Fortführung des „Kälteschutz-Projekts“ geplant

Warum ist das Obdachlosenasyl nur zur Hälfte belegt?

Das Obdachlosenasyl in der Taunnusstraße.

Unverändert schlecht bis gar nicht erfüllt die Stadt ihre Pflicht gegenüber obdachlosen Menschen. Einziger Lichtblick: das Projekt Kälteschutzhaus.

Gastbeitrag von Rechtanwalt und Berufsbetreuer Otmar Spirk

Es war ein Schritt in die richtige Richtung: das Kälteschutzhaus für Obdachlose, das die Stadt Regensburg im vergangenen Winter in der Wöhrdstraße einrichtete. Im Gegensatz zum Obdachlosenasyl in der Taunusstraße waren die Regeln hier weit weniger streng: Das Haus war rund um die Uhr geöffnet, es wurde keine Nutzungsgebühr erhoben und auch Haustiere durften mitgenommen werden. Anlässlich eines Berichts im Sozialausschuss Ende Juni zog die Stadt ein weitgehend positives Fazit. Klar wurde allerdings auch: Es findet sich kein privater Träger, der das Projekt fortführen will. Es solle in Verantwortung der Stadt bleiben, so das einhellige Fazit. Nun muss das Sozialamt eine Weiterführung in Eigenregie planen. Der Stadtrat hat dafür den Auftrag erteilt. Notwendig dafür ist ein neues Gebäude – das in der Wöhrdstraße wird abgerissen – und mehr Personal.

Obdachlosenasyl nur zur Hälfte belegt – warum?

Offen bleibt, wann die Stadt gedenkt, ihr bestehendes Obdachlosenasyl in der Taunusstraße so umzugestalten, dass mehr Menschen dort übernachten wollen. Denn: Tatsächlich ist das Obdachlosenasyl mit seinen 33 Schlafplätzen in der Regel nur etwa zur Hälfte belegt. Was sind die Gründe, dass angesichts von geschätzt 200 bis 300 Obdachlosen in Regensburg im Durchschnitt weniger als ein Zehntel der Betroffenen das Angebot annimmt, in der Taunusstraße zu übernachten?

Für Menschen, die nicht mobil sind, ist die Taunusstraße nicht leicht zu erreichen. Hinter der abseitigen Lage des Gebäudes steckte wohl seinerzeit die Absicht, die Obdachlosen fern vom Stadtzentrum „zu verräumen“.

Hausordnung wie in der Kaserne

Die ohnehin rechtswidrige Übernachtungsgebühr in der Taunusstraße wurde zwar vor kurzen immerhin abgeschafft, allerdings sind die Einlass- und Unterkunftsbedingungen dort unverändert schlecht geblieben. Verschiedene Gruppen von Obdachlosen werden von vornherein ausgeschlossen. Die anderen müssen sich einem strengen Reglement unterwerfen, um nicht auf die Straße gesetzt zu werden.

Die Hausordnung aus dem Jahr 2014, entworfen vom früher zuständigen Amt für öffentliche Sicherheit und Ordnung, erinnert an eine Kaserne. Geöffnet ist die Taununsstraße im Sommer erst ab 18 Uhr Abends, im Winter ab 17 Uhr. Ab 21 Uhr ist strenge Bettruhe verordnet: Das Licht wird ausgeschaltet, Handynutzung ist dann verboten, jegliche Unterhaltung ist einzustellen.

Zuständig für die Durchsetzung der Hausordnung ist der Hausmeister der Einrichtung, der diese seit etwa 30 Jahren führt. Dass der Hausmeister keine besondere Schulung für den Umgang mit Obdachlosen und ihren Nöten hat, findet die Stadt selbstverständlich. Auf eine Anfrage von regensburg-digital antwortet die Stadt, der Hausmeister habe schließlich 30 Jahre Erfahrung auf dem Buckel. Das scheint offenbar jedwede sozialpädagogische Erfahrung zu ersetzen.

Keine Spinde, keine Kochgelegenheit, Waschen von Kleidung verboten

Ein weiterer Punkt ist der Schutz der wenigen Habseligkeiten, die Obdachlose bei sich führen: Wertsachen können zwar beim Hausmeister abgegeben werden. Doch Spinde für beispielsweise Schuhe, Kleidung oder Lebensmittel sucht man vergeblich. Wer ohnehin fast nichts hat, fürchtet, auch noch das wenige geklaut zu bekommen. Eine Möglichkeit, sich irgendetwas zu essen oder trinken zuzubereiten, gibt es nicht. Die Nutzung von eigenen Kochplatten und Tauchsiedern ist den obdachlosen Menschen explizit verboten. Auch hier hat das Kälteschutzhaus mit seinen Kochmöglichkeiten gezeigt, dass es auch anders geht.

Das Waschen von Kleidungsstücken oder ähnlichem ist in der Taunusstraße verboten. Paare können dort nicht gemeinsam übernachten. Überhaupt sieht man dem Obdachlosenasyl an, dass hier auf lieblose Weise eine Pflicht erfüllt wird – mehr aber auch nicht. 

Stockbettzimmer in der Taunusstraße.

Mehreren Gruppen von Obdachlosen ist die Nutzung des Asyls von vorneherein versperrt: Das sind insbesondere schwerbehinderte Menschen, die dort mangels Barrierefreiheit je nach Grad der Einschränkung gar nicht ins Haus hineinkommen, und für die auch zum Beispiel die Duschen nicht geeignet sind. Ab 2019 will die Stadt Schwerbehinderten einige barrierefreie Räume verkehrlich schlecht angebundenem Am Kreuzhof zur Verfügung stellen.

Für Suchtkranke ist in der Taunusstraße kein Platz

Erkennbar Betrunkene oder auch nur Angetrunkene werden in der Taunusstraße ebenfalls abgewiesen, „unabhängig vom Grad ihrer Trunkenheit“, wie es in der Hausordnung heißt. Dabei ist eigentlich bekannt, dass suchtkranke Menschen nicht gänzlich auf Alkohol verzichten können, da es sonst zu Entzugserscheinungen kommt. Dass es auch anders geht, zeigte erneut das Kälteschutzhaus, wo sie aufgenommen wurden. Vor allem Obdachlose mit Suchtproblemen hätten das Angebot „sehr gut angenommen“, heißt es auch in der bereits erwähnten Vorlage für den Sozialausschuss vom Juni. Für einen Teil der Obdachlosen ist ihr Tier – meinst ein Hund – der einzige Begleiter. Auch sie finden in der Taunusstraße keine Aufnahme, anders als im Kälteschutzhaus.

Von dem Ziel im Koalitionsvertrag Ziel, vom bisherigen „ordnungspolitischen Umgang“ mit Obdachlosen – sie einfach zu „verräumen“ – zu einer sozialpolitischen Herangehensweise zu gelangen, ist die „bunte“ Stadtregierung trotz einiger kleiner Schritte in die richtige Richtung nach wie vor weit entfernt, wie regensburg-digital mehrmals aufzeigte (zum Beispiel hier und hier und hier).

Das zeigt sich auch weiterhin an den städtischen „Notunterkünften“ in der Aussigerstraße, in denen beispielsweise unverändert viele Kinder und Jugendliche mit ihren Müttern Tür an Tür mit schwer alkohol- und drogenabhängigen Menschen in menschenunwürdiger Weise hausen müssen. Seit die Stadt im August 2017 äußerst vage angekündigt hat, in den nächsten drei Jahren sei da etwas geplant, war nichts mehr zu hören. Das „Problem“ Aussigerstraße wird wohl – mal wieder – an die nächste Stadtregierung weitergeschoben.

Kommentar: Es geht auch anders

Wie denken Sie über Obdachlose? Haben Sie eher Mitleid oder verachten Sie sie? Ich selbst bin ein Freund von (Selbst-)Verantwortung für das eigene Leben. Gleichwohl sehe ich auch – bei mir und vielen anderen, dass im Leben so einiges schieflaufen kann – sei es aufgrund unverarbeiteter schlimmer Erfahrungen in Kindheit und Jugend, durch Krankheit oder andere Schicksalsschläge.

Ebenso landen Menschen aus sozialpolitischen Gründen in Regensburg auf der Straße oder in der Notunterkunft. Ich erinnere an die vielen Jahre mit zurückgefahrenem Sozialwohnungsbau, und an die offensichtliche Duldung bis Förderung rechtswidrig überhöhter Mieten durch die Stadt. Das hat zu gravierenden Wohnungsmangel insbesondere für Geringverdiener geführt.

Darum halte ich es für selbstverständlich, Obdachlosen nicht das Leben zusätzlich schwer zu machen, sondern ihnen eine menschenwürdige Behandlung zukommen zu lassen, wie es auch das Grundgesetz von allen staatlichen Einrichtungen verlangt. Dass der Umgang mit Obdachlosen auch ganz anders geht , zeigen Bilder aus Obdachlosenasylen anderer Orte zeigen, zum Beispiel wie hier die Fotoserie vom Obdachlosenasyl „ Birkenhaus“ in Rotenburg Wümme.

Die Obdachlosenunterkunft Birkenhaus in Rotenburg.

Die Küche im „Birkenhaus“.

Einzelzimmer im Birkenhaus – mit Schrank und der Möglichkeit, Haustiere mitzubringen.

Alle Fotos dieses Artikels mit freundlicher Genehmigung aus der Bachelor- und Masterarbeit von Aniko Ligeti

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Kommentare (8)

  • R.G.

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    Als wir unserer ehemaligen Mitnachbarin (Spiegeltrinkerin) helfen wollten, sich ohne Klinikaufenthalt vom Alkohol zu lösen, belehrte uns ihr Therapereut, es könne dabei sogar zu lebensgefährlichen Entzugserscheinungen kommen.

    Deshalb möchte ich den Satz der Redaktion zur Diskussion stellen:
    „Erkennbar Betrunkene oder auch nur Angetrunkene werden in der Taunusstraße ebenfalls abgewiesen, „unabhängig vom Grad ihrer Trunkenheit“, wie es in der Hausordnung heißt. Dabei ist eigentlich bekannt, dass suchtkranke Menschen nicht gänzlich auf Alkohol verzichten können, da es sonst zu Entzugserscheinungen kommt.“

    Es ist für mich denkbar, dass Nüchternheit von Mittag bis zum Morgen bei einem Abhängigen schon in eine Entzugskrise führen könnte.
    Trinkt jemand noch am Nachmittag, wird er kaum völlig clean ankommen, und damit keinen Einlass finden.

    Ich schlage vor, sprachlich bewusster zu machen, worum es sich bei einer Einrichtung handelt. Wer findet passendere als die bisher üblichen Worte?
    Für eine Bettgeher-Schlafstelle.
    Für ein Asyl, in dem man wenigstens auch einen Raum zum Sitzen hat.
    Für einen Gästeraum für Obdachlose.
    Für ein Schutzhaus mit Wohngefühl.

  • B.D.H.

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    Da ich um die Ecke wohne (Gegend mit Reihenhäusern), folgt mal eine Anfahrtsbeschreibung zur Notunterkunft Taunusstrasse:

    Linie 1, Ausstieg Aussiger Strasse, danach ca 1km zu Fuss. Alternativ einmal über die Endhaltestelle fahren.

    Zu Fuß vom Alex Center aus geht der Weg einmal über den Sallerner Berg – es gibt zwei Routen, nicht beschildert.

    Selten habe ich „Kunden“ der Notunterkunft hier gesehen. Der, den ich für den „Hausmeister“ halte, hat in seiner Garage neben der Notunterkunft einen recht schönen Wagen.

    Wer abgewiesen wird, dem empfehle ich wieder hoch auf den Sallerner Berg zu gehen. Dort gibt es im Aberdeen Park eine öffentliche Toilette und einen öffentlichen Grillplatz mit Überdachung, Feuerstellen und Wasserhahn.

  • R.G.

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    Ich rege die Notwendigkeit einer Information der Stadträte und anderer Entscheider aus dem städtischen Finanzierungsbereich etc. über den richtigen und zeitgemäßeren Umgang mit Alkoholkranken bzw. anders Süchtigen an, mit besonderem Blick auf die betroffenen Obdachlosen.
    Dabei wäre zu berücksichtigen, es gibt eine Lücke für nicht der stationären psychiatrischen Pflege bedürftige Menschen, die dennoch aufgrund von Einschränkungen nicht ganz am Leben teilnehmen können und sich mittels Alkohol symptomfrei halten wollen, z.B. damit sie ihre sie ständig begleitende Angst nicht mehr spüren oder ihre quälenden Erinnerungen an Gewalterfahrungen untertauchen lassen.
    Eine kalt und herrisch geführte Notabsteige verstärkt deren Problem.

    Ich erinnere mich an eine schöne obdachlose Frau. Sie trieb stets sich in Nähe unserer damaligen Wohnung herum. Als sie nach Monaten zu mir Zutrauen gefasst hatte, zeigte sie mir den Inhalt ihrer Tasche. Darin ihr erstklassiges Arbeitszeugnis als Spitzenkraft in einem großen Unternehmen. Sie hatte den plötzlichen Verlust ihres Postens und der Werkswohnung nicht verkraftet. In der Herberge war sie Freiwild gewesen, seither wurde sie nicht mehr ganz. Uns wollte sie sich nicht zumuten.

    Und noch an einen Studierten. Ich kannte ihn als Kollege eines Verwandten, wusste um seine Trinkexzesse. Irgendein Sozialarbeiter eines Alkoholiker-Asyls versprach ihm, für den Fall, dass er abstinent werde, einen Posten in einer ….beratung an. Er bekam die Kurve.

    Sehr stolz bin ich auf einen ungebildeten und körperlich verunstalteten Obdachlosen.
    Er nahm während eines Entzugs, den ihm das Nachtasyl vermittelt hatte, eine ihm angetragene Chance auf eine Freiwilligen-Helferstelle an. Mit ihm kam Freundlichkeit ins strenge „Notschlafhaus“. Obwohl er weiter, nun aber in Maßen, trank.

    Drei Menschen aus drei Städten.
    Das Gemeinsame, ein Obdachlosenheim hatte entscheinden Einfluss auf ihre weitere Entwicklung.

  • Else E.

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    @ alle VorgängerInnen: vielen Dank für diese positiven und konstruktiven Beispiele, die zeigen, wie sich Regensburg entwickeln könnte um Menschen in einer Krise bei der Bewältigung zu helfen. Ich weiß: Vertreter der Stadtspitze und der Behörden lesen diesen Blog. Dann bin ich neugierig, ob aus den hier gewonnenen Erkenntnissen auch endlich einmal Taten folgen, auf die Regensburg wirklich stolz sein kann: menschenwürdige Unterkünfte für jeden, bezahlbarer Wohnraum auch für Familien und Geringverdiener. Das wären doch mal Vorzeigeprojekte der anderen Art…

  • R.G.

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    Falls, wie in einem Artikel behauptet, ein Zimmer in der neuen Notunterkunft in Landsberg/Lech tatsächlich €800 pro Monat kostet, betrachte ich das Projekt als Architekturbeispiel für betuchtes Phantasieklientel.
    Vielleicht was für aus der Villa geworfene Kurzzeitgesponsinnen aus Beverly Hills als
    Notwohnung?

    Geht es noch realitätsferner?

    Dennoch Danke für das Einstellen des Links.

  • R.G.

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    Zur Erinnerung:
    Ein Obdachloser braucht einen PLatz zum Schlafen; Möglichkeiten zur Zubereitung wenigstens kalter Nahrung und eine einfache Waschmöglichkeit für den Körper und möglichst eine Maschine für die Wäsche; Zugang zu einer Toilette, verschließbare Verstaumöglichkeiten; ein Brieffach in einem nicht ganz unbeobachteten Bereich, damit Vandalismus vorgebeugt wird und Amtsbriefe sicher ankommen; bei Schlaf- und Aufenthaltsangeboten mit mehreren Bettgehern unbedingt eine Notrufglocke.

    Eine Notschlafgarconniere wie sie die Bilder in Landsberg zeigen, vielleicht ohne wenigstens einen kleine verschließbaren Schrank – auf den Bildern sieht man keinen – wäre meines Erachtens nach eine Zumutung.

  • gerd prall

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    Das eigentliche Problem besteht doch für Obdachlose darin, wieder an eine Wohnung zu kommen. In Rgb. sind die Chancen dafür denkbar schlecht.
    Ich rate Betroffenen inzwischen, es in Mittelstädten in Thüringen oder Sachsen zu versuchen, da die Wartezeiten in Rgb. dafür unabsehbar lang geworden sind.

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