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Vorlage im Planungsausschuss

Nazi-Funktionär hat ausgedient: Neuer Name für Regensburger Karl-Freitag-Park

Drei Jahre nach einem Vorstoß der Frauen Union und ein Jahr nach einem Grundsatzbeschluss des Stadtrats wird der Park nun nach Charlotte Brandis benannt, die wegen ihrer jüdischen Herkunft mit 18 Jahren im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. Die CSU will über den Vorschlag noch beraten.

Der Park in Kumpfmühl ist nach einem „Karl Freytag“ benannt. Der war kein Botaniker, sondern Lehrer. „Förderer der Kleingartenidee“ war er zwar, fürstlicher Archivrat jedoch nicht. Dieser Archivrat hieß Rudolf Freytag. Er hat tatsächlich für das Haus Thurn & Taxis im Archiv- und Bibliotheksdienst gearbeitet und hat mit dem glühenden Nazi Karl Freytag nichts zu tun. Foto:om

Noch Ende Juni schien eine Einigung in weiter Ferne. Dass der Karl-Freitag-Park (inklusive diverser Irrungen, Wirrungen und Namensverwechslung, über die regensburg-digital zunächst exklusiv berichtet hatte) nach einem glühenden Nationalsozialisten und NS-Multifunktionär benannt ist, war schon geraume Zeit bekannt – insbesondere durch einen Vorstoß der Frauen Union.

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Schon seit einem guten Jahr ist man sich im Stadtrat auch darüber einig, dass der Park umbenannt werden soll. Welchen Namen die Grünanlage in Kumpfmühl an der Augsburger Straße, gleich neben den Schrebergärten aber künftig tragen soll, darüber herrschte aber Uneinigkeit – insbesondere zwischen CSU und SPD.

Hildegard Anke, Hans Weber – CSU und SPD uneins

Während die Frauen Union 2021 vorgeschlagen hatte, die damals noch lebende, zwischenzeitlich verstorbene Altbürgermeisterin Hildegard Anke zu bedenken, lehnten die Sozialdemokraten dies ab und brachten den NS-Widerständler und späteren SPD-Bürgermeister Hans Weber ins Spiel, dem wiederum die CSU nicht zustimmen wollte.

Als die Mittelbayerische Zeitung Ende Juni nachfragte, hieß es dann von der städtischen Pressestelle nicht nur, dass in der zwischenzeitlich ehemaligen Koalition keine Einigung habe erzielt werden können, zudem seien weitere Namensvorschläge eingebracht worden. Auch der von Charlotte Brandis.

Im Vorfeld einer Sitzung des Ältestenrats Anfang dieser Woche, bei der das Thema auf der Tagesordnung stand, bekundete CSU-Chef Michael Lehner gegenüber der MZ, dass man erneut Hildegard Anke vorschlagen wolle. SPD-Fraktionschef Thomas Burger sah in dem Vorschlag Charlotte Brandis eine „gelungene Idee der Oberbürgermeisterin“. Und Grünen-Stadtrat Daniel Gaittet, Chef der zweitgrößten Fraktion im Stadtrat, ließ wissen, dass eine Name, der in Opposition zum Nationalsozialismus stehe, durchaus naheliege.

Beschlussvorschlag kommende Woche: Charlotte Brandis

Bei der Sitzung des Planungsausschusses kommenden Dienstag wird Planungsreferent Florian Plajer den Stadträtinnen nun vorschlagen, den 1,6 Hektar großen Park nach Charlotte Brandis zu benennen. Sie stehe „exemplarisch für viele Regensburger Jüdinnen und Juden, gerade auch Kinder und Jugendliche, die dem Holocaust zum Opfer fielen“, heißt es in der Vorlage.

Das Schicksal der jungen Frau, die 1942 zusammen mit ihrer Familie ins polnische Ghetto Piaski deportiert und vermutlich in Sobibor im Alter von 18 Jahren ermordet wurde – ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt – ist durch gut erhaltene Quellen sehr gut dokumentiert.

Bei diesem Bild dürfte es sich um Charlotte Brandis handeln. Die älteste Tochter war 18, als die Familie deportiert wurde. Foto: bm

In einem Koffer, den der Journalist Thomas Muggenthaler 2022 im Zuge von Recherchen bei einer Hauzenberger Familie entdeckte, die ihn anschließend dem Stadtarchiv vermachte, findet sich eine Vielzahl an Fotos und Dokumenten, insbesondere eindrückliche Briefe, die Charlottes Mutter Alice aus dem Ghetto schrieb, in denen sie eine Freundin um Essen, Hygieneartikel und Medikamente bat, die sie ihr nach Piaski schicken möge. Die Dokumente geben einen seltenen Einblick in das Leben in Ghetto.

Familie wurde 1942 deportiert

Charlotte Brandis, Tochter eines Textilgroßhändlers, besuchte in Regensburg das städtische Mädchenlyzeum, Vorläuferin des heutigen Von-Müller-Gymnasiums. Auf Veranlassung von NS-Oberbürgermeister Otto Schottenheim musste sie die Schule wegen ihrer jüdischen Herkunft am 4. November 1936 verlassen. Das elterliche Geschäft in der Maxstraße 16 wurde zwangsarisiert – enteignet. Ihre Wohnung wurde während der Pogromnacht verwüstet, der Vater geschlagen. Eine angedachte Ausreise in die USA zerschlug sich.

Am 4. April 1942 wurde die sechsköpfige Familie zusammen der Großmutter mütterlicherseits und 200 anderen Regensburger Jüdinnen und Juden in einen aus München kommenden Zug ins polnische Piaski, in der Nähe von Lublin, gepfercht. Es war die erste Deportation aus der Domstadt (Mehr darüber). Charlotte Brandis, die noch am 8. September 1942 in einer Postkarte verzweifelt um Hilfesendungen bat, dürfte wenig später zusammen mit ihrer ganzen Familie im Vernichtungslager Sobibor ermordet worden sein.

CSU entscheidet sich erst am Montag

Heute erinnern Stolpersteine in der Maxstraße an das Schicksal der Familie Brandis. Durch die Nähe des Parks zum Von-Müller-Gymnasium, dessen Vorläuferin Charlotte Brandis besuchte, sei sowohl ein „direkter räumlicher wie auch historischer Bezug gegeben“, heißt es in der Verwaltungsvorlage.

Die CSU will laut Auskunft von Michael Lehner bei ihrer Fraktionssitzung am Montag darüber diskutieren, ob sie dem Vorschlag zustimmt. Eine Mehrheit im Planungsausschuss dürfte aber so oder so als sicher gelten.

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Kommentare (6)

  • Oleg

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    Warum nicht einfach Kaulbach- Park?

  • Roche-Dirac

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    Ja. Stimmt. Kaulbach- Park wäre wohl ein spannungsfreier Name.
    Es muss ja nicht immer alles einen NS- bzw. Anti-NS-Bezug haben.

  • Haruko

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    Bei allem Verständnis: was genau zeichnet Charlotte Brandis aus, um als Namensgeberin für einen Park zu dienen? Warum nicht eines ihrer Geschwister? Warum nicht ihre Eltern? Warum nicht einer der 200 anderen Menschen, die mit ihr deportiert wurden? Das Schicksal von Charlotte Brandis wird nicht dadurch gewürdigt, indem sie Namensgeberin eines Parks wird, ohne irgendeinen — jedenfalls soweit im Artikel erkennbar — Bezug zu diesem Park zu haben. Wenn die Tatsache, als Jude von Nazis ermordet worden zu sein, bereits als Begründung für Namensträgerschaft ausreicht, dann hätte man auch gleich würfeln können.

  • Tina

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    Irgendwer wird schon noch was finden…

  • Hthik

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    @Roche-Dirac 11. Juli 2024 um 23:42

    “Es muss ja nicht immer alles einen NS- bzw. Anti-NS-Bezug haben.”

    Hmm … ohne NS-Bezug (beiderlei Art) … haben wir da was in Regensburg? Mir fällt jetzt da auch nichts ein, aber irgendwo war wohl mal was.

    Ich sehe gerade, dass das schön zeigt, wie sinnvoll doch ein Auto ist, um sich in der Innenstadt zu bewegen.

  • Burgweintinger

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    Haruko, vielleicht ist es die Nähe zum von Müller Gymnasium (also Park und Schule), wo einst Charlotte Brandis an die Schule ging, bevor sie diese verlassen musste…

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