Kosmopolit in Lederhosen

Zum „Muttertag“: Oskar Maria Grafs beispiellose Sozial-Chronik Das Leben meiner Mutter – ein Denkmal den Müttern, seiner Heimat, dem Internationalismus Wer kennt schon Oskar Maria Graf. Zwar wurde dieser selbsternannte „Provinzschriftsteller“ gerühmt von Leuten wie Gorki, Thomas und Heinrich Mann, Brecht und Einstein. Bekannt ist er aber nur wenigen. Um einem Autor und seiner Bedeutung auf die Spur zu kommen, liest man seine Autobiographie. Von Graf gibt es diese in den beiden Teilen Gelächter von außen und Wir sind Gefangene. Ein gewissermaßen vorbereitender dritter (oder nullter) Teil ist Das Leben meiner Mutter. Diese Geschichte seiner Mutter und seiner selbst ist in jeder Hinsicht überwältigend. Ein Werk von gut 550 Seiten, das Thomas Mann das „ungefügte Buch“ nannte, weil es sich gegen alle Gattungen und Regeln sperrt. Graf widmet sich, wo er es für richtig hält, sehr eingehend den Personen, Begebenheiten, der Zeitgeschichte, der Landschaft. An anderer Stelle faßt er dagegen nur kurz zusammen. Knapp und trocken beispielsweise, wie er eine der Schilderungen seiner Münchner Bohéme-Zeit abschließt: „Es stellte sich heraus, daß ich ungemein robust und trinkfest war, und so wurde ich rasch zum Säufer“. Immer wieder schwelgt der Poet Graf in Ansichten seiner geliebten Heimat rund um das Dörfchen Berg am Starnberger See. Dabei ist das Buch Ende der 1930er Jahre entstanden, während Grafs Exil von Wien über Brünn bis New York, wo es 1940 erschien. Die Bilder seiner heimatlichen Landschaft sind also rein aus der Erinnerung geschrieben. Die Sehnsucht bedingte den Stil. Sonst schreibt Graf in seiner meisterlichen Art unverstellt und kräftig. Dialoge und Schilderungen scheinen mitstenografiert, das einfache (Land-) Volk zwischen etwa 1850 und 1935 wird unmittelbar gegenwärtig – in ihrer aus der täglichen Not geborenen Schlechtigkeit, ihrer zwischen Feld und Kirche erworbenen Einfalt, ihrem hilflosen Lamentieren gegenüber den Heimsuchungen der Regenten und Kriege. Wie in einer Parallelwelt spukt König Ludwig II. durch die Gegend, Bismarck führt Krieg gegen Frankreich und bekämpft die Sozialisten. Der I. Weltkrieg „bricht aus“, in der Weimarer Republik toben blutige Kämpfe, die Nazis werden belächelt, dann gefürchtet. Und zwischen alldem Grafs Mutter, in der das Buch gewissermaßen ruht. Eine einfache, fromme Bäuerin und Ikone des Mütterlichen. Abgehärtet ist sie, gut und arglos gegen jeden, aber auch gesellig, lebenslustig, derb. Das Buch ist voller „Liebe und Pietät“ (Thomas Mann), eine unaufdringliche Hymne an diese Frau mit „ihrer unfaßbaren, schmerzgewohnten Mitleidlosigkeit gegen sich selbst“. Der Vater dagegen ist eigensinniger, aber auch geschäftstüchtiger. Er ist ein umtriebiger Zweifler mit Interesse auch an Politik und Philosophischem. Dieses väterliche Erbe auf der einen, das Authentische, Gute der Mutter auf der anderen Seite – diese Spannbreite findet sich auch in der Person Oskar Maria Graf wieder. Er hat seine Herkunft immer eher herausgekehrt, als sie zu verstecken. Es gehörte zu seinem Selbstverständnis, wenn er etwa durch die Sowjetunion in Lederhosen reiste. Denn, wie er auch am Ende von Das Leben meiner Mutter räsoniert, er traf in der ganzen übrigen Welt im Grunde immer auf das Gleiche. Auf Szenen aus seiner Heimat, auf Menschen mit den selben Nöten, Freuden und Hoffnungen. Heimat und Internationalismus sind bei Graf Worte mit Sinn und Herz. Er starb 1967 im New Yorker Exil, er vermißte seine Heimat und hatte sie doch immer bei sich: „’Hm, merkwürdig … Vaterland?‘ Wie abstrakt, wie leblos war das immer für mich gewesen! Ich lebte stets nur da, wo ich meine Mutter fühlte und wußte. Diese Heimat blieb unverlierbar. -“. Oskar Maria Graf: „Das Leben meiner Mutter“ Erstausgabe November 1940 bei Howell & Solkin, New York, in englischer Sprache: „The Life of My Mother. A biographical novel“ Deutsche Erstausgabe 1946 im Kurt Desch-Verlag 23. Auflage, November 2008 im dtv-Verlag, 672 Seiten, 12,90 Euro Oskar Maria Graf Gesellschaft e.V., Müchen: www.oskarmariagraf.de

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Kommentare (4)

  • Peter Lang

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    „Wer kennt schon Oskar Maria Graf“, fragt eingangs Rainer Hirthammer. Für wie unbelesen hält er uns regensburg-digital-Leser? Das ist fast eine Beleidigung. Lieber Autor, OMG ist eine wunderbare Empfehlung zum Muttertag, aber soooo unbekannt ist er nicht, auch denen nicht, die nicht Literatur oder Germanisti studiert haben.

    Dass seine Veröffentlichungen von den Nazis nicht den Flammen übergeben wurden, ärgerte OMG. Zitat: “ […] Laut ‚Berliner Börsencourier‘ stehe ich auf der ‚weißen Autorenliste‘ des neuen Deutschlands, und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes ‚Wir sind Gefangene‘, werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des ’neuen‘ deutschen Geistes zu sein! Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach verdient? […] VERBRENNT MICH!“

  • grace

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    Aufruf von OMG in der Arbeiter-Zeitung vom 12. Mai 1933: „Verbrennt mich“
    …..dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und
    nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen.

    In einer eigens für Graf angesetzten Bücherverbrennung wurden (1934) sämtliche Werke von OMG im Innenhof der Münchner Universität nachträglich verbrannt.

  • Jochen Schweizer

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    Sehr geehrter Herr Hirthammer,

    selbstverständlich kennen Leser von Regensburg Digital, Oskar Maria Graf, der am 22. Juli 1894 als neuntes Kind des Bäckermeisters Max Graf in Berg am Starnberger See geboren wurde.

    Am 17. Februar 1933 fuhr er zu einer Vortragsreise nach Wien. Dies war der Beginn seines anfangs „freiwilligen“ Exils.

    Im Jahr 1934, wurden seine Bücher in einer eigens für ihn angesetzten Bücherverbrennung im Innenhof der Münchner Universität nachträglich verbrannt und seine Werke in Deutschland verboten, er selbst am 24. März ausgebürgert.

    Oskar Maria Graf starb im Juni 1967 in New York. Ein Jahr nach seinem Tod wurde seine Urne nach München überführt und auf dem alten Bogenhausener Friedhof beigesetzt (Grab Mauer links Nr. 42).

  • gifthaferl

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    Dann einigen wir uns halt darauf, dass alle r- digital LeserInnen Graf kennen – wer ihn nicht kennt –

    LESEN!

    Wird demnächst abgefragt.

    Im Ernst, kaum ein Schriftsteller ist mir je näher gekommen, und ich empfehle ganz besonders auch „Gelächter von Außen“.

    Wer das Heraufdräuen der Nazizeit sozusagen sinnlich wahrnehmen will, nicht akademisch oder historisch erklärt und kommentiert, nachspürbar ohne in Depressionen zu versinken, der findet das in keinem Buch so wie in diesem – finde ich.

    Ultimativer Lesebefehl!

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