Schokoladenseite eines Wahlhelfers

Bürgermeister Weber erschien nicht im Thon-Dittmer-Palais. Bleibt Petra Betz (hier mit Schaidinger) Bürgermeisterin?	Foto: StaudingerBeobachtungen in Regensburger Wahllokalen. Kein Pflänzchen schaut noch aus den paar Blumenkästen auf den Balkonsimsen der Wohnblöcke von Königswiesen. Dunkelgrau verschossene Betonplatten. Nur hier und da ein paar immergrüne Büsche. Vögel übertönen den Verkehr, keine Stimmen, keine Fußgänger, eine Böe bläst einen blauen Plastikeimer über den Fußweg. Vor dem Wahllokal Müller-Gymnasium werfen sich kommende und gehende Paare manchmal Dialogfetzen zu: „Habt´s das Richtige getan?“ „Ja, hoffentlich!“ „Ihr werd´s es heute abend scho seng!“ Vom Bolzplatz her tönen Rufe auf türkisch, Jungen und Männer spielen fröhlich Fussball. Ein Mann sieht durch den Zaun zu. Seine Frau kommt aus dem Wahllokal. „Kriegst Lust?“ Er, Hände in den Hosentaschen, wendet sich abrupt vom Spiel ab: „Naa!!“ Drinnen tragen neun geöffnete Klassentüren die Nummern von neun Bezirken. Im Gang hängen von Schülern gemalte Wahlplakate. Korbinian Löffelmann: „Wählt mich! Ihr bekommt alles! Die Wahl wird cool!“ Oder: „Wählt mich zur Fanta!“ Und, die Wahl, wird sie cool? Was sagen die netten drei Wahlhelferinnen in der 7d? „Wir haben schon faserige Münder vom Reden.“ Sowas! Langeweile? Nein! Nur wenige wollen wählen kommen, das schmälert aber die Moral nicht: „Wir sind ein eingespieltes Team, die Stimmung ist gut.“ „Der Spaßfaktor ist bei uns vorprogrammiert.“ Die Damen zehren von ihren lila eingewickelten Tafeln Schokolade, der Helfergratifikation von der Stadt, den Kaffee musste man sich allerdings von der Tanke holen. In Burgweinting ist wie vor 2 Wochen auch diesmal wieder der SPD-Schaukasten an der Einfahrt zur Grundschule mit roter Pappe verhüllt. Am Tag vor der letzten Wahl hatten Orkanausläufer im gesamten Stadtgebiet riesige Bäume entwurzelt. Wie stark sollte heute die „rote Brise“ gegen den in schwarzer Erde verankerten OB-Riesen anwehen? Sollte es zu einem umstürzenden Sturm kommen? Am Wahltag fallen Kreuze mehr auf als sonst: Ein großes schwarzes schaut über die Friedhofmauer. Auf die Wand eines Klassenzimmers sind die zwei übereinander liegenden, roten Kreuze des Union Jack gepinnt. Darunter Wörter aus dem Englischunterricht: breakfast, food, egg, roll. Also, welches Kreuz darf´s sein? Rot/ Schwarz? Fast wie beim Roulette. Was geht noch? Der Bezirk mit vielen Wohnblöcken zählt um dreiviertel Vier Uhr nachmittags erst zwölf Prozent Wahlbeteiligung, gähnende Leere im Klassenzimmer, während die Einfamilienhäuser zur selben Zeit schon 35 Prozent zusammengebracht haben. Alle Achtung. „Einem erhöhte Anteil der Bewohner fehlt eine bewußte Wahrnehmung von kommunalpolitischen Fragestellungen, sie sind aus dem politischen Prozess weitgehend ausgeklinkt“ – so ein „Wohnblock-Wahlhelfer“. Wahlbezirk 84, Kumpfmühl, TÜV-Gebäude an der Friedensstraße. Ein Radio spielt leise „Streets of London“. Die sympathischen Wahlhelfer sind in fröhlicher Laune, Flauten werden leicht überbrückt. „Wir versuchen uns die Zeit zu vertreiben durch Geschichtenerzählen.“ Auch hier wird die süße Gabe der Stadt als Delikatesse geschätzt: „Bei der Wahl-Schokolade ist schon ein besonderer Geschmack dahinter.“ „Das ist die Schokoladenseite eines Wahlhelfers!“. „Und du, noch zu jung zum Wählen, oder?“, frage ich einen jungen Typen im Foyer. Gegelte Kurzhaarfrisur, an seiner Brust baumelt ein goldenes Kreuz. Daran nestelt er, oder verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Nein, er ist nicht zu jung, er wisse nicht, wie das gehe – wählen. Als ich ihm sage, dass er „nur ein Kreuz machen“ müsse neben einem von zwei Namen, sucht er andere Ausreden: „Is mir zu bled“, „Die machen eh, was sie wollen“. Sein Freund kommt aus einem Wahllokal, es war das falsche, er darf hier gar nicht wählen. Er hat sich vertan. Macht nichts. Scherzend und sich gegenseitig knuffend, wackelt das armselige Duo durch die Tür nach draussen. Laut den Angaben eines Wählers in Burgweinting soll in einer Wahlkabine ein „künstlerisch“ aussehender junger Mann plötzlich ausgerufen haben: „Ich wähle den Wolbergs!“, und dann, von den Wahldamen um etwas mehr Diskretion bei der Stimmabgabe gebeten, entgegnet haben: „Dann wähl´ ich halt den Schaidinger!“

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