SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 26. Juli 2010

Für vier Tage ist Ernst Holzinger von Israel nach Regensburg gekommen. Länger zu bleiben, wäre „zu aufregend“, sagt der fast 90jährige mehrfach. Sylvia Seifert vom Arbeitskreis Stolpersteine hat Holzinger eingeladen. 15 Stolpersteine werden am Montag von Künstler Gunter Demnig ins Pflaster gehämmert – zwei davon für Holzingers Eltern an ihrem Haus in der Weißenburgerstraße, von wo sie 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert wurden. Zwei Jahre später waren beide tot. Ihre Kinder hatten Otmar und Daniela Holzinger schon früh in Sicherheit gebracht: 1935 schickten sie Ernst zur Ausbildung in die Niederlande, von dort flüchtete er zwei Jahre später nach Palästina. Seine beiden Schwestern überlebten den Holocaust in den USA. Holzinger ist hellwach, als er auf einer Bank am Haidplatz von seiner „glücklichen Jugend“ in Regensburg erzählt, vom Modehaus seiner Eltern in der Maximilianstraße, von den Neuburgers und den Hellers, der Metzgerei Bleil und der Familie Grün in der Von-der-Thann-Straße. Jüdische Familien, von denen es heute in Regensburg kaum noch Spuren gibt. Lediglich die mittlerweile 70 Stolpersteine geben einen kleinen Eindruck davon, wie reich das jüdische Leben in Regensburg gewesen sein muss. Bereits zum fünften Mal ist Gunter Demnig am Montag in Regensburg, um die gravierten Messingplatten vor den ehemaligen Wohnhäusern von NS-Opfern zu verlegen. Immer wieder erklären sich Hausbesitzer bereit, die Stolpersteine zu spenden. Ab und an verweigern die Besitzer aber auch ihre Zustimmung zur Verlegung eines solchen Steins vor ihrem Gebäude. Auf 25.000 Stolpersteine weltweit hat Demnig es bislang gebracht und in zehn Jahren, wie er sagt, „nur drei Morddrohungen“ erhalten. „Das geht.“ Viele Freunde hätte ihm zu Beginn von seinem Stolperstein-Projekt abgeraten. „Das Thema steht jungen Leuten bis hier“, so ein oft gehörter Rat. Demnig hat eine andere Erfahrung gemacht. Die schiere Zahl der Opfer bleibe immer „eine abstrakte Größe“, sagt der 63jährige. „Wenn man das Schicksal einzelner Familien sieht und noch mitbekommt – der war so alt wie ich – geht man anders nachhause“, so seine Überzeugung. „Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“, hat ein Schüler gesagt, als Demnig vor zwei Jahren in Regensburg war. Ernst Holzinger war 15, als seine Eltern ihn aus Regensburg wegschickten. Er habe sich gewundert, dass damals so viel geweint hätten. Nach seiner Flucht nach Palästina schloss er sich 1941 der britischen Armee an und kam als Soldat über Italien, Belgien und die Niederlande 1945 nach Regensburg zurück, wo er von einer ehemaligen Nachbarin erfuhr, dass seine Eltern im KZ umgekommen waren. „Ich war nur wenige Tage hier. Dann musste ich wieder weg.“ Das letzte Mal war Holzinger vor 20 Jahren hier – auf Einladung des damaligen Oberbürgermeisters Friedrich Viehbacher. Der Montag ist für ihn „ein sehr, sehr schwerer Tag“, aber kein Tag der Trauer, sagt er am ehemaligen Wohnhaus seiner Eltern. „Es ist eine Sache der Erinnerung.“ Er sei vor allem deshalb nach Regensburg gekommen, weil er gewusst habe, dass junge Menschen bei der Verlegung dabei sein würden. Am Mittwoch fliegt Holzinger zurück nach Israel. Vorher will er sich noch mit Schülern der Albert-Schweitzer-Realschule unterhalten, die schon am Montag dabei waren.

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