Umfrage am Uniklinikum Regensburg: Ärzte am Limit, Patientensicherheit gefährdet, kein Vertrauen in den Vorstand
Die Ergebnisse sind repräsentativ. Laut einer Umfrage des Marburger Bundes fühlen sich über 80 Prozent der Ärztinnen und Ärzte am Uniklinikum Regensburg chronisch überlastet. Sie berichten von Gefährung der Patientensicherheit und Beinahe-Fehlern. Vertrauen in den Vorstand hat fast kein Mediziner.

Der Personalabbau am UKR sei „Roulette“ auf Kosten der Patientinnen und Patienten, sagen Andreas Botzlar und Klaus Martin Bauer vom Marburger Bund. Foto: as
Die Ergebnisse einer Umfrage, die der Marburger Bund am Mittwoch vorlegt, sind dramatisch. 72 Prozent der Ärztinnen und Ärzte um Universitätsklinikum Regensburg (UKR) erlebten demnach in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Situation, in denen die Patientensicherheit wegen Zeit- oder Personalmangel gefährdet war.
83 Prozent berichten von mindestens einem Beinahe-Fehler. Fast 99 Prozent erwarten, dass ein weiterer Abbau ärztlicher Stellen das Problem verschärft. Dass ein solcher Stellenabbau geplant ist, deckte regensburg-digital im November 2025 auf.
„Langsam haben wir den Eindruck, die fahren das Ding an die Wand.“
Ein gutes halbes Jahr später räumte auch der UKR-Vorstand im Juni ein: Mindestens 40 Ärztinnen und Ärzte sollen auf Geheiß des Wissenschaftsministeriums gehen, um das erwartete Defizit zu senken. Seither lässt man befristete Stellen auslaufen – mit Folgen für fast alle: 83 Prozent der Ärztinnen und Ärzte am UKR haben laut Marburger Bund befristete Verträge.
Der Abbau geschieht nach Schilderungen gegenüber unserer Redaktion offenbar nach dem Gießkannenprinzip und ohne Konzept. Eine Quelle in leitender Funktion am UKR (Name bekannt) schreibt uns:
„Wir kommen langsam auf dem Zahnfleisch daher. Leute wurden ausgestellt bzw. nicht verlängert. Wir können kaum noch alles besetzen und nicht mehr gut weiterbilden. Aus der letzten Vorstandssitzung hören wir trotzdem, man hätte noch nicht genug Ärzte gestrichen. Potenziell stehen alle jungen Ärzte auf der Abschussliste. Viele junge Kollegen sehen sich schon anderweitig um.
Währenddessen zahlt das UKR zigtausend Euro für externe Berater, die uns erklären, dass wir die Hälfte unserer Abteilung kündigen sollen. Wie das dem UKR in Verbindung mit dem arroganten Gehabe gegenüber der Ärzteschaft helfen soll, weiß ich nicht. Langsam haben wir den Eindruck, die fahren das Ding an die Wand.“
Repräsentative Ergebnisse
Zum Nachlesen
Diese Zustandsbeschreibung deckt sich mit den Umfrageergebnissen, die Dr. Andreas Botzlar, Bayernvorsitzender des Marburger Bundes, und Geschäftsführer Klaus-Martin Bauer im Presseclub vorlegen. Die Umfrage ist repräsentativ. 317 von offiziell 660 ärztlichen Beschäftigten am UKR haben sich beteiligt. Alter und Beschäftigungssituation entsprechen in etwa der Gesamtverteilung.
Fast 60 Prozent der Befragten arbeiten 49 Stunden und mehr pro Woche. Über 80 Prozent können ihre regulären Pausen nicht einhalten. Über 40 Prozent geben an, dass es häufig oder sehr häufig nicht möglich sei, einen tarifkonformen Dienstplan zu erstellen.
Misstrauensvotum gegen die Verantwortlichen
Das trifft nicht nur die Patientensicherheit. Rund 86 Prozent der Ärztinnen und Ärzte berichten von Folgen für die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden. Mehr als die Hälfte sagt, dass nur noch selten oder nie Zeit bleibt, sich selbst fortzubilden oder Studierende anzuleiten.
Für Forschungstätigkeit, die Ärztinnen und Ärzte an einem Universitätsklinikum leisten sollen, fehlt fast 70 Prozent mangels Freistellung die notwendige Zeit. Bei der Lehre geben das fast 60 Prozent an. Vertrauen in die Entscheidungsträger am UKR haben die Ärztinnen und Ärzte nicht oder kaum – das geben über 95 Prozent der Befragten an.
Mehr Effizienz: „Es gibt viele Baustellen, an denen nicht gearbeitet wird.“
„Natürlich müssen auch Universitätskliniken wirtschaftlich arbeiten“, räumt Andreas Botzlar ein. Doch einfach Stellen zu streichen und zu hoffen, dass alles trotzdem laufe, sei keine verantwortungsvolle Unternehmensführung, sondern „Roulette“ auf Kosten der Patientinnen und Patienten.
Potenzial, die Effizienz am UKR zu steigern, gibt es laut Umfrage durchaus. Fast 80 Prozent der Befragten machen hohe Dokumentationslast oder eine langsame, störanfällige IT für die hohe Arbeitsbelastung mitverantwortlich. Unzureichende Digitalisierung bemängeln fast 60 Prozent.
„Es gibt viele Baustellen, an denen nicht gearbeitet wird“, kritisiert Botzlar. Der Grund: Strukturelle Defizite zu beheben, koste zuerst Geld und wirke erst langfristig. Deshalb gehe man das nur zögerlich an. „Wenn man gleichzeitig mit dem Rasenmäher über die ärztlichen Stellen drüber geht, kann das nicht funktionieren.“
Externe Berater: Viel verschwendetes Geld für Buh-Männer?
Die Vertreter des Marburger Bundes betonen, das UKR sei kein Einzel- und schon gar kein Sonderfall. Die Dokumentation der Arbeitszeit steche sogar positiv heraus. Auch herrsche Spardruck an allen Universitätskliniken und in der gesamten Krankenhauslandschaft. „Deshalb wundern sich die Verantwortlichen hier vermutlich so, dass sie in den Fokus geraten sind“, so Botzlar. Damit müsse man aber rechnen, wenn man „locker flockig ankündigt, Arztstellen zu streichen und behauptet, die Patientenversorgung sei davon nicht betroffen“.
Kritisch sieht Botzlar die Rolle externer Beratungsfirmen. „Da fließt flächendeckend viel Geld aus dem Gesundheitswesen ab.“ Und was einige dieser Berater empfehlen sei „am Rande des rechtlich Zulässigen“. Am Ende seien aber die Entscheider dahinter verantwortlich. „Oft genug braucht man diese Berater auch als Buh-Mann. Das erklärt zum Teil auch deren beträchtliche Honorare.“ Und die verursachten oft mehr Kosten, als die Beratertätigkeit am Ende bringe.
UKR-Vorstand: Woanders ist es auch nicht besser
Man habe lange gewartet, bevor man an die Öffentlichkeit gegangen sei. Den Beschäftigten riet man, das Gespräch mit dem Vorstand zu suchen und eine Eskalation zu vermeiden. „Aber von der Chefetage gab es keinen Rückhalt“, sagt Geschäftsführer Bauer. Deshalb habe man schließlich öffentlich reagiert – und nun mit der Umfrage.
Das Bayerische Wissenschaftsministerium, zuständig für die finanzielle Ausstattung der Universitätskliniken, hat der Marburger Bund bereits vor eineinhalb Wochen über die Ergebnisse informiert. Doch das Ministerium reagierte nicht, sagt Geschäftsführer Bauer.
Eine Viertelstunde vor Beginn der Pressekonferenz verschickt jedoch der Vorstand des UKR eine Pressemitteilung, um die Ergebnisse der Umfrage des Marburger Bundes „einzuordnen“, wie es heißt.
Tenor: Auch andernorts empfänden Ärztinnen und Ärzte die Arbeitsbelastung als hoch. Im Vergleich verfüge das UKR über „den günstigsten Personalschlüssel“ aller bayerischen Universitätskliniken, so Vorstandschef Oliver Kölbl.
Gesprächsangebot über Bande
Er sagt dennoch: „Eine hohe subjektiv empfundene Arbeitsbelastung und eine objektiv sehr gute personelle Ausstattung schließen sich nicht aus. “ Ziel sei es deshalb, die Arbeitsbedingungen kontinuierlich zu verbessern und zugleich die hohe Leistungsfähigkeit des UKR dauerhaft zu sichern. „Dazu gehört selbstverständlich auch ein konstruktiver und sachorientierter Dialog mit dem Marburger Bund.“ Man sei „ausdrücklich gesprächsbereit“. Diese ausgestreckte Hand werde man gerne ergreifen, sagt Andreas Bozlar. Skeptisch mache allerdings, dass über das Gesprächsangebot bislang nur die Medien informiert worden seien – und nicht der Marburger Bund.
In der Pflicht sieht der Marburger Bund in erster Linie die Politik. Die agiere nach dem Motto: Wir geben euch weniger Geld, dann werdet ihr schon etwas tun, damit es trotzdem klappt, sagt Botzlar. Doch das funktioniere nicht. Der Vorstand müsse dann damit umgehen – Widerworte gebe es nur selten. „Ich glaube, dass die Vorstände de facto weit weniger unabhängig agieren können, als sie de jure sind.“
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Marli
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Leider absolut nichts Neues aus der Medizin. Patienten können froh sein, nicht alles zu wissen. Denn sie hätten Panik und wären trotzdem drauf angewiesen. Auch die Ärzte sind Opfer, vielleicht auch die Vorstände. Wo kein Geld da ist, wird gespart.
Es braucht in erster Linie ein wütendes Reagieren der Bevölkerung mit Demos und co und sowieso ein starken politischen Wandel. Das Geld fehlt, wenig Junge und viele alte.. es braucht radikal neue Lösungen, sonst führt es steil bergab und da gehts nur schwer wieder rauf.