Filmriss: 00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse

Siesta in Mülheim

Helge Schneider ist zurück auf der Leinwand. Der vielleicht konsequenteste Jazzer der Bundesrepublik nimmt es billigend in Kauf, mit „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ einen großen Teil seines zahlenden Publikums zu vergraulen.
Kommissar 00 Schneider wandelt durch die Straßen von Mülheim. Immer dabei: Sein Pomeranian Spitz Zorro. Bild: Senator Filmverleih.

Kommissar 00 Schneider wandelt durch die Straßen von Mülheim. Immer dabei: Sein Pomeranian Spitz Zorro. Bild: Senator Filmverleih.

Eine einsame Kreuzung in Mülheim an der Ruhr. Auf einem kleinen Podest steht ein Verkehrspolizist und trillerpfeift sich den sprichwörtlichen Wolf. Kein Auto weit und breit in Sicht – außer einem geschmackvoll cremefarbenen Oldtimer, der am uniformierten Freund und Helfer vorbeibraust. Nur einen Umschnitt später befinden wir uns im andalusischen Hinterland. Felsen, Dünen, rauschendes Meer. Das Auto klappert weiter die Straße entlang. Agent 00 Schneider (Helge Schneider) steigt aus, in einen langen braunen Ledermantel gehüllt, und richtet den Blick in die Ferne. Neben ihm, treu und ergeben schwanzwedelnd, sein Pomeranian-Spitz. Er hört auf den Namen Zorro. Es ist Siesta in Mülheim, und ein bisschen kommt es einem auch vor, als sei während Helge Schneiders neuestem Leinwandwerk „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ Siesta im Kino. In weiten Teilen markiert es ein gedankliches Aussteigen, eine Pause auf dem Notenblatt. Füße hochlegen, Würstchen und Äpfelchen essen und dem leichten Säuseln des Jazz lauschen, den die singende Herrentorte aus dem Ruhrpott so konsequent praktiziert wie kaum ein anderer.

00 Schneider meets Horst Schimanski

Allerdings – vom klamaukigen Kommissar 00 Schneider, der sich mit schmalem Oberlippenbärtchen und Damenhandtasche durch frühere Filme wie „Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem“ oder „00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter“ ermittelte, ist nichts übrig geblieben. Sogar die Prämisse „Ich ermittle ausschließlich mit dem Gehirn“ wurde über Bord geworfen. Stattdessen präsentiert sich dem Zuschauer ein abgebrühter und überraschend brutaler Protagonist, eine Horst-Schimanski-Figur, die „Make my Day Motherfucker“ grummelnd, misanthropisch und unrasiert durch das schneidereske Universum wabert. Es ist so offensichtlich wie überraschend: Schneider bricht mit einem großen Teil seiner zahlenden Fangemeinde. Die kennt ihn von Auftritten im Privatfernsehen, wo er regelmäßig skurrile, aber auf den ersten Blick flach pointierte Fragmente seines Repertoires zum Besten gibt. Nicht wenige fassen das Oeuvre Schneiders mit den Worten zusammen, er sei „so scheiße, dass es schon wieder gut ist“. Doch in Wahrheit folgt er einem durchaus komplexen System: Es ist das Anti-System des Jazz.

Jazz durch und durch – von der Wurzelbehandlung bis zum Sittenstrolch

Wenn seine frühen Filme demzufolge den ungezwungenen, verspielten Regeln des Bebop folgten, so groovt „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ in einer ungleich nachdenklicheren Stimmung vor sich hin. Vom Soundtrack her sowieso, aber es ist auch der Rhythmus des Schnitts, der Kameraführung, des Drehbuchs, der dem Jazz-Mantra von Improvisation und Freiheit folgt. Tante Tyree aus Amerika ist ein bärtiger Saxophonist mit Kokosnuss-BH, bei der Zigarettenfrau, die vom bösartigen Jean-Claude Pillemann (Rocko Schamoni) überfallen und mit grünem Schleim bespuckt wird, handelt es sich um Schlagzeuger Peter Thoms, vielen Schneider-Jüngern wohl noch als der „Nasenmann“ bekannt, dem man schon mal in die Stiefel scheißen kann. Zwischendurch gibt es eine kurze Wurzelbehandlung, in der Helge als Zahnarzt seine Hitler-Maske aus „Mein Führer“ trägt, und eine Sitzung beim Psychotherapeuten, bei der ein bisschen geflötet wird. Ganz nebenbei nimmt 00 Schneider einen Sittenstrolch fest und schlägt ihn krankenhausreif mit den Worten: „Du langst keiner mehr an den Popo. Kannst dir vielleicht ’n Popo nachmodellieren aus ’nem alten Brötchen.“ Zwei Bauern wollen ihr Huhn wiederhaben, und der Pflasterverkäufer, der noch in Schneiders letztem Film „Jazzclub“ zwei Meter für zwei Mark anbot, gibt jetzt einen Meter für zwölf Mark her.

Ein Film wie ein Jazzkonzert

All das wird melancholisch und in vielen Phasen völlig frei von jeglicher Komik collagiert. Die Tristesse in der sich zwischen Mülheim und Andalusien aufspannenden Dimension ist malerisch, geradezu romantisch. Man möchte den Blues bekommen. Schneider verlangt seinem Publikum einiges an Sensibilität ab: Doch dem Zuschauer eröffnet sich, wenn er nur genau hinhört und -sieht, die ganze Bandbreite des Kinos. Der Eindruck nach dem Film ist vergleichbar mit dem eines guten Jazz-Konzerts: Nichts Bleibendes nimmt man mit. Alles ist flugs vorbei wie eine dreckige, schiefe Note, die einen kurzen Moment der Dissonanz auflöst in einen Klangteppich, beruhend auf dem kleinsten gemeinsamen musikalischen Nenner. Die kürzlich verstorbene Jazzlegende Dave Brubeck hat seine Zunft einmal so beschrieben: „Jazz ist wahrscheinlich die einzige heute existierende Kunstform, in der es die Freiheit des Individuums ohne den Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls gibt.“ Das trifft uneingeschränkt auch auf Helge Schneiders filmisches Werk zu. Oder, um es einfacher zu sagen: Fitze Fitze Fatze, Fitze Fitze Fatz.

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