Archiv für 20. Oktober 2013

Show zum SPD-Wahlkampfauftakt

Gimmicks und Gaukler

„Wetten, dass“ Joachim Wolbergs Oberbürgermeister wird. Der Wahlkampf-Auftakt der SPD am Samstag glich einer gut inszenierten Fernsehshow.
"Er kniet sich rein." "Große Pläne für Regensburg." "Wolbergs macht's." "Mit voller Kraft und Leidenschaft." Die momentanen Schlagworte für den SPD-Wahlkampf. Foto: as

„Er kniet sich rein.“ „Große Pläne für Regensburg.“ „Wolbergs macht’s.“ „Mit voller Kraft und Leidenschaft.“ Die momentanen Schlagworte für den SPD-Wahlkampf. Foto: as

Knapp zwei Stunden dauert es, bis am Samstagabend derjenige die Bühne betritt, um den es heute gehen soll und dessen Gesicht den gut 300 Anwesenden allgegenwärtig entgegenlächelt. Auf Plakaten, Aufklebern und Taschenflugblättern, ja selbst auf Müsli-Riegeln prangt das Konterfei eines hantelstemmenden Joachim Wolbergs. Die Stadtratskandidaten und Unterstützer sind zum größten Teil in Wolli-Fan-Shirts gewandet. Am Ende kommen dazu noch hellblaue, qualitativ recht hochwertige Schals, bestickt mit dem zentralen Wahlkampf-Slogan („Er kniet sich rein.“).

Klotzen statt kleckern

Die österreichische Agentur „Platzl Zwei“ hat den nunmehr auch offiziellen Auftakt des SPD-Kommunalwahlkampfs im rot ausgeleuchtetem großen Saal des Kolpinghauses inszeniert wie eine Fernsehshow: ein bisschen Promis, ein bisschen Musik. Zwei Talkrunden und eine Akrobatik-Einlage mit Jonglage. Das Publikum darf sich derweil an Freibier und neckisch angerichteten bayerischen Tappas gütlich tun. Es wird geklotzt, nicht gekleckert. Und kurz bevor der OB-Kandidat das Wort ergreift, werden Daumen-Hoch-Pappschilder im Facebook-Stil unter den Anwesenden verteilt, damit diese nicht nur virtuell den Wolli-Gefällt-Mir-Button drücken können. Auch das passende Musikstück fehlt nicht: Zum Einzug des Kandidaten wird zwar nicht der Defiliermarsch, aber immerhin „Bayern des samma mia“ von Haindling abgespielt.
Musste zwei Stunden auf seinen Auftritt warten: Joachim Wolbergs. Foto: Staudinger

Musste zwei Stunden auf seinen Auftritt warten: Joachim Wolbergs. Foto: Staudinger

Den Markus Lanz an diesem Abend gibt TVA-Moderator Matthias Walk. Mit Stichwort-Kärtchen bewaffnet befragt er etwa den Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly, der „in Wikipedia nachgelesen“ hat, dass er und sein „Weggenosse“ Wolbergs einige Gemeinsamkeiten aufzuweisen haben. Von Maly erfährt man auch, dass es kein ideales Alter gibt, um Oberbürgermeister zu werden.

Die Unterstützer werden befragt

Walk plauscht mit Wolbergs‘ Ehefrau Anja, die „den Humor“ ihres Mannes als seine liebenswerteste Eigenschaft bezeichnet und sicher ist, dass er die Stadt „mit voller Kraft und Leidenschaft“ führen würde – ein weiterer Slogan, der von „Platzl Zwei“ für diesen Wahlkampf kreiert wurde. Und Walk moderiert die Talkrunden, bei denen sich durchaus prominente Unterstützer hinter den SPD-Kandidaten stellen.
Schätzt den Humor ihres Mannes: Anja Wolbergs. Foto: Staudinger

Schätzt den Humor ihres Mannes: Anja Wolbergs. Foto: Staudinger

Unter anderem der Jazz-Musiker Axel Prasuhn („Ich finde ihn stark.“), Journalistin Julika Hanekker („Bei der CSU ist alles Fassade.“) und Fußballtrainer-Legende Karsten Wettberg („Eine historische Chance.“) zeigen Gesicht für Wolbergs. Sein Hausarzt Dr. Yavuz Şahin („Er ist gut für Regensburg.“) ist gekommen und Zivilcourage-Preisträgerin Birgit Beck, die Wolli schon kannte, als er noch langhaariger Schülersprecher war und die ihn für „sehr glaubwürdig“, „empfindsam“ und einen „guten Zuhörer“ hält.
Der innere Kreis mit Schal: Norbert Hartl, Christa Meier, Margit Wild und Familie Wolbergs. Foto: Staudinger

Der innere Kreis mit Schal: Norbert Hartl, Christa Meier (unbeschalt), Margit Wild und Familie Wolbergs. Foto: Staudinger

Insgesamt kommen sieben der, so Walk, „über 180 Unterstützer“ zu Wort, die sich mit Statement und Gesicht auf der Wolbergs-Homepage versammelt haben. Vor der Saaltür warten „unsere freundlichen Damen“, um jene in Empfang zu nehmen, die sich nach diesem Abend entschließen wollen, es ihnen gleich zu tun. Zwischendrin betritt der Jongleur „Mad Hias“ die Bühne und lockert die Stimmung ein wenig auf.
"Don't stop me now." Markus Engelstätter lieferte den Soundtrack zur Wahlparty. Foto: as

„Don’t stop me now.“ Markus Engelstädter lieferte den Soundtrack zur Wahlparty. Foto: as

Dann, nachdem der für diesen Abend engagierte Markus Engelstädter seine Version des Queen-Songs „Don’t stop me now“ zum Besten gegeben hat, betritt schließlich Wolbergs selbst die Bühne. Walk verschwindet in den Backstage-Bereich. Der Kandidat braucht keinen Moderator. Er legt ganz ohne Fragen los und erzählt davon, dass dies „ein richtig schöner Tag“ gewesen und Regensburg eine weltoffene Stadt sei. Dass er es war, der die Route des NPD-Trucks im August veröffentlicht hatte und dass er gedenke, dies auch in Zukunft zu tun. Ein guter Einstieg, der für Applaus und eine erste Verwendung der Daumen-Piktogramme sorgt.
Showeinlage: Jongleur "Mad Hias". Foto: Staudinger

Showeinlage: Jongleur „Mad Hias“. Foto: Staudinger

Vieles aus seiner Rede hat man schon gehört, wenn man Wolbergs bei der einen oder anderen Veranstaltung getroffen hat: Ein Plädoyer für mehr Ganztagsschulen, das Hohelied auf den Wert der öffentlichen Sicherheit, Wolbergs‘ Furcht davor, dass das unter seiner Kompetenz geleitete Jugendamt irgendwann zu spät kommen und man ein Kind tot in einer Wohnung finden könnte. Unterlegt wird das Ganze mit einer traurigen Anekdote über einen Jungen, den sein Vater „täglich grün und blau geschlagen“ habe und den man dank Schulsozialarbeit aus seiner Familie habe holen können.

Geschäftspolitik der Stadtbau: „Damit werde ich Schluss machen.“

Die (landläufig stets der CSU zugeschriebene) Wirtschaftskompetenz nimmt Wolbergs auch für die SPD in Anspruch. Schließlich seien die wesentlichen Entscheidungen dazu in den letzten Jahren stets gemeinsam gefallen. Er wolle sich in Zukunft vor allem um die „Schlüsseltechnologien“ Kreativwirtschaft, Gesundheitswirtschaft und Sozialwirtschaft bemühen. Bemerkenswert und vom wohl lautestem Beifall des Abends begleitet ist Wolbergs‘ Ansage in Richtung Stadtbau GmbH. Diese städtische Tochter werde derzeit geführt wie ein Privatunternehmen. „Damit werde ich Schluss machen.“

Gutes bleibt gut, alles andere wird besser

Gut hört sich auch der Slogan an, demzufolge Arbeit etwas mit der Würde des Menschen zu tun habe und die Feststellung, dass man sich dank der SPD entschieden habe, in Regensburg Pflegeheime wie den Sauren Gockel in Kumpfmühl in kommunaler Trägerschaft zu halten. Schließlich, so Wolbergs, habe ein Privater andere Interessen („Der will etwas verdienen.“) als eine Kommune und entsprechend müsse man hier als Stadt in die Bresche springen. Dann darf man hoffen, dass die SPD nach der nächsten Kommunalwahl die tarifliche Bezahlung der Mitarbeiter in diesen Heimen nicht mehr auf dem Altar der Koalitionsverhandlungen opfern wird. wolli9750Regensburg, so Wolbergs gegen Ende seiner kämpferisch vorgetragene Tour de Force durch alle Themen, die in einer Kommune zum Tragen kommen und ihre Bürger beschäftigen könn(t)en, sei eine „gigantisch tolle Stadt“ und „für mich ist eine Stadt kein Konzern mit einem Vorstand, sondern ein Gemeinwesen“. Anders ausgedrückt: Alles, was gut ist, bleibt so wie es ist, alles andere wird besser, sozialer. wolli9826Das Publikum ist begeistert. Die Wolli-Daumen bleiben dabei auf den Sitzen. Zustimmung lässt durch minutenlange Standing Ovations besser ausdrücken als mit irgendwelchen Wahlkampf-Gimmicks. Scheinwerfer werfen SPD-Spots an Decken und Wände. Vor der Tür drücken „unsere freundlichen Damen“ den Gehenden die hellblauen Wolli-Schals in die Hand.