„Der Schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn!“

Über das Lieben und Sterben polnischer Zwnagsarbeiter in Ostbayern während der NS-Zeit. Schierling. Eine Geschichtsstunde der besonderen Art erlebten die Besucher der Buchlesung von Thomas Muggenthaler, Journalist beim Bayerischen Rundfunk, im Gasthaus Aumeier. Eingeladen dazu hatten die Schierlinger SPD und der SPD-Arbeitskreis Labertal. Das erschütternde Buch handelt vom „Verbrechen Liebe. Von polnischen Männern und deutschen Frauen. Hinrichtungen und Verfolgung in Niederbayern und der Oberpfalz während der NS-Zeit“. Nichts für schwache Nerven waren die Bilder einer Hinrichtung eines polnischen Kriegsgefangenen am Ortsrand von Wiesenfelden im ehemaligen Landkreis Roding, die Schilderungen von Augenzeugen von anderen staatlichen Verbrechen in ausgewählten Tondokumenten und die ausgewählten Texte, die der BR-Reporter aus seinem viel beachteten Buch las. Sie machten deutlich, wie aktuell die berühmten Verse in Friedrich von Schillers „Das Lied von der Glocke“ über 140 Jahre später noch sind: „Gefährlich ist’s den Leu zu wecken, Verderblich ist des Tiger’s Zahn, Doch der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn.“ Genau um eine solche menschenvernichtende Abart, nämlich dem Rassenwahn der Nazis, ging es bei dieser Lesung der besonderen Art, in die die SPD-Ortsvorsitzende Madlen Melzer in ihrer kurzen Begrüßungsrede inhaltlich einführte. Auf die 22 dokumentierten Hinrichtungen in Gemeinden der Oberpfalz und Niederbayern war Thomas Muggenthaler durch einen 2.500 Seiten umfassenden Aktenfund im Staatsarchiv Amberg gestoßen. Es handelte sich um die Ermittlungsakten gegen drei ehemalige Regensburger Gestapo-Beamte, die sich besonders engagiert und hingebungsvoll darum gekümmert hatten, dass die zum Teil blutjungen polnischen Fremdarbeiter wegen Verstoßes gegen das Rassegesetzes ohne Gericht der „Sonderbehandlung“, nämlich der Hinrichtung am Galgen, zugeführt wurden. Die Bilder zeigten die Hinrichtung des polnischen Fremdarbeiters Julian Majka am 18. April 1941 in Michelsneukirchen. Sie kamen über die Vereinigten Staaten in die Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Ein amerikanischer Soldat hatte sie bei der Befreiung des Konzentrationslagers am 23.04.1945 in Schreibtisch eines SS-Offiziers entdeckt und mit in seine Heimat genommen. Sie dokumentierten den Ablauf einer solchen Hinrichtung. Amtspersonen wurden herbeizitiert, in der Regel der örtliche Bürgermeister und der zuständige Landrat oder Vertreter aus den Nachbargemeinden, der Gestapo-Beamte aus Regensburg, bisweilen ein staatlicher Henker, assisitiert von zwei bis drei KZ-Insassen. Zur Abschreckung wurden die polnischen Zwangsarbeiter im weiten Umkreis, oft mehr als hundert, zusammengetrieben, die der Hinrichtung ihres Landsmannes und Kameraden zusehen mussten oder an den Erhängten vorbeigehen mussten. Das Mädchen wurde nach der Geburt ihres Kindes dann ebenfalls ins Gefängnis gesteckt und kam dann ohne Gerichtsurteil für über drei Jahre ins KZ Ravensbrück. Vom Tod ihres Freundes und Vater ihres Kindes erfuhr sie erst nach der Heimkehr in die Heimat. Der Rassenwahn der Nazi-Diktatur beschränkte sich nicht nur auf die Liebesbeziehungen. Verboten war zum Beispiel auch das Essen von Deutschen und Fremdarbeitern am gemeinsamen Tisch und die Essensportionen für diese mussten kleiner sein als für Deutsche. Nur scherten sich die Bauern oft nicht um diese Vorschriften, da sie es meistens mit sehr fleissigen und tüchtigen Arbeitern zu tun hatten. Selbst das gemeinsame Beten war verboten, wie ein Brief des Regensburger Generalvikars an das Katholische Pfarramt Schierling vom 9. August 1940 auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars Wagner zeigt. Demnach wurde von diesem die Teilnahme von Polen ganz allgemein an deutschen Gottesdiensten verboten. Selbst ein eigener abgetrennter Platz in der Kirche für Polen war nicht erlaubt. Sonder-Gottesdienste für die Polen mussten von der Polizeibehörde genehmigt werden. „Es dürfte aber sicher auf Ansuchen von der Polizei gestattet werden, dass die Polen und Franzosen zusammen einen eigenen Gottesdienst erhielten, an dem kein Deutscher außer den unbedingt nötigen Personen(Mesner, Ministrant), teilnehmen dürften.“, heißt es in dem Brief aus dem Ordinariat des Bistums. Umso tödlicher waren die Konsequenzen für die deutsch-polnischen Liebespaare. Am Anfang stand häufig die Denunzierung der Liebesleute durch eine missgünstige Person oder die Beziehung wurde durch die Schwangerschaft des Mädchens verraten. Hatte dann erst einmal die Gestapo Wind von der Liebesgeschichte erhalten, kam das Räderwerk des Rassenwahns so richtig in Fahrt. Polizeiliche Ermittlungen, Verhaftung der Beteiligten, monatelange Gefängnishaft für beide und am Ende der Hinrichtungsbefehl aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Die Hinrichtungen fanden bis 1943 an den Wohnorten der Fremdarbeiter statt, später im KZ Flossenbürg, weil sich die Stimmung in der Bevölkerung zusehends gegen die Nazis richtete. Manchmal hatten sich sogar die örtlichen Bürgermeister, der Landrat und andere Vertreter des öffentlichen Lebens sich für die Delinquenten eingesetzt, aber in der Regel vergebens. Dem Rassenwahn musste „auf Teufel komm raus“ gehuldigt werden. Die Leichen der Hingerichteten wurden nicht bestattet, sondern im Krematorium im KZ verbrannt oder sie wurden zu Forschungszwecken an die gerichtsmedizinischen Institute der Universitäten geliefert. Die Mädchen kamen nach der Geburt ihres Kindes in der Regel für Jahre ins Frauen-KZ Ravensbrück im Landkreis Templin-Uckermark zur Zwangsarbeit. Einige kamen dort ums Leben. Die Kinder dieser Liebesbeziehungen wurden meistens von den Großeltern oder nahen Verwandten betreut. Sie erfuhren manchmal erst Jahrzehnte später über das Schicksal ihrer Väter und Mütter. Letztere waren durch den Leidensweg vielfach seelisch so traumatisiert, dass sie nicht einmal mit ihren Kindern darüber reden konnten. Die Blut- und Todesspur der von Thomas Muggenthaler geschilderten Hinrichtungen und tragischen Lovestories zog sich von Wiesenfelden, Lkr. Roding, über Münchshöfen, Eschlbach und Rain im Landkreis Straubing sowie über Dettenkofen und Oberlauterbach, Landkreis Landshut, bis nach Tollbach, Schweinbach und Bad Abbach im Landkreis Kelheim. Über ihren Schicksalen und Martyrien könnte die Überschrift eines Gedichtes „Kurze Leben“ von Bert Brecht stehen: „…Dann sind wir gegangen. Gelebt haben wir wenig.“ Am Ende stand Thomas Muggenthaler noch für Fragen zur Verfügung. Madlen Melzer dankte ihm für diese nachdenkenswerte Buchlesung über ein Kapitel der Heimatgeschichte, das zum Kampf gegen den Rechtsextremismus verpflichte.

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Kommentare (1)

  • Maxelon

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    Ich bin sehr dankbar, für so viel Interesse und Ausdauer, bei den Recherchen. Das Ergebnis ist faszinierend .
    Es gibt kein andere , Weg um die Geschichte zu verarbeiten, und die neue Generation, gegen solche Gefahren, wie NSU , zu ,, impfen“.
    Ich hoffe, das nicht zu spät ist.
    Es ist unsere Pflicht, jetzt zu reagieren.

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