Herr Stein rät

Bockfotzn für die Moderne

Sie suchen Orientierung in schwierigen Zeiten? Dann vertrauen Sie Martin Stein und seinem Lebensratgeber „Herr Stein rät“ – heute geht es um nichts weniger als die Moderne. Wir veröffentlichen das zugehörige Video und haben den Text so gut es ging transkribiert…

Ratschläge für alle Lebenslagen: Herr Stein rät. Foto: Berli Berlinski

Ich hab ja jetzt schon lang keinen Rat mehr gegeben, und das tut mir auch leid, gerade weil so viele Leute dringend auf meinen Rat angewiesen sind im Moment. Und dann gibt’s aber auch eh so viele Leut, die wo grad Ratschläge geben, und da mag ich auch nicht damit konkurrieren. Ich hab auch überhaupt keine Lust, dass ich jetzt dabei mitmach und den Leuten erzähl, wieviel Pullover Sie übereinander anziehen müssen, bis dass das Leben wieder schön wird.

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Ich seh das alles ein bisschen aus einer höheren Warte heraus. Vielleicht liegt das daran, dass ich seit bald 30 Jahren im vierten Stock wohne, und da muss man mit der Zeit auch andere Sachen lernen als wie Kirschkernweitspucken.

Übersicht lernt man da! Das sag ich Ihnen! Insofern geht’s mir jetzt auch nicht um den Pullover, sondern um das Schaf, das dem Pullover zugrunde liegt, das große Mutterschaf sozusagen, und dieses Schaf ist grad ein schwarzes Schaf, und bevor ich mich jetzt total verhau in der Metapher: Es geht um nichts mehr oder weniger als – obacht – die Moderne an sich.

Weil, das ist ja an sich das Problem: diese Moderne. Moderne, das hört sich so gut an, aber das ganze furchtbare Zeug passiert genau da: die Kriege und die Gaspreise und Corona und Helene Fischer – alles Moderne. Also muss man sich ganz generell die Frage stellen, wie sich denn die Moderne aushalten lässt.

Deswegen hab ich auch so lange gebraucht mit diesem Podcast, weil das einerseits eine sehr bedeutsame Frage ist und andererseits hat das ja mit der Moderne eine direkt philosophische Dimension. Weil, was ist das jetzt eigentlich genau, die Moderne? Wenn ich jetzt ganz normal ein bisserl später aufsteh und mir einen Kaffee mach und dann über die Moderne zum Schreiben anfang, und dann werd ich vielleicht nicht ganz fertig damit und leg mich wieder hin, und am nächsten Tag ist meine schöne Moderne total von gestern.

Ich hab auch den Eindruck, dass die Moderne jetzt, also quasi die moderne Moderne, nicht mehr so lange hält wie früher. Da ist die Moderne von heute auch nix anderes wie so ein Geschirrspüler zum Beispiel, den hat man früher auch 20 Jahre lang gehabt, und heute wird der Griff zum Wegschmeissen gleich mitgeliefert.

Insofern hab ich da jetzt ein bisserl drüber nachgedacht, aber es ist einfach keine brauchbare Moderne dahergekommen, und dann hab ich langsam gespannt, dass im Problem die Lösung des Problems liegt. Man muss die Moderne einfach aushalten. Zumindest eine Zeitlang.

Die Moderne ist nämlich nix anderes als wie ein Rotzlöffel mitten in der Pubertät der Zeit, der recht wichtig tut und meint, dass er die Weisheit mitm Löffel gefressen hat, aber eigentlich weiß er noch nicht einmal genau, wie man sich das Hosentürl zumacht.

Genau das ist nämlich typisch für unsere Moderne: Dass ihr ständig irgendwas irgendwo zwischen den Haxen heraushängt, wo’s einem nur so grausen könnt. Ich weiß jetzt auch nicht, wie man die Moderne erziehen sollt, dass sie ein bisserl erwachsener wird. Vielleicht einfühlsam mit ihr reden, oder doch auch amal eine gezielte pädagogische Bockfotzn. Damit die Moderne vielleicht einmal kapiert, dass sie nicht der Nabel der Welt ist, sondern oft genug bloß der Blinddarm.

Bei manchem muss man der Moderne vielleicht einfach auch ein bisserl Zeit lassen, dass man schaut, was von ihr am Schluss wirklich übrig bleibt. Dass ich mir eine Moderne mal überhaupt genauer anschaue, da muss sie sich zumindest mal länger halten wie die Bienenkorbfrisur von meiner Mama in den 1950ern. Sapprament, war die greislig. Ok, in meiner Jugend dann musste man ganz unbedingt ein asymmetrisches Zöpferl hinten am Kopf haben, und das war in den 1980ern noch lang nicht das Schlimmste.

Also ignorieren und nur im Notfall eingreifen, wenn’s drum geht, der Moderne die schlimmsten Grämpf auszutreiben. Geduldig sein, vielleicht Atemübungen oder sowas zur Entspannung, und ansonsten die Moderne einfach ertragen und darauf warten, dass sie erwachsen wird. Dass sie quasi zur Postmoderne wird. Man muss so ein Kind auch amal schreien lassen.

In meiner Persönlichkeit verbindet sich ja ganz viel Positives: Altersweisheit und vierter Stock. Sie erinnern sich, zwecks der Übersicht, verstehns.

Mit dem Alter kommt aber auch noch so eine Art Zwangsgelassenheit: Ich kann nicht mehr so wie früher aus dem Bett hetzen und nachschauen, was für einen Flicken ich jetzt gleich noch schnell an mein Regenbogenfanderl hinnähen muss, dass ich auf dem neuesten Stand bin. Überhaupt hetz ich eher weniger, und außerdem brauch ich länger auf dem Klo, und deswegen ist meine Regenbogenfanderl-Solidarität zwar auf jeden Fall da, aber halt eher prä-modern.

Die Modernen mögen die Prä-Modernen nicht so besonders, aber so ist das halt. Das muss einem wurscht sein, weil, wenn sich die Moderne mal ausgewachsen hat, dann wird man sich wieder miteinander vertragen müssen. Das ist wie mit der Verwandtschaft; das mag einem oft nicht so passen, dass man zusammengehört, und vielleicht hat man auch immer mal wieder den Verdacht, dass man doch adoptiert worden ist, aber am Schluss muss man halt irgendwie wieder miteinander auskommen. Und zwar vor allen Dingen der Moderne zuliebe; die braucht uns Prä-Modernen nämlich mehr als wir sie, auch wenn ihr das gescheit stinkt.

Es ist nämlich folgendermaßen: Die Moderne hat gar nicht besonders viel Freunde, wie man meinen könnt. Ich hab das mal überschlagen und glaub, die sind weltweit ungefähr zu acht. Diese acht hören sich halt nach viel mehr an, weil sie so laut sind, aber das heißt noch lange nicht, dass sie irgendwas zerreißen. So a bisserl wie so ein Dackel, so ein kleiner Kläffer, so ein Waukerl. Angeben wie eine Steign voll Affen, aber wenn man ihm mal einen kleinen Renner gibt, dann braucht der drei paar Schuh zum Bremsen.

Bloß ist der Nachteil, dass es grad einen Haufen Leut gibt, die wo ned nur genervt sind von der Moderne, sondern einen richtigen Hass drauf haben. Und die sagen dann schnell einmal, Moderne, so ein Scheiss, da machma doch lieber mal wieder alles so wie vor 80 Jahr. Ja, bloß weil damals ein bisserl was kaputt gegangen ist, warum soll man das nicht noch amal probieren. Es war ja ned alles schlecht damals.

Also, da wird’s natürlich interessant. Wenn ich zum Beispiel die Autobahn als Beispiel erwähne für was, das wo nicht schlecht war damals, obwohl die Städte, zwischen denen die Autobahn verkehrt ist, alle hin waren, dann bewundere ich so eine positive Sicht auf die Dinge. Ich bin da ja eher so ein Glas-Halb-Leer-Mensch.

Jedenfalls ist jetzt im Moment auch nicht alles schlecht, auch wenn’s manchmal nervt, aber ich finde, es ist schon auch was wert, dass die Städte vor und hinter der Autobahn noch stehen. Da halt ich persönlich dann lieber mal eine nervige Moderne aus, weil, das Meiste, das wächst sich dann schon aus irgendwann. Oder auch nicht, das wird man dann schon sehen. Die Helene Fischer werden wir vermutlich nicht mehr los. Aber sonst?„"

Ich glaub, in die allermeisten Fälle, die wo uns jetzt so auf den Sack gehen, wird’s am Schluss doch bloß wieder so ein asymmetrisches Zöpferl am Hinterkopf, das man irgendwann stillschweigend abschneidet, weil’s halt greislich war. Und schon ist wieder eine Ruh. Bis zum nächsten Zöpferl.

Auf Wiederschaun.

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Kommentare (5)

  • Mr. T.

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    Ist das schon der erste Schritt des Herrn Stein auf dem Weg zum alten weißen Mann? Gwiss ned!
    Aber stimmt schon, wird immer anstrengender auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Lohnt sich aber!

  • Luchs

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    Moderne hin oder her -Veränderung macht sich in dramatischen Augenblicken bemerkbar. Wer da als Prä- Moderner ein Länger auf dem Klo und Helene Fischer ins Feld führen kann, steht wohl auf der Sonnenseite des Lebens. Oder besser: sitzt.
    Zusammengefasst von Karl Valentin: “Die Zukunft war früher auch besser.”

  • Michel

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    Herr Stein ist ein genialer Selbstdarsteller, Redner und Wortkünstler vor dem Herrn, keine Frage.
    Nur was will er uns sagen? Was ist die Botschaft, sein eigener Gedanke zu den wichtigen Fragen der Zeit? Ob er sich je mit den Theoretikern und den Kritikern der Moderne bzw. Postmoderne befasst hat?

    Ich kann leider nichts von Gehalt, Wert oder Bestand lesen oder erkennen. Meister Stein aufm Kanapee schient selbst sich genug zu sein, seine Botschaften klingen in meinen Ohren beliebig und nur in Phrasenhaftkeit ein wenig genial.

  • Andreas

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    @Michel
    Stimme voll und ganz zu. Ich empfinde das auch nur als eine Aneinanderreihung von lebenslang aufgesammelten Wirtshaus-Weisheiten eines alternden Mannes.

  • Günther Herzig

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    Der Herr Stein, selbstgefällig und nicht einmal amüsant. Hoffentlich entdeckt ihn bald jemand aus Berlin oder einem anderen glitzernden Ort. Dann wären wir traurig, ihn aber los.

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drin