Anwohner-Aufstand in Regensburg-Margaretenau: 340 Unterschriften gegen Sperrung der Georg-Herbst-Straße
Heimspiel für die CSU, ein harter Stand für die anderen Stadträte. Bei einem Ortstermin in Margaretenau machen Anwohner ihrem Ärger über die bereits beschlossene Sperrung der Georg-Herbst-Straße für Autos Luft.

Favorit bei den Anwesenden: Michael Lehner (Mitte) mit OB-Kandidatin Freudenstein und CSU-Entourage. Foto: as
„108 Euro und an Punkt! 108 Euro und an Punkt!“ Der Mann mit dem grauen Bart ruft den beiden Radfahrern, die gerade bei Rot die Georg-Herbst-Straße hinauffahren, so laut hinterher, dass die Gespräche am Pavillon an der Ecke abrupt verstummen. Mit einem verschmitzten Lächeln erklärt er, dass er nicht geschrien habe. „Wenn ich schreie, hört sich anders an.“
Ortstermin in der Margaretenau. Es ist kurz vor 18 Uhr. Teebeutel und heißes Wasser stehen bereit – es wird gerade dunkel. Dutzende Anwohnerinnen und Anwohner stehen seit fast einer Stunde in der Kälte, um mit Vertreterinnen und Vertretern des Regensburger Stadtrats zu sprechen. Einigewollen ihnen eifach nur die Meinung geigen.
„Oh mei. De Greana!“
340 Unterschriften haben sie gegen die geplante Sperrung der Georg-Herbst-Straße für Autos gesammelt. Hier soll eine der Hauptradrouten verlaufen, wie der Stadtrat Ende November beschlossen hat – gegen die Stimmen der CSU. Für Michael Lehner und OB-Kandidatin Astrid Freudenstein ist dieser Termin ein Heimspiel.
„Ich tu mich leicht hier. Wir haben im Stadtrat gegen die Sperrung gestimmt“, sagt Lehner. Er erwähnt, dass man als Kompromiss eine Fahrradstraße vorgeschlagen habe, auf der Autos zwar fahren dürfen, aber die Radler Vorfahrt haben. Dann übergibt er das Wort – wie ein Moderator.
Man muss dem CSU-Chef zugutehalten, dass er seinen Heimvorteil nicht allzu sehr ausnutzt, sondern versucht, beruhigend auf die Menge einzuwirken. Schon als Maria Simon sich als Stadträtin der Grünen vorstellt, gibt es abfällige Zwischenrufe. „Oh mei. De Greana!“
Parken „wia eine Wuidsau“
Klaus Rappert (SPD) und Florian Rottke (Brücke) müssen sich während ihrer Reden mit lauten Gesprächen und hohlem Gelächter auseinandersetzen. Dass Rappert die Anwesenden belehrt, dass man doch mal zuhören solle, macht die Stimmung nicht besser.Als Astrid Lamby, die selbst in der Margaretenau wohnt, spricht, hört man, dass sie „wia eine Wuidsau parkt“. Und außerdem, dass hier niemand etwas gegen Radfahrer habe, fast jeder selbst mit dem Fahrrad fahre und es doch nur Miteinander gehe, aber
Nicht alle Anwesenden verhalten sich so. Einige versuchen, in ruhigem Ton ihre Bedenken gegen die Sperrung vorzutragen.
„Das mag auf den ersten Blick eine gute Idee sein, aber nicht ganz durchdacht“, sagt ein Mann. „Man kann doch immer noch zurück, wenn man merkt, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat, oder?“
Ernsthafte Bedenken und plumpe Vorurteile
Feuerwehr, Rettungsdienste und Krankenwagen müssten einen Umweg fahren, der Leben gefährden könne, wenn hier gesperrt werde, heißt es. Das Verkehrschaos an der Lessingstraße werde noch größer, wenn die Anwohner in der Margaretenau dort entlangfahren müssen. Zusätzlich zu den Eltern, die ihre Kinder zur Kreuzschule bringen, den Radfahrern und dem Verkehr zwischen Prüfeninger- und Kirchmeierstraße.
Ein Vorschlag lautet, dass man den Anwohnern vielleicht etwas zurückgeben könnte, wenn man die Brücke für den Autoverkehr sperrt, indem man das Halteverbot an einigen Stellen aufhebt, damit dort geparkt werden kann.

120 Meter Straße werden zum Streitpunkt. Foto: as
„Warum muss man eine Hauptradroute durch ein Wohngebiet führen?“, fragt ein junger Mann. Eine Frau, die in der vierten Generation hier wohnt, sagt, sie habe Kinder und Enkel. In 70 Jahren habe es an der Georg-Herbst-Straße nie ein Problem gegeben. „Warum muss man da was ändern? Es hat doch bisher auch funktioniert. “ Lauter Beifall.
Radentscheid einstimmig? „…dann muss dieser blöde Unsinn auch wieder einstimmig weg.“
Florian Rottke (Brücke) verweist auf den Radentscheid, dem der Stadtrat 2019 zugestimmt hat. Einstimmig. „13.000 Menschen haben dafür unterschrieben. Dann muss man das auch umsetzen.“ In Regensburg gibt es 180.000 Menschen, kommt zurück. Was ist mit denen?
Ein älterer Herr auf Krücken, über 80, sagt, dass er auch immer viel mit dem Rad gefahren sei. Da habe es sogar noch die Schienen der Straßenbahn gegeben. Das sei auch gegangen. Und wenn er höre, dass der Stadtrat einstimmig für den Radentscheid gestimmt habe, als dessen Folge Maßnahmen wie die Sperrung der Straße kämen, „dann muss dieser blöde Unsinn auch wieder einstimmig weg“.
Lauter Applaus. Bravo-Rufe.
„Radfahrer sollen auch mal ein paar Euro zahlen…“
Doch die Befürworter der Sperrung aus dem Stadtrat bleiben tapfer. „Probiert’s es doch mal aus“, meint Grünen-Stadtrat Hans Teufl. Wenn es gar nicht gehe, könne man sowas auch wieder rückgängig machen. Ungläubiges Raunen. Gelächter.
Ruhig ist es nur, wenn Michael Lehner oder Astrid Freudenstein sprechen. Sie wissen die Anwesenden auf ihrer Seite. Die CSU-OB-Kandidatin verweist darauf, dass man zwar dem Radentscheid zugestimmt habe, aber nicht jeder einzelnen Maßnahme. Das müsse immer gesondert abgestimmt werden. Als einer der anderen Stadträte sie unterbrechen will, dreht sie sich bestimmend um: „Jetzt rede ich.“
Astrid Lamby räumt ein, dass die Verkehrssituation in der Lessingstraße katastrophal sei. Die ÖDP habe gegen diese Planung gestimmt. „Aber das muss man getrennt voneinander betrachten und getrennt voneinander lösen.“ Es wird abgewunken, die Gespräche am Rand werden lauter. Vieles versteht man nicht. Viele hören nicht zu.
„Radfahrer sollen auch mal ein paar Euro zahlen, um den Ausbau ihrer Radwege zu finanzieren“, wird gerufen. Bisher würden ja alles die Autofahrer mit ihren Steuern zahlen. Verhaltener Widerspruch von wenigen, zustimmendes Gelächter und Geklatsche von den Lauten.
Auftritt von OB-Kandidat Janele
Christian Janele, OB-Kandidat von der CSB, meldet sich zu Wort. Ein Wahlkampfauftritt.
Er habe der Sperrung ja auch zugestimmt, sagt er. Aber in der Vorlage der Verwaltung sei auch gestanden, dass die Bürger befragt wurden. Das stimme ja gar nicht, wie er jetzt erfahre. Dann wird Janele lauter und hebt mit Pathos in der Stimme an: „Dann muss der Beschluss wieder aufgehoben werden. Der Bürgerwille muss umgesetzt werden.“ Wieder wird begeistert geklatscht.
Tatsächlich ist in der Verwaltungsvorlage an keiner Stelle die Rede davon, dass Bürger oder Anwohner befragt worden seien. Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer hatte in der Sitzung lediglich an die Debatten um den Bau der Klenzebrücke und die Verlängerung der Lessingstraße erinnert.
„Damals war ein Hauptargument gerade von den Bewohnern der Margaretenau, dass die Klenzebrücke gebaut werden muss, um die Schleich- und Querungsverkehre durch die Margaretenau über die Dechbettener Brücke zu verhindern“, so Maltz-Schwarzfischer. „Die haben gesagt, der Verkehr muss außenrum geführt werden.“
Doch das nur am Rande. Von den Anwesenden wird das eine wie das andere bestritten. Niemand hier habe sich jemals für eine Sperrung ausgesprochen – ob nun in einer Befragung oder bei einer Bürgerversammlung.
„In vier Wochen können wir ja unser Kreuzerl machen.“
Nach einer knappen Stunde geht es an der Georg-Herbst-Straße in den direkten Austausch. Zwiegespräche zwischen Anwohnern und Stadträten. Es wird etwas ruhiger. Michael Lehner packt schon mal zusammen. „Ich hab es ja gleich gesagt“, meint er – und verabschiedet sich. Ein paar Leute von der JU-Liste „Zukunft“ im Schlepptau.
Der Mann, der gerade die Straße hochgebrüllt hat, sagt: „In vier Wochen können wir ja unser Kreuzerl machen.“ Die überwiegende Mehrheit der hier Anwesenden vermutlich bei der CSU.
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Kreisky
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Wie performativ kann Wahlkampf sein, inkl. Auftritt des sog. Wahlvolks?
michinga
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„’Warum muss man eine Hauptradroute durch ein Wohngebiet führen?’, fragt ein junger Mann.”
–> stimmt! Ich würde für die Hauptradrouten eher Hauptverkehrsstraßen hernehmen. Ab nächster Woche dann auf Landshuter-, Friedens-, Franken-, furtmairstraße usw. dann eine Komplette Fahrspur für den Radverkehr umwidmen – je Richtung.
300 Räder ersetzen eine Stadtbahn und so.
KW
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Den Artikel sollte man in einem Forum für zukünftige StadtbewohnerInnen veröffentlichen – dann wissen die schon mal, in welchem Viertel bzw. in welcher Nachbarschaft man definitiv nicht wohnen möchte.
Robert Fischer ÖDP
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Bei solchen Terminen werden ja auch nie Befürworter sein. Man wirds vermutlich wirklich bei der Wahl sehen, ob im Westen, wo “linkere Parteien” immer ganz gut abschneiden, auf einmal alle nur deshalb auf einmal anders wählen.
Auf jeden Fall interessant zu sehen, dass Leute, die im gemütlichen Auto sitzen, sich so darüber aufregen können, 90 Sekunden Umweg zu fahren.
Rettungsdienste können in den Niederlanden und Co. bequem auf den Radwegen am Stau vorbeifahren, warum bei uns nicht? https://youtu.be/3zGrNDFjAJY&t=9
„Radfahrer sollen auch mal ein paar Euro zahlen, um den Ausbau ihrer Radwege zu finanzieren“,
Regensburg gibt so 2,50 € bis 10 € je nach Jahr pro Kopf für Radinfrastruktur aus, soweit ich nachvollziehen konnte. Wo soll ich die hinüberweisen?
Wenn Autofahrer ihre Infrastruktur und ihre Parkplätze (so viel wie das Grundstück wirklich wert ist) zahlen würden, wäre die Hälfte der Autobesitzer in der Privatinsolvenz.