Goethe-Turnhalle: Das Gift steckt in der Decke

Wegen erhöhter Formaldehyd-Werte ist die Turnhalle des Regensburger Goethe-Gymnasiums seit Februar gesperrt. Nun liegt der Stadt ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten des Fraunhofer-Instituts vor und fest steht: Nicht das mangelhafte Lüftungssystem ist in erster Linie verantwortlich für die erhöhten Werte, sondern das verbaute Material. Als „Hauptübeltäter“ hat das Fraunhofer-Institut die an der Decke verbauten Schaumstoffplatten ausgemacht. Die Stadt will das Gutachten nach Freigabe durch das Institut komplett veröffentlichen und hat zunächst eine ausführliche Pressemitteilung verschickt. Darin kündigt Oberbürgermeister Hans Schaidinger an, dass die fraglichen Platten ausgetauscht und durch „schadstofffreie Produkte“ ersetzt werden sollen.

Lüftung mangelhaft

Folgt man der Pressemitteilung weiter, war die vom planenden Architekturbüro Dömges AG verantwortete Lüftungsanlage in der Halle von Anfang an unzureichend. Damit ist auch die Rechtfertigung von Dömges, derzufolge sich „vor Ort in der Turnhalle des Goethegymnasiums“ jeder davon überzeugen könne, „dass das Prinzip der natürlichen Lüftung hervorragend funktioniert“, obsolet. Die Stadt hat das Architekturbüro nun zu einer Stellungnahme aufgefordert.

Vernünftiger Sportunterricht zu keiner Zeit möglich

Die von der Stadt bislang veröffentlichten Messungen des Fraunhofer-Instituts machen deutlich: Vernünftiger Sportunterricht war zu keiner Zeit in der Halle möglich. Bei funktionierender und durch das städtische Hochbauamt nachgerüstete Lüftung wurden demnach 98 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen. Das liegt zwar unter dem Eingreifwert des Bundesumweltamtes (120), aber klar über dem Richtwert der Weltgesundheitsorganisation, der auf 60 Mikrogramm festgelegt ist. Bei verschlossener Halle stieg der Wert binnen zwei Tagen auf knapp 300 Mikrogramm pro Kubikmeter Raumluft. Das vom städtischen Hochbauamt im Februar 2011, nach Sperrung der Halle, nachgerüstete Lüftungssystem sei „durchaus in der Lage, ausreichend Luft für den Hallenbetrieb bereitzustellen“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Allerdings wäre dies nur der Fall gewesen, wenn nicht derart belastete Materialien beim Bau verwendet worden wären.

Sperrung erst nach öffentlichem Druck

Die Turnhalle war im Februar erst auf öffentlichen und medialen Druck hin per Verfügung des Oberbürgermeisters gesperrt worden. Zuvor waren zum Teil geschönte und unbrauchbare Messwerte veröffentlicht worden. Beschwerden von Schülern und Lehrkräften wurden kleingeredet oder verschwiegen. All zu hartnäckige Lehrkräfte wurden zeitweise unter Druck gesetzt, um sie mundtot zu machen. Bei der Suche nach die Verantwortlichen zeichnete sich die Stadt durch vornehme Zurückhaltung aus. Einziger Lichtblick: Das Kommunikationsverhalten zum Thema Turnhalle hat sich im Verlauf der Debatte spürbar verbessert. Die seit Februar verfügte Sperrung der Halle ist bereits die zweite seit deren Fertigstellung vor gut zwei Jahren (Kosten: rund vier Millionen Euro). Im September 2009 wurde die Halle ebenfalls wegen erhöhter Formaldehyd-Werte gesperrt, es wurden belastete Prallwände ausgetauscht und die Halle wieder freigegeben, nur um wenig später erneut gesperrt zu werden. Dieses Mal soll hingegen, das hat der Oberbürgermeister angekündigt, „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“ gehen.

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Kommentare (3)

  • Jochen Schweizer

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    Diesers Gutachten ist ein klares Zeichen der totalen Inkopetenz der städtischen Verwalung und deren Fachleute und der beteiligten Architekten. Leider hat die MZ, im Gegensatz zu Regensburg Digital, etwas zögerlich und spät mit der Berichterstattung zu diesem Thema begonnen.

    Es ist mutigen Einzelpersonen und Medien wie regensburg-digital zu verdanken, dass hier überhaupt etwas in Bewegung gekommen ist.

    Und diese Verwaltung, die schon an der Baumaßnahme Schulturnhalle scheitert, ist dann auch zuständig für das zu bauende Fussballstadion?

    Die Hoffnung sirbt zuletzt!

  • Erich Tolli

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    Öfter mal was Neues! Nun wurde die Deckenisolierung als Formaldehyd-Quelle ausgemacht.
    Die letzte Meldung aus der städtischen Presseabteilung meinte noch belastete Prallschutzwände als Quelle ausmachen zu müssen – Geschwätz von gestern, das heute nur noch stören würde.

    Die Lüftung in der Goethe-Halle ist – was wunder – immer noch toll, auch wenn sie in energetischer Hinsicht eine völlige Lachnummer ist. Hermann sei Dank.

    Mit Verlaub, hier wird man verarscht, ganz nach dem Motto „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“.

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