Zu-viel-Schulgeld-Behoerde-mahnt-13-Privatschulen-ab.html „…Missstand ist seit Langem bekannt …“

    „..verdammte Pflicht“ Rn. 79 „..Standes- u. Plutokratenschulen …“ Rn. 91 in Urteil BVerfGE 75, 40 v. 8.4.87. http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv075040.html .

    19/1632 Drs. Antwort v. 23.2.2015 Große Anfrage, http://starweb.hessen.de/cache/DRS/19/2/01632.pdf
    Hat nicht deutlich mehr Wettbewerbsvorteile, wem viel mehr Geld zur Verfügung steht? Berechtigt?

  • Mathilde Vietze

    |

    Das ganz große Problem war damals doch die falsch verstandene Autoritätsgläubigkeit der
    Eltern. „Der Herr Pfarrer (bzw. der Herr Direktor) tut doch „so etwas“ nicht!“ Da wurden
    Bedrängnisse, denen Kinder ausgesetzt waren, als „kindliche Phantasie“ abgetan, was den
    Missetätern einen Freibrief gab.
    Ich, Jahrgang 1940 wurde von einer Lehrerin jeden Tag georfeigt, weil ich rote Haare habe.
    „Deine Eltern haben gesündigt, zur Strafe hat ihnen Gott ein rothaariges Kind geschenkt“.
    Meine Mutter ging daraufhin sofort zum Schulrat und die „Super-Pädagogin“ wurde un-
    verzüglich strafversetzt. Sie kam in eine Schule, wo die Hundsbuben sie so ärgerten, daß
    sie um vorzeitige Versetzung in den Ruhestand eingab.

  • Ronald McDonald

    |

    @ Mathilde Vietze 10.05.2016, 18:09h

    Und, wie ging’s weiter in der Moritat, wurde der Eingabe „um vorzeitige Versetzung in den Ruhestand“ stattgegeben?

  • far-fetched

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    -von einer Lehrerin jeden Tag georfeigt, weil ich rote Haare habe-
    Mir scheint, das ist völlig an den Haaren herbeigezogen?

  • aucheinehemaliger

    |

    @far-fetched
    rote Haare, Locken, lange Haare bei Jungen und kurze bei Mädchen, abstehende Ohren, Schielen, Brille, Zahnspange, dick, dünn, unsportlich, unmusikalisch, hochbegabt, minderbegabt, ängstlich, “wild“, reiche Eltern, arme Eltern, gar keine Eltern, unehelich, Mischling, Bauernkind, Akademikerkind, “Preiss“, …….Lehrer fanden immer einen Grund, um Kinder zu drangsalieren. Sie hatten fast immer Narrenfreiheit und konnten sich austoben, an wem und wie sie wollten. Und nicht selten waren die schlimmsten dieser Psychopathen Pfarrer und/oder Religionslehrer.

  • Angelika Oetken

    |

    @far-fetched,

    ich bestätige das, was @aucheinehemaliger anführt mit etwas, das mein Vater, Jahrgang 1939 mir erzählt hat. Sein Volksschullehrer drangsalierte die gesamte Klasse, vollkommen willkürlich und wahllos, wenn der „Magenkrämpfe“ hatte. Was auch immer sich dahinter verbarg. Mein Vater mutmaßte, dass dieser kriegstraumatisierte Mann von unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen heimgesucht wurde und sich an den ihm ausgelieferten SchülerInnen abreagierte. Heute würde man so jemanden hier behandeln https://www.angriff-auf-die-seele.de/cms/informationen/aktuelles/275-bundeswehr-richtet-neues-trauma-zentrum-ein-.html Bevor man ihn auf Kinder los lässt.

    VG
    Angelika Oetken

  • Herbert Turetschek

    |

    Das habe ich geschrieben und ich stelle es hiermit zur Diskussion:
    „Schon weil es sich bei den Knaben allesamt um Minderjährige handelte ist es nicht statthaft, sie für die Beteiligung am sexuellen Missbrauch mitverantwortlich zu machen (die älteren Jungen wurden in die Rituale und Sexorgien miteinbezogen). Trotzdem ist es verständlich, dass keiner der Betroffenen gerne an die Gewaltexzesse erinnert wird und es ist schon ein besonders perfides System, die Kinder mit den sexuellen Vergewaltigungen zu belasten, weil sie Angst hatten, selbst später schlecht angesehen zu werden (ein damaliges Gericht sprach die Kinder und Jugendlichen von der „sexuellen Unzucht“ frei mit der Begründung: Sie hätten nicht willentlich Geschlechtsverkehr mit den Erwachsenen – was ja auch noch nach dem Homosexuellenparagraphen strafbar war – getrieben!).
    Es gibt viele Fragen, die zu stellen sind: Wieviele der Opfer haben später Selbstmord begangen oder sich durch autoaggressives Verhalten das Leben genommen? Wieviele blicken auf ein völlig verpfuschtes Leben zurück? Sicherlich wird man beim genauen Hinschauen diejenigen entdecken, die bis heute noch nicht bemerkt haben, weil verdrängt, dass sie im Internat oder in der Vorschule missbraucht worden waren, aber bisher, selbst durch jahrelange Therapie, noch nicht Kenntnis davon erlangten (bei mir hat es auch mehrere Jahre gedauert).
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Schließung von Einrichtungen, die seriös versucht haben ihr Bestes zu geben und durch die Medien erfahren mussten, dass in der Jugendhilfe, in Reformpädagogischen Schulen und in Internaten Tohuwabohu herrschte und sie als Kinderdorfvater, Erzieher oder Leiter einer Einrichtung plötzlich nicht mehr gut angesehen waren?
    Der Chor der Regensburger Domspatzen hat sicher das Leben einzelner Sänger verbessert, aber auf Kosten derer, die daran zu Grunde gingen. Viele Chorleiter, sogar die, die wegen „Unzucht mit Minderjährigen“ verurteilt wurden, wurden später mit Orden und Medaillen geehrt – denkt denn wirklich keiner an die Opfer?
    Ist schon nachgefragt worden?
    Mich als Sozialpädagogen interessiert diese Frage natürlich am allermeisten. Nur durch eine lückenlose Aufklärung sind Fälle von sexuellem Missbrauch zu vermeiden. Normalerweise hätte die Kirche hergehen müssen, in ihren Akten forschen sollen und die Betroffenen aus den 50er- und 60er-Jahren das vorigen Jahrhunderts anschreiben müssen, um sie zu den Vorfällen zu befragen. Nichts dergleichen geschah, sondern die Kirche verließ sich alleine darauf, dass sich die Missbrauchten von selbst melden. Und dann geschieht einfach nichts und ich warte schon fünf Wochen auf eine Antwort (Stand: April 2013), nachdem ich mich schweren Herzens durchgerungen habe, die ganzen schlimmen Szenen noch einmal vor meinem geistigen Auge auferstehen zu lassen!
    Es grenzt schon an ein Wunder, dass ich nicht an dem Trauma, das ich erlebt habe, zugrunde ging und die Kirche tut nichts dafür, dass die Sache schlüssig geklärt wird. Es wurde viel gesprochen, so auch, dass jeder der sich meldet auch ernstgenommen wird, dass jedem Fall nachgegangen wird und dann liest man im Internet „die hotline ist beendet“ oder „schuldig: nur der Täter“ (hoher Anspruch) und in den Medien wird das genaue Gegenteil verbreitet, nämlich: „Es haben sich immer weniger Missbrauchsopfer gemeldet“ und „es müsse die Kirche vor einer Verfolgungskampagne geschützt werden“(!) – auch hier wieder: Denkt keiner an die Opfer?
    Ich bin in doppelter Weise betroffen: Wie viele andere Missbrauchsopfer wollte ich andere Betroffene schützen und fördern und kümmerte mich als Kinderdorfvater um sechs Pflegekinder, die selbst schlimmen sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. Gerade als die Sache mit den Reformpädagogen und Gerold Becker aufkam (auch hier ein Fehler der Medien: Denn die Betroffenen haben sich selbst gemeldet und nicht wie immer wieder behauptet wird, Priester brachten die Diskussion um den Missbrauch ins Rollen), wollte ich meine Kinderdorffamilie in Lauf bei Nürnberg etablieren und stieß immer wieder auf Widerstand, weil die Nachbarn, Lehrer und Behörden misstrauisch geworden waren, gerade, weil ich in meiner Familie meinen Zweitberuf als Kunstmaler den Kindern vermittelte und ich als „potentieller Kinderschinder“, der die Buben und Mädchen zu Höchstleistungen anstachelt, in Verdacht geriet (nichts davon war der Fall, denn die Kinder malten alle freiwillig und keiner musste sich an den gemeinsamen Ausstellung beteiligen!).
    Auch hier wurde nie geklärt, welche Vorwürfe gegen mich erhoben wurden (erinnert an Kafka und „Der Prozess“) Aber so ist es nun eben mal: In Missbrauchsfällen werden die Opfer oft zu Tätern gemacht und umgekehrt. Menschen, die sich ernsthaft bemühen, gute Sozialarbeit zu leisten, werden in Verruf gebracht, um sich die gut funktionierende Einrichtung unter den Nagel reißen zu können.
    Das neue Vorhaben der Kirche
    Der Windsbacher Knabenchor bedauert die sexuellen Missbrauchsvorfälle zutiefst, entschuldigt sich dafür und bittet um Vergebung (SpiegelOnline 26.3.2010). Warum tut das die katholische Kirche nicht? Ein Papst Benedikt, der sich zwar bei seinen irischen Gläubigen für den sexuellen Missbrauch entschuldigt, seine deutschen „Schäfchen“ aber im Regen stehen lässt? Anstatt zu fragen, wie den Opfern zu helfen ist, wird gefragt, wie sich die pädagogische Arbeit in Regensburg und Etterzhausen optimieren ließe. Was bringt es den Missbrauchsopfern, wenn die Kirche die Kosten für die Verhaltenstherapie übernimmt, eine Paartherapie bezahlt, weil natürlich auch die Beziehungen unter den Traumata leiden oder eine Entschädigung zahlt, denn da kümmern wir uns doch lieber um unsere Domspatzengemeinde – so das Denken der Kirche.
    Interpretationen
    Entweder die Kirche möchte den Skandal aussitzen, antwortet deshalb nicht mehr auf meinen Antrag auf Entschädigung und möchte mich zuzusagen am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Oder die Bischöfe glauben wirklich, dass nur durch eine Fremdbestimmung, also in dem Fall durch Priester, Präfekten und Erzieher, eine Erziehung zum Christen möglich ist und folgerichtig die sexuelle Selbstbestimmung für Domspatzenzöglinge ebenso eine nicht erstrebenswerte Sache ist, wie die Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentwicklung überhaupt.
    Im Rückblick betrachtet mag es sein, dass zu meiner Kindheit es immer noch gängige Meinung war, dass wir das „Eigentum“ unserer Eltern waren (wenn das viele, auch meine Eltern, auch damals schon anders sahen), und entsprechend waren wir auch der „Besitz“ oder das „Kapital“ der Kirche, aber das in der heutigen Zeit anwenden zu wollen, das ist schlichtweg eine Methode des Mittelalters und gehört nicht mehr in eine moderne Gesellschaft.
    Sicherlich ist mein Titel (Terror, Horror, Missbrauch) provokativ gewählt und trifft nicht auf alle Chöre in diesem Land zu, aber zu behaupten, das alles hätte es nicht gegeben, ist schlichtweg eine Lüge und zu schreiben, die Übeltäter wären allesamt „Hilfskräfte“, „Angestellte“ und „Laien“ gewesen, ist eine maßlose Untertreibung! Die verurteilten Priester hatten Handlanger, die alle straffrei ausgingen und heute in Glück und Zufriedenheit ihren Lebensabend genießen, während wir Opfer bis ans Ende unserer Tage leiden müssen.
    Varianten des Vorgehens
    Nicht alle reagieren gleich. Während die Nürnberger Nachrichten veröffentlichen, das Problem sei nun erledigt und auf meine Anfragen keine Antwort mehr geben, geht die Mittelbayerische Zeitung weiter auf Betroffene ein (damals, jetzt leider auch nicht mehr) und sie laden sie zum Interview. Setzt man vielleicht doch auch auf eine „biologische“ Lösung, denn man weiß ja, die verbliebenen Opfer sind durch die Folgen des Missbrauchs geschwächt und haben eh keine hohe Lebenserwartung? Wenn sich der weitaus größere Teil, die sexuellen Missbrauch und Prügelstrafe erdulden mussten, sich nicht gemeldet hat, sich nicht offenbart und keinen Antrag auf Entschädigung stellt – später werden sie es sicher nicht tun, denn jetzt ist die letzte reelle Möglichkeit gegeben, bevor endgültig behauptet wird, die Vergewaltigungen seien reine „Erfindungen“ und Prügelstrafen hätte es nur in Form von „Ohrfeigen“ gegeben.
    Varianten der Betroffenen
    Während es diejenigen der Missbrauchsopfer gibt, die sich, wie ich auch, denken, jetzt erst Recht, gibt ein Großteil der Geschädigten auf und schweigt für immer. Obwohl uns nur das Hinsehen weiterbringt und das Reden vor künftigem Missbrauch schützt, vertun wir die Chance auf eine Veränderung und ebenso, wie zuvor Priester einfach nur wegen ihrer Verfehlungen versetzt wurden und an einem neuen Arbeitsplatz wieder mit ihren pädophilen Neigungen kleine Kinder verführten, wird es sie nicht abschrecken, die gleichen Fehler immer und immer wieder zu tun. Es müssen staatliche Kontrollen her, die ähnlich wie in Jugendhilfeeinrichungen Kinder bei den Domspatzen und anderen Chören schützen.
    Interne Besonderheiten
    Alles war irgendwie anders, als ich das bisher im meinem Leben kannte: Einmal musste ich Klavier üben und vergaß prompt den Übungsraum aufzusuchen. Der Junge, der vor mir spielen musste, saß so lange am Klavier (er durfte nur gehen, wenn „Ablöse“ kam), bis es mir einfiel und ich schnell zu dem Raum lief. Natürlich war die Übungsstunde schon rum und ich bekam ordentlich „Prügel“, durfte ein paar „Extrastunden“ üben und wurde streng ermahnt.
    Ein anderes Mal durfte ich das Abendgebet vorlesen. Ich versprach mich und musste das Gebet wiederholen. Nervös geworden verhaspelte ich mich erneut und ich fing immer und immer wieder an, bis das Abendessen vorbei war und ich hungrig ins Bett gehen musste.
    Als Sport hatten die Patres einzig und alleine Fußball vorgesehen. So spielten die meisten Jungs in jeder freien Minute und diejenigen, die weniger begabt waren (ich war später Vereinsmeister im Kegeln und erzielte mehrere Pokale) oder sich nicht dafür interessierten, standen am Sportplatzrand, schauten zu oder wurden ausgelacht.
    Als Spielsachen, wenn es mal regnete, diente eine alte Spielzeugkiste, deren Inhalt unbrauchbar war und aus kaputten oder völlig alten Spielsachen bestand. So warteten wir in einer Ecke, bis unsere knapp bemessene Freizeit rum war und wir wieder üben „durften“ oder einen der zahlreichen Gottesdienste und Messen besuchen „durften“!
    Externe Gründe
    Für die Regensburger Domspatzen scheint ihr Fortbestehen und der Bestand Chores weit wichtiger zu sein, als die Missbrauchsfälle. Die Ächtung der körperlichen Züchtigung ist m. E. immer noch nicht vollzogen, zumindest in den Köpfen der Verantwortlichen noch nicht, denn auch in der Bibel steht, dass derjenige seine Kinder liebt, der sie auch züchtigt. Angsteinflößendes erzieherisches Handeln gehört ebenso dazu, wie Strafen und Rituale. Die Schrift gilt als einzige Norm. Erziehen heißt nicht herausentwickeln, was im Menschen ist, sondern ausrotten. „Wir schonen unsere Rute nicht, damit uns nicht der Vorwurf treffe, wir hassten unsere Söhne!“ – so lautete das Credo.
    Natürlich ist das ein Verstoß gegen elementare Menschenrechte und es ist eine Frage der Zeit, wie lange sich die Gesellschaft das noch von der Kirche gefallen lassen wird. Das Grundgesetz und das BGB benennen es eindeutig: „Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Das Bundesverfassungsgericht hat schon 1972 die Prügelstrafe als unzulässig verboten – also schon wesentlich früher, als es die Kirche wahrhaben will. 1980 wurde dann die körperliche Züchtigung an bayerischen Schulen endgültig verboten.“

  • aucheinehemaliger

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    Das schlimmste Übel, das ein Kind in Altbayern haben konnte, hatte ich doch glatt vergessen; evangelisch sein!

  • Herbert Turetschek

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    Max Liedtke: „Knabenchor – Last, Glück, Lebenschance?“ nennt in seinem Buch fünf „Vorteile“, die man hat, wenn man bei einem Knabenchor Mitglied war oder ist: „Musikalische Zugewinne und Übernahme von „Sekundärtugenden““, dann „Die Fülle an Erfolgserlebnissen“, dann „Übertragung von Anspruchsniveaus“, dann „Intensive Freundschaften“, dann „Große kulturelle Leistungen“; dies mag für einige Menschen durchaus zugetroffen haben, aber das rechtfertigt m. E. niemals die Zerstörung von Leben derjenigen, die extrem darunter zu leiden hatten. Dass es auch anders geht: Siehe oben, denn wir kamen in unserer Kinderdorffamilie Lauf ganz ohne Druckmittel aus (geschweige denn sexueller Missbrauch) und wir erreichten das gleiche.

  • Herbert Turetschek

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    Ich kann auch noch weiter gehen! Das Buch „Knabenchor – Last, Glück, Lebenschance?“ endet mit Zitaten von Schülern: „Musik ist für mich ein Schlüssel zum Leben…“ und „Ich würde am liebsten meine ganze Kollegstufe ein- bis zweimal durchleben…“ usw. – nach dem heutigen Wissensstand, das Buch wurde 2012 herausgegeben, stellen sich die Dinge doch etwas anders dar, insbesondere auch, was die Regensburger Domspatzen – auch ein Knabenchor – betrifft und auch was die Regensburger Heime betrifft. Ich möchte mit meinen Gegendarstellungen keine Rache üben, ich möchte nur einen Beitrag zur Aufklärung leisten.

  • Herbert Turetschek

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    Übertreibe ich, wenn ich sage, das Buch „Knabenchor – Last, Glück, Lebenschance?“ ist eine Lobhudelei auf die Knabenchöre?
    @aucheinehemaliger „Das schlimmste Übel, das ein Kind in Altbayern haben konnte, hatte ich doch glatt vergessen; evangelisch sein!“
    Bei mir war das genau umgekehrt, ich bin in einer evangelischen Gegend in Bayern, rund um Sulzbach-Rosenberg, aufgewachsen und ich habe die Freiheit sehr genossen.

  • menschenskind

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    „Bei mir war das genau umgekehrt, ich bin in einer evangelischen Gegend in Bayern, rund um Sulzbach-Rosenberg, aufgewachsen und ich habe die Freiheit sehr genossen.“

    Evangelische wie Katholische in Bayern haben allen Grund sich ihrer Intoleranz zu schämen.

    Erst um 1802, also erst vor etwa 200 Jahren, erhielt der erste Katholik in Nürnberg offiziell Aufenthaltsrecht und entsprechend der erste Evangelische in München Bleiberecht.

    Auch sonst war die ev. und kath. Geschichte voller Intoleranz. Wir hatten hier vor Kurzem die Hexenverfolgung auf einem anderen Strang bei RD. Der Luther hielt an dieser 25 000 unschuldigen Deutschen das Leben kostenden Kirchenmarotte ebenso fest wie die gottverlassenen Katholischen, etc.

    Kath. Bayern und ev. Bayern in einem Boot!

  • Herbert Turetschek

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    @menschenskind
    Nicht umsonst hatte ich auch die Hexenverfolgung in einer meiner Broschüren als Exkurs mitaufgenommen. Ich selbst sehe mich aufgeschlossen zu sein und bereit, auch Kritik gegenüber offen zu sein und deshalb, weil wir Missstände aufgreifen, ohne Rücksicht auf Ansehen und Person, sind wir konkurrenzlos – ich selbst bin ja nur ein ganz kleines Licht unter den Menschen, die Licht ins Dunkel bringen wollen.

  • Herbert Turetschek

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    Die Gewalt gegen und Trostknaben MUSS beendet werden! Zuerst waren es 200 Betroffene in Etterzhausen, jetzt sprechen sie von 700 Betroffenen und es werden ganz sicher noch viele mehr. Diesen Menschen muss endlich, endlich eine Stimme gegeben werden. Diese Menschen dürfen nicht länger alleine gelassen werden und sie müssen Unterstützung bekommen. Endlich nach vielen Jahren muss eine Umkehr möglich sein, eine Besinnung, ein Weg, bis jetzt ist nichts geschehen und ich frage mich langsam, wie in meinem Büchlein geschildert, werden die Unterlagen (wieder) in Aktenschränken der Kirche verschwinden und wird wieder nichts geschehen, bzw. so weitergemacht wie bisher?

  • Herbert Turetschek

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    Die Gewalt gegen uns Trostknaben MUSS beendet werden! Zuerst waren es 200 Betroffene in Etterzhausen, jetzt sprechen sie von 700 Betroffenen und es werden ganz sicher noch viele mehr. Diesen Menschen muss endlich, endlich eine Stimme gegeben werden. Diese Menschen dürfen nicht länger alleine gelassen werden und sie müssen Unterstützung bekommen. Endlich nach vielen Jahren muss eine Umkehr möglich sein, eine Besinnung, ein Weg, bis jetzt ist nichts geschehen und ich frage mich langsam, wie in meinem Büchlein geschildert, werden die Unterlagen (wieder) in Aktenschränken der Kirche verschwinden und wird wieder nichts geschehen, bzw. so weitergemacht wie bisher?

  • Herbert Turetschek

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    Hallo,

    Entschuldigung, ich muss Euch wirklich auch kritisieren: „Den langen steinigen Weg dahin hat der emeritierte Erlanger Pädagogikprofessor Max Liedtke in seiner Studie über den Windsbacher Knabenchor von 2011 nachgezeichnet.“ In dem Buch von Max Liedke und Horant Schulz, das über Knabenchöre geht, wird in keinem einzigen Wort erwähnt, dass es sexuellen Missbrauch gab – ganz im Gegenteil. Seid ihr auf dem linken Auge blind? Wie gesagt, ich schätze Eure Arbeit sehr, aber was bedeutet dieser Satz, es wurde etwas nachgezeichnet? Das ist Lobhudelei auf die Vergangenheit und die war nicht rosig, denn wir bei den Domspatzen und in der Odenwaldschule mussten massiv darunter leiden. Entschuldigung bitte noch einmal, sonst ist die Berichterstattung echt ganz, ganz gut, um nicht zu sagen hervorragend und übertrifft in der Information alle anderen Medien, die ich kenne!

    Lieben Gruß
    Herbert Turetschek, Opfer des sexuellen Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen im Jahr 1967, dem bis heute noch nicht zugehört wurde.

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