Wartburg: Machtlose UNESCO diskutiert über gefährdetes Welterbe/ Hotel im Fürstenschloss kein Thema

\Sollten die Kritiker des geplanten Luxushotels im fürstlichen Schloss auf Rückendeckung von der UNESCO gehofft haben, so müssen sie diese Hoffnung begraben. „Das Thema ist für uns abgehakt“, erklärt Mechthild Rössler vom Welterbe-Zentrum in Paris am Rande einer Tagung auf der Wartburg in Eisenach. Unter der Überschrift „Welterbe in Gefahr“ trafen sich am vergangenen Mittwoch und Donnerstag „Welterbeschützer“ auf der symbol- und geschichtsträchtigen Welterbestätte Wartburg. Der Verein „Welterbestätten in Deutschland e.V.“ hatte eingeladen. Der Verein kooperiert mit der UNESCO, verfolgt aber vor allem Tourismus-Interessen der Welterbestätten. Denkmalschützer findet man an den beiden Tagen folgerichtig kaum auf der Wartburg. Die Regensburger Vertreterinnen stammen aus dem Stadtplanungsamt und vom Tourismusverband. Am Ende der zweitägigen Zusammentreffens steht – bei allen wohlklingenden Worten – die offenkundige Hilflosigkeit der UNESCO in einer Welt voller wirtschaftlicher Sachzwänge und potenter Bauspekulanten, z.B. wie in Deutschland… Auch in Regensburg beugte sich das Landesamt für Denkmalpflege solchen Sachzwängen, als es um den Umbau des fürstlichen Schlosses ging. Die Darstellung von Regensburger Initiativen (Altstadtfreunde, Forum Regensburg, Historischer Verein u.a.), dass die geplante Umnutzung eine irreparable Zerstörung des Schlosses in seinen wertvollsten und ältesten Bereichen zur Folge habe, sei falsch, so das Landesamt 2007. Im Gegenteil: „Mit der Teilnutzung als Hotel wird auch langfristig der Park vor weiteren Überlegungen verschont bleiben.“ Ein Kompromiss, der Schlimmes zulässt, um noch Schlimmeres zu verhindern. Mechthild Rössler: Das Luxushotel im Fürstenschloss ist für die UNESCO abgehakt.Eine ähnliche Auffassung dazu scheint auch die UNESCO zu vertreten. Mechthild Rössler: „ICOMOS (der internationale Denkmalrat arbeitet als Berater und Gutachter des Welterbekomitees, Anm. d. Red.) hat die Umbaupläne analysiert und eine Stellungnahme an die Stadt weitergeleitet.“ Davon weiß man, ausweislich eines aktuellen Schreibens von Oberbürgermeister Hans Schaidinger, zwar nichts („Der Stadt Regensburg liegen keine Informationen über ein entsprechendes ICOMOS-Gutachten vor.“), aber – wie bereits erwähnt – das Thema ist für die UNESCO „abgehakt“. Wen wundert’s. Rössler ist im Welterbezentrum zuständig für über 400 Welterbestätten in Europa und Nordamerika. Unterstützt wird sie, wie sie bei der Tagung erzählt, von gerade einmal zwei Mitarbeitern. Und allein in Deutschland hat die UNESCO genügend Baustellen. Das Rheintal, wo Brückenpläne und Bahnverkehr das Welterbe bedrohen (hier wird eine offene Diskussion geführt), ein Streit mit der „Gesellschaft Historisches Berlin“ um die Berliner Museumsinsel, und vor allem der Bau der Dresdner Waldschlösschenbrücke. Wenn da noch penetrante Einwände zum Schlossumbau in Regensburg auf Rösslers Schreibtisch landen, löst das nicht gerade Begeisterung aus. Da stoßen die ansonsten gern gelobten und immer wieder geforderten Hinweise aufmerksamer Bürger eher auf Ablehnung. Wer soll sich bei all dem Ärger und der Briefflut, die einen tagtäglich erreicht noch en detail mit den nach außen nicht sichtbaren Umbauten im Schloss einer Oberpfälzer Provinzstadt beschäftigen, die das zuständige Landesamt für Denkmalpflege bereits abgesegnet hat, für die bereits eine Baugenehmigung vorliegt und gegen die man – Welterbekonvention hin, Welterbetitel her – ohnehin keine Handhabe hätte, wenn es hart auf hart ginge? Genau das – die Grenzen der UNESCO – hat das in Eisenach immer wieder diskutierte Beispiel Dresden eindrucksvoll gezeigt: Erst kürzlich haben sich die Brückenbefürworter ihr Baurecht vor Gericht erstritten. Nun wird in die – vom Welterbetitel „geschützten“ – Elbauen gebaut und die UNESCO muss tatenlos zuschauen. Einziges Instrument: Im nächsten Jahr, so lautet die allgemeine Einschätzung auf der Wartburg, ist der Titel für Dresden weg. Damit wäre Deutschland der erste Staat, dem der Titel für eine Kulturstätte aberkannt würde. Auch und vor allem zum Schaden der UNESCO, die zum Papiertiger mutierte, als das Thema „gerichtsmassig“ wurde. Die von der Bundesrepublik 1976 ratifizierte Welterbekonvention wurde nie in deutsches Recht umgesetzt. Die Kulturhoheit liegt bei den Bundesländern. Horst Wadehm: \Die Mahnung vom Präsidenten des Welterbestätten e.V., Horst Wadehm bei seiner Eröffnungsrede – „Ein Ereignis wie in Dresden darf sich nicht wiederholen“ – wirkt vor diesem Hintergrund fast hilflos. Ebenso die Ausführungen von Eva-Maria Stange, der Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, die betont, dass ihr nahezu alle Bundesländer auf Nachffrage versichert hätten, sie würden die Welterbekonvention als rechtlich bindend erachten. In sachsen, wo Stange herkommt, vertritt man eine andere Meinung und baut. Und: Bei aller Kritik an Dresden und pflichtschuldiger Betonung des Schutzgedankens ist in Eisenach viel von „Kompromissen“ und „dynamischen Entwicklungsprozessen“ die Rede, davon, dass Städte mit Welterbestatus nicht zu Museen verkommen sollten, mehrfach davon, dass ihnen keine „Käseglocke“ übergestülpt werden dürfe. „Stillstand bedeutet Rückschritt“, sagt auch Horst Wadehm. Eva-Maria Stange: \„Der Welterbestatus ist komplexer als Natur- und Denkmalschutz“, führt Eva-Maria Stange in ihrer Eröffnunsrede aus. „Er steht für menschliche Vernunft, Schönheit, Tourismus und wirtschaftliche Entwicklung.“ Ob die am Ende der Tagung verabschiedete „Wartburger Erklärung“ diese Dinge sinnvoll zusammengeführt hat? Hochtrabende Worte stehen dort, die letztlich wirkungslos sind. „Möglichst unversehrt“ wolle man die Stätten des UNESCO-Welterbes an an nachfolgende Generationen weitergeben können, heißt es darin unter anderem. Ein Eingeständnis. Der von Vertretern der deutschen UNESCO-Kommission und „UNESCO Welterbestätten in Deutschland e.V.“ vorformulierte Text wurde den Teilnehmern der Tagung am Ende zur Abstimmung vorgelegt. Redaktionelle Änderungen könnten nach der Abstimmung vorgenommen werden, erklärte Dieter Offenhäuser (UNESCO-Kommission). Eine inhaltliche Diskussion sei hingegen „zu gefährlich“, als das man sie führen solle. Das Mittagessen wartet schon. Die Zeit ist knapp. Gesagt getan. Und so liegt nun ein Papier vor, über das potentielle Gefährder von Welterbestätten – etwa Baulöwen, Schlossbesitzer und Brückenfans wie in Regensburg – allenfalls müde lächeln dürften. Machtlos, ahnungslos, tatenlos: Giulio Marano, ICOMOS Deutschland.Hier in Regensburg, wurde von Seiten der Stadt mehrfach von „Rückenwind von der UNESCO“ gesprochen, etwa im Zusammenhang mit einer Ersatztrasse für die Steinerne Brücke oder dem mittlerweile beerdigtem Kultur- und Kongresszentrum am Donaumarkt. Als Kronzeuge wurde dabei stets Giulio Marano angeführt, Vertreter von ICOMOS, und mehrfach zu Gast in Regensburg. Marano selbst beschrieb die Rolle von ICOMOS im Rahmen der Tagung wie folgt: „Wir sind eine Nichtregierungsorganisation, haben nichts zu sagen und müssen um Kontakte und Informationen betteln.“ Gegen die Pläne für eine Ersatztrasse in Regensburg dürften aber nicht nur angesichts dieser eingestandenen Macht- und Ahnungslosigkeit keine Einwände ins Haus stehen. Mehrfach wurde die Rolle Regensburgs auf der Wartburg als beispielhaft gewürdigt. Immerhin ging es unter anderem um „Management-Pläne“, eine effizientere Kommunikation zwischen den Welterbestätten und der UNESCO. Und hier präsentiert sich Regensburg als Vorreiter. Das geplante Steuerungskomitee, das die Stadt als direkte Schnittstelle zwischen Regensburg und dem Pariser Welterbezentrum einrichten will, hat Modellcharakter. Wie Barbara Bühler vom Regensburger Planungsamt in Eisenach erläuterte, sollen damit zum einen Probleme schon im Vorfeld von Planungen vermieden werden, zum anderen soll der lange Dienstweg verkürzt werden, um schneller Planungssicherheit zu haben. „Der Welterbetitel hat dabei oberste Priorität“, so Barbara Bühler. Aber: „Eine bauliche Weiterentwicklung muss möglich sein.“ Wenn alles gut läuft, soll das „Steering Comitee“ bereits in diesem Jahr zu einem ersten – informellen – Treffen zusammenkommen. Unter anderem deshalb hat ICOMOS es, laut einem Schreiben des Direktors des Welterbezentrums, Professor Francesco Bandarin, abgelehnt, die Umbaupläne fürs fürstliche Schloss genauer unter die Lupe zu nehmen. Das „Steering Comitee“, so hofft der oberste UNESCO-Vertreter, werde noch in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen und werde dann alle relevanten Planungen in Regensburg überprüfen. Das „unabhängige Komitee“ (Stadt Regensburg) wird sich voraussichtlich aus Vertretern von ICOMOS, der Kultusministerkonferenz der Länder, Bayerns Kunstministerium, Bayerns Denkmalpflege und Oberbürgermeister Hans Schaidinger zusammensetzen. Angesichts dieser Voraussetzungen ist die Hoffnung, dass der Welterbetitel ein Hindernis für ein Luxushotel im Fürstenschloss oder eine Ersatztrasse nach Stadtamhof darstellen könnte, geradezu naiv. So tickt die UNESCO nicht.

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Kommentare (2)

  • tn

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    Welterbe-Titel: mehr als Marketing-Gag, Etikettenschwindel?
    Wird Regensburg beim Wettbewerb: Tarnen und Täuschen den 1.Platz übernehmen?
    Was kann man dagegen machen?
    Hilflosigkeit gegenüber einer Stadt, die macht was sie will.

  • Veits M.

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    Ich danke sehr für den erhellenden Bericht. Ganz wahrscheinlich ist für den Regensburger „Fall“ des rechtswidrigen Baugenehmigungsverfahrens ´Umnützung des Fürstenschlosses zum Hotel nebst Garage`, dass für die UNESCO-Verantwortlichen die Sache deshalb erledigt war, weil man dort bereits mehr wusste:
    Nämlich des Rückzieher vom Bauvorhaben. Mehr unter http://aktionboss.de/nachzuegler-mittelbayerische-zeitunt

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