Archiv für 24. Mai 2011

„Wir kriegen das mit der Ostnerwacht hin, da bin ich mir sicher.“ Immobilienwerbung im Gewand der Berichterstattung in der MZ vom Wochenende.

„Wir kriegen das mit der Ostnerwacht hin, da bin ich mir sicher.“ Dieses Versprechen für ein arg stiefmütterlich behandeltes Regensburger Stadtviertel stammt bezeichnenderweise nicht von einem Politiker oder einem Städteplaner. Es ist die Aussage eines Immobilienunternehmers.

Anlässlich eines Richtfests in der Ostengasse erschien am Wochenende ein Bericht in der Mittelbayerischen Zeitung. Über eine halbe Seite lobhudelt die MZ ein Projekt der Immobiliengruppe Trepnau im Speziellen („Neues Schmuckstück in der Ostengasse“) und schwelgt mit wohlgesetzten Worten über die segensreiche Tätigkeit des potenten Unternehmens im Allgemeinen. Peter Trepnau darf daneben noch ein wenig um potentielle Käufer werben. Immobilienwerbung im Gewand der Berichterstattung, der Investor und nicht Politik oder Städteplaner als Gestalter der Stadt.

„Nicht die Investoren sind schuld“

Eine Lanze gegen diese in Regensburg herrschende Haltung brach am Dienstag die Altstadt-SPD, die unter der Überschrift „Regensburg: Lebensraum oder Spekulationsobjekt?“ zur Podiumsdiskussion ins Goldene Fass geladen hatte. Auf dem Podium: Die Landtagsabgeordnete und Stadträtin Margit Wild, der Vorsitzende des Architekturkreises Bernd Roloff sowie die Architekten Michael Kroll (Regensburg) und Matthias Schuster (Tübingen).

Der Vorsitzende der Altstadt-SPD Thomas Kube stellte gleich zu Beginn klar, dass es hier nicht darum gehe, Investoren-Bashing zu betreiben, deren ureigenes Interesse, Geschäfte zu machen legitim sei. „Es geht nicht um Investoren, sondern um die Qualität politischer Entwürfe in dieser Stadt“, so Kube. Dass diese politischen Entwürfe – die Regensburger Praxis Planungsflächen an potente Großinvestoren zu vergeben – nicht der Weisheit letzter Schluss ist, stellte Matthias Schuster in einem einstündigen Vortrag dar. Schuster gilt als Vater des „Tübinger Modells“. Anfang der 90er gewann er zusammen mit Partnern einen städtebaulichen Wettbewerb für die Tübinger Südstadt (mehr darüber).

Keine Ausrede: Die Kommune muss Akteur bleiben

Eine Planungsprämisse dort: „Nicht einer baut alles, sondern viele bauen in einzelnen Bausteinen.“ Anstelle eines Großinvestors, dessen Planung sich vor allem an wirtschaftlichen Interessen ausrichtet, stehen kleiner Investoren, Baugemeinschaften, Genossenschaften. Entsprechend intensiv sei auch die Bürgerbeteiligung gewesen. Anstelle des maximalen Gewinns, steht das Ziel viele miteinzubeziehen.

„Verkauft wurde nicht zum Höchstpreis, sondern zu einem marktüblichen Fixpreis“, so Schuster. Die Projektentwicklung übernahm die Stadt Tübingen selbst. „Die Kommune muss Akteur bei der Stadtentwicklung bleiben. Da gibt es keine Ausrede“, so Schuster. Wenn sich alles ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten richte, komme nichts vernünftiges dabei heraus.

Ein „Spielplatz für die Großen“: der Alte Schlachthof. Foto: Archiv/ Tilmann Riechers

Roloff zeigt sich von diesem Vorgehen begeistert. „Tübingen ist Regensburg mindestens 15 Jahre voraus.“ In Regensburg seien viele Entwicklungsgebiete zu früh privatisiert und dem Ziel einer hohen Rendite unterworfen worden, so der Vorsitzende des Architekturkreises, ohne konkreter zu werden.

Beim Kasernenviertel sei es an der Zeit, solche neuen Modelle zu erproben und sich dafür auch die entsprechende Zeit zu geben. Dafür brauche es den politischen Willen. „Wir leben vielleicht zu sehr unter dem Diktum ‚Gut ist, was den Gewinn maximiert‘.“

Nur Spielplätze für die Großen?

Etwas konkreter wurde Michael Kroll, selbst Geschäftsführer einer noch recht jungen Baugenossenschaft. Es sei „nicht gottgegegeben“, dass Areale wie der Donaumarkt oder der Alte Schlachthof zu einem „Spielplatz, wo nur die Großen spielen dürfen“, gemacht würden. Zwei Flächen am Donaumarkt sollen meistbietend an Investoren verkauft werden, der Alte Schlachthof ging kürzlich an die Vivico Real Estate, auch das Immobilienzentrum Regensburg mischt dort übrigens mit.

„Es stünde nichts dagegen, nicht der finanziellen, sondern der sozialen Rendite den Vorzug zu geben“, so Kroll, der ebenfalls auf die Verantwortung der politischen Entscheider verwies. Deren Aufgabe sei es, „dafür zu sorgen, dass jeder, auch der Schwache, zu seinem Recht kommt“. Doch weder am Schlachthof, noch am Donaumarkt, sei man dem gerecht geworden.

Ein „Spielplatz für die Großen“: der Donaumarkt. Foto: Archiv

Als Vertreterin dieser politischen Entscheider blieb Margit Wild blass. Zum Schlachthof-Areal mochte sie sich am Dienstag nicht äußern. Mit Blick auf den Donaumarkt verwies sie darauf, dass die Entscheidung im Stadtrat nun mal so gefallen sei. Ein Fraktionsvorsitzender Norbert Hartl als SPD-Vertreter auf dem Podium hätte – als Spiritus Rector hinter den Entscheidungen der Fraktion – für eine kontroversere, aber auch informativere Diskussion sorgen können.

„Hauptstadt einfallsloser Investoren-Architektur“

Eine solche Diskussion wäre mit den Anwesenden durchaus möglich gewesen, denen allerdings aufgrund der zum Teil ausufernden Beiträge am Podium nur wenig Gelegenheit blieb, sich zu Wort zu melden. Vor allem der Donaumarkt brennt vielen nach wie vor unter den Nägeln. Ein Diskussionsteilnehmer verwies darauf, dass die Vergabe des Alten Schlachthofs an Vivico bei vielen „für Entsetzen gesorgt“ habe. „Dieser Investor ist dafür bekannt, Bürgerbeteiligung abzuwürgen.“ (Mehr dazu am Ende des Artikels) Am Bemerkenswertesten war der Beitrag von Reiner Schmidt, Vertreter des Forum Regensburg. Schmidt bezeichnet Regensburg als „Hauptstadt der einfallslosen Investoren-Architektur“, listete von der Bebauung am Galgenberg über die Neubauten in der Ganghofersiedlung eine Reihe von Beispielen auf, verwies aber ebenso wie seine Vorredner darauf, dass dies nicht die Schuld der Investoren, sondern der politischen Entscheidungsträger sei.

Von diesen Entscheidungsträgern waren außer Margit Wild gerade mal vier weitere Stadträte anwesend: Richard Spieß und Irmgard Freihoffer (Linke), Eberhard Dünninger (ödp) und Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD). Immerhin hatte sich aber auch Jonas Dörfler, stellvertretender Chef des Stadtplanungsamts eingefunden. Er notierte eifrig mit, bedankte sich am Ende für den Abend. „Ich habe sorgfältig zugehört und werde meine Kollegen darüber informieren“

Nachtrag: Zur Bebauung des Schlachthofs findet am kommenden Montag, 30. Mai, 19 Uhr, die gesetzlich vorgeschriebene Informationsveranstaltung zum Beginn des Bebauungsplanverfahrens statt. Ort: Wolfgangssaal des Domspatzengymnasiums, Reichsstraße 22, Eingang Diepenbrockstraße, 93055 Regensburg

http://www.tuebingen.de/formulardownload/Die_Wohnungswirtschaft_2.pdf

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