SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für Januar, 2013

Notfallverhütung für Vergewaltigungsopfer

„Pille danach“: Uniklinik erlässt neue Richtlinien

Kurswechsel am Universitätsklinikum. Künftig wird auch dort die „Pille danach“ verschrieben, zumindest unter gewissen Umständen. Die Vorsitzende von pro familia Regensburg begrüßt diese Entscheidung. Mit Blick auf katholische Krankenhäuser sei nun Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr in der Pflicht.
Einzige Verhütung, die auch mit „katholischer Grundhaltung“ erlaubt ist: Knaus-Ogino, auch Vatikanisches Roulette genannt (Buchtitel aus dem Jahr 1930, aufgenommen im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien).

Einzige Verhütung, die auch mit „katholischer Grundhaltung“ erlaubt ist: Knaus-Ogino, auch Vatikanisches Roulette genannt (Buchtitel aus dem Jahr 1930, aufgenommen im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien).

Und es bewegt sich doch: Das Universitätsklinikum Regensburg stellt künftig auch Rezepte für die „Pille danach“ aus – zumindest in „besonderen Fällen, wie z.B. bei einer Vergewaltigung“. Wie mehrfach berichtet, hat man es am Uniklinikum bislang abgelehnt, das Verhütungsmedikament zu verschreiben und begründete dies mit der nicht vorhandenen Gynäkologie (hier kooperiert man mit den katholischen Krankenhäusern). Das galt auch, wie vergangene Woche noch von offizieller Seite bekräftigt, für Vergewaltigungsopfer. Nun heißt es in einer aktuellen Stellungnahme gegenüber unserer Redaktion:
„Da wir bisher sehr wenige dieser Fälle hatten, gab es bis vor kurzem keine verbindliche Regelung für das Vorgehen. Wie die bedauerlichen Vorkommnisse in Köln gezeigt haben, ist eine Einrichtung genauer Anweisungen, um Missverständnissen vorzubeugen, sehr sinnvoll. Daher hat sich das UKR dazu entschlossen, eine so genannte SOP (Standard Operating Procedure) einzuführen.“
Sollte sich ein Vergewaltigungsopfer in der Notaufnahme oder in anderen Bereichen der Klinik vorstellen, werde – sofern die Betroffene dies wolle – die Kriminalpolizei hinzugezogen. „Diese stellt die Beweise durch einen Gynäkologen sicher, was bedeutet, dass die Patientin zunächst ins St. Josef Krankenhaus gebracht wird, da das Universitätsklinikum nicht über eine Gynäkologie verfügt.“ Zwar empfehle man vor einer Verschreibung der „Pille danach“ nach wie vor ein fachärztliches Beratungsgespräch, aber: „In besonderen Fällen, wie z.B. bei einer Vergewaltigung, sind auch die Ärzte in unserer Notaufnahme berechtigt, ein solches Rezept auszustellen.“

Was sind „besondere Fälle“?

Die Frage, welche weiteren „besonderen Fälle“ außer einer Vergewaltigung es gibt, in denen die „Pille danach“ verschrieben wird, beantwortet das Uniklinkum nicht. Ebensowenig erhalten wir eine Antwort auf die Frage, in welchen Fällen Ärzte des Universitätsklinikums nicht berechtigt wären, das Rezept auszustellen. Auf konkrete Nachfragen zu diesen beiden Punkten erhalten wir lediglich eine weitere allgemein gehaltenen weitere Stellungnahme.
„Für die Verschreibung der ‚Pille danach‘ empfehlen wir weiterhin grundsätzlich ein fachärztliches Beratungsgespräch, um die Patientin über alle Risiken aufzuklären. Aufgrund des Zeitfensters von drei bis fünf Tagen für die Anwendung einer postkoitalen Kontrazeption ist eine notfallmäßige Vorstellung nur in sehr wenigen Ausnahmefällen erforderlich. Eine Vorstellung beim niedergelassenen Frauenarzt oder dem in Regensburg vorhandenen gynäkologischen ärztlichen Bereitschaftsdienst innerhalb dieses Zeitfensters ist in der Regel realisierbar und in diesen Fällen wird auch auf jene verwiesen.“
Jahrelange Praxis nun offiziell geändert: das Uniklinikum Regensburg. Foto: pm

Jahrelange Praxis nun offiziell geändert: das Uniklinikum Regensburg. Foto: pm

Es stünden mehrere Präparate und Methoden zur postkoitalen Verhütung zur Verfügung, heißt es weiter. „Mit dem Verweis auf den Facharzt handelt das Universitätsklinikum auch im Sinne des neuen Patientenrechtegesetzes, das zum Wohle des Patienten eine Aufklärungspflicht des Arztes in einem persönlichen Gespräch über Ablauf und Risiken einer Behandlung vorschreibt.“

Petition: Notfallverhütung an allen Krankenhäusern

Levonorgestrel: Forderungen, die Rezeptpflicht aufzuheben verhallen seit Jahren ungehört. Foto: Archiv

Levonorgestrel: Forderungen, die Rezeptpflicht aufzuheben verhallen seit Jahren ungehört. Foto: Archiv

Die Vorsitzende von pro familia Regensburg, Margit Wild, begrüßt diesen Kurswechsel am Uniklinikum. „Es ist gut, dass ab sofort ein Rezept für die ‚Pille danach‘ ausgestellt wird“, sagt sie. Schade sei allerdings, „dass es immer solch traurige oder erschreckende Ereignisse wie in Köln benötigt, bis eine Verbesserung der Situation der Frauen Einzug hält“. In Köln hatten mehrere Krankenhäuser unter katholischer Trägerschaft die Behandlung von Vergewaltigungsopfern rundweg abgelehnt. Wie das ARD-Magazin Monitor vergangene Woche aufdeckte, war dies – entgegen den Darstellungen der Kirche – kein „Missverständnis“, sondern entspricht einer offiziellen Weisung. In einem der in der Kritik stehenden Krankenhäuser werden einem internen Schreiben zufolge schon seit fast einem Jahr „keine Untersuchungen an Patientinnen nach einer Sexualstraftat mehr durchgeführt”. Weil man die „Pille danach“ nicht verschreiben könne, seien auch Untersuchungen sinnlos. Ein weiteres katholisches Krankenhaus führt Untersuchungen dem Bericht zufolge nur „im absoluten medizinischen Notfall“ durch. Margit Wild sieht nun insbesondere Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) in der Pflicht. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorfälle in Köln hat pro familia eine Petition gestartet, mit dem Ziel, „Notfallverhütung für vergewaltigte Frauen in allen deutschen Krankenhäusern“, auch katholischen, sicherzustellen.

Forderung: „Pille danach“ ohne Rezept

Ohnehin gibt es seit mehreren Jahren die Forderung, die „Pille danach“ mit dem Wirkstoff Levonorgestrel von der Rezeptpflicht auszunehmen. Das entspräche der Praxis in 28 Ländern in Europa und 78 weltweit. Entsprechende Empfehlungen gibt es auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Zuständig für einen entsprechenden Gesetzentwurf wäre das FDP-geführte Bundesgesundheitsministerium. Doch obwohl sich auch die Jungen Liberalen für eine rezeptfreie Abgabe von Levonorgestrel stark machen, kommt von dort bislang nichts. Aktuell hat die Linke einen entsprechenden Antrag in den Bundestag eingebracht. Abgesehen von den Julis halten sich die politischen Vertreter in Regensburg zu dem Thema „Pille danach“ und Verweigerungshaltung der katholischen Krankenhäuser übrigens bedeckt. Einzig die Piraten haben vergangene Woche die Einrichtung einer eigenen Gynäkologie am Uniklinikum gefordert, um die Quasi-Monopolstellung der katholischen Kliniken aufzubrechen.

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