„Besondere Sorgfalt“

Bahnbrechende Erkenntnisse. Solche zeitigt die Diskussion um die Bodenplatte vor dem ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Stadtamhof. In einer Vorlage von Kulturreferent Klemens Unger, über die der Regensburger Kulturausschuss am Donnerstag (17 Uhr, Altes Rathaus) berät, wird festgestellt, dass in Regensburg „neuerlich eine Diskussion zum Umgang mit der Gedenkkultur bezüglich der Opfer des Nationalsozialismus entstanden“ sei. Über die näheren Gründe für diese Diskussion schweigt sich die Vorlage zwar aus, aber immerhin wird das Fazit gezogen, „dass Formulierungen und Inhalte mit besonderer Sorgfalt abzuwägen sind“. Donnerwetter! Schön, dass sich das mal gezeigt hat. Das mit der Sorgfalt. Und nachdem diese „besondere Sorgfalt“ weder der unbekannte Texter der Platteninschrift aus dem Amt für Archiv und Denkmalpflege, noch Unger als dessen Vorgesetzter, noch eine städtische Referentenrunde unter Beteiligung der drei Bürgermeister an den Tag gelegt hat, soll das Ganze nun „auf eine breite Basis“ gestellt werden. Unger schlägt vor, eine Arbeitsgruppe zu gründen, in die Vertreter der jüdischen Gemeinde, der Universität, der Sozialen Initiativen, des Goethe-Instituts, der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, des DGB Regensburg und des Bündnisses „Kein Platz für Neonazis“ eingeladen werden. Diese Vorlage stellt eine gewisse Kehrtwende in Sachen Gedenkkultur dar. In den letzten drei Jahren gab es immer wieder den Auftrag ans Kulturreferat, einen Vorschlag, ein Konzept oder „pfiffige Ideen“ auszuarbeiten. Bislang ist dabei wenig Konkretes, zum Teil Peinliches und – im Fall Colosseum – schlicht Ärgerliches herausgekommen. Ab und an gab es mündliche Zwischenberichte des Kulturreferenten, ehe wieder einige Monate ins Land zogen, in denen nichts passierte. Schließlich war gar schon die Rede davon, dass sich doch der Verein „Welterbe Kulturfonds Regensburg – Die Förderer“, eine Veranstaltung des Kulturreferenten zusammen mit Bischofshof-Brauerei-Chef Hermann Goß zum Behufe der König-Ludwig-Denkmal-Wanderung nebst standesgemäßer Bierwerbung, um Gedenktafeln in Regensburg kümmern könne. Das scheint vom Tisch zu sein. Offenbar wird nun der erste ernsthafte Versuch unternommen, ein seit drei Jahren versprochenes Konzept endlich auszuarbeiten. Und endlich ist man bereit, dabei dafür mehrere gesellschaftliche Gruppen ins Boot zu holen. Unger greift mit seinem Vorschlag übrigens in Teilen genau das auf, was die Grünen – bereits vor geraumer Zeit – in einem Antrag an den Kulturausschuss formuliert haben. Dieser Antrag wird ebenfalls am Donnerstag diskutiert – allerdings erst nach der Vorlage des Kulturreferenten. Auch das zeugt von besonderer Sorgfalt.

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Kommentare (3)

  • peter sturm

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    das ist die erste gute nachricht seit sehr langer zeit. ich freue mich außerordentlich. bei den bisher verantwortlichen herrschte wohl, im bezug auf das gedenken an die opfer des deutschen faschismus, eine art örtliche betäubung vor.

  • Erich Tolli

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    Tolle Idee, die sich schon beim sog. Kulturentwicklungsplan bewährt hat: Unger lässt alle Leute reden und agiert derweil weiter, wie er will.

    Man darf gespannt sein, ob Unger es in diesem Zusammenhang „zulässt“, dass neben dem sog. Opfergedenken auch Täter, wie der BVP-NSDAP-CSU Bürgermeister Hans Herrmann, thematisiert werden.
    Im Regensburger Gedenkschema werden nämlich bislang nicht nur die NS-Opfer ausgeblendet, sondern zudem die Täter teilweise mit „Ehrenwürden“ und Schulnamen ausgezeichnet.

    In Ungers „Schreckenstage-durch-Napoleon-Gedenken“ war es anders: dort klitterte er im Pylonentor die Geschichte durch die sachlich falsche Benennung Napoleons als Täter und konstruierte als Opfer sein WELTERBE bzw. die Stadtamhofer.

  • grace

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    na wie heisst es so schön:

    Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis
    oder:
    Kennst du das Ergebnis schon, gründe eine Kommission

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