Demo

Erneuter Protest gegen das iranische Regime

Erneut demonstrierten vergangenen Samstag Menschen in Regensburg aus Solidarität mit den Protesten im Iran. Ohne Störungen, dafür mit klaren Forderungen an die Politik.

150 Menschen brachten am Samstag zunächst vor dem Alten Rathaus ihre Solidarität mit den Protesten im Iran zum Ausdruck. Foto: Bothner

Seit Wochen finden im Iran nahezu täglich landesweit Proteste statt. Das Mullah-Regime geht bereits jetzt immer wieder brutal dagegen vor. Regierungskritiker werden inhaftiert. Hunderte Menschen sollen mittlerweile getötet worden sein. Von manchen Personen fehlt jede Spur. Die Reaktion aus dem Westen kommt derweil nur zögerlich, kritisiert man vergangenen Samstag vor dem Alten Rathaus. Dort versammeln sich mittags rund 150 Menschen. Jene, die sich Anfang Oktober noch einen Schlagabtausch darüber lieferten, wer wie und mit welchen Fahnen demonstrieren darf, sind diesmal nicht anwesend. Die Veranstalter hatten in ihrem Aufruf darum gebeten.

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Die Proteste galloppieren weiter durch das Land

Ohne sich durch irgendjemanden „zähmen zu lassen“, galoppiere der Protest im Iran seit nunmehr sechs Wochen „wie ein wildes Pferd über jede Ecke des Landes“ und bringe die „Säulen der diktatorischen Mullah-Herrschaft zum Beben“. Es ist der Text einer Exil-Iranerin, der Samstagmittag vor dem Dom verlesen wird. Zunächst am Alten Rathaus gestartet, sind zuvor rund 150 Menschen durch die Altstadt gezogen. Sie wollen ihre Solidarität mit den Protesten im Iran zeigen.

Gegen das Mullah-Regime skandierend, geht es durch die Gesandtenstraße und an der Neupfarrkirche vorbei bis zum Domplatz. „Frauen, Leben, Freiheit“, ist auf einem Plakat zu lesen. Es sind jene drei Worte, die derzeit überall im Iran zu hören sind. „Zan, Zendegī, Āzādī.“, auf persisch. Oder, wie auf einem Transparent in Regensburg zu lesen ist, im Kurdischen: „Jin, Jiyan, Azadî.“

Zur Erinnerung: Am 13. September wurde die 23-jährige Jina Mahsa Amini in Teheran von der Gashe-Ershad, der Sitten-Polizei, festgenommen. Unter ihrem Kopftuch war eine Haarsträhne zu sehen. Drei Tage später verstarb die junge Frau, mutmaßlich durch Polizeigewalt. Seitdem finden im ganzen Land die größten Proteste seit der „Grünen Bewegung“ im Jahr 2009 statt. Frauen verbrennen ihre Kopftücher und schneiden sich die Haare ab.

„Die Frau musste entfeminisiert werden“

Es sei eine Kampfansage an jenes Regime, das laut der Exil-Iranerin, deren Brief verlesen wird, seit seinem Bestehen „im Namen Gottes und des Islams in alle Seiten des Lebens der iranischen Bevölkerung gewalttätig“ eingedrungen sei. Die „Staatsmänner brachten das weibliche Geschlecht unter ihren Turban“.

Niemand habe das Recht, über den Körper anderer Personen zu bestimmen, lautet eine klare Botschaft der Demo. Foto: bm

Der weibliche Körper sei „gnadenlos in der Öffentlichkeit und in den Medien zensiert“ worden. Jede Weiblichkeit „musste verstümmelt werden, die Frau musste entfeminisiert werden“, zum Schutze der männlichen Herrschaft. Nach über vierzig Jahren harter Repressionen seien es nun diese Frauen, die „mit ihren Haaren, ihren Stimmen, ihren weiblichen Körpern nach Freiheit rufen“.

Gegen die Geschlechter-Apartheid

Die iranische Bloggerin Mina Khani hat das auf der Scharia beruhende iranische Rechts- und Staatssystem kürzlich mit „Geschlechter-Apartheid“ betitelt. Die Regensburger feministische Gruppe Eben.Widerspruch greift Khanis Worte am Samstag auf. „Die sexuelle Kontrolle der Gesellschaft“, wird Khan zitiert, sei „durch die Zwangsverschleierungsmaßnahmen der wichtigste Bestandteil des Systems“. Das Gesetz mache eine klare Trennung anhand der Geschlechter auf und unterdrücke systematisch Frauen, heißt es in dem Redebeitrag zu Beginn der Demo vor dem Alten Rathaus.

Initiiert hat die Kundgebung – mit Unterstützung der Seebrücke – Barah, eine junge Studentin. Ihren richtigen Namen und ihr Gesicht möchte sie, so wie andere, nicht veröffentlicht wissen. Zu groß sei ihre Sorge, welche Konsequenzen das für ihre Familie und Freunde im Iran haben könnte. Der lange Arm Teherans, er reiche teilweise sogar bis nach Deutschland, fürchtet sie. „Viele Iraner haben vor ihren eigenen Landsleuten Angst, weil der Andere potenziell für die islamische Regierung arbeiten könnte.“ Vor dem Dom fällt einigen ein älterer Mann auf, der auffallend eifrig die Szenerie mit seinem Handy zu filmen scheint. Am Ende ist es nur ein Verdacht – getragen von der Angst vor dem iranischen Staatsapparat.

Deutsche Firma leistet Hilfe

Seit dem Beginn der Proteste vor über einem Monat könne sie ihre Angehörigen kaum noch erreichen, erzählt uns Barah später. Das Internet werde – mit tatkräftiger Unterstützung der deutschen Firma Softcloud – blockiert, Messenger wie Whats App seien verboten. „Wenn ich dann doch mal kurz durchkomme, dann sind oft seltsame Geräusche in der Leitung.“ Die Berichte, das Regime höre verstärkt Gespräche mit, sind zuletzt häufiger geworden. Bestätigen lassen sie sich kaum. Doch das Misstrauen gegenüber der iranischen Führung sitzt tief.

Das zeigen auch die Worte einer Demoteilnehmerin. Seit sechs Jahren sei sie nicht mehr im Iran gewesen, erklärt sie uns. Auch sie habe momentan kaum Kontakt nach Hause. Über die Proteste oder die Politik könne man nicht offen reden. Um so wichtiger seien solche Solidaritätskundgebungen wie in Regensburg und Berlin, wo am Wochenende zehntausende Menschen gegen das Regime auf die Straße gegangen sind. Es brauche die Öffentlichkeit, zum Schutz der Menschen im Iran. Sonst werde es noch schlimmer, befürchtet die Frau. „Dann bringen sie die Menschen reihenweise um.“

Welche Haltung nimmt Deutschland gegenüber dem Iran ein?

Das repressive System des Iran sei seit vielen Jahren bekannt, kritisiert Barah Deutschland als noch immer einen der wichtigsten Partner im Westen. Außenministerin Annalena Baerbock hat kürzlich zwar die „rohe Gewalt des Regimes“ verurteilt. Doch fehle es bisher an konkreten Sanktionen.

Vor dem Dom wird der Text einer Exil-Iranerin verlesen. Die Unterdrückung der Frau sei elementarer Bestandteil des iranischen Staates. Foto: Bothner

Die Studentin kommt dabei auf Adnan Tabatabai zu sprechen. Ein Verwandter von Ajatollah Khomeini, dem einstigen Herrscher des Iran. Tabatabais Vater Sadegh begleitete Khomeini persönlich aus dessen französischem Exil zurück in den Iran und gehörte jahrelang zum obersten Machtzirkel der Islamischen Republik. Später arbeitete er für das Regime als diplomatischer Gesandter. 1983 wurden bei ihm am Düsseldorfer Flughafen 1,65 Kilo Roh-Opium im Gepäck gefunden. Nach seinem Tod wurde Sadegh Tabatabai im Khomeini-Mausoleum öffentlich bestattet.

Enger Vertrauter mit Kontakten ins Außenministerium?

Sein Sohn hat vor mehreren Jahren das Center for Applied Research in Partnership with the Orient, kurz Carpo, gegründet. Die in Bonn ansäßige Denkfabrik wird vom Auswärtigen Amt gefördert und sowohl dort, als auch von deutschen Medien gerne als Expertenstelle konsultiert. Sein familiärer Background wird hingegen meist nicht aufgeführt.

„Wie kann das sein“, fragt Barah im Schatten des Doms, dass so jemand in Deutschland so frei agieren könne, „während Frauen im Iran auf der Straße sterben“. Die junge Frau zeigt sich wütend und verletzt. „Wir können es nicht mehr tolerieren, dass unsere Geschwister auf den Straßen erschossen werden.“

Der Geruch von Öl

Dabei schlägt sie auch einen Bogen zu anderen Krisenregionen. In Syrien unterstütze der Iran das Assad-Regime, in Afghanistan die Taliban und wie mittlerweile vermutet wird, Putin in der Ukraine mit Kampfdrohnen. „Diese radikalen Islamisten haben Durst nach Blut“, sagt Barah. Innerhalb der Demo hält ein Mann einen Zettel hoch. „Der Ölgeruch überdeckt den Geruch von Blut“, ist darauf zu lesen.

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Kommentare (9)

  • joey

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    “Wie kann das sein”, daß Steinmeier gratulierte und Claudia Roth schön verschleiert Mullahs abklatschte? Die beiden haben ein besonderes Geschick, immer wieder … oder sogar fast immer auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen.

  • Spartacus

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    Es geht halt immer nur um Geld, wer tatsächlich inzwischen noch glaubt es ginge irgendwann einmal um Moral und Werte hat zuviele EU Image Filme geguckt.
    Die SPD hat den Verrat an Werten und eignen Leuten in ihrer Identität seit der späten 30er Jahre und die Grünen werden in 4-5 Jahren auch total überrascht sein was für Machthaber in Quatar oder Aserbaidschan an der Macht sind. Hauptsache Omid Nouripour konnte noch eine flammende Rede am Parteitag halten dass die Grünen weltweit an der Seite jeder Frau stehen, kurz zuvor hat man selbstverständlich den als äußerst feministisch bekannten Regime in Saudi Arabien Panzer genehmigt, ganz im Sinne der feministischen Außenpolitik von Annalena, aber das musste man ja, sonst hätte man ja kein Geöd für die deutschen Kinder.
    Es wäre so lächerlich wenn durch diesen Grün-deutschen Panzer nicht in diesem Moment im Yemen Frauen zu Tode gebombt werden und die Saudischen Machthaber ihre Macht nicht mit diesen Grün- deutschen Panzern gegen jede saudische Frau verteidigen.

  • Native

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    Der perfide Masterplan von lupenreinen Demokraten (ethische „Kamikaze-Drohnen“) in Zeiten der Zeitenwende und den negativen Auswirkungen für die Zivilgesellschaft, weltweit, lässt einen irritiert zurück. Empathie – Fehlanzeige! Was sind das für Sitten? Wo ist den hier die Sittenpolizei – wenn man sie mal braucht?
    „Wer selbst nicht leuchtet, sollte wenigstens reflektieren.“

    Merke: Satire darf (fast) alles!
    https://www.ndr.de/nachrichten/info/Von-lupenreinen-Demokraten-und-dreckigen-Luegen,audio1073778.html

  • Traudl

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    Ist mit der Demo gegen die Verschleierung, auch diese in Europa inakzeptabel?

  • Mr. T.

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    Traudl, das war keine Demonstration gegen Verschleierung, sondern gegen das brutale, misogyne und diktatorische Regime.

    Aber wenn’s nicht mal bis zur Überschrift reicht …

  • joey

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    @Spartacus
    ja, ich lache auch immer wieder über “vor der Wahl”/nachher. Die Linke (eine Kleinpartei) ist da ganz auf der falschen Seite – nämlich zwischen allen Stühlen… wissen nicht wohin bei den Menschenrechten und Islam. Dabei wäre es ganz einfach: Religion ist Opium – hat ER da nur das Christentum gemeint?

  • Günther Herzig

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    Gallopp darf man auch mit einem”l” schreiben!
    Zum Thema:
    Diese deutsche Leisetreterei in der Außenpolitik ist zum Verzweifeln. Wenn schon so häufig der Vorrang der Diplomatie betont wird, dann fehlen trotzdem deutliche Signale, zum Beispiel durch Abberufung des Botschafters, das Herunterfahren der gesamten Botschaftstätigkeit bis hin zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Mein Eindruck ist, dass Annalena Baerbock lieber deutlichere Signale aussenden würde, wenn sie nicht durch diesen Kanzlerdarsteller daran gehindert würde. Der Gipfel diese Woche war die Rede des Bundespräsidenten, der uns darauf einschwört raue Jahre durchzustehen, ohne zuzugeben, dass uns diese schwierige Zeit bevorsteht, weil vor allem er und andere Irrlichter in der Außenpolitik das verursacht, gefördert und verschuldet haben. Steinmeier wurde in bester Proporzweise mit diesem Amt belohnt dafür, dass er uns so sehr geschadet. Steinmeier hat diesem bigotten Mördergesindel im Iran noch gratuliert zu einem Jubiläum. Langsam bekomme ich Lust auf Widerstand. Einstweilen wird nur gefördert, dass ich mich für Deutschland schäme. Das Motto der SPD-Außenpolitik bleibt, wie schon so oft: Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass!
    Ich hoffe jetzt erneut unter Beobachtung von Diensten, hier des Verfassungsschutzes zu kommen, wie bereits einmal in der Vergangenheit. Die kommen immer zu zweit und sind so unauffällig gekleidet, dass es auffällt. Wir haben nämlich auch eine Stasi!

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drin