Archiv für 31. Oktober 2013

Kolumne: Liebes Regensburg

Teil 2 – Stadt der Superlative

Regensburg ist eine größenwahnsinnige Stadt. Wenn andere Städte etwas haben oder sind, hat oder ist Regensburg die größtmögliche Steigerung davon. Das erscheint unserer Autorin Bianca Haslbeck bisweilen etwas zweifelhaft. Deshalb schreibt sie in ihrer vierzehntägig erscheinenden Kolumne dieses Mal über die wichtigsten Regensburger Superlative. Höchst subjektiv und höchstpersönlich. Heute: Teil 2 – Stadt der Superlative.

Liebes, ja, allerliebstes Regensburg!

liebes_regensburgBescheidenheit ist nicht wirklich deine hervorstechendste Tugend. Wie viele Superlative deine Bewunderer dir zuschreiben, vermag ich gar nicht mehr zu zählen. Bei dir ist nicht nur alles größer, älter, nördlicher, mehr – nein, Regensburg ist oder hat nicht nur in Ausnahmefällen, sondern im Regelfall die größte, älteste, nördlichste Ausprägung von eigentlich allem. Der Superlativ ist hier allgegenwärtig.

Derjenige Superlativ, der einem möglicherweise am häufigsten begegnet, ist „die größte Kneipendichte Deutschlands“. Oh, wie viele Generationen von Studenten haben sich davon schon anlocken lassen? Wie viele Trinktouristen aus den benachbarten Kleinstädten Niederbayerns und der Oberpfalz lassen sich von diesem Mythos jedes Wochenende in die Altstadt, die selbstverständlich die schönste überhaupt ist, ziehen? Dabei ist es doch gefühlt so, dass Regensburg nicht mehr als fünf, maximal zehn Wirtshäuser hat – und zwar die, in die man selbst regelmäßig geht.

Manchmal will man die ausgelatschten Pfade verlassen. Aber das ist doch alles Mist. Plötzlich kennt man niemanden mehr. In den anderen Kneipen ist doch tote Hose. Oder es sind nur Teenager da. Oder die Musik ist schlecht. Oder es gibt Thurn und Taxis. Oder sie liegen außerhalb des Allengürtels. Alles Gründe, diese Lokalitäten für nichtexistent zu erklären. Und die Statistik gibt mir recht: Irgendjemand hat gezählt und festgestellt, dass die Kneipen wohl im Main-Gebiet am dichtesten sind. Vorn dabei – oh Schreck! – ist auch die Oberpfalz. Aber nicht mit ihrem funkelndsten Juwel, Regensburg: Die Landkreise Cham, Weiden und Neustadt an der Waldnaab scheinen dir den Rang abgelaufen zu haben. Und dann behaupten auch noch Fulda, Lüneburg und Aachen, sie hätten die größte Kneipendichte. Ganz zu schweigen vom ewigen Konkurrenten Düsseldorf. Herrjemineh… Regensburg! Was wurde bloß aus dir? Wie lange kannst du dieses Image in Zeiten von Google noch aufrechterhalten? Vielleicht einigen wir uns darauf: Ob deine Kneipendichte am größten ist, wissen wir nicht. Von der Dichte der Kneipenbesucher war nicht die Rede. Im Zweifel behaupten wir einfach das. Und zwar solange, bis sich jemand dazu entschließt, auch das zu messen. Darauf wäre ich nämlich wirklich gespannt. Der zweitschönste Superlativ ist der von der „nördlichsten Stadt Italiens“. So nennen sich übrigens auch München, Köln, Freiburg und Augsburg. Mindestens. Wahrscheinlich noch mehr.

Aber gut, vielleicht hat sich das ja noch aus der Gründungszeit so überliefert, als sich die Römer hier niederließen. Immerhin am nördlichsten Punkt der Donau – ein Superlativ, den man dir gewiss nicht streitig machen kann. Aber was an dir, liebes Regensburg, so speziell italienisch sein soll, weiß ich nicht so genau. Gut, die Kaffee-Preise in den Straßencafés nähern sich seit der Verleihung des Welterbestatus‘ venezianischem Niveau. Aber ich bin mir sicher, in Paris ist der Caffé Latte auch nicht billiger, da heißt er nur anders. Dann könnten wir auch „östlichste Stadt Frankreichs“ sagen. Aber das würde irgendwie sinnlos wirken. Die Frage ist nur: Warum wirkt die „nördlichste Stadt Italiens“ nicht sinnlos? Wahrscheinlich liegt es doch irgendwie an den mittelalterlichen Bauten und den kleinen, engen Gassen. Deinem möglicherweise am häufigsten zitierten Charakteristikum. So stellt man sich Italien ja bisweilen vor. Hast du eigentlich schon mal drüber nachgedacht, ob deine Gassen vielleicht sogar die kleinsten und die engsten überhaupt sind? Am Dolce Vita kann es jedenfalls nicht liegen. Deine Bewohner würden sich ja größte Mühe geben und sich auch in tiefster Nacht noch in die Straßencafés setzen oder mit ihren Vespas auch durch die engsten Gassen jagen, um schnellstmöglich vom Bismarckplatz zur Wurstkuchl, der ältesten und am häufigsten überschwemmten Bratwurstbraterei überhaupt, zu kommen.

Aber was machst du, Regensburg? Genau, du machst uns den fettestmöglichen Strich durch die Rechnung. Im italienischen Urlaubsidyll, das so durch die Köpfe der Deutschen geistert, kommen jedenfalls weder monströse, gelbe Altstadtbusse vor noch Ordnungsdienstler, die penibelst überwachen, dass auf den Plätzen der schönsten Stadt um 23 Uhr alle nach drinnen strömen. So wird das nie was mit der „nördlichsten Stadt Italiens“! Aber selbst wenn… Wir finden schon noch einen, zwei, fünfundzwanzig oder dreihundertsiebenundvierzig atemberaubende Superlative für dich! Immerhin hast du noch viele andere maßgebliche Höchstwerte zu bieten: die größte freihängende Orgel der Welt, den größten Anteil an Single-Haushalten, die meisten Domains pro Einwohner, den ersten deutschen Ukulelen-Rekord, was gleich zwei Superlative in einem ausmacht, oder die meisten Straftaten unter den größeren bayerischen Städten. Und wenn das nicht reicht, könnten wir ja immer noch auf die inoffiziellen Bestleistungen zurückgreifen, als da wären u. a. die hässlichste Uni, die katholischsten Krankenhäuser oder die g’spinnertste Fürstin. Ich bin mir sicher, wir finden was.

Es grüßt ergebenst Bianca Haslbeck